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Dieses großangelegte Werk, das eine vergleichende Metaphoro- logie der modernen Sprachen hätte werden sollen, ist leider Torso geblieben. Es liegt nur der erste Band vor, der die Tierbilder der Sprache behandelt, jedoch mit Beschränkung auf die Haustiere, unter die Brinkmann auch den Pfau, den Schwan und die Biene einreiht. Das Buch, obwohl für ein größeres Publikum bestimmt, hat über fachwissenschaftliche Kreise hinaus trotz seiner Gediegenheit und allgemeinen Ver- ständlichkeit keine Verbreitung gefunden, wohl hauptsächlich infolge seines fragmentarischen Charakters. In der folgenden Abhandlung soll nun der Versuch gemacht werden, eine Art Ergänzung zu dem Buche zu liefern, indem die übrigen Tier- namen, insofern sie semasiologisch und phraseologisch von besonderem Interesse sind, in den Kreis der Betrachtung gezogen werden.*) Hierbei sei von vornherein bemerkt, daß vorliegende Untersuchung nicht auf derselben breiten Basis wie das Brinkmannsche Werk angelegt ist. Auf ein kon- sequentes Zitieren von Belegstellen aus Schriftstellern wurde verzichtet. Was die Darstellung hierdurch an Breite einbüßt, gewinnt sie an Übersichtlichkeit, die man bei Brinkmann manchmal vermißt. Was die Theorie der Metapher betrifft so sei auf die einleitenden Kapitel bei Brinkmann verwiesen, der den Gegen- *) AnffaUenderweise Uefern Tiemamen wie „Beb'', „Hirsch*', „Geier*^ nur spärliches Materiali was ihr Fehlen in dieser Studie erklärt. "191565 VI Vorwort. stand in erschöpfender Weise behandelt. Nur auf ein Moment, das Brinkmann unberacksichtigt gelassen hat, möchte ich auf- merksam machen. Es ist dies der Einfluß der Fabeldichtung auf die Metaphembildung. Es gibt nämlich eine Anzahl Metaphern, die unmittelbar auf allgemein bekannte Fabeln zurückgehen, wie z. B. Eselstritt, Wolf im Schafs- kleid, Löwenanteil, frz. dest la comeille cP^sope, ein Beweis, daß die Fabel eine sehr populäre Literaturgattung ist. Dabei darf nicht übersehen werden, daß ein aus dem Altertum übernommener Grundstock von Fabeln Gemeingut aller Kulturvölker geworden ist. Vor allem wurde diese Literaturgattung von den Franzosen und Deutschen kultiviert — es sei hier nur französischerseits an Lafontaine und Florian, deutscherseits an Hagedom, Gleim und Lessing er- innert. Wie beliebt das Tierepos im Mittelalter war, beweist die Verdrängung des frz. goupil durch renard, den Namen des Fuchses im Epos. Ich habe es mir bei meiner Arbeit zum Prinzip gemacht, mich auf das Wesentliche zu beschränken. Vollständigkeit wurde nicht angestrebt. So wurden z. B. termini technici, von denen manche auf Tiermetaphern beruhen — man denke an die verschiedenen Bestandteile von Maschinen und In- strumenten — nur in Ausnahmsfällen berücksichtigt; denn diese Bezeichnungen haben lediglich für den Fachmann ein Interesse, während der Laie ihnen völlig verständnislos gegen- übersteht. Ebenso wurden Benennungen von seltenen Tieren und Pflanzen ausgeschlossen, da solche Wörter meist gelehrtes Fabrikat und daher linguistisch belanglos sind. Von Sprich- wörtern, die ihrem Wesen nach meist auch auf Metaphern beruhen, wurden nur die gebräuchlichsten aufgenommen. Bei der Erklärung von Metaphern und metaphorischen Redens- arten war ich bemüht, mich an das reale Substrat der Sprache zu halten und Phantastereien, zu denen der Gegenstand an und für sich verleiten konnte, zu vermeiden. Selbstverständlich werde ich Ergänzungen, namentlich dialektischer Natur, wie überhaupt Verbesserungsvorschläge, zu denen sich die Herren Fachkollegen veranlaßt fühlen sollten, mit Freuden entgegen- nehmen und bei einer etwaigen Neuauflage berücksichtigen. Für Etymologien wurden als einzig zuverlässig die Wörter- Vorwort. Tu bücher von Kluge, Kluge-Lutz, Skeat und Körting benutzt. Auf die Anfuhrung von etymologischen Zwischenstufen wurde, als nicht dem Zwecke dieser Arbeit entsprechend, im allge- meinen verzichtet Auf interessante Fälle von Bedeutungs- wandel, die gerade bei Tiemamen nicht selten sind, wurde besonders aufmerksam gemacht. Was die Zusammenstellung der Sprachen betrifft, die für diese Untersuchung das Material lieferten, so wurden im Anschlüsse an Brinkmann von modernen Kultursprachen das Deutsche, Englische, Italienische, Spanische und Französische, von den alten Sprachen gelegentlich das Lateinische berücksichtigt.*) Das Altgriechische wurde als zu fern liegend nur in seltenen Fällen zur Vergleichung heran- gezogen. Hingegen wurde das Deutsche minder stiefmütterlich behandelt als bei Brinkmann. Dialekte fanden Berücksichti- gung, soweit es die spärlich fließenden Quellen ermöglichten. Ich verhehle mir nicht, daß meine Untersuchung — wenigstens scheinbar — an wissenschaftlichem Werte ge- wonnen hätte, wenn ich mich im Gegensatze zu Brinkmann auf ein einheitliches Sprachgebiet, z. B. ausschließlich auf die romanischen Sprachen beschränkt hätte.**) Aber abgesehen davon, daß es naturgemäß ist, wenn man bei vergleichenden Untersuchungen semasiologischer Natur die Muttersprache zur Basis nimmt, vertragen derartige Arbeiten, bei denen man vom Begriffe und nicht vom Worte auszugehen pflegt, ein Hinübergreifen auf ein fremdes Sprachgebiet sehr gut, ja sie gewinnen dabei, während z. B. eine syntaktische Arbeit, die die Erscheinungen der englischen Syntax mit denen der italienischen, spanischen usw. vergleichen würde, vom wissen- schaftlichen Standpunkte aus ein Unding wäre. Wie nahe sich in semasiologischer Hinsicht oft zwei ver- schiedenen Sprachgebieten angehörige Sprachen berühren, da- für möge ein Beispiel statt vieler angeführt werden. Die *) Anf das Portugiesische wurde nur ausnahmsweise hingewiesen, da es sich in semasiologischer Beziehung meist mit dem Spanischen deckt. **) Ein Muster einer derartigen strengwissenschaftlichen Untersuchung ist die als erstes Beiheft der Zeitschrift f. roman. Philologie, 1905, er- schienene Arheit yon Lazare SainSan : La cröation m^taphorique en fran^s et en roman. Images tir^es du monde des animaux domestiques : Le chat, avec un appendice sur la fouine, le singe et les strigiens. Vin Vorwort BezeichnoBg ,Affe^ für Eausch ist gemeinsam dem ItalienischM, Spaniscben^ Deutschen und in gewissen ßedensarten auch dem Englischen, fremd ist sie dagegen dem Französischen. So sehen wir, wie in diesem Falle die südromanischen Sprachen mit den germanischen, nicht aber mit der Schwestersprache übereinstimmen. Femer sei darauf hingewiesen, daß Untersuchungen über Tiermetaphem der Völkerpsychologie einen nicht un- wesentlichen Dienst erweisen, indem nämlich aus der meta- phorischen und phraseologischen Verwertung von Tiernamen sich ein Schluß ziehen läßt auf das gemütliche Verhältnis des Menschen zum Tiere. Da sich diese Studie auf einem Gebiete bewegt, woselbst Tierbiologie und Folklore mit der Linguistik in engste Berührung kommen, so dürften die Vertreter der erstgenannten Wissenschaften in diesen Blättern gleichfalls manches finden, was sie interessiert. Schließlich spreche ich an dieser Stelle meinem verehrten Lehrer, Hofrat Schuchardt in Graz, meinen wärmsten Dank aus für die wertvollen, den Wiedehopf und den Schmetterling betreifenden Bemerkungen, die er mir brieflich zukommen ließ. Femer bin ich meinem lieben Freunde und Kollegen Prof. Adrian Achitsch sehr erkenntlich datür, daß er sich nicht die Mühe verdrießen ließ, meine Arbeit vom Stand- punkte des Naturhistorikers nachzuprüfen. Auch den Herren Herausgeber und Verleger danke ich herzlichst für ihre Winke und Batschläge. Pola, im Juni 1907. Der Verfasser. Inhaltsverzeichnis. I. Der Affe S. 1—10. Etymologisches S. If. — Affe als Schimpfwort, als scherzhafte Be- zeichnung S. 2. — Der ungeschwänzte, der geschwänzte Affe S. 2 f. — Nachahmungstrieh, Putzsucht S. 3f. — Der Affe als foppendes, als ge- fopptes Tier S. 4 ff. — Symhol der Dummheit S. 6. — Engl, to lead apea in hell S. 6. — Reizbarkeit S. 6f. — Der Affe als komisches Tier, Ver- gleich mit kleinen Kindern, span. mono S.U. — Affe für „Rausch" S. 8f. — Geilheit S. 9. — Schlaraffe, Maulaffe, Rotzaffe usw. S. 9f. n. Die Fledermaus S. 11—13. Etymologisches S. 11 f. — Äußeres, unheimliches Aussehen S. 12. — Angebliche Blindheit, lichtscheues Wesen S. 12 f. — Symbol des Wert- losen S. 13. in. Der Maulwurf S. 13—16. Etymologisches S. 13f. — Angebliche Blindheit, Unbeholfenheit S. 14. — Span, topocko S. 14. — Lebensweise S. 15. — Maulwurfsfänger S. 15 f. IV. Der Igel S. 16-18. Etymologisches S. 16. — Benennung stachliger Gegenstände nach dem Igel S. 16 f. — Symbol des Stachligen auf moralischem Gebiet S. 17. — Schweinigel S. 17 f. — Saufen wie ein Igel S. 18. V. Der Luchs S. 18-20. Etymologisches S. 18.f. — Scharfes Gesieht S. 19. — Symbol des Scharfsinns S. 20. — Franz. loup - cetvier = Wucherer S. 20. — Höllen- luchs S. 20. VI. Der Löwe S. 20—26. Etymologisches S. 20 f. — Popularität S. 21. — ÄuOere Erscheinung, Symbol der Stärke S. 21 f. — Löwenanteil S. 22. — Symbol des Mutes S. 22 ff., -^ der Macht S. 24 f. — Gefährlichkeit S. 25 f. — Benennung verschiedener Tiere nach dem Löwen S. 26. X Inhaltsverzeichnis. Vn. Der Tiger S. 26-28. Etymologisches S. 26. — Ändere Erscheinung S. 26 f. — Schnelligkeit S. 27. — Angloamerik. three cheers and a tiger S. 27. — Grausamkeit 8. 27 f. — Symhol der Eifersucht S. 28. — Engl, tiger = Prahler S. 28. Vin. Der Wolf S. 28-39. Etymologisches S. 28f. — Physische Eigenschaften S. 29 f. — Auf- fassung vom Wesen des Wolfes bei Germanen und Bömern S. 30 f. — Gefräßigkeit S. 31 f. — Span, loho = Bausch S. 32 f. — Raubgier, Ver- hältnis des Wolfes zum Schafe S. 33 f., — zum Menschen S. 34 f. — Zu- sammenleben der Wölfe, gegenseitiges Verhalten S. 36. — Vorkommen des Wolfes in nordischen Ländern, in waldreichen Gegenden S. 37. — Ver- wandtschaft mit dem Fuchs S. 37. — Verhältnis des Wolfes zum Hunde S. 38. — Werwolf S. 38 f. IX. Der Fuchs S. 39-48. Etymologisches S. 39 f. — Rolle des Fuchses in der Literatur S. 40. — Farbe des Pelzes S. 40 f. — Der Schwanz S. 41 f. — Schlauheit S. 42 ff.— Schlaf S. 43 f. — Der Fuchs im Trinkerargot S. 44. — Sein Verhältnis zur Beute S. 44 ff. — Der Fuchs und der Jäger S. 46. — „Fuchs" als Spitz- name für gew. Stände S. 46 f. — Geilheit S. 47. — Symbol des Teufels S. 48. X. Das Wiesel S. 48—49. Etymologisches S. 48f. — Schnelligkeit S. 49. — Magerkeit S. 49. — Raubgier und Schlauheit S. 49. XI. Der Bär S. 50—55. Etymologisches S. 50. — „Bär" als Verstärkung des Begriffes S. 50 f. — Winterschlaf S. 51. — Plumpheit S. 51 f. — üngeleckter Bär, Brummbär S. 52 f. — Gutmütigkeit S. 53. — Bimenliebhaberei S. 53. — Seebär S. 53. — Lebensweise S. 53. — Gefährlichkeit S. 53, — einen Bären anbinden, aufbinden S. 54 f. — Großer und kleiner Bär S. 55. XII. Das Eichhörnchen S. 56—57. Etymologisches S. 56 f. — Schnauze S. 56. — Lebhaftigkeit S. 57. Xni. Das Murmeltier S. 57—59. Etymologisches S. 57 f. — Schlaf S. 58. — pigliar una marmotta S. 58. — Herumzeigen der Murmeltiere S. 58f. — Bezeichnung einer Kopf- tracht nach dem Murmeltiere S. 59. — Marmotte de Strasbourg S. 59. XIV. Die Maus S. 60-69. Etymologisches S. 60. — Äuitere Erscheinung S. 60 f. — Symbol des Unbedeutenden und Wertlosen S. 61 f. — Das Mauseloch S. 62. — Färbung S. 62 f. — Die Maus als Nagetier S. 63. — Hurtigkeit S. 63. — „Maus« als Kosewort, zur Bezeichnung des weiblichen Geschlechtsteils S. 64. — Inhaltsverzeichnis. XI Die Maus als Diebin S. 64f. — Mänschenstill, Kirchenmaus, Duckmäuser und die fremdsprachlichen Analoga S. 65. — Maus = Schrulle S. 65 f. — Naß wie eine gebadete Maus S. 66. — Die Maus nach dem Tode S. 66. — Häufigkeit und Alter der Mäuse S. 66 f. — Verhältnis zwischen Maus und Katze S. 67. — Die Mausefalle S. 67 f. — Die Lieblingsgerichte der Maus S. 68f. XV. Die Eatte 8. 69—77. Etymologisches 8. 69. — ßattenkahl 8. 69. — Der Schwanz 8. 69 f. — donner des rata aux passants 8. 70. — Übler Geruch 8. 70 f. — Die Hatte als Gegenstand des Absehens 8. 71, — als Symbol des Erpichtseins 8. 71. — Die Wanderratte 8. 71 f. — Ratte = Laune, Grille 8. 72 f. — Gewandtheit im Springen und Schwimmen 8. 73 f. — Aufenthaltsorte 8. 74 f. — Symbol des Geizes 8. 75. — Die Ratte als Diebin 8. 75 f. — Schädlichkeit der Ratte, Mittel zu deren Bekämpfung (Falle, Katze) 8. 76. — Rattenkönig 8. 76 f. — Schlafen wie ein Ratz 8. 77. — Frz. rate = Müz 8. 77. XVL Der Hase 8. 77—84. Etymologisches 8. 77. — Äußere Erscheinung 8. 77 f. — Schlaf 8. 78. — Furchtsamkeit 8. 78 f. — Schnellfüßigkeit 8. 79 f. — Der Hase als Wüd 8. 80 ff. — Verhältnis zum Hunde 8. 82 f. — Franz. gentUhomme ä lievre 8. 82 f. — Symbol der Verrücktheit 8. 83. — Schwaches Gedächtnis 8. 83 f. — Böhnhase, Sandhase, Feldhase 8. 84. XVn. Das Kaninchen 8. 84—88. Etymologisches 8. 84 f. — Äußere Erscheinung 8. 85. — Furchtsam- keit S. 85f. — Franz. brave comme un lapin 8. 86. — Intelligenz 8. 86. — Schnellfüßigkeit 8. 86 f. — Schwaches Gedächtnis 8. 87. — Fruchtbarkeit des Weibchens, Geilheit des Männchens 8. 87. — Lebensweise 8. 87. — Frz. lapinj span. gazapo = Aufsitzer, Lüge 8. 87 f. — Engl, to buy the rahbit 8. 88. — Franz. monier en lapin 8. 88. XVm. Der Elefant 8. 88—91. Etymologisches 8. 88 f. — Größe und Plumpheit 8. 89 f. — Symbol geistiger Plumpheit 8. 90. — Der Elefant als exotisches Tier S. 90 f. — Altfranz, olifant 8. 91. XIX. Das Kamel 8. 91—93. Etymologisches 8. 91. — Häßlichkeit 8. 92. — Der Höcker, die Schwielen 8. 92. — Symbol des Eigensinns und der Dummheit 8. 92 f. — Das Kamel als Lasttier 8. 93. — Benennung anderer Tiere nach dem Kamel 8. 93. XX. Der Togel im allgemeinen 8. 93—105. Etymologisches 8. 93 ff. — Der Vogel als Verkünder übermenschlicher Weisheit 8. 95 f. — Symbol der Freiheit 8. 96. — Der Vogelfang 8. 97 f. — Den Vogel abschießen 8. 99.- — „Vogel" als Bezeichnung verschiedener Charaktertypen 8. 99 ff. — einen Vogel haben 8. 101. — Span. pajariUa^ Xn Inhaltsyerzeichnis. Mils S. 101. — Der Flug S. 101 f. — Span, pajaroia, pajcurotada » frz. canardj dentsch Ente S. 102 f. — Der Vogel im Sprichwort S. 108 ff. XXL Der Adl«r S. 105-^108. Etymologisches S. 105. — Der Adler als König der Vögel S. 105. *- Ange S. 106. — Verstond S. 106. — Schnabel S. 106 f. — Symbol der Schnelligkeit S. 107. — Hoher Flug S. 107. — Kampfeslust S. 107 f. — Der Schreiadler 8. 108. XXII. Der Falke S. 108—112. Etymologisches S. 108 f. — Schärfe des Gesichtssinns S. 109. — Schnabel S. 109. — Falkenjagd S. 1091 — Abrichtung S. llOf. — Opti- mistische Auffassung vom Wesen des Falken im Deutschen S. 111. — Intelligenz S. 111. — Franz. hohereau S. Ulf. — Benennung von Ge- schossen nach dem Falken S. 112. XXm. Eule, Uhu. Kauz S. 112^124. Benennung nach der stimmlichen Betätigung S. 112 ff., — nach physischen Merkmalen S. 114, — nach anderen Vögeln S. 115, — nach abergläubischen Vorstellungen S. 115 ff., — ital. nottola, aasiolo, ahcco S. 117. — Häßlichkeit S. 117 f. — Frz. chouette im lobenden Sinne S. 118. — Äußeres und Benehmen des Kauzes S. 118. — Der Kauz als Lockvogel S. 11 8 f. — Besondere Eigenheiten S. 119 f. — Sonstige auf physischen Eigenschaften der Eule beruhende Metaphern S. 120. — Die Eule als Nachtvogel S. 120 f. — Lebensweise des Uhus S. 121. — Die Eule als Unglücksvogel S. 121 f. — Ihr Verhältnis zu anderen Vögeln S. 122 f. — Symbol der Dummheit S. 123. — Die Eule im Altertum, Eulen nach Athen tragen S. 123 f. — Franz. Uurron comme une chouette S. 124. — Spiel nach der Eule benannt S. 124. XXIV. Der Kuckuck S. 124—129. Etymologisches S. 124 f. — Der Kuckuck als Frühlingsbote S. 125. — Stimmliche Betätigung S. 125. — Der Kuckuck als Prophet S. 125 f. — Das Kuckucksspiel S. 126. — Äußeres S. 126. — Kuckuck = Hahnrei S. 126 f. — Symbol geistiger Beschränktheit S. 127. — Symbol des Betrügers S. 127 f. — Kuckuck als Glimpfwort S. 128. — Erziehung des jungen Kuckucks S. 128 f. — Ital. cucuh = Vogelnetz S. 129. — Franz. co%icou als Be- zeichnung altmodischer Gegenstände S. 129. XXV. Der Papagei S. 129—132. Etymologisches S. 129 f. — Nachsprechen S. 130 f. — Buntheit des Gefieders S. 131. — Der Papagei im Pariser Argot S. 131 f., — in der Seemannssprache der romanischen Völker S. 132. XXVI. Der Wiedehopf S. 132—134. Etymologisches S. 132 f. — Unreinlichkeit S. 133. — Benennung des Wiedehopfs nach dem Kuckuck S. 133. — Franz. hupp^ S. 133. — Franz. Inhaltsyerzeichnis. Xül dupe = huppe S. 133 f. — huppe = Federhaube S. 134. — tremare come una buhbola S. 134 f. XXVn. Die Schwalbe S. 134— 137. Etymologisches S. 134 t — Schwanz S. 136. — Die Schwalbe als Frühlings-, bzw. Zugvogel S. 135 ff. — Schwalbe = Ohrfeige S. 137. — Franz. avoir une hirondelle dans le soliveau S. 137. — Die Schwalbe als giückbringender Vogel S. 137. — Deutsch „schwälbeln^ S. 137. XXVIII. Die Drossel (Amsel) S. 137—141. Etymologisches S. 137 f. — Färbung S. 1381 — Geistige Fähigkeiten &. 139. — Lebhaftigkeit der Bewegung, Gesang S. 139 f. — Die Drossel, bzw. der Xrammetsvogel als Leckerbissen S. 140f. — Der Drosselfang S. 141. XXIX. Die Nachtigall S. 141—143; Etymologisches S. 141. — Gresang S. 141 f. — Franz. rossignol in über- tragener Bedeutung S. 142 f. — Engl, nightingale = Krankenhemd S. 143. XXX. Der Kahe S. 143—149. Etymologisches S. 143 f. — Färbung S. 144 f. — Schnabel S. 145. — Der Rabe als Leichenvogel S. 145 f,, — als Prophet S. 146 f., — als Symbol des Diebes S. 147. — Der Eabe in der Bibel und in der mittelalterlichen Tiersymbolik S. 147 ff. — Paarweises Vorkommen der Eaben S. 149. — Verträglichkeit mit seinesgleichen S. 149. — Ital. corbellare S. 149. ^- Hohes Alter S. 149. XXXI. Die Krähe S. 150—157. Etymologisches S. 150. — Färbung S. 150 f. — Lange Lebensdauer S. 151. — Vorliebe für Aas S. 151 f. — Schnabel S. 152. — Die Krähe im Sprichwort S. 152. — Die Krähe als ünglücksvogel S. 15?. — Krähenfüße und Krähenauge S. 152 f. — Gangart S. 153. — Symbol des Ehrgeizes S. 153, — der Häßlichkeit S. 153 f. — Stimmliche Betätigung S. 154 £. — ünreinlichkeit und übler Geruch S. 155. — Krähe allgemein für Vogel S. 155. — Fleisch S. 155 f. — Engl, crow-time S. 156. — Widersprechende Auffassung vom Wesen der Krähe im Deutschen und Englischen S. 156 f. — Diebischer Charakter der Saatkrähe S. 157. — Deren Nistgewohnheiten S. 157. — Südwärtsziehen nördlich lebender Krähenarten S. 157. XXXIL Die Elster S. 157—162. Etymologisches 8. 157 f. — Gefieder S. 158. — Geschwätzigkeit S. 158 f. — Unverträglichkeit S. 160. — Gangart S. 160. — Diebischer Charakter S. 160 f. — Der Elstemfang S. 161 f. XXXIII. Die Lerche S. 162—165. Etymologisches S. 162 f. — Gesang S. 163 f. — Lerche allgemein für Vogel S. 164v — Schmaokhaftigkeit des Fleisches S. 164 f. — Mstgewohn- heiten S. 165 — eine Lerche schießen S. 165. — Lerchenfang S. 165. XIV Inhaltsverzeichnis. XXXIV. Der Fink S. 166—168. Etymologisches S. 166. — Fink allgemein für Vogel S. 166. — Fink identisch mit Spatz S. 166 f. — Munterkeit S. 167. — Symbol der Einfalt S. 169. — Der Name des Gimpels in den modernen Eultorsprachen S. 167 f. XXXV. Der Zeisig S. 168-170. Etymologisches S. 168. — Färbnng S. 168 f. — Lebhaftes Temperament S. 169. — Symbol der Einfalt S. 169. — Frz. seriner, serinette S. 169 f. XXXVI. Der Sperling S. 170-177. Etymologisches S. 170ff. — Spatz allgemein für Vogel S. 172f. — Einsamer Spatz S. 172 f. — Geilheit S. 174. — Leichtsinn S. 174 f. — Symbol unsteter Gedanken S. 175, — der Liederlichkeit S. 175, — der Frechheit und Klatschsucht S. 177. XXXVn. Die Waolitel S. 177—179. Etymologisches S. 177. — Wohlbeleibtheit S. 177. — Wachtel = Ohr- feige S. 177 f. — Geilheit S. 178. — Symbol der Schlauheit S. 178. — Wachtel = Wachtelhund S. 178. — Der Wachtelfang S. 178 f. XXXVin. Der Kranich S. 179—183. Etymologisches S. 179. — Hals S. 179 f. — Schnabel S. 180 f. — Der Kranich als Stelzenvogel S. 181. — Gestalt S. 181. — Symbol geistiger Beschränktheit S. 181 f. — Der Kranich im Altertum S. 182. — Symbol der Vorsicht S. 182. — Geselligkeit S. 182. — Der Kranich als Gegenstand der Jagd S. 182. — Bedeutungserweiterung von engl, crane S. 182 f. XXXIX. Die Solinepfe S. 188-186. Etymologisches S. 183 f. — Schnabel S. 184 f. — Symbol der Dumm- heit S. 185. — Schnepfe = liederliches Frauenzimmer S. 185 f. — Schnepfe = gemünztes Geld S. 186. XL. Der Strauß S. 186—187. Etymologisches S. 186. — Gestalt S. 187. — Magen 187. XLL Die SchUdkröte S. 187—189. Etymologisches S. 187 f. — Panzer S. 188. — Langsamkeit der Be- wegung S. 188 f. — Symbol der Heimtücke S. 189. — Franz. faire la tortue « fasten S. 189. — Symbol der Häßlichkeit S. 189. — Schüdpatt und Schüd- krott S. 189. XLIL Die Eidechse S. 189—193. Etymologisches S. 189 f. — Gestalt S. 190 f. — Färbung S. 190. — Auge S. 190. — Raschheit der Bewegung S. 191 f. — Aufenthaltsort S. 192. — Wärmebedürfnis S. 192. — Wehrlosigkeit S. 192. — Symbol der Hab- gier und des Eigensinns S. 192 f. — Intelligenz S. 193. — Mehrmalige Häutung S. 193. — Die doppelgeschwänzte Eidechse S. 193 Inhaltsverzeichnis. XV XLm. Die Schlange (Natter) S. 193—204. Etymologisches S. 193 f. — Gestalt S. 194 f. — Art der Fortbewegung S. 195 f. — Sinnbild des Ärgers S. 196. — Verbale und adjektivische Weiterbildung von „Schlange" S. 196 f. — Färbung S. 197. — Zischen S. 197. — Vermeintliche Taubheit S. 197 f. — Nahrungserwerb S. 198. -- Festigkeit der Haut S. 198. — Abweichende Auffassung vom Wesen der Schlange bei verschiedenen Völkern und zu verschiedenen Zeiten S. 198 f. — Der Brache S. 199. — Die Schlange als Symbol der Falschheit und Bosheit S. 199 f., — des Zornes und Hasses S. 200, — des Neides S. 200 f., der Undankbarkeit S. 201. — Gefährlichkeit S. 201 f. — Giftigkeit S. 202. — Span, culebrazo S. 202. — Die Schlange in der Bolle des Opfers S. 203. — Symbol der Klugheit S. 203. — Die Schlange im Märchen und in der Sage S. 203 f. — Ital. a hisda = in Menge S. 204. — Couleuvre = schwangeres Weib im Pariser Argot S. 204. XUV. Der Froseh S. 204—210. Etymologisches S. 204 f. — Augen S. 205. — Symbol der »Auf- geblasenheit" S. 205. — Nacktheit der Haut S. 205. ~- Fehlen des Schwanzes und der Zähne S. 205. — Gestalt im allgemeinen S. 205 f. — Färbung S. 206. — Symbol der Häßlichkeit S. 206. — Art der Fortbewegung S. 206 f. — Stimmliche Betätigung S. 207 f. — Der Wasserfrosch S. 208. — Kalt wie ein Frosch S. 209. — Kulinarische Verwendbarkeit S. 209. — Das Frösche- fangen S. 209. — Der Frosch als Symbol moralischer und sozialer Minder- wertigkeit S. 209 f. XLV. Die Kröte S. 210-214. Etymologisches S. 210 f. — Symbol der Häßlichkeit S. 211. — Giftig- keit S. 211. — Art der Fortbewegung S. 211. — Gestalt im allgemeinen S. 211 f. — Füße S. 212. — Beschaffenheit der Haut S. 212, — der Augen S. 212. — Unreinlichkeit S. 212. — Symbol moralischer HäßKchkeit S. 212. — Lebensweise S. 213. — Kröte als Bezeichnung für Kinder und schwache Menschen S. 213. — Symbol der Feigheit S. 213. — Das „Krötenfressen" S. 213 f. — Das „Krötenspeien" S. 214. — Die Scheu anf Kröten zu treten S. 214. — Die stimmliche Betätigung der Feuerkröte S. 214. XL VI. Der FiBch im allgemeinen S. 214r-224. Etymologisches S. 214. — Ital. pesce = Oberarmmuskel S. 215. — Augen S. 215. — Schwanz S. 215. — Stumm wie ein Fisch S. 215. — Geringe Intelligenz S. 215. — Kaltes Blut S. 215. — Das Wasser als Element des Fisches S. 215 f. — Der Fisch als Schwimmer S. 216. — Ital. bastonar i pesci, engl, to feed the fish S. 216. — Das Fischen S. 217. — Der Fisch als Symbol des Gewinnes S. 217 f. — Der Fischfang mittels Beusen S. 218. — Im Trüben fischen S. 218. — Ital. pescar per s^ S. 218. — „Fischen" im übertragenen Sinne S. 218 f. — ItaL pescare als Terminus der Seemanns- sprache S. 219. — Das Bild vom unerfahrenen Fischer S. 219. — Der Fisch als Symbol des Unsicheren, Unzuverlässigen S. 219. — Das Ködern als Symbol des Überlistens S. 220. — Das Fischen mit der Angel S. 220. — XVI Inhaltsverzeichnis. Der Fisch als Gennßmittel S. 220. — Der faulende Fisch S. 221. — Die Gräten S. 221. — „Brote und Fische" als Symbol der Nahrung S. 222. — Die Fischbrühe S. 222. — Der Fisch als Raubtier S. 222. — Fischlieb- haberei der Katze 8. 222 f. — Der Fisch in der Küche S. 223. — „Fisch" zur Bezeichnung von Personen S. 223 f. — Bedeutungsentwicklung von span. peacado S. 224. XLVn. Hering, Sardine S. 224-^227. Etymologisches S. 224 f. — Hering und Sardine, Symbole der Mager- keit S. 225 f. — Färbung der Sardine S. 226. — Fang, Versendung und Ver- packung S. 226. — Verschiedene Zubereitungsarten des Herings S. 227. — Hering und Sardine, Symbole der Wertlosigkeit S. 227. — Heringsseele, armer Hering S. 227. -— Engl, herring-pond S. 227. XLVIII. Der Kabeljau S. 228—229. Etymologisches S. 228 f. — Schwanzflossen S. 229. — Der gedörrte Stockfisch S. 229. — Symbol der Gleichgültigkeit S. 229, — der Minder- wertigkeit S. 229. — Wichtigkeit für den Handel S. 229. XLIX. Der Aal S. 230-233. Etymologisches S. 230. — Gestalt S. 230. — Schlüpfrigkeit der Haut S. 230 f. — Beweglichkeit S. 231 f. — Der Aal als Nahrungsmittel, sein Fang S. 232. — Lebensweise des Flußaals S. 232 f., — des Meeraals S. 233. — Symbol der Einfalt S. 233. L. Die Schnecke S. 233—238. Etymologisches S. 233 f. — Gehäuse S. 234 f. — Schleimabsonderung S. 235 f. — Wegschnecke S. 236. — Gehäuseschnecke S. 236 f. — Fort- bewegung S. 237. — Symbol des Wertlosen S. 237 f., — der Harmlosigkeit 8. 238. LI. Die Wespe S. 238—240. Etymologisches S. 238. — Gestalt S. 238. — Symbol der Reizbarkeit S. 238. — Egl. wasp = Einfall S. 239. — Das Wespennest S. 239. — Der Stich und seine Folgen S. 239. — Beweglichkeit S. 239. — Summen S. 239 f. LH. Die Ameise S. 240—242. Etymologisches S. 240. — Symbol der Kleinheit S. 240 f. — Das Durch- einanderwimmeln der Ameisen S. 241. — Hautreiz durch Ameisen hervor- gerufen S. 241 f. — Aufenthaltsorte der Ameise S. 242. LUX. Der KÄfer S. 243—244. Etymologisches S. 243f. — Symbol der Kleinheit, bzw. Niedlichkeit S. 243. — Der Mistkäfer S. 243. — Span, esoarahajo im tadelnden Sinne S. 243 f. — Die Gefahr des Zertretenwerdens S. 244, — Symbol unbe- sonnenen Handelns S. 244. — Weiterbildungen von span. escarahajo S. 244. — Der „Käfer" im Kopf S. 244. InhaltsverzeichniB. XVII LIY. Der Sohmetterling S. 245—248. Etymologrisches S. 245 f. -- Gestalt S. 246. >- Flügel S. 246 f. — Färbung S. 247. — Ital. fakna, farfallino als Euphemismen S. 247. — Symbol der Flatterhaftigkeit S. 247 f. — Schmetterling als Symbol des Gedankens S. 248. — Flüchtigkeit der Erscheinung S. 248. LV. Die Fliege S. 24Ö— 256. Etymologisches S. 249. — Die Fliege im Zustand der Ruhe S. 249, — im Fluge S. 249. — Das Fliegen als tertium comparationis S. 249 f. — Ital. iwmo mosca = Seiltänzer S. 250. — Färbung S. 250. — Geringes Gewicht S. 250. — Symbol der Wertlosigkeit S. 250 ff. — ünhörbarer Flug S. 252. — Kurze Lebensdauer, Empfindlichkeit gegen Kälte S. 252. — Massenweises Vorkommen S. 252. — Fliegenschmutz S. 252. — Zudring- lichkeit S. 252 f. — Das Stechen S. 253 f. — Die Stechfliege S. 254. — Ital. moscaio S. 254. — Die Fliege an der Wand S. 254 f. — Zwei Fliegen mit einer Klappe S. 255. — Die Fliege als Symbol des Heuchlers, bzw. Spions S. 255 f. -- Das Fliegenschnappen S. 256. — Vögel nach der Fliege benannt S. 256. LVI. Die Mücke S. 256—259. Etymologisches S. 256 f. — Winzigkeit S. 257 f. — Zudringlichkeit S. 258 f. — Vorliebe für alkoholische Getränke S. 259. — Die Mücke von der Flamme angelockt S. 259. LVn. Der Floh S. 259—263. Etymologisches S. 259. — Kleinheit S. 259f. — Färbung S. 260. — Springgewandtheit S. 260 f. — Das Blutsaugen S. 261 f. — Symbol der Zudringlichkeit S. 262. — Die Hundeflöhe S. 262. — Die Verfolgung der Flöhe S. 262 f. — Ital. pulciaio, frz. pucier S. 263. LVm. Die GriUe S. 264—267. Etymologisches S. 264. — Gestalt S. 264 f. — Symbol der Kleinheit, bzw. Zierlichkeit S. 265. — Bedeutungswandel von frz. criquet S. 265. — Gezirpes. 265 f. — Symbol des Hochsommers S. 266, — wirrer Gedanken S. 266 f., — der Wertlosigkeit S. 267. — Lebensweise S. 267. — ltal.griüo Glimpfwort für „Teufel" S. 267. LIX. Die Heuselirecke S. 267—269. Etymologisches S. 267 f. — Springgewandtheit S. 268 f. — Symbol moralischer Minderwertigkeit S. 269. LX. Die Wanze S. 269—271. Etymologisches S. 269. — Gestalt S. 270. — Färbung S. 270. -- Übler Geruch S. 270. — Langsamkeit der Bewegung S. 270. — Das Blut saugen S. 270. — Symbol der Zudringlichkeit S. 270f. — Aufenthaltsorte S. 271. — Engl, bug = Käfer S. 271. Xvui InhftltsTei^ichius. LXL Die Imb S. 272—275. EtTmologiflches S. 272. — Sjmbol dM Schmatzefl, bsw. des Bettlers S. 272, — des Geises S. 272f. — Winzigkeit S. 2731 ^ Aufenthaltsorte S. 2741 -^ Die Laus, die über die Leber Uiaft 8. 275. ^ Unse, eine Folge ▼ielen Wassertiuikens S. 275. LXn. Die Spinne 8^ 275—280. Etymologisches S. 275 f. — Äußere Erscheinung S. 276. — Giftigkeit S. 276 f. — Unyerträglichkeit der Spinnen S. 277. — Symbol der Geizes S. 278. — Die Spinne im Aberglauben S. 278. -- Die Spinne'' im Kopfe S. 278. — Das Spinngewebe S. 278 f., — dessen zarte Struktur S. 279. — Sjmbol des Wertlosen S. 279. — Spinngewebe = Netz S. 279 f. — Die Spinne auf Beute lauernd S. 280. LXIU. Der Krebs S. ^0—286. Etymologisches S. 280 ff. — Vermeintliches Büdtwärtsgehen S. 282 f. — Färbung des gesottenen Krebses S. 283 f. — Schale und Scheren S. 284. — Ital. pigliar un granchio S. 284 f. — Wehrhaftigkeit der Krabbe S. 285. — Symbol des Geizes S. 285, — der Trägheit S. 285. — Krabbe = kleines Kind S. 285. — Weiterbildungen von ital. granchio S. 285. — Gangart der Krabbe S. 285. — Lebensweise S. 285 f. — Bedeutungsentwicklung von ital. canchero S. 286. LXIV. Der Wurm S. 286—294. Etymologisches S. 286 f. — Art der Fortbewegung S. 287 f. — Gestalt S, 288. — Insekten als Würmer bezeichnet S. 288. — Der Wurm als yer- meintlicher Krankheitserreger S. 288 ff. —^ Die Würmer aus der Nase ziehen S. 290. — Der Wurm als Symbol zerstörender Einflüsse S. 290. — Der Holzwurm S. 290 f. — Wurm = Obstmade S. 291. — Wurm == Motte S. 291. — Frz. ver coquin S. 291. — Der nagende Wurm als Symbol psychischer Zustände S. 291 f. — Der Wurm als Symbol des Grabes S. 292. — Wehrlosigkeit des Wurmes S. 292 f. — Wurm als Ausdruck der Ver- achtung S. 293. — Wurm als Symbol physischer und moralischer Häßlich- keit im Span. S. 293 f. — Portug. Ucho^ bzw. bicha als Symbol des Kleinen S. 294. — Scherzhafte Zusammensetzungen mit „Wurm^^ im Deutschen S. 294. Quellen. Andresen, Übar deutsche Volksetymologie, 5. Aufl., 1889. Behaghel, Die dentsche Sprache, 3. Aufl., 1904. Bergmann, Die sprachliehe Anschauung und Ausdrucks weise der Fran« zosen, 1906. 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Petrocchi, Noyo Dizionario universale della Lingua Itaüana, 1887. Reinsberg-Düringsfeld, Sprichwörter der germanischen und romani- schen Sprachen, 1872—75, 2 Bde. Richter, Deutsche Bedensarten, 2. Aufl. (ohne Jahreszahl). Bigutini-Bulle, Neues ital.-deutsches und deutsch-ital. Wörterbuch, 1900» Bolland, Faune populaire de la France, 1877 ff. Bozan, Les animaux dans les proverbes, 2 Bde., (ohne Jahreszahl). Sachs, Encyklopädisches Wörterbuch der französischen und deutschen Sprache, 1. Teil, 1905. Sachs, Zusammenhang von Mensch und Tier in der Sprache im XVL Jahr- gang des Neuphil. Zentralblatts. Sain^an, La cr^ation m^taphorique en fran^ais et en roman (Beiheft der Zeitschrift für romanische Philologie, 1905). Sanders, Deutsches Wörterbuch, 1884. Seh eil. Die Tierwelt in Luthers Bildersprache, 1897. Schuchardt, Romanisches und Keltisches, 1886. Sebillot, Le Folklore de France, in. Bd., 1904. Seiler, Die Entwicklung der deutschen Kultur im Spiegel des deutschen Lehnworts, 1. Teil, 2. Aufl. 1905, 2. Teil, 1900. Skeat, Etymological dictionary of the English language, 1894. Tollhausen, Neues span.- deutsches und deutsch -span. Wörterbuch^ 3. Aufl., 1897. Villatte, Parisismen, 1890. Waag, Bedeutungsentwicklung unseres Wortschatzes, 1901. Winteler, Naturlaute und Sprache, 1892. Zaun er. Die romanischen Namen der Körperteile, 1903. Zell, Ist das Tier unvernünftig? 5. Aufl. (ohne Jahreszahl). Zell, Tierfabeln und andere Lrtümer in der Tierkunde, 2. Aufl. (ohne Jahreszahl). Zell, Streifzüge durch die Tierwelt, 2. Aufl. (ohne Jahreszahl). Außerdem wurden aus Fachzeitschriften verschiedene Notizen benutzt^ deren Verfasser an Ort und Stelle genannt sind. Der Aflfe.*) Deutsch Affe (mhd. äffe, ahd. affo) ist verwandt mit engl, ape, das im Altengl. apa lantet. Die romanischen Be- zeichnungen gehen teils auf lat. simia zurück, wie ital. scimmiay span. jimia, frz. singe, teils sind sie, wie Schuchardt (Zeitschr. f. roman. Philologie, XV, pag. 96) nachweist, volksetymologische Umbildungen von türkisch maimun, wie ital. monna, ange- glichen an mea dominaj span. mona, mono, altfranz. mone, wo- von engl. monJcey. Hierher gehört auch das im 16. Jahrhundert von oberdeutschen Schriftstellern gebrauchte tautologische Munaffe. Im Ital. ist neben scimmia — monna hat in der modernen Sprache nur die übertragene Bedeutung „Bausch*' — auch berfuccia üblich, welches Wort das Diminutiv von Berta ist, also eigentlich die „kleine Berta** bedeutet. (V0. Sain^an, Crfeation mötaph., pag. 90, 5.) Im Franz. ist für das Affenweibchen auch guenon üblich, das, wenn man die Ableitung aus ahd. toinja „Freundin" gelten läßt, ein semasiologisches Seitenstück zu ital. monna = mea domina bildet. (Vgl. jedoch Sainfean, Crfeation m6taph., pag. 90, 4). Ursprünglich bedeutete das Wort „Meerkatze", bezeichnete also eine bestimmte Affenart und gelangte erst durch Be- griffserweiterung zur jetzigen Bedeutung. Auf ganz dieselbe Weise hat span. mico die spezielle Bedeutung „Meerkatze" zu der allgemeinen von „Affe" erweitert. Interessant ist, daß auch die Slovenen unser deutsches „Meerkatze" für „Affe" gebrauchen. Dieser Bedeutungswandel erklärt sich wohl dar- *) Die einzelnen Tiere werden in der von der Naturgpeschichte be- obachteten Beihenfolg« besprochen. Riegler, Das Tier im Spiegel der Sprache. 1 iL 2 Der Affe. aus, daß die Meerkatze als bekannteste Affenart zum Ee- präsentanten der ganzen Gattung wurde. t)ie ital. Bezeich- nung fiir „Meerkatze", mammone, geht auf das oben zitierte türkische maimun zurück, ist also ursprünglich ein Synonym von monna. Meistens begegnet es in Verbindung mit gatto = gattomammone, was wörtlich „Katzenaffe" bedeutet, mit An- spielung auf das entfernt katzenartige Aussehen dieser Affen- art. Im deutschen „Meerkatze" erklärt sich „Meer" aus der überseeischen Herkunft des Tieres. (Vgl. Meerschwein.) Daß der Affe als das dem Menschen nächstverwandte Tier in der Phraseologie eine hervorragende Rolle spielen mußte, ist ohne weiteres einleuchtend. Zunächst erscheint er dem Menschen als Karikatur seiner selbst; er fungiert daher in den meisten Sprachen als Symbol der Häßlichkeit wie auch das Wort „Affe" mit Vorliebe als Schimpfwort gebraucht wird. Schon im Lateinischen gilt simia als kräftiges Scheltwort. Was die modernen Sprachen betrifft, so ist diese Verwendung haupt- sächlich dem Deutschen und Italienischen geläufig. Nicht als Schimpfwort, sondern als scherzhafte Bezeich- nung ist das Wort aufzufassen, wenn es, wie im Franz., von der Frau dem Manne gegenüber oder vom Lehrling in bezug auf den Meister gebraucht wird. Dagegen dient es im Deut- schen zur Verstärkung in pejorativem Sinne in Ausdrücken wie Affenschande, Affenvolk usw. Von einem häß- lichen Menschen sagt man im Deutschen, er sehe aus wie ein Affe. Ebenso heißt es im Ital.: Pare una bertmcia, und hertuccione wird ohne weiteres in der Bedeutung „häßlicher Mensch" gebraucht. Analog sagt der Franzose: II est laid comme un singe, er ist häßlich wie ein Affe, und ein häßliches Weib nennt er gern guenon oder gumuche „Affenweibchen". Daher auch das Sprichwort: Pour epouser un singe, il faut Mre guenon, um einen Affen zu heiraten, muß man eine Äffin sein, was unserem deutschen „Gleich und gleich gesellt sich gern" entspricht. (Vgl. auch Sainean, Greation metaph., pag. 92, 7.) Gleichfalls auf das Äußere des Affen bezieht sich die französische Eedensart: etre fourni d' urgent comme un singe de quem, mit Geld versehen sein wie ein Affe mit dem Schwanz, d. h. keinen Heller Geld haben. Es ist hier jedenfalls eine bestimmte Art von Affen gemeint, nämlich der türkische Affe Der Affe. 3 oder Magot, der in Algier sehr liäufig ist und tatsächlich nicht eine Spur von Schwanz hat. An eine ähnliche Affenart spielt an engl, monkey-coat „Affenrock" als Bezeichnung eines Rockes mit kurzen Schößen. Hingegen bezieht sich auf den ge- schwänzten Affen, der bekanntlich in der neuen Welt zu Hause ist, das englische höchst originelle Sprichwort: The higher the ape goes, iJie more he shows his tau. Das analoge deutsche, bzw. franz. Sprichwort klingt etwas kräftiger: Je höher daß der Affe steigt, je mehr er seinen Hintern zeigt, Tlus le singe s'äh)e, pltts ü montre son derrihe pele. Eine reiche Blüte von Metaphern hat in den meisten Kultursprachen der dem Affen eigentümliche Nachahmungs- trieb gezeitigt. Zunächst im Deutschen: Wenn man z. B. behauptet, die Deutschen wären im 17. Jahrhundert die Affen der Franzosen gewesen, so will man damit sagen, daß sie französisches Wesen sklavisch nachahmten. Daher auch das Adjektiv äf fisch und das Verbum nachäffen für „ohne Verstand nachahmen". Genau so werden auch im Engl. ape und to ape gebraucht. Dieselbe metaphorische Bedeutung hat auch das ital. scimmia. Analog dazu wurde die Redensart far la sdmmia a qd., wörtl. „jemd. den Affen machen", gebildet, wofür man auch kurz scimmiottare sagt. Davon sind wieder scimmiottata und scimmiotattura „Nachäfferei" gebildet. Auch das Franz. hat sich diese Metapher nicht entgehen lassen, wie die Wörter singeur „Nachäffer", singer „nachäffen", sin- gerie „Nachäfferei" beweisen. Charakteristisch für die ge- spreizte Ausdrucksweise der precieuses ist es, daß sie den Spiegel singe de la naiure „den Affen der Natur" nannten. Was das Span, betrifft, so kann mona^ mono gleichfalls in der Bedeutung „Nachäffer" gebraucht werden. (Vgl. auch Sainean, Creation metaph., pag. 92, 7.) Mit dem Nachahmungstrieb des Affen hängt auch seine Sucht zusammen, sich zu schmücken und herauszuputzen, wes- wegen namentlich im Deutschen, Englischen und Spanischen auf geckenhafte und eingebildete Personen gern der Name dieses Tieres angewendet wird. Im Deutschen findet sich in diesem Sinne häufig das Kompositum „Zieraffe". Berlinerisch nennt man einen Stutzer einen lackierten Affen. Folger 1* 4 Der Affe. ä«s SpridiwiMrt, das auf die genaimte Charaktereigenschaft de»< AS^n. Bezog Rimmt^flsdet sich in allen Kultursprachen: Deutsch: Affen bleiben Affen, wenn man sie auch in Seide und Sammei kleidet« Engl.: An ape^s an ape, a varlet a varlet, though thetf Im cM in 8äk and akarUt Ital : La scimmia h sempre scimmia^ auohe V08tita di seta, Span.: Äunque la mana se vista de seday, wwa 90 queda. Franz.: Le singey füt-ü vitu de pourpre, reste^ twjours sifige^ In seinem Weaen zeigt der Affe ein merkwtirdiges Ge- misch Ton Bosheit und Dummheit. Je na,chdem nun der eine oder der andere Charakterzug als vorherrschend betrachtet uärd» ^scheint der Affe in der Sprache bald als der Foppende^ bald ala der Gefoppte. Auf der Auffassung des Affen als boshaften Tieres beruht im Deutschen der Aufdruck äffen fftr „zum Besteu haben" und einen boshaften Maischen 9;^mt man wohl auch einen ^^boshaften Affen". Ebenso sagt der Franzose : M est maim camme un singe und payer qn. en numnait de singe, jemd. mit Affengeld bezahlen, d. h. mit Grimassea und Sprüngen, dann figtlrl. mit schönen Worten, also gar nicht befahlen. Diese Rediensart, die sich au^ im Engl findet: to pckjf in mmkey^s woney^ beruht auf einer Anspielung an einw alten Brauch, dem zufolge in Frankreich die Gaukler kein Wegegeld zu zahlen brauchten, wenn sie sich vor dem Zöllner i«it. ihren Affen produzierten. (Vgl Kozan, Les animaux dans les prov^bes, I pag. 336 ff.) Semasiologisch bemerkenswert ist, daß im Span, mono y^fk^ geradezu für „Fratsoenschneid^" gebraucht wird. Hierher gehört auch die ital. Bledensart dar la ierta sowie berteggiare „verspotten". (Vgl. Sain^an, Cröation m^taph., pag. 92, 6.) D&8 die von einem Tier ausgeübte Tätig* k^ oder das Resultat derselben metonymisch nach dem Tier^ beoiannt wird, ist nicht allzu selten. (Vgl. lat cuniculus „Kanin- chen" und „unterirdischer Gang".) Dieselbe Auffassung des Affen zeigt sich auch in der frz. Bed^sart: S^ u/n äne parm les singtis^ e£n Esel unter im Affen^ d. h. die Zielseheibe des Spottes sein. Als foppende» Ti^r erscheint der Affe auch in d^ engl. Redensart : to hold on by somebody's manJc^y-taily sich an jemandes Affenschwanz anJiaLten, d* h. jemid, me Aufschneiderei aufs Wort glauben^ Daher to be monkey^led, von einem Affen geführt, d. h. geäfft Der Äff«. ^ iM^erden. Monhey4ml wird »lit wod;^teleiider Antehnati^ Hüi tale „Geschichte^ atich selbständig für „i^f enhafte Geschiclito, Autlsch^eiderei^ gebraucht*) Nicht miMer originell sind die Metaphiem and Hedeivs- arten, in denen der Affe als das dnmifte, gefoppte Tier er- scheint. So heißt im Ital. ber^mGiaki „^ne von einem Affen vollführte Tat"* geradezu „Dummheit" und im Eng^ bedeutet god'^ ape „Gottes Afie" soviel als „Dummkopf". / mähe fäm my ape, ich mache ihn eu meinem Affen, sagt der Engländer von einem, den er zum Narren hält Ein Analogon hi^% bietet im Span, die Redensart haeer mioo, einen Affen machen, d. h. zu einem Stelldichein nicht kommen, wobei der vergeMich Wartende mit einem gefoppten Affen verglichen wird. (Anders «erklärt die Redensart Sain6an, Cr6ation m*6taph. pag. 92, 6.) Auch sagt der Spanier, wenn ihm unvermutet ein Schimpf zugefagt wird, über den er so verblüfft ist, daß er nichts zu Antworten weiß: Me qued4 hecho una tnona, ich stand da wie ein Affe. Wörtl.: Ich ward za einem Affen gemacht. (Vgl. auch Sain6an, Creat. mötaph., pag. 92, 7.) Daher auch corrido como una mona, beschämt wie ein Affe. Diese Redensart er- klärt auch den metonymischen Gebrauch ven mono in der Bedeutung „Debttt eines Schauspielers^. Sehr häufig endet das erste Auftreten eines Mimen mit einem Fiasko und der unglückliche Debütant steht wie ein mono corrido, ein be- schämter Affe, vor dem Publikum. Hierher gehört auch uns dem Engl, der Ausdruck monkmfs oMowance, des Affen Lohn, d. h. mehr Schläge als Lohn, was sich auf den vom Gaukler h^amgezeigten Affisn bezieht, der sehr häufig für seine Kunst- stücke, wenn sie nicht nach Wunsch seines Herrn ausfallen, statt Lohn Schläge erntet. Dt^ im Deutschen „Affe'^ geradezu als Synonym von „Narr** gebraucht wird, ergibt sich aus der Redensart: jemd. Am Affenseil führen, wofür man häufiger sagt: jemd. am Narrenseil führen. Ebenso sagt man : einen Affen an jemd. gefressen haben für: einen Narren an *) Hierher gehört auch ais dem älteren Engl die Redensart to put an ape into one's hoodcap, jemd. einen Affen in die Kapnze setzen, im Sinne ron „foppen**. (Vgl. diesbezüglich anch pag. "7 die Redensarten mit fnonkey). 6 Der Affe. jemd. gefressen haben. Nach Borchardt - Wustmann ist diese Eedensart, die soviel bedeutet als „jemd. abgöttisch lieben" so zu erklären, daß man nach der seinerzeit im Volke herrschenden Auffassung einen albernen Menschen von dem Tiere wie von einem Dämon besessen glaubte. Als dummes Tier erscheint der Affe auch in dem Aus- druck Affenliebe, womit man eine törichte Liebe meint. Man gebraucht das Wort namentlich von der abgöttischen Liebe der Eltern zu ihren Kindern, die diesen oft zum Verderben gereicht. (Vgl. das ital. Sprichwort A ogni scimmia piacciono i suoi sdmmioUij jedem Affen gefallen seine Äffchen.) Nach einem alten Volksglauben drückt nämlich das Affenweibchen seine Jungen manchmal vor Liebe zu Tode. Möglicherweise jedoch ist der Ursprung dieser Metapher in einer alten Tiersage, die sich in den Tierbüchem des Mittel- alters verzeichnet findet, zu suchen. (Vgl. Kressner, Über die Tierbücher des Mittelalters, Herrigs Archiv 55, S. 241 ff.) Es wird dort nämlich erzählt, daß das Affenweibchen, wenn es verfolgt wird, sein Lieblingsjunges in die Arme, die übrigen aber auf den Rücken nimmt. Im Augenblick der höchsten Bedrängnis wirft nun die Äffin, um schneller laufen zu können, das in den Armen befindliche Junge weg und rettet sich mit den minder geliebten, die sie auf dem Rücken trägt Beiläufig sei hier erwähnt, daß man im älteren Engl, von alten Jungfern sagte, daß sie Affen zur Hölle führen : they lead apes in hell, welche Redensart übrigens auch im Deutschen belegt ist. Offenbar findet sie ihre Erklärung in einem alten Volks- glauben, nach welchem die alten Jungfern im jenseitigen Leben für ihre Kinderlosigkeit eben dadurch bestraft werden, daß sie junge Affen in die Hölle führen müssen. Als reizbares, leicht in Wut geratendes Tier erscheint der Affe im Ital., bzw. Franz. in der Redensart : dire il pater- nostro oder Vorazion della hertucda^ dire la patenötre du singCy das Affenvaterunser oder Affengebet aufsagen, d. h. Ver- wünschungen zwischen den Zähnen murmeln, wobei an den zähnefletschenden Affen gedacht wird. (Vgl. Sain6an, Creat. metaph., pag. 91, 6). Im Engl, hat dieselbe Redensart : to say an ape^s paternoster allerdings eine andere Bedeutung, nämlich „vor Kälte zittern". Geradezu als Synonym von Zorn wird Der Affe. 7 monkey im engl. Slang gebraucht, wo man von einem, der in Zorn gerät, sagt, er wecke seinen Affen auf: he gas wp his monkey, was übrigens zur mittelalterlichen Vorstellung stimmt, daß die betreffende Person vom Tiere gleichsam besessen ist. Analog sagt man, um einen Zornigen zu beschwichtigen: take the monkey off your back, nimm den Affen von deinem Rücken herunter, wobei an den Gaukler gedacht werden kann, der den Affen auf den Schultern trägt, wie ja auch in der deutschen Soldatensprache der Tornister als „Affe" be- zeichnet wird. Nach Brewer (Dictionary of Phrase and Fable, pag. 587) ist in diesen Redensarten der Affe geradezu Symbol des Teufels. Ebendaselbst wird auch daran erinnert, daß in alten Gemälden der Teufel nicht selten als Affe mit ver- renkten Gliedmaßen auf den Schultern einer Person hockend dargestellt wird. Da monkey sich in obigen Redensarten häufig mit dem Zusatz bJack „schwarz" findet, so dürfte Brewer wohl das Richtige getroffen haben. Gleichfalls als eine An- spielung auf den reizbaren Charakter des Affen zu betrachten ist die Redensart estar de monos „schmollen", hauptsächlich gebraucht mit Bezug auf Liebende. (Vgl. portug. mono „mürrisch"). Daß der Affe eben infolge seines zornmütigen Wesens als gefährliches Tier erscheint, erhellt aus der ital. Redensart: darsi alle bertucce, sich den Affen ergeben, d. h. in Verzweiflung geraten. (Vgl. Sainean, Creation metaph., 90, 6.) Nach der dieser Redensart zugrunde liegenden Auffassung ist als verloren zu betrachten, wer den Affen in die Hände gerät. Erscheint der Affe in den bisher besprochenen Metaphern und Redensarten als ein dem Menschen durchaus antipathi- sches Tier, so mangelt es doch auch nicht an solchen, in denen der Affe mehr von seiner komischen Seite betrachtet wird. Fordert doch das Tier, namentlich in seiner Jugend, durch die außerordentliche Lebhaftigkeit seiner Bewegungen — daher affenartige Geschwindigkeit, frsLnz. prestesse de singe — sowie die unbezwingliche Komik seiner Grimassen zum Vergleich mit kleinen, schalkhaften Kindern geradezu heraus. Die Sprache hat sich diesen Zug auch nicht ent- gehen lassen. Im Deutschen und Französischen wird Äffchen, bzw. petit singe sehr häufig kleinen Bändern gegenüber als Kosewort gebraucht. Einen tadelnden Sinn hat jedoch das 8 Der Af e. Wort Grasaffe, wobei nach Sanders dasOras infolge seiner griinen Farbe als Symbol des unreifen erscheint Auch im Engl wird monketf anf Kinder angewendet ; allerdings erfährt das Wort häufig eine Bedeutangsänderung in malam partem. indem es im Sinne von „Bange" gebraucht wird. So bezeichnet man sehr häufig ein allzu lärmendes Kind als troublesame young monkey^ einen lästigen jungen Afifea. JUonhey-tricks sind „kindische Possen" und to monhey bedeutet geradezu „Possen treiben". Im Franz. erscheint der gestiefelte Affe, U singe hatU^ ein Pendant zum chat botiS, als Symbol des Faxenmachers. Im Ital. ist der übliche Ausdruck für „Schalk, Schelm" numeüo (das Diminutiv von mofia für monna), das genau so wie das engl, monhey eine pejorative Bedeutungs- änderung erfahren hat und für „Gassenjunge" gebraucht werden kann. Hierher zu ziehen ist auch aus dem Span, das Adjektiv mono, das in semasiologischer Hinsicht interessant ist, da es die ursprüngliche, der Etymologie entsprechende Bedeutung „zum Lachen reizend, spaßhaft" zu der von „fein, hübsch" entwickelt hat. Der Bedeutungsübergang ist nicht schwer zu finden. Hübsch ist eben das, was ein wohlgefälliges Lächeln erweckt. (Vgl. auch Sain6an, Cr6ation m6taph., pag. 92, 7). Allen hier behandelten Sprachen mit Ausnahme des Franz. gemeinsam ist die Bezeichnung des Rausches mit „Affe". So sagt man im Deutschen von einem Betrunkenen: Er hat einen Affen. Im Ital. heißt es: Ha pigliato la bertuccia, la monna, er hat den Affen gekriegt, oder auch: J^ cotto come una monna, er ist betrunken (wörtlich.: gekocht; vgl. franz. la cuite „Rausch") wie eine Affe. Im Span, heißt es analog: Sa cogido una mona. Für den Affen kann im Span, aber auch der Wolf (Mo) oder der Fuchs (zorrd) eintreten, während man im Ital. für hertuccia oder monna auch Bär {orso) sagen kann. Übrigens wird im Span, mona metonymisch auch auf den Betrunkenen selbst angewendet. Daß im Span, die Me- tapher gar nicht mehi- gefühlt wird, beweist die Redensart: dormir la mona, seinen Rausch ausschlafen. In semasiologischer Hinsicht besonders bemerkenswert ist der Gebrauch von monkey im engl. Matrosenslang, so z. B. in der Redensart to such üis monkey, den Affen saugen, d. h. sich hinter dem Rücken der Vorgesetzten betrinken, wobei Der Affe. !9 daB Getränke metonymisch oacfa der von ihm hervorge- brachten Wirkung benannt wird. Ja, das Wort wird sogar «nf das GefaJS, welches das foeranschende Getränk enthält, übertragen, indem nämlich das Glas, worin den Matrosen ilKre Portion Grog gereicht wird, monkey genannt wird. (Metonymie 2. Potenz nach Brinkmannscher Terminologie.) Die Erklänmg einer so vielen Spradien gemeinsamen Metapher kann nicht schwer fallen. Der übermäßige Genuß alkoholischer Getränke erweckt eben die im Menschen sdilummernden tierischen Instinkte — spricht man doch im Deutschen von „viehischer Betrunkenheit". Daß nun von allen Tieren vorzugsweise der Affe als Symbol der Trunkenheit erscheint, ist nicht zu ver- wundern, wenn man bedenkt, daß der Betrunkene durch die Lebhaftigkeit seiner Gesten, seine Neigung zu allerhand Possen und nicht zuletzt durch gesteigerte Seizbarkeit und daraus resultierende Streitlust unwillkürlich an den Affen erinnert. Sain6an erklärt die Metapher aus der Vorliebe der Affen fiir «den Alkohol; allein diese Eigentümlichkeit « der Yierhänder kann nicht als allgemein bekannt vorausgesetzt werden, die Erklärung ist daher als gekünstelt abzuweisen. Zu unserer Auffassung stimmt auch die deutsche Bedensart seinem Affen Zucker geben, die man auf Betrunkene anwendet, bei denen sich der Bausch in ausgelassener Lnstigkeit äußert. Der „Affe" wird durch den erhaltenen Zucker eben fröhlich gestimmt. Daß der Affe in sexueller Beziehung ähnlich dem Bodce ^in übles Renommee genießt, beweisen ital. tnicco, span. mioo als Bezeichnung fOr einen wollüstigen Menschen sowie das franz. guenon, das geradezu die Bedeutung von „meretrix^ annehmen kann. Diese Metapher mag wohl auf dem Um- ;stand beruhen, daß der Affe gewisse Körperteile, die bei anderen Tieren dem Blicke entzogen sind, unv^hüllt zur Schau trägt. Hierher gehört auch der Gebrauch von mcmna für cwnntM im Ital., womit sich im Altfranz, quine „Affe" als Bezeichnung des männlichen Gliedes vergleichen läßt. Zuletzt sei noch auf ein Wort hingewiesen, das in seiner modernen Form allerdings sch^bar nichts mit dem Affen zu tun hat. Es ist nämlich das merkwürdige Schlaraffe, mit Betonung auf der zweiten Silbe. Die Etymologie des Wortes 10 Der Affe. weist auf ein mhd. Seh In raffe, dessen erster Bestandteil slur ist, das „Faulenzerei, faule Person" bedeutet. „Schlar- aflFe" wäre demnach ein fauler Aflfe und war in älterer Zeit als Schimpfwort für üppig lebende, gedankenlose Müßiggänger sehr gebräuchlich. Zu dieser Auffassung des Affen als faulen Tieres paßt vortrefflich das span. Sprichwort: Eso se quiere la mona, pinoncitos tnondados, das würde dem Affen schmecken, geschälte Piniennüsse, welches Sprichwort auf Personen an- gewendet wird, die ohne Mühe einen Preis erringen wollen, und an die Tauben erinnert, die den Bewohnern des Schla- raffenlandes gebraten in den Mund fliegen. Eine ähnliche Bildung wie Schlaraffe ist Maulaffe, in welchem Worte der zweite Bestandteil allerdings noch deutlich in seiner ursprünglichen Bedeutung gefühlt wird. Sanders' Erklärung, wonach Maulaffe, das „Gaffer" bedeutet, aus „Maul offen" entstanden sein soll, ist wohl zurück- zuweisen. (Auf Sanders stützt sich auch Eichter, Deutsche Redensarten, pag. 120.) Wird doch im Span, monote, ein Pejorativum von mono, ganz in dem Sinne unseres Maulaffen gebraucht. Im Wörterbuch der spanischen Akademie wird das Wort definiert als „persona que parece no oir, ver ni en- tender y estd fijo en un punto como un hito^. (Vgl. berlinerisch äffen für „gaffen"). Die Erklärung der Metapher liegt auf der Hand. Das Offenhalten des Mundes gibt dem Gesichte einen geistlosen, beinahe tierischen Ausdruck und die Bezug- nahme auf den Affen lag um so näher, als dieses Wort in den verschiedensten Zusammensetzungen als Schimpfwort be- liebt war. So finden wir im älteren Deutsch Rotz äffe, Gähnaffe, Teigaffe, letzteres als Schimpfwort für den Bäcker. Das Wort „Maul äffe*' bezeichnete offenbar zunächst den Gaffer, also eine Person, und wurde dann metonymisch auf den Zustand des Gaffens selbst übertragen, wie erhellt aus der Redensart „Maulaffen feilhalten" im Sinne von „gaffen". Man vergleiche damit das span. mona, das umgekehrt zu- nächst den Zustand der Betrunkenheit und dann die in diesem Zustand befindliche Person bezeichnet (Etwas anders er- klärt die Redensart Borchardt- Wustmann , Sprichwörtliche Redensarten, pag. 320). Die Fledermaus. 11 Die Fledermaus. Die metaphorische Verwendung dieses Tiernamens bietet kein besonderes Interesse, wohl aber ist es in semasiologischer Hinsicht interessant, die Bezeichnungen dieses Tieres in den verschiedenen Sprachen miteinander zu vergleichen. Was zu- nächst die deutsche Bezeichnung Fledermaus betrifft, so geht dieselbe auf ein ahd. fledarmüs zurück und bedeutet so- viel als „Flattermaus" mit Beziehung auf das nächtliche Umherflattern. Hierher zu ziehen ist auch das im älteren Englisch belegte flittermoiise. Zur Benennung „Maus" berechtigt der mausähnliche Körper des Tieres. Hierzu stimmen auch span. murcielago und frz. chauvesouris. Murcielago, daneben auch murciegalOj beruht auf lat. mus caeculus, heißt also „blinde Maus". Das lichtscheue Wesen des Tieres, das nur am Abend und in der Nacht umherfliegt, während des Tages aber sich verborgen hält, hat im Volke den Aberglauben gezeitigt, daß es blind sei, wie ja beim Landvolk auch der Maulwurf für blind gilt. Chauvesouris bedeutet „kahle Maus"; es bezieht sich diese Bezeichnung auf die nackte Flughaut, die den Körper halbkreisförmig umgibt. Gleichfalls nach dieser Flug- haut und zwar nach ihrem lederartigen Aussehen ist das Tier im Westfälischen benannt, wo es kerspecht, d. i. Lederspecht heißt. Die Einreihung des Tieres unter die Vögel ist nicht zu verwundem, für das Volk ist eben alles Vogel, was fliegt. (Vgl. auch die ital-dialektischen Bezeichnungen uccello di notte „Nachtvogel" und papilio de nocte „Nachtschmetter- ling"). Mit leerspecht läßt sich der dänische Name der Fleder- maus läderlapp „Lederlappen" vergleichen. (Siehe Nyrop, Das Leben der Wörter, übersetzt von Vogt, pag. 167). Die italienisch-schriftsprachliche Bezeichnung der Fledermaus ist pipistreTlo, in welchem Wort das lat. vespertilio (von vesper „Abend") enthalten ist. Es ist ohne weiteres klar, daß diese Benennung, die sich auch im Spanischen findet (pipistrelö), sich auf das abendliche, bzw. nächtliche Umhertreiben des Tieres bezieht. (Vgl. hiermit den griechischen Namen der Fledermaus = wmeQlg von ru^ „Nacht"). Interessant ist das englische Wort für Fledermaus, bat, das im Mittelenglischen 12 Die Fledennans. backe lautet und zweifelsohne zu germ. hakan „Speck" zu ziehen ist Wie konnte aber die Fledermaus zum Speck in Beziehung gesetzt werden?. Hier liefert abermals ein Volksglaube die Erklärung. Da sich nämlich die Fledermäuse gern in Rauch- längen aufhalten, so schloß man daraus auf ihre Vorliebe fär geräuchertes Fleisch und Speck, während uns die Naturge- schichte ausdrücklich lehrt, daB derartige Leckerbissen die Fledermäuse kalt lassen. Zu dem engl, bat stimmt übrigens ^as in der Pfalz gebräuchliche Speckmaus. Merkwürdig ist, da£ in demselben Dialekt der Ausdruck „Fledermaus^ wohl voAommt, aber für „Schmetterling" gebraucht wird. Aus- nahmsweise m5ge auch die dänische Bezeichnung des Tieres hierher gezogen werden, da sie ein besonderes setnasiologisches Interesse bietet. Aftenbakke (aften = Abend) erinnert nämlich einerseits an lat. vespertilio, andrerseits an engl, bat, deutsch- dialektisch Speckmaus. Was nun die paar Metaphern, die die Fledermaus der Sprache geliefert hat, betrifft, so ist zunächst als auf die äußere Oestalt des Tieres bezüglich anzuführen das ital. pipistrMo als Bezeichnung eines Mantels mit Pelerine, der im Deutschen den Namen „Havelock" führt und tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit der ausgespan iten Flughaut der FiedenuMs nicht verleugnen kann. Daß die originelle Erscheinung dieses Tieres auf die Phantasie des Volkes einen besondem Eindrtter Löwe. „Luchs" nicht bloß Bezeichnung einer scharfäugigen, sondern auch einer schlauen Person sein kann. An diesen Gebrauch von „Luchs" knüpfen an die Zeitwörter abluchsen und beluchsen. Das erstere bedeutet: jemd. auf schlaue Weise etwas abschwindeln, das zweite ist ohne weiteres ein Synonym von „begaunern". Auch kann das einfache „luchsen", transitiv gebraucht, den Sinn von „stibitzen" annehmen. Der Italiener scheint dem Luchs gleichfalls besondere Intelligenz zu- zuschreiben, wenigstens spricht dafür der Name der bedeutendsten Akademie der Wissenschaften in Italien : Äccademia dei Lincei, (linceo ist ein von lince abgeleitetes, hier substantivisch ge- brauchtes Adjektiv). Nur dem Franz. eigentümlich ist der Gebrauch von Luchs (loup'Cervier) als Bezeichnung für einen Wucherer. Zweifelsohne denkt der Franzose dabei an die Art und Weise, wie der Luchs sein Opfer zu Falle bringt. Wie alle katzenartigen Raubtiere springt er dem Tiere auf den Rücken und, indem er sich mit seinen Tatzen eingräbt, beißt er dem Opfer die Halsschlagader durch und läßt erst los, wenn das Tier tot zusammenbricht. So gibt auch der Wucherer sein Opfer erst frei, wenn es pekuniär vollkommen ruiniert ist. Schließlich sei noch erwähnt, daß Goethe in seinem Faust den Mephisto gelegentlich mit dem Titel „Höllen- luchs" beehrt. Der Vergleich ist treffend. Der Teufel belauert nach christlicher Vorstellung sein Opfer ganz nach Art des Luchses und wie dieser läßt er die einmal erfaßte Beute nicht mehr los. Übrigens spielt der Luchs in germanischen Mythen eine gewisse Rolle, indem z. B. Riesen sich gern in Luchs- gestalt zu verwandeln pflegen. Der Löwe. Die romanischen Namen für dieses Tier : ital. leone, span. leon, frz. Hon gehen sämtlich auf lat. feo zurück. EngL lion ist Entlehnung aus dem Französischen. Das deutsche Löwe*) *) Der Familienname „Löwe" beruht in den meisten Fällen auf Um- deutung von „Lewy". Der Löwe. 21 beruht auf ahd. lewo, lewo, und dieses geht gleich den roma- nischen Bezeichnungen auf lat. fco zurück. Neben Löwe kommt übrigens auch die Form Leu vor, die jedoch im Neuhoch- deutschen nur in poetischer Sprache verwendet wird. (Vgl. Seiler, Die Entwicklung der deutschen Kultur im Spiegel des deutschen Lehnworts, n pag. 65.) Obwohl exotischen Ursprungs, ist der Löwe in Europa so bekannt geworden, daß er in Sprache und Literatur nahezu wie ein einheimisches Tier behandelt wird. Häufig ist sein Bild auch als Wappen, als Wirtshausschild, für Orden und Münzen verwendet worden. (Über seine Rolle in der Heraldik vgl. Sachs, Zusammenhang von Mensch und Tier, Neuphil. Zentralbl. 1903, pag. 134.) Sogar auf Bettvorlegern erscheint er, wofür man im Deutschen die scherzhafte Bezeichnung ge- zähmter Löwe gebraucht. Die Ausnahmsstellung, die er als „König der Tiere" in der Auffassung der Völker einnimmt, spiegelt sich in der Sprache wieder. Bei allen Völkern er- scheint er als Symbol der Kühnheit und Kraft und dem ent- spricht auch die metaphorische Verwertung, die sein Name in den verschiedenen Sprachen findet. So auffallend des Löwen äußere Erscheinung auch ist, so be- ziehen sich doch nur wenig Metaphern auf dieselbe. Es wäre im Deutschen höchstens Löwenmähne zu erwähnen, womit man meist ironisch überlanges Haupthaar bezeichnet Auf der Farbe des Felles beruht span. leonado, das demnach „schmutziggelb, fahl" bedeutet. Die Klaue des Löwen wird metaphorisch ver- wendet in dem franz. Sprichwort A Tongle on connati le Hon, an der Klaue erkennt man den Löwen (lat. ex ungue Uonem), d. h. der kleinste Zug genügt, um einen großen Mann erkennen zu lassen. Dieses Sprichwort, das sich auch im Ital. (dalV ugne si conosce il hone) und im Engl, {you may know the lion hy his claw) findet, ist klassischen Ursprungs. Lucian erzählt nämlich von Phidias, er sei im stände gewesen, genau die Größe eines Löwen anzugeben, sobald er dessen Klauen besehen habe. (Vgl. Eozän, Les animaux dans les proverbes, pag. 231 ff.) Der Löwe ist das starke Tier xav' e^oxrjv: daher im Deutschen der Ausdruck löwenstark. Desgleichen be- zeichnet man im Ital. hervorragende Stärke mit forza leonina und wenn der Italiener von febbre da leoni „Löwen- 22 I>er Löwe. fieber^ spricht, so meint er damit einen hohen Grad von Fieber, wie ja auch die Namen anderer starker Tiere, wie Bär und Pferd, in ähnlicher Weise verwendet werden. So sagt man im Ital. auch fehbre da cavalli für febbre da leoni Der metaphorische Gebrauch von Löwenanteil beruht auf einer allen Literaturen geläufigen Fabel. Es ist dies die Fabel von dem Löwen, der mit dem Fuchs und dem Esel auf die Jagd zieht und den mit der Teilung der Beute beauf- tragten Esel zerreißt^ da dieser wider sein Erwarten die Beute in drei gleiche Teile geteilt. Der Fuchs, dem hierauf das Geschäft des Teilens aufgetragen wird, weist schlauerweise dem Löwen den größeren Teil zu und antwortet auf dessen Frage, warum er anders teile als der Esel, mit den Worten: „Das Unglück des Esels hat mich gelehrt, was ein Schwächerer dem Mächtigeren schuldig ist.^ Wenn man übrigens von jemand sagt, er habe den „Löwenanteil' erhalten, so meint man damit nicht immer, er habe als Stärkerer sich wider- rechtlich ein Plus angeeignet, sondern man will nur sagen, es sei ihm aus diesem oder jenem Grunde der größere, bzw. größte Teil zugefallen. Die Metapher hat demnach eine Bedeutungs- erweiterung erfahren und wird in diesem Sinne auch in den übrigen Eultursprachen gebraucht, so z. B. im Engl. : the liovCs share, im Ital. : la parte del leone, im Span. : la parte konina. Enger an den Sinn der Fabel schließt sich an das frz. maxime leonine und das span. mdxima leanina, was man frei mit „Löwenmoral" wiedergeben könnte und womit auf die Ant- wort des Fuchses in der Fabel angespielt wird. Im Span, kommt auch contrato leonino „Löwen vertrag" vor, womit man einen Vertrag meint, bei welchem der Schwächere den Kürzeren zieht. Der Löwe ist aber nicht bloß Symbol der Stärke, sondern auch des Mutes, mit der Nebenvorstellung des Großmutes dem Besiegten gegenüber. Mut ist ja meistens nur die moralische Folge physischer Überlegenheit. Schon im Lat. bezeichnete man mit leo einen kühnen, herzhaften Mann. An diese Auffassung haben sich sämtliche moderne Kultursprachen angeschlossen. So sagt man im Deutschen von tapferen Kriegern: sie kämpfen wie Löwen, und auch den übrigen Kultursprachen ist diese Eedensart nicht fremd (z. B. ital. Der Löwe. 23 combatiere da leovi). Ein beherzter Mann wird auch ein löwenherziger Mann genannt und König Richard von England, der tollkühne Kreuzfahrer, wurde infolge seiner mannigfachen Heldentaten vom Volke mit dem Beinamen lion-heart „Löwenherz" ausgezeichnet. (Vgl. auch lion- hearted „löwenherzig".) Einem Bramarbas, der mit den Taten seines zweifelhaften Mutes prahlen will, ruft der Italiener zu: Non fare il leonel tue nicht, als wärst du ein Löwe! während der Spanier von einem eisenfresse- rischen Aufschneider sagt, er schlage dem Löwen die Kinn- backen ein {desquijarar leoms\ was als das non plus ultra der Kühnheit gilt. Wenn im Londoner Slang der Hase ,^lion^^ genannt wird, so beruht diese Bezeichnung auf Ironie, die die Dinge nach ihrem . Gegenteil zu benennen pflegt, wie ja tatsächlich der Hase als Symbol der Feigheit das Gegen- spiel des Löwen ist. Daher sagt auch der Italiener cuore di cofiiglio e pelle di leone, Kaninchenherz und Löwenfell, von einem trotz seiner Körperstärke feigen Menschen. Eben- so wird der Hirsch dem Löwen gegenübergestellt in den ital. Sprichwörtern: / cervi non comandano ai leoni, die Hirsche haben den Löwen nichts zu befehlen, d. h. der Schwache soll nicht über den Starken herrschen, und Väl piü un leone a capo di cento cervi che un cervo a capo di cento leoni, ein Löwe an der Spitze von hundert Hirschen ist mehr wert als ein Hirsch an der Spitze von hundert Löwen, d. h. im Kriege kommt es hauptsächlich auf die Tüchtigkeit des Führers an. Hierher zu ziehen ist auch das engl. Sprichwort: The lion's not half so fierce as he is painted, der Löwe ist nicht halb so wild als er gemalt wird (vgl. span. No es tan bravo el leon como lo pintan), was dem deutschen Sprichwort entspricht: Es wird nicht so heiß gegessen als gekocht wird. Einerseits auf die Schlauheit des Fuchses, anderseits auf die Kühnheit des Löwen bezieht sich im Engl, die sprichwörtliche Redens- art to patch a fox's tau to a lion^s shin, einen Fuchsschwanz an ein Löwenfell heften, d. h. Schlauheit mit Kühnheit ver- einen, wozu im Franz. coudre la peau du renard ä celle du lion, ein Fuchsfell an ein Löwenfell nähen, ein Analogon bildet. Man sagt auch: Ce que lion ne petdj renard le fait, was der Löwe nicht kann, macht der Fuchs. (Vgl. Rozan, Les animaux 24 I>er Löwe. dans les proverbes, pag. 236 ff.) Ähnlich sagt der Italiener : La volpe ne sa piü del Uone, der Fuchs weiß mehr als der Löwe. Stärke mit Kühnheit gepaart verleiht Macht. Es er- scheint der Löwe daher auch als Symbol der Macht, figuriert er doch im Tierepos und in der Tierfabel als König der Tiere. In diesem Sinne ist vom Löwen die Bede in dem engl. Sprichwort: IVs better to he head of a lüard than tau of a lion, das sich auch im Ital. findet: Meglio capo di lueertola che coda di leone, besser Kopf einer Eidechse als Schwanz eines Löwen, d. h. besser ist es, in kleinen Verhält- nissen der Erste als in großen der Letzte zu sein. Anstatt capo di lueertola heißt es auch capo di gatto „Kopf einer Katze''. Analoga finden sich auch in anderen Kultursprachen. So im Span. : Antes cdbeza de goto (raton) qtie coda de leön, im Franz. : Mieux taut Hre tete de chat que queue de Hon. Im Engl, kommt die Variante head ofa dog „Kopf eines Hundes" für head ofa Ivsard vor. Der geringgeschätzte Hund wird zum mächtigen Löwen auch in Gegensatz gebracht in dem deutschen Sprichwort: Ein lebender Hund ist besser als ein toter Löwe, d.h. besser arm und gesund als reich und krank (vgl. ital. ^ meglio un carte vivo che un leone morto, franz. Chien en vie vaut miei4X que lion mort), ferner in der sprichwörtlichen franz. Redensart bcUtre le chien devant le lion, den Hund vor dem Löwen schlagen, was unserem deutschen „den Sack schlagen und den Esel meinen'^ entspricht. Der Mächtige zieht den Bück der Menge auf sich, daher im Engl, der Ausdruck lion of the day „Löwe des Tages" für eine Modeberühmtheit, eine Person, die gewissermaßen Herrscher ist im Bereich der Mode. Diese Metapher, die auch ins Deutsche (vgl. Gesellschaftslöwe), Franz. und Ital. ein- drang, entstand im 18. Jahrhundert in London, wo der neugierigen Menge im Tower zum ersten Mal ein Löwe gezeigt wurde. Hierauf bezieht sich auch die engl. Redensart to show the lions, einem Fremden die Löwen, d. h. die Ortsmerkwürdigkeiten zeigen. Demnach wird lion-hunter „Löwenjäger" metaphorisch gebraucht für einen Menschen, der Berühmtheiten und Orts- merkwürdigkeiten nachjagt. Bei der Häufigkeit solcher Indi- viduen gerade unter den Engländern ist es nicht zu ver- wundern, daß das Englische dafür einen eigenen Ausdruck disponibel hat. Auch ein Verbum, to lionise, wird in derselben Der Löwe. 25 metaphorischen Bedeutung gebraucht und bedeutet daher ent- weder „jemand als Berühmtheit anstaunen" oder „die Orts- raerk Würdigkeiten in Augenschein nehmen". Bezeichnete man mit Hon den Modehelden, so nannte man die Modedame lioness, was dem franz. Uonm entspricht, welches Wort mit der Zeit eine etwas anrüchige Bedeutung bekam. (Vgl. das Drama von Augier „Les lionnes pauvres".) Auch Uonceau „junger Löwe" wird metaphorisch gebraucht, und zwar ironisch für einen Stutzer plebejischer Herkunft, d^r die Manieren der feinen Welt nachzuahmen sucht. Bei aller Sympathie, die der Löwe dem Menschen einflößt, bleibt er doch ein für ihn gefährliches Tier und es kommt auch diese Seite seines Wesens in der Sprache zum Ausdruck. Er muß gich's sogar gefallen lassen, daß die Bibel ihn als Vergleichs- objekt für den Teufel benutzt, indem sie von letzterem be- hauptet, daß er umhergehe wie ein brüllender Löwe. {Vgl. brüllen wie ein Löwe.) Wenn der Engländer sagen will, daß eine furchtbare Gefahr im Anzug ist, so drückt er olfish ,^gefräßig^', welche beiden Ausdrücke auch auf Säufer angewendet werden können, womit sich im Pariser Argot lauper in der Bedeutung „saufen" vergleichen läßt. Schließ- lich kann wolf als Zeitwort gebraucht werden im Sinne von „gierig essen". (Vgl, im „ßeineke Fuchs" Frau Giere- mund als Name der Wölfin.) Allerdings kann to wolf mit Bezug auf den räuberischen Charakter des Tieres auch „aus- plündern" bedeuten. Wenden wir uns dem Ital. zu, so finden wir Jupo in demselben Sinne gebraucht. Besonders zu be- merken ist, daß im Ital. das Fem. von lupo^ lupa, ohne weiteres für den Begriff „Heißhunger" verwendet wird, namentlich zur Bezeichnung eines krankhaften Zustandes: ü male delJa lupa. Auch heißt es in diesem Sinne im Ital. wie im Engl, (siehe oben) acere nna lupa in corpo, eine Wölfin im Leibe haben. l>er Spanier gebraucht hierfür ein von lobo abgeleitetes lohizno. Das Ital. hat sich übrigens von lupo ein Verbum gebildet, nämlich aJluparey das in der Weise gebraucht wird, daß man z. B. sagt: Bo una fame ehr allupo^ ich habe einen Hunger, daß ich zum Wolfe werde. Auch dem Franz. ist die Redensart amir une faim de loup nicht unbekannt. (Vgl. Kolland, Faune pop. I. pag. 116.") Als Bild unersättlicher Gier erscheint der Wolf in dem franz. Sprichwort: Dieu garde la Umr des Umps^ Gott bewahrt den Mond vor den Wölfen, was an den altgermanischen Mythus von den Sonne und Mond verfolgenden Wölfen erinnert In einer anderen Version heißt das Sprichwort: Ia^ hnie w*(i rien a craindre des loups, der Mond hat von den Wölfen nichts zu befürchten. (VgL Kolland, Faune pop. I, pag. 123.) Im Deutschen sagt man in ähnlichem Sinne : Gott sorgt dafür, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Da Gier und Geiz nahe verwandte Begriffe sind — im älteren Deutsch sind die beiden Wörter sogar Synonyma — ist es erklärlich, daß dem Spanier der Wolf Symbol des Geizes ist, wie erhellt aus der Redensart: esperar del lobo came^ vom Wolfe Fleisch erhoffen, d. h. vom Geizigen Freigebigkeit erwarten. Die mittelalterliche Symbolik stellte die Figur des Geizes auf einem Wolfe reitend dar. Wenn in den romanischen Sprachen ein kreisrundes Ge- schwür unter der Haut „Wolf" genannt wird (span., ital. lupia^ Der Wolf. 33 frz. loupe)*) so beruht diese Bezeichnung wohl auf dem gierigen TJnisichfressen und dem gefahrlichen Charakter dieses Ge- schwüres. Interessant ist, daß im Franz. diese Metapher wieder andere Metaphern gezeitigt hat. So bezeichnet man mit loupe den Knorren eines Baumes, ferner den Höcker des Kamels und schließlich ein rundes Vergrößerungsglas. In den beiden ersten Fällen ist das tertium comparationis die An- schwellung, in letzterem Falle die kreisrunde Form. Daß im Span, lobo neben mona und zorra für Rausch ge- l}raucht wird, wurde schon beim Aflfen erwähnt. Dieselben Redensarten wie mit mona und zorra werden demnach auch mit lobo gebildet. So sagt man coger un lobo, pillar un loho, «inen Wolf fangen, d. h. einen Bausch kriegen. Die Redens- art dormir el lobo, den Rausch ausschlafen, beweist, daß die Metapher als solche nicht mehr gefählt wird. Der Wolf ist infolge seiner Raubgier ein sehr gefährliches Tier ; mit Vorliebe stellt er dem Schafe nach, das ihm wegen seiner vollständigen Wehrlosigkeit eine bequeme Beute ist. {Vgl. franz. avoir le courage du loup, den Mut des Wolfes haben, d. h. nur Wehrlosen gegenüber mutig sein.) Auf das feindliche Verhältnis zwischen Wolf und Schaf bezieht sich «ine sprichwörtliche Redensart, die sich als lateinisches Erb- gut in allen romanischen Sprachen findet. Im Lat. lautet die Redensart: ovem lupo committere, das Schaf dem Wolfe anver- trauen, wofür man im Deutschen sagt: den Bock zum Gärtner machen (im älteren Deutsch aber auch: die Schafe dem W 1 f e b e f e h 1 e n). Im Ital. heißt es : dar le pecore in guardia er Fuchs. heit oder Zerstreutheit heuchelt, se kace el zorro, er macht den Fuchs. Vom Standpunkte des überlisteten Opfers aus gebraucht der Spanier zorrera für „Schläfrigkeit" und zorrer& für „schläfrig, langsam, schwerfällig". Möglicherweise be- ziehen sich diese Metaphern aber auf den wirklichen Schlaf des Fuchses, der nach Brehm ein außerordentlich fester sein soll. So heißt es von einem wortkargen Menschen: Estä hecho un zorro, wörtl.: Er ist in einen Fuchs verwandelt, was auch in Übereinstimmung mit zorrera und zorrero auf einen schläfrigen Menschen angewendet werden kann. So be- deutet auch tener zorra, einen Fuchs haben, „sich schwer im Kopfe fühlen". Da nun die Schläfrigkeit oder die Kopfschwere^ sehr häufig eine Folge von übermäßigem Alkoholgenuß ist,, so wird jsforra, indem metonymisch die Wirkung für die Ur- sache gesetzt wird, im Sinne von „Rausch" gebraucht,, womit sich im Engl, foxed „trunken" vergleichen läßt. De- söllar la zorra^ den Fuchs häuten, heißt demnach logischer- weise „den Kausch ausschlafen". Hierher zu ziehen ist jeden- falls auch die im frz. Trinkerargot gebrauchte Redensart piqmr un re^iardj einen Fuchs stechen, für „sich erbrechen"^ wofür auch renarder {queue de renard „Fuchsschwanz" = da» Erbrochene) gebraucht wird. Das Erbrechen ist nämlich so- wie die Schläfrigkeit häufig eine Folge von allzu kräftigen Libationen. Setzen wir nun renard = zorra „Rausch",, so haben wir es abermals mit einer Metonymie zu tun, indem wieder die Ursache für die Wirkung gesetzt er- scheint. Auch im älteren Deutsch (z. B. im Simplizissimus) kommt in derselben Bedeutung die Redensart vor einen Fuchs schießen;*) daneben heißt es auch einen Fuch& machen, rupfen, streifen (eigentl. ihm den Balg ab- ziehen, vgl. weiter oben span. desollar la zorra). Schraders^ Deutung (Bilderschmuck d. deutschen Sprache, pag. 212) klingt nicht unwahrscheinlich, ignoriert aber die fremdsprachlichen Analoga. Eine Reihe von Sprichwörtern und metaphorischen Redens- *) Obige Erklärung würde allerdings darch die im selben Sinne ge- brauchte Redensart „einen Löwen schießen^ (bei Hans Sachs] in Frage gesteUt werden, wenn man hierin etwas anderes als eine metaphorische Analogiebildung sehen woUte. Der Fuchs. 45 arten dreht sich um das Verhältnis des Fuchses zu seiner Beute. Seine Lieblingsgerichte sind Hühner und Gänse, weswegen •er als geschworener Feind des Hühnerhofes gilt. So ge- braucht der Engländer die Eedensart to set the fox to Tceep ihe geese, dem Fuchs die Gänse zu hüten geben, in demselben Sinne wie der Deutsche „den Bock zum Gärtner machen" oder der Italiener lasciar le pere in guardia aW orso. Ebenso sagt der Franzose von einem, der das Interesse der ihm An- vertrauten verrät: 11 vend la poule ati renard, er verkauft das Huhn dem Fuchse. Von einem Heuchler, der die Unerfahrenen zu überlisten sucht, heißt es : Le renard priche aux poules, der Fuchs predigt den Hühnern. Dem entspricht im Deutschen das Sprichwort: Wenn der Fuchs predigt, so hüte 4er Gänse. Genau so heißt es engl. : When the fox preaches, take care of your geese. Im Ital. tritt wieder das Huhn an Stelle der Gans : Quando la volpe predica, giuirdatevi^ galline. Unser deutsches: Ein schlafender Fuchs fängt kein Huhn erscheint im Franz. in folgender Form: Benard qui -dort la grasse matinde, rCa pas la gueule emplumie^ ein Fuchs, er Fuchs. vom Fuchs und den Trauben ebenfalls geläufig. (Vgl. Rolland^ Faune pop. I, pag. 169, 11.) Da der Fuchs sehr häufig dem Jäger ins Gehege kommt und ihm eine empfindliche Konkurrenz macht, so ist es er- klärlich, daß dem Meister Keineke eifrig nachgestellt wird und er gar oft trotz seiuer Ränke und Kniffe erliegen muß. Auf diese Tatsache spielt an das deutsche Sprichwort: Alle listigen Füchse kommen endlich beim Kürschner in der Beize zusammen, das sich auch in den übrigen Kultursprachen findet. Englisch lautet es: Every fox must pay his own sMn to the flayer, jeder Fuchs muß sein Fell dem Abzieher geben, ital.: Tutte le volpi si trovano in pellicceriay franz. ebenso: Enfin les renards se trouvent diez le pelletier^ schließlich finden sich die Füchse beim Kürschner, span. Alld nos veremos en el corral de los pellejeroSj dort werden wir uns wiedersehen, im Hofe der Kürschner. Denselben Gedanken drückt aus das deutsche Sprichwort: Man fängt auch wohl den gescheitesten Fuchs, das sich auch im ItaL findet: Anche delle volpi si piglia. Im Span, und Franz. heißt es in etwas anderer Fassung: Mucho sähe la zorra, pero mäs^ quien la toma — Le renard en sait long, mais celui qui le prend en sait un peu plm, viel kann der Fuchs, jedoch mehr, der ihn fängt, d. h. ein Schlauer findet noch immer einen Schlaueren^ der ihn überlistet. (Vgl. ital. Molto sa il ratio, ma piü ne sa il gatto.) Daß jeden Fuchs die Strafe ereilt, lehrt ein anderes span. Sprichwort : No hace tanto la zorra en un ano como paga en una hora, der Fuchs verbricht in einem Jahre nicht soviel als er in einer Stunde bezahlt. Wenn der Spanier sagen will,, daß er in irgend einer Sache sehr bewandert ist oder große Erfahrung besitzt, so meint er: No es laprimera zorra qae he desollado, das ist nicht der erste Fuchs, den ich gehäutet. Dem Deutschen eigentümlich ist die metaphorische Ver- wendung des Wortes „Fuchs" zur verächtlichen Bezeichnung gewisser Stände wie Federfuchser, ein geringschätziger Ausdruck für einen Schreiber, oder Schul fuchs, in tadeln- dem Sinne auf einen pedantischen Schultyrannen angewendet. Der in Norddeutschland gebrauchte Ausdruck Pfennig- fuchser bezeichnet einen Knicker, der jeden Pfennig zählt, bevor er ihn ausgibt. Hierbei möge vergleichsweise an den Der Fuchs. 47 Bedeutungswandel von „karg" erinnert werden, das ursprünglich „sehlau" bedeutete, was zum Charakter des Fuchses vorzüglich paßt. Mit diesen Ausdrücken steht in begrifflichem Zusammen- hange das schon erwähnte fuchsen in der Bedeutung von „ärgern". Man muß wohl Schrader beistimmen, wenn er diese Metapher von dem geprellten Fuchs hergeleitet wissen will. Das Prellen des Fuchses war ehemals eine sehr beliebte Unter- haltung der Landjunker. „Ein gefangener, lebendiger Fuchs wird mit einem mehr langen als breiten von zwei Personen gehaltenen Netze oder Tuche so lange in die Höhe geschnellt oder geprellt, bis er völlig erschöpft oder tot ist." (Schrader, Büderschmuck d. d. Spr., pag. 212 ff.) Vom Fuchsprellen stammt möglicherweise auch „Fuchs" als terminus der Studenten- sprache für einen angehenden Burschenschafter, da sich dieser ja von den „Burschen" manche mehr oder minder derbe Neckerei gefallen lassen muß. Kluge vermutet übrigens, daß dieses Wort von dem alten „Feix" oder „Fex", das im 17. Jahrhundert für einen angehenden Studenten gebraucht wurde, beeinflußt worden sei. Auch das Wort „Schulfuchs" in der Bedeutung von „eben der Schule entronnener Fuchs" mag hier mitgewirkt haben. Im zweiten Semester avancieren die Füchse zu Brandfüchsen. Sanders gibt hierzu folgende Erklärung: „Die Füchse werden am Anfange des zweiten Semesters zu Brandern gebrannt, indem sie durch ein Spalier laufen müssen, wo dann die Burschen versuchen, ihnen mit talgbeschmierten, langen Fidibus die Haare anzuzünden. Wohl Anspielung auf die Brände, die Simson den Füchsen anhing, um den Philistern zu schaden." Zu dem studentischen „Fuchs" stimmt auch der franz. Ausdruck renard für einen angehenden Handwerksgesellen. Auf eine eigentümliche Art des Fuchsfanges bezieht sich der metaphorische Gebrauch von span. zorra in der Bedeu- tung „meretrix", womit sich der deutsche Ausdruck eine aus- ge fuchste Hure \rergleichen läßt. An einen Baum mitten im Walde wird eine rennende Füchsin angebunden, um die Männchen herbeizulocken, die sich dann in den ringsum auf- gestellten Netzen fangen. Hierauf mögen wohl auch die oben erwähnten sprichwörtlichen Redensarten wie „cow volpi convien volpeggiare^, ^avec le renard on renarde^^ usw. basieren. 48 i>a8 Wiesel. Auf folkloiistisches Gebiet fBhrt uds die Verwünschnngs- formel: Hol ihn der Fuchs! worin „Fuchs" als Glimpf- wort für „Satan" erscheint. Nach einem alten Volks- glauben sah man im Fuchs eine Personifikation des Teufels. Der ränkevolle Charakter des Tieres und namentlich die Farbe seines Pelzes — rot ist die Farbe des Feuers — machen diesen Aberglauben, der in der Behauptung des Origenes, der Teufel trage einen Fuchspelz, eine Bekräftigung fand, erklärlich. Hierher zu ziehen ist wohl auch der Aus- druck fuchsteufelswild, was also heißt: wild wie ein Fuchsteüfel, d. i. ein Teufel in Fuchsgestalt Schrader aller- dings stellt diesen Ausdruck zu „fuchsen" im Sinne von „ärgern". Dieselbe Auffassung vom Wesen des Fuchses be- gegnet uns im Spanischen, wo der Ausdruck zorra vieja „alte Füchsin" soviel bedeutet als „alte Hexe", womit sich auch engl, vixen == Füchsin als Bezeichnung für ein altes, böses Weib vergleichen läßt. Das Wiesel. Obwohl der Name dieses Tieres wenig zur Bildung von Metaphern verwendet wird, so wollen wir ihn doch zum Gegen- stand unserer Betrachtung machen, da die Bezeichnungen für dieses Tier in den verschiedenen Sprachen semasiologisch interessant sind, indem sie nämlich selbst äußerst durchsichtige Metaphern repräsentieren. Die germanischen Benennungen des Tieres, deutsch Wiesel, engl, ebenso toeasel, dieses zurückgehend auf altengl. wb'sle, jenes auf ahd. toisula^ sind allerdings etymologisch noch nicht sicher erklärt. Einige ver- muten Anlehnung an „Wiese", es würde demnach das Tier nach seinem Aufenthaltsorte benannt sein. Der lat. Name des Wiesels, mustella, erweist sich als Diminutiv von mm „Maus" ; bekanntlich rechneten die Alten Wiesel, Marder, Zobel und ähnliche Tiere zum Mäusegeschlecht.*) Dieses Wort ist in oberitalienischen Dialekten, im Provenzalischen und im Altfranz, erhalten, im Neufranz, wurde es ersetzt durch belette. *) über die romanischen Bezeichnungen des Wiesels hat ausführlich gehandelt Flechia im Archivio glottologico, II, pag. 51. Das Wiesel. 49 Dim. von helle ^ was „kleine Schöne" bedeutet, und in der Tat besitzt dieses Tierchen, das das kleinste unter den Raubtieren ist, eine schlanke, zierliche Gestalt, welche im Verein mit dem schöngefärbten Pelz obige Bezeichnung voll- kommen rechtfertigt. Zu der franz. Benennung stimmen nun in auffallender Weise die Ausdrücke in den übrigen Kultur- brachen. So hei&t das Wiesel im Mittelengl. fairie {fatry) „Fee", im Ital. donnola „Dämchen", im Span, comadreja „kleine Ge- vatterin^^ Ein Analogon hierzu findet sich in einigen deutschen Dialekten, wo das Tier „Mühmchen" genannt wird, während man es in anderen mit „Schöntierle" bezeichnet, was wieder wörtlich zu franz. belette stimmt. Auch im Dänischen und im Bretonischen geht die Bezeichnung für dieses Tier auf den Be- griflf „schön" zurück. (Vgl im Neugriechischen wf4er Bär. abgemhteten B&ren bezieht sich die Bedessart tanzen wie ein Bär, d. h. schlecht, ungraziös tanzen. Ebenso sagt der Italiener baUare came un crso und far la parte delV orso danr- zante, die Bolle des Tanzbären spielen, d. h. den Hans- wurst machen. Gleichfalls vom Tanzbären, der einen Maul- korb trägt, ist hergenommen die Redensart mettere la muse" ruola aiV orso, dem Bären den Maulkorb anbinden, d. h. jemd. zum Schweigen bringen. Ours ist femer im franz. Drucker- jargon der Spitzname der Prefidrucker, deren Metier ein den Bewegungen des Bären ähnliches Hin- und Herwiegen des Körpers bedingt. (Vgl. Bozan, Les animaux dans les proverbes, I, pag. 278.) Als geistig plumpes Tier erscheint der Bär in der Lafontaineschen Fabel L'ours et Vamaieur des jardim, wo erzählt wird, wie Meister Petz seinen schlafenden Herrn ums Leben bringt, indem er ihm, um eine Fliege zu vertreiben, einen großen Stein auf die Stirne schleudert. Mit Bezug auf diese Fabel nennt man im Franz. einen ungeschickten Freundes- dienst, der zum Schaden dessen ausschlägt, dem er nützen soll, le pavi de Tours y den Stein des Bären. (Vgl. Rozan, Les animaux dans les proverbes, I, pag. 278.) Nach einem alten Volksglauben kommen die jungen Bären in unföimlicher Gestalt zur Welt und werden erst durch eifriges Belecken von selten der Bärin geformt. Daher nennt man im Deutschen einen ungezogenen Menschen einen ungeleckten Bären, im Engl, unlicked cuh. (Cub bezeichnet das Junge wilder Tiere.) Das Lecken ist die Erziehung, die der Un- gezogene eben vermissen lä£t. Ganz dieselbe Metapher findet sich im Ital. und Franz. : tm orso mal leccaio^ un ours mal Uchi. Im Ital. kann sich diese Metapher auch auf eine im Äußeren vernachlässigte Person beziehen. Damit hängt zusammen die familiäre franz. Redensart lecher Tours, die soviel bedeutet als „sich instruieren^ und auf einen besonderen Fall angewendet „sich genaue Kenntnis von etwas verschaffen^. Da aber das Lecken der Bärin nicht immer von Erfolg be- gleitet zu sein scheint, so kann die Redensart auch den Sinn haben „unnötig Zeit mit etwas verbringen'^ Auf das Brummen des Bären, das als eine Äußerung schlechter Laune aufgefaßt wird, besüeht sich das deutsche Brummbär, womit wi mürrischer MeuBch bezeichnet wird, der in unwirschem Tone Der Bilr. 53 aatwortet. Auch im Ital. und Franz. kann arso, bzw. ours so gebraucht werden. Daneben macht sich allerdings eine andere Auffassung Ifeltend, die den Bären trotz seiner äufieren Wildheit als harmloses Tier erscheinen läßt, da er bei weitem weniger aggressiv ist als der Wolf oder die katzenartigen Raub« tiere. So spricht man im Deutschen von einem gut- mütigen Bären und einen ähnlichen Sinn kann auch das itaL orso haben. Auf die unschuldige Obstliebhaberei des Bären spielen im Ital. einige sprichwörtliche Sedensarten an, so z. B. invüar Vorso edle pere, den Bären zu Birnen ein- laden, d. h. jemd. zu etwas auffordern, was er gern tut, las- dar le pere in guardia alV orso, die Birnen der Hut des Bären anvertrauen, wofür man im Deutschen sagt: den Bock zum Gärtner machen. Dem deutschen „Mit großen Herrn ist nicht gut Kirschen essen^ entspricht im ItaL, das Sprichwort: Chi divide le pere colT orso, ri ha sempre meno qtse parte, wer die Birnen mit dem Bären teilt, hat immer weniger als sein Teil. Schließlich ist noch hierher zu ziehen das Sprichwort : Uorso sogna pere^ der Bär träumt von Birnen, d. h. was man wünscht, von dem träumt man. Im guten Sinne gebraucht man im Deutschen Seebär, im Ital. orso marino, womit man einen Seemann bezeichnet, der hinter seinem rauhen, kurz ange- bundenen Wesen eine biedere Seele birgt. Auf die einsame Lebensweise des Bären, der im Gegensatz zum Wolfe seines- gleichen meidet, bezieht sich im Franz. die Redensart vivre comme un ours, leben wie ein Bär. In einigen Metaphern kommt eine der obigen direkt wider- sprechende Auffassung vom Wesen des Bären zum Aus-» druck, indem dieser als gefahrliches Tier mit Löwe, Wolf und anderen Raubtieren in eine Linie gestellt wird. Daher nennt man im Deutschen einen groben Menschen, der immer bissige Antworten bereit hat, bärbeißig. (Die mittelalterliche Symbolik stellte die Figar des Zorns auf einem Bären reitend dar). Hierher zu ziehen ist auch die im älteren Deutsch belegte Redensart einen Bären fangen oder stechen, d. h. etwas Gefahrvolles unternehmen. In der gleichen Bedeutung gebraucht der Italiener die Wendung peJar Vorso, dem Bären das Fell über die Ohren ziehen. Eine analoge Auffassung des Bären findet 54 I>er Bftr. sich im franz. Argot: Envoyer qn. ä Vours, jemd. zum Bären schicken, heißt ihn ,,zum Teufel wünschen". Damit mag zusammenhängen, wenn im Volksmunde die Polizeistube ours genannt wird. Wer da drin sitzt, entkommt eben so schwer wie einer, den der Bär in seinen Armen hält. Auf dem Aber- glauben, daß, wer einmal auf einen Bären gestiegen, für immer von Furcht geheilt sei, beruht die Redensart il le faut faire monier sur Tours, man muß machen, daß er auf den Bären steigt, d. h. man muß ihm Mut machen. (Vgl. EoUand, Faune pop., I, pag. 42, 3.) Wegen der Gfefahrlichkeit des Tieres gilt die Bären- haut als schwer zu erringende Beute. Darauf bezieht sich das Sprichwort: Man muß die Bärenhaut nicht eher verkaufen, bis man den Bären hat, d. h. man soll über eine Sache nicht eher verfügen, bis man in ihrem Be- sitze ist, wohl mit Anspielung an die allen Literaturen be- kannte Geschichte von den beiden Gascognern, die den Wirt mit der Haut eines noch nicht erlegten Bären zu bezahlen versprachen. Dieses Sprichwort findet sich auch im Engl.: DonH seil the bear's skin, before you have cau^ht the bear. Ebenso sagt der Italiener : Non si deve vendere la pelle delV orso prima che sia morto und der Franzose : II ne faid pas vendre la peau de Vours avant de Vavoir pris. Hier sei noch das deutsche Bärenhäuter erwähnt, womit man einen Faulenzer zu bezeichnen pflegt mit Anspielung darauf, daß die Germanen ihre freie Zeit auf der Bärenhaut liegend verbrachten. Mit der Auffassung des Bären als gefährlichen Tieres mag zusammenhängen der scherzhafte Gebrauch des Wortes für drückende Schulden. Wenn man bei jemd. Schulden macht, sagt man, man binde ihm einen Bären an. Man wird dem Betreffenden daher aus dem Wege gehen, um mit dem gefährlichen Tier nicht in Berührung zu kommen. Bezahlt man seine Schulden, so ist der Bär gewissermaßen losgebunden und man hat nichts mehr zu fürchten. Daß diese übrigens von Schrader zuerst versuchte Deutung die richtige ist, be- weist das Französische, wo der dem Gläubiger angebundene Bär mit jenem geradezu identifiziert wird, so daß man ours für den Gläubiger selbst gebraucht. Etwas schwieriger zu erklären scheint die Redensart jemd. einen Bären auf- Der Bär. 55 T}inden, was soviel bedeutet als ,,jemd. etwas weis machen, jemd. ein Märchen auftischen". Diese Eedensart, deren ver- schiedene Deutungsversuche man bei Schrader*) nachlesen möge, kann nur auf sprachvergleichendem Wege erklärt werden. Im Pariser Argot bezeichnet man nämlich mit ours eine langweilige, wenig glaubwürdige Geschichte und im weiteren Sinn ein Buch das überall zurückgewiesen wird. Der unglückliche Autor, der mit seinem Erzeugnis vergebens hausieren geht, ist dann der marchand d^ours oder meneur d'ourSj der „Bärenführer". Rozan (Les animaux dans ies proverbes, I, pag. 279) führt diese Metapher auf die Scribe- Saintinesche Posse Vours et le pacha zurück, in welcher ein Tierhändler vorkommt, der einen Bären loszuwerden sucht und jedermann zum Kaufe auffordert mit den Worten : Prenez mon ours! Aber auch so läßt sich die Metapher erklären: Der Bär ist ein schwerfälliges, plumpes Tier und es ist durch- aus nicht auffallend, wenn ein langweiliges Geistesprodukt — «ei es nun eine kurze Geschichte oder ein langer Roman — als „ours'^ bezeichnet wird. So sagt man z. B. im Engl.: Are you there with your bear? in dem Sinne von: Kommst du «chon wieder mit derselben Geschichte? Im Pariser Argot sagt man von einem, der langweilige Räuber- oder Gespenster- geschichten erzählt, il pose un ours^ er stellt einen Bären hin, und von dem, der sie glaubt, il attache Vours, er bindet den Bären an (nämlich sich selber oder für sich, damit er ihm nicht davonlaufe). Somit dürfte die deutsche Redensart „jemd. 'einen Bären aufbinden" erklärt sein. Schließlich noch ein Wort über den „großen Bären" und „kleinen Bären", die Namen zweier bekannter Sternbilder. Diese Benennung beruht auf der Mißdeutung von sanskrit nrch „glänzen", das die Griechen in das ähnlich klingende ÄßXTog „Bär" umwandelten.**) *) Bilderschmuck d. deutschen Sprache, pag. 223 f. Vgl. ferner die Erklärungsversuche Euhins in Zeitschrift f. d. deutschen Unterricht, YIII, pag. 598 f. **) Auch in deutsch Batzen steckt der Name des Bären (Betz = Petz). Dies Wort bezeichnete nämlich ursprünglich eine Bemer Münze mit dem Berner Stadtwappen, einem Bären. (Vgl. ital. hezzi „Münzen*'.) 50 Das Eichhtoichen. Das Eiohhömclien. Die Etymologie des Wortes „Eichhorn" bietet Schwierig- kdten. Sme urgermanische Form ist nicht zu ermitteln. Der zweite Bestandteil des neuhochd. Wortes „Hörn" beruht auf Yolksetymologischer Umbildung. Aus der Vergleichung^ mit den übrigen germanischen Sprachen ergibt sich sicher^ dafi die ursprüngliche Bedeutung des Wortes die von „Eich- tierchen" ist, da die Eiche der Lieblingsbaum des Eichhorn*- cbens ist. Die Angleichung an „Hom" ist wohl zu erklären aofi dem buschigen, aufrechtstehenden Schwänze, der tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Hörn hat. Übrigens wird in vielen deutschen Gegenden Eichkätzchen anstatt „Eich- hörnchen" gebraucht. Hiermit ist zu vergleichen die in Frank- reich übliche volkstümliche Bezeichnung chat ecurieax für ecureuü (mit volksetymologischer Anspielung an curieux „neu- gierig"). Im Hessischen wird das Tierchen Baum fuchs ge- nannt, wohl wegen der meist rötlichen Färbung seines Felles. In den romanischen Sprachen gehen die Bezeichnungen für „Eichhörnchen" — ital. sccjaUo, scqjattolo, span. esquirol, esquilo^ frz. ecureuü (eeurieu als Wappenausdruck) — auf lat. sciurus zu- rück, woraus durch Metathese scuirus wurde. Dieses Wort hat das^ Lateinische dem Griechischen entlehnt, wo es (nuovQog lautet {OKut „Schatten", ovQd „Schwanz"), was „Schattenschwanz" bedeutet. Das lat. Wort ist auf dem Umwege über das Altfranz, (esquirrel) auch ins Englische eingedrungen, wo es noch heute als squirrd existiert. Lautlich und semasiologisch interessant ist das sardische schitru, das einerseits deutlich das lat. Etymon er- kennen läßt, andererseits aber seine Bedeutung geändert hat,, indem es nämlich auf den Marder angewendet wird. Im Span, wird übrigens neben esquirol auch ardilla gebraucht, das mög- licherweise auf nitedula, nüella „Haselmaus" zurückgeht. Der Phraseologie liefert das Eichhörnchen keinen besonder» reichen Stoff. Die paar Metaphern und Redensarten, die von diesem Nager hergenommen sind, beziehen sich — mit Aus- nahme etwa des ital. mu^o aguzzo come uno scoiattölo, ein Maul spitz wie ein Eichhörnchen — ausschließlich auf die außer- ordentliche Lebhaftigkeit des Tierchens, das sich keinen Das Mnrmeltder. 57. Augenblick Ruhe gönnt und mit schwindelerregender Be* hendigkeit von Ast zu Ast hüpft. (Vgl. ital. fuggire come uno acoiattolo, fliehen wie ein Eichhörnchen.) Da Lebhaftigkeit der Bewegung als Zeichen guter Laune gilt, so sagt man von einem lustigen Kinde, es sei munter wie ein Eichhörn- chen. In demselben Sinne gebraucht der Spanier ardüla und der Franzose icureuil {vif comme un ecureuü). Während in diesen Redensarten das rastlose Hin- und Hersehießen des Eichhörnchens als Ausfluß einer besonders munteren Natur- anlage betrachtet wird, erscheint es in anderen wieder als ^zweifelhaftes Symptom der Verrücktheit oder wenigstens eines unberechenbaren Charakters. „Er lief über die Stiege wie ein verrücktes Eichhörnchen" bekommt man in der deutschen Studentensprache oft zu hören. Analog nennt der Engländer einen zerfahrenen, strudelköpfigen Menschen squirrel-minded, d. h. begabt mit der Gremütsart eines Eich- hörnchens. Auf das resultatlose Auf- und Abschießen des Tierchens in seinem Drehbauer bezieht sich die franz. Redens- art faire TScureuil, das Eichhörnchen machen, d. h. eine über- flüssige Arbelt tun. Einen tadelnden Sinn hat auch die drastische deutsche Redensart: Er hat's im Maul wie das Eichhörnchen im Schwanz, von jemd. gesagt, dessen Mund fortwährend in Bewegung ist wie der Schwanz des Eichhörnchens (hauptsächlich auf Prahler angewendet). Gleich- falls mit Bezug auf die außerordentliche Behendigkeit des Tierchens gebraucht der Engländer die Redensart to hunt (he squirrel, das Eichhörnchen jagen, für das Haschenspielen der Kinder. Das Murmeltier. Was zunächst die Etymologie des deutschen Wortes be- trifl't, so ist Murmeltier durch volksetymolc^ische An- gleichung von mhd. mürmendin, ahd. murmuntin, an „murmeln'' entstanden. Das althochdeutsche Wort gebt nach Kluge auf I9A. murem (mus) montis zurück, woraus ital. marmotia, span. marmota, frz. marmatte entstanden sei. Nach Jeanroy jedoch ist marmotte Femininum zu marmat Junges Kind, Affe'' (im älteren Franz. bedeutet auch marmatte „Affe"), und dieses ist 58 l^AS Murmeltier. ein Diminutiv von afrz. merme = lat. minimm. Das ital. marmotta sowie das span. marmota wären in diesem Falle Entlehnungen aus dem Französischen. Wie dem auch sei, jedenfalls hat bei dem franz. Worte ebenso eine Angleichung an marmotter „murmeln" stattgefunden wie bei murmuntin an „murmeln". Die Engländer, in deren Land das Tier nicht vorkommt, haben die Bezeichnung dafür (marmot) dem Franz. entlehnt. Auch wird — wie wir weiter oben gesehen haben — hearmouse „Bärmaus" dafür gebraucht. Von diesem Tiere sind nicht besonders viele Metaphern ge- bildet, was bei der geringen Verbreitung desselben — es kommt nur noch in den Alpen, Pyrenäen und Karpathen vor — nicht zu verwundem ist. Gemeinsam ist dem Deutschen, Ital. und Franz. die Redensart schlafen wie ein Murmeltier; ital. dormire come una marmotta^ franz. dormir comme une marmoUe. Auch bezeichnet man im Ital. mit dem Worte überhaupt einen trägen Menschen. Tatsächlich hält das Murmeltier in selbst- gegrabenen Höhlen einen Winterschlaf. Übrigens sagt man ebenso häufig ital. dormire come un ghiro, franz. dormir comme un loir, deutsch „schlafen wie ein Siebenschläfer". Im Deutschen ist in diesem Falle umgekehrt der Name des Tieres eine Metapher. Auf den Winterschlaf des Murmeltieres bezieht sich auch im Ital. der Vergleich zitti come le marmoUe, ruhig wie die Murmel- tiere, sowie die Redensart far la marmotta, das Murmeltier spielen, d. h. die Zeit vertrödeln. Originell ist die pistojesische Redensart pigliare una marmotta, sich einen Schnupfen holen, wörtl.: ein Murmeltier fangen. Wer dieses Tier fangen will, muß sich in die Regionen des ewigen Schnees begeben und setzt sich so natürlich leicht der Gefahr einer Verkühlung aus. (Metonymie: Ursache für Wirkung.) Bitteres Unrecht tut man jedoch dem guten Murmeltier, wenn man es, wie dies im Ital. geschieht, als Symbol eines menschenscheuen Ein- siedlers gebraucht. Es ist im Gegenteil sehr geselliger Natur und läßt sich auch leicht zähmen, was die vielen Savoyarden- jungen beweisen, die sich ehemals mit diesem Tier den Lebens- unterhalt verdienten und denen es seine Popularität zu ver- danken hat. Wie populär es z. B. in Oberitalien ist, ersieht man daraus, daß die Mütter ihren Kindern mit dem Murmeltier drohen {Ecco la marmotta! Lasda stare! c'^ la marmotta!). Das Murmeltier. 59 wie bei nns mit dem „Wauwau" oder dem „schwarzen Mann" gedroht wird. Mit Beziehung auf das ehemalige Herumzeigen von Murmeltieren seitens armer Savoyarden, die deswegen in familiärer Sprache geradezu marmottiers genannt wurden, be- zeichnet der französische Handlungsreisende seinen Muster- kasten treffend als marmciU. Schließlich wird der Name des Murmeltieres gebraucht zur Bezeichnung einer eigentümlichen Kopftracht, die seinerzeit in gewissen Gegenden Frankreichs und Spaniens bei Weibern und Kindern sehr beliebt war. Man umwickelte nämlich den Kopf mit einem seidenen Taschen- tuch, so zwar daß die Enden über den Ohren zusammenge- bunden wurden. In den so entstandenen Zipfeln mag man leicht eine gewisse Ähnlichkeit mit den kurz abstehenden Ohren des Murmeltieres gesehen haben. (Vgl. ital. viso di marmoUa „Murmeltiervisage".) Für den Tiergeographen nicht minder interessant wie für den Semasiologen ist die franz. Bezeichnung für „Hamster". Da dieses Tier in Frankreich fast gar nicht, in Deutschland aber sehr häufig vorkommt, so nennt es der Franzose deutsches oder Straßburger Murmel- tier {marmotte d'Ällemagne^ marmotte de Strasbourg), wozu ihm die große Ähnlichkeit der beiden Tiere ein gewisses Recht gibt.*) Die Bezeichnung marmotte de Strasbourg muß allerdings befremden, auch könnte sie leicht die irrige Meinung hervor- rufen, daß in der Gegend von Straßburg der Hamster ganz besonders zu Hause sei. Die Sache verhält sich aber ganz anders. Die Stadt Straßburg ist dem Franzosen als die nächst- gelegene größere deutsche Stadt die Eepräsentantin des Deutsch- tums. Deutsches Bier, deutsche Würste, deutscher Schinken werden allgemein mit dem Zusatz „de Strasbourg^ angepriesen, auch wenn sie aus ganz anderen Gegenden Deutschlands stammen, vielleicht wohl auch um das unsympathisch klingende „d' Allemagne^ zu vermeiden. So sagt der Franzose in unserem Falle in allerdings gedankenloser Weise für marmotte d^Älle" magne marmotte de Strasbourg geradeso wie er für jambon cPAllemagne jambon de Strasbourg sagt. Es liegt also hier ein merkwürdiger Fall von Analogiebildung vor. *) Anch wird manchmal geradezu das deutsche Wort „Hamster^ gebraucht. 00 IK« MaoB. Die Maus. Sowohl das deutsche Maus wie auch das engl, n^use^ gehen zurück auf ein gemeinsames müs^ das seinerseits wieder mit lat mu8, griech. fiüg, sanskrit müS übereinstimmt. Kluge sieht in diesem Umstand wohl mit Recht den Beweis, daß das Tier den Indogermanen in ihrer Urheimat bereits bekannt war, und zwar beruht nach ihm das Wort auf einer altindo^ germanischen Wurzel mm „stehlen^. Die Maus wäre dem- nach die „Diebin". Wie wir weiter unten sehen werden, findet diese Etymol(^ie eine Bekräftigung in dem metaphorischen Gebrauch des Wortes. (Man denke z. B. an unser „mausen".) Was die hier in Betracht kommenden romanischen Sprachen anlangt, so hat sich das lat mus nur im Altspan, mur und im einigen Ableitungen erhalten. Im Franz. ist es durch «ourtr aus sorex, welches Wort im Lat. eine bestimmte Ai*t von Mäusen, nämlich die Spitzmaus, bezeichnet, ersetzt worden. (Erweiterung des Bedeutungsumfanges.) Im ital. topo ist tatpa^, resp. taipus „der Maulwurf" dafür eingetreten, was insofern nicht zu verwundern ist als die Alten alle möglichen Tier& wie Ratten, Marder, Zobel zum Mäusegeschlecht rechneten^ (Das fem. topa kommt nur im Toskanischen vor, und zwar als Bezeichnung der weiblichen Scham.) Daneben wird sarcio aus sarex (übereinstimmend mit frz. souris) speziell für die Hausmaus gebraucht. Das altspan. mur wurde duix^h ratön verdrängt, das eigentlich „kleine Ratte" bedeutet. Das Suffix on hat hier ausnahmsweise diminutive Kraft wie im Franz. (Vgl. aiglon, oison etc.) Die Maus findet sich überall, wo Menschen hausen, und ist daher nahezu über den ganzen Erdball verbreitet. Es ist da- her kein Wunder, daß alle Sprachen eine große Anzahl von Meta- phern aufzuweisen haben, die sich auf dieses Tierchen beziehen. Fassen wii zunächst die physischen Eigenschaften der Maus ina Auge, so fällt zunächst ihre winzige Gestalt auf, zu der der lange Schwanz in schreiendem Mißverhältnis steht. Wenn der Italiener kleine EartofEelklöße topi nennt, so schwebt ihm da- bei ebenso die kleine, gedrungene Gestalt der Maus vor, wie dem Engländer, wenn er eine kleine Beule als mause bezeichnet. Die Maus. 61 Singegen erinnert sich der Italiener beim Anblick einer langen, •dünnen Zigarre oder einer feinen Seidentroddel an den Schwanz ^er Maus und er steht nicht an, Zigarre wie Troddel coda di topo zu nennen. In der eigentlichen Bedeutung jedoch ist das Wort zu nehmen in der Redensart pitiore di code di topi „Mäuseschwanzmaler^, d. L ein Maler von geringer Bedeutung. Wenn der Engländer aus dem Volke die Eurzsichtigkeit mit mause-sight bezeichnet, so tut er dies in dem naiven Glauben, da£ kleine Augen notwendig kurzsichtig sein müßten. Kleine Zähne nennt der Italiener denti di iopo „Mäusezähne", der Franzose analog dents de souris. Eine Metapher, die sich auf die Gestalt der Maus bezieht, ist der Gebrauch des Wortes für den Begriff „Muskel". Im Deutschen bezeichnete man mit „Maus" ursprünglich jeden Muskel an Arm und Fuß, im Neu- hochd. wird das Wort jedoch infolge Verengung des Be- deutungsumfanges hauptsächlich auf den Muskelballen des Daumens angewendet. Ja, das Wort Muskel selbst, das ein Lehnwort aus dem Lat. ist (musculus = dim. v. wus) bedeutet ^Mäuschen". Hierzu finden sich Analoga in span. mureciUo, 4as Muskel im allgemeinen bedeutet, und in franz. souris, womit in der Terminologie der Tierarzneikunst der Aufhebe- muskel in der Oberlippe des Pferdes bezeichnet wird. Wegen ihrer kleinen Gestalt erscheint die Maus häufig als Symbol des Unbedeutenden, Wertlosen. So in dem engl. u man or a mouse, ein Mann oder eine Maus, d. h. alles oder nichts. Dieselbe Gegenüberstellung von „Mann" und „Maus" findet sich im Deutschen. So sagt man z. B.: Ein Schiff i&t mit Mann und Maus untergegangen, d. h. mit allem, was auf dem Schiffe war, dem Wertvollen und dem Wertlosen. Hierher gehört auch das häufig zitierte lat. Sprich- wort: Parturiunt monteSj nasoetur ridicülus mus (nach Horaz, Ars poetica 139). Es kreißen die Berge, zum Vorschein kommen aber wird nur eine lächerliche Maus. Dies Dictum wird auf Prahler angewendet, die mit Worten großtun, wenn es aber zum Handeln kommt, eine jämmerliche Figur spielen. Der Franzose sagt ähnlich: La numtagne en travaü enfante une souris, der ki*eiße&de Berg gebiert eine Maus. JBbenso der Italiener : II parte de la montagna : i nato un iopo. Ton einem verlegen oder beschämt Dreinschauenden sagt der 62 I>ie Maus. Engländer he looks small like a mome^ er sieht (klein) aus wie eine Maus. (Vgl. deutsch „vor jemd. klein werden**.) Als Bild des Unbedeutenden, Harmlosen erscheint die Maus auch in dem deutschen Sprichwort : Den Schuldigen schreckt eine Maus. Ebenso sagt der Italiener: Äl ladro fa paura anche un sorcio und der Franzose: // ve faut qü'une souris poiir faire peur au michant So klein wie die Maus ist auch ihre Wohnstätte, weshalb man im Deutschen und Engl, ein kleines Zimmer oder einen sonstigen kleinen Raum gern ein Mauseloch, bzw. mouse-höle nennt. (Vgl. ital. casa da topi.) Von einem Furchtsamen, der sich von einer Gefahr bedroht sieht, sagt der Franzose : On le ferait cacher dans un trou de souris, wie man analog im Deutschen sagt : er möchte vor Angst in ein Mauseloch kriechen, d. h. dem Furchtsamen ist kein Loch zu klein, um sich zu verstecken. Daß überhaupt die Maus und ihr Loch zwei unzertrennliche Begriflfe sind, kommt zum Ausdruck im franz. Sprichwort Nulle souris sans pertuis, keine Maus ohne Loch, wofür der Deutsche sagt: Jede Maus hat ihr Haus. Das Mauseloch spielt auch sonst in Sprichwörtern eine gewisse Bolle, z. B. Ein arm Mäuslein, das nur ein Loch hat, ist bald gefangen, d. h. man muß sich auf mehr als eine Weise zu helfen wissen. Dieses Sprich- wort findet sich in allen Kultursprachen. Engl, lautet es: Ä mouse (hat hos btU one hole, is soon caught, ital.: Tristo i quel sorcio che ha un sol pertugio per salvarsi, span.: Batön que no sähe mos que un horado, presto es cazado, franz. : Souris qui rCa qu'un trou est bientdt prise. Hierher gehört ferner das ital. Sprichwort: // solito buco vien a noia anche ai topi, auch die Maus steckt nicht gern immer im selben Loche, d. h. jedermann sehnt sich nach Abwechslung. An die bekannte Fabel vom Maulwurf und dem Igel erinnert das engl. Sprich- wort: I gave the mouse a hole, and she is hecome my heir, ich gab der Maus ein Loch und sie ist meine Erbin geworden, d. h. sie betrachtete sich als Herrin der Behausung. Auch im Span, findet sich dieses Sprichwort: Acogi al ratön en mi agujero, y volviöseme heredero. Auch die Farbe der Maus wird metaphorisch verwendet r dem Deutschen mausgrau entspricht im Engl, mouse-gray^ im Ital. topino, im Franz. gris de souris. Zu erwähnen wäre^ Die Maus. 63 allenfalls noch, daß man im Ital. die Infanteristen wegen ihres granen Mantels scherzweise sorcini nennt. Die Maus gehört zu den Nagetieren, es ist daher das Nagen eine fiir die Maus besonders charakteristische Tätigkeit; dement- sprechend heißt ratonar im Span, „nagen" und in der Seemanns- sprache bezeichnet man mltratones das zackige Gestein am Meeres- grund, das die sich daran reibenden Ankertaue gleichsam an- nagt. Auch im Deutschen denkt man an die Maus als Nagetier in der Redensart : Da beißt keine Maus einen Faden ab, womit man sagen will: An der Sache ist nichts zu ändern; es ist einmal so. Hierher zieht Schrader die Redensart sich mausig machen, was „sich anmaßen, sich zudringlich benehmen" bedeutet, gleichsam wie die Maus, die mit ihren scharfen Zähnen alles annagt, was ihr unterkommt. Heyne und Kluge leiten jedoch das Wort von Mauser „Federwechsel" ab und es würde dann „sich mausig machen" soviel heißen als „die Federn wechseln, sich übermütig herausputzen, um sich hervorzutun". Auf das Flinke und Hurtige in den Bewegungen der Maus beziehen sich nicht wenig Metaphern. Sie ist flink wie eine Maus sagt man im Deutschen von einem behenden Mädchen. In ähnlicher Weise gebraucht der Franzose die Redensart etre eveille comme une potee de souris^ munter sein wie ein Topf voll Mäuse, wie er auch das Wort souris ohne weiteres auf ein lebhaftes Kind anwendet. Desgleichen wird ein Kuß auf das Auge im Pariser Argot mit so wm bezeichnet, indem ein solcher Kuß die Empfindung einer über das Auge huschenden Maus hervorruft. Zur Bezeichnung gewisser intimer Liebkosungen muß gleichfalls die Maus herhalten. So sagt der Pariser für peloter „betasten" auch faire la souris, die Maus spielen. (Über eine zweite Bedeutung derselben Redensart siehe pag. 64.) An das Dahinschießen der Maus denkt der Italiener, wenn er die Schwärmer bei einem Feuer- werk toppi matti „verrückte Mäuse" nennt. Der Gebrauch von „Maus" und „Mäuschen" als Kosewort beruht wohl haupt- sächlich auf dem behenden Wesen der Maus, das, gepaart mit der kleinen, rundlichen Gestalt, dem Tierchen ein charakte- ristisches Gepräge verleiht. So nennt der junge Mann seine Geliebte gern „mein süßes Mäuschen". Hiermit mag auch 64 ^c Maus. der Gebrauch des Wortes f&r den Begriff ^cunnus^ in einigen Gegenden Deutschlands zusammenhängen. Ein Analogon hierzu findet sich im Toskanischen, wo topa „weib- liche Maus^' Bezeichnung des weiblichen Geschlechtsteiles ist. In anderen Gegenden Deutschlands und allgemein in Frank- reich wird in demselben Sinne „Kätzchen'^, bzw. chat, gebraucht, das auch ursprünglich ein auf das Mädchen selbst angewendetes Kosewort ist. Zugleich sind diese beiden Beispiele Belege fftr den durch den Euphemismus verursachten Bedeutungswandel. Goethe gebraucht in seinem Tagebuch und in seinen Briefen für „Mädchen^ sehr häufig den Ausdruck Misel, was das elsässische Diminutiv zu mtis „Maus^ ist (Vgl. Schrader, Bilderschmuck d. d. Sprache, pag. 191.) Analog findet sich bei Shakespeare das Wort motm-huntj wörtl. „Mäusejäger", in der Bedeutung von „Mädchenjäger" gebraucht. (Über den Ursprung der Verwünschung daß dich das Mäuslein beiß' siehe Schrader, Bilderschmuck, pag. 188.) Was nun die moralischen Eigenschaften der Maus anUngt, so ist sie durch ihre Naschhaftigkeit, die sie zu allerlei kleinen Diebereien verleitet, allgemein verrufen. Bedeutet doch das Wort „Maus" selbst, wie oben dargetan wurde, „Dieb". Demgemäß wendet man im Deutschen auf kleinere Diebstähle das Wort mausen an. (Mausen bedeutet jedoch „Mäuse fangen" in dem Sprichwort die Eatze läßt das Mausen nicht.) Ein Analogon dazu bietet das span. Rotwelsch, wo murcio (von mus) „Dieb" und murciar „stehlen" bedeutet. Auch im Schriftspanischen wird ratear für „stibitzen", ratero für „Dieb" und rateria für einen unbedeutenden Diebstahl ge- braucht. Allerdings scheinen diese Wörter von rata „Ratte" abgeleitet zu sein, was jedoch im wesentlichen an der Sache nichts ändert, da ja der Spanier die Mäuse als „kleine Ratten" betrachtet. Hierher zu ziehen ist auch die jetzt veraltete franz. Redensart faire la souris, die Maus machen, d. h. jemds. Tasche geschickt untersuchen und ausleeren. Auf den diebi- schen Charakter dieses Tierchens spielt femer an die ital. Redensart fare come i topolini degli speziali, es machen wie die Mäuschen der Spezereiwarenhändler, d. h. immer mit Lecker- bissen zu tun haben und doch nicht davon essen können, was Die Maus. 65 ungefähr dem deutschen „keinen Löffel haben, wenn es Brei regnet" entspricht. Damit die Maus auf ihren Beutezügen nicht ertappt werde, mufi sie leise und mit großer Vorsicht ans Werk gehen. Daher der deutsche Ausdruck mäuschenstill, womit sich die engl. Redensart to speak like a mouse in a cheese, wie eine Maus in einem Käse, d. h. leise, fast unvemehmlich sprechen, vergleichen läßt. In der deutschen Redensart arm wie eine Kirchenmaus wird die Maus' zur Kirche in Be- ziehung gesetzt. Die Kirchenmaus ist ärmer als eine andere, weil es in der Kirche an Speisevorräten völlig gebricht. An das deutsche „mäuschenstill" erinnert die franz. Redensart on entendrait trotter une souris, d. h. man würde sogar eine Maus laufen hören, so still ist es. Das vorsichtige, scheue Wesen der Maus wird durch das deutsche Duckmäuser trefflich charakterisiert. Das Wort, das aus „Maus" und „ducken" zusammengesetzt ist, bezeichnet einen Menschen, der seine Ziele auf Schleichwegen zu erreichen sucht und seine bösen Absichten unter scheinbarer Harmlosigkeit ver- birgt, geradeso wie die Maus es macht, wenn sie ihre Diebs- gelüste befriedigen will. (Vgl. engl, to mouse in der Bedeutung „leise umherschleichen".) Eine ähnliche Bildung ist Kai- mans er, womit man einen Stubenhocker, Kopfhänger be- zeichnet. Welche immer auch die Herkunft des der Studenten- sprache entstammenden Wortes sein mag {cälamus „Feder"? der Orden der Camaldolenser?), so viel ist gewiß, daß man darin eine volksetymologische Angleichung an „Duckmäuser" (mit Anspielung an „kahl") zu erblicken hat. (Vgl. Andresen, Über deutsche Volksetymologie, 5. Aufl., pag. 238.) Da die überaus kurzen Beine der Maus beim schnellen Laufen kaum sichtbar sind, kann es leicht den Eindruck machen, als bewege sich das Tier kriechend fort, weshalb im Span, ratero geradezu „kriechend" und auf Vögel angewendet „nahe an der Erde hinfliegend" bedeutet. Auf das moralische Gebiet übertragen, bekommt ratero logischerweise die Bedeutung von „duck- mäuserig, niederträchtig". Ebenso bedeutet das davon ab- geleitete raferia „gemeine Denkungsart". Nur dem Deutschen eigentümlich ist der Gebrauch von „Maus" in der Bedeutung „Schrulle, Grille". So sagt man Biegler, Das Tier im Spiegel der Sprache. & 6g Die MauB. ^ B. £r hat Mäuse im Kopf, Ihm steckt der Kopf voll Mäusenester, Er macht ein Gesicht wie ein Topf voll Mäuse. (Vgl. jedoch im ganz anderen Sinne franz. äre iveiUi comme une poUe de souris. Siehe pag. 62.) Nach Sanders werden die hin und her schwirrenden Gedanteen mit Mäusen verglichen. Auch für den Vergleich naß wie eine gebadete Maus findet sich in den übrigen Sprachen kein Analogen.*) Diese Redensart erklärt Schrader ansprechend, indem er darauf hin- weist, daß die Maus als wasserscheues Tier in durchnäßtem Zustand einen besonders jämmerlichen Eindruck macht Der Franzose sagt mit einer dem Deutschen geradezu entgegen- gesetzten Auffassung trempe comme un canard, naß wie eine Ente. Da die Ente ein Wasservogel ist, so ist das Naßsein bei ihr durchaus kein abnormaler Zustand. Mausetot, ein scherzhafter Superlativ von „tot^^, heißt ursprünglich wohl : tot wie eine Maus, die die Katze erlegt hat und in der kein Fünkchen Leben mehr übrig ist. Bei der Häufigkeit der Mäuse ist eine tote Maus ein alltäglicher Anblick.**) Eine interessante Parallele zur deutschen Metapher bietet das engl. Sprichwort tO'^ay a man, to-morrow a mouse, heute ein Mann, morgen eine Maus, d. h. mausetot, das dem deutschen „Heute rot, morgen tot" entspricht. Auf das häufige Vorkommen dieser Tierchen bezieht sich auch die jetzt veraltete franz. Redensart bräler les sauris, die Mäuse verbrennen, d. h. ein Haus in Brand stecken. Es wird eben dabei angenommen, daß in jedem Hause Mäuse sind, gleichsam als wäre die Maugf ein integrierender Bestandteil desselben. (Vgl. das deutsche Sprichwort: Kein Haus ohne Maus, keine Scheuer ohne Korn, keine Rose ohne Dorn.) Daß die Bekanntschaft des Menschen mit der Maus eine uralte ist, scheint im Bewußt- sein des Volkes zu schlummern, wenigstens deutet die ital, Redensart aver piü anni del primo topo, älter sein als die erste *) Es wäre höchstens anzuführen aus dem Franz. der in der Gegen4 der Haute-Loire gebrauchte Vergleich baigne comme un rat, naß wie eine (gebadete) Ratte (vgl. Bolland, Taune pop., I, pag. 22). **) Andresen (Über deutsche Volksetymologie, 6. Aufl., pag. 25) führt als Analoga aus dem Niederdeutschen an poggedod und huckedöd, tot wie ein Frosch, bzw. eine Kröte. x s ^ Die Maus. 67 Maus, d. h. steinalt sein, darauf hin. (Hingegen bezieht sich die Sedensart aver piü anni cPun serpente^ älter sein als eine Schlange, auf das verhältnismäßig hohe Alter, das viele Schlangen erreichen). Die Bedensart mettere fuori Varmi de^ dnque topi, die Wappen der fünf Mäuse heraushängen, d. h. zu altern beginnen, beruht auf einem Wortspiel. Die floren- tinische Familie Vecchieäi {vecchio = alt) hatte nämlich fünf Mäuse im Wappen. Zahlreich sind die Redensarten und Sprichwörter, die sich auf das feindliche Verhältnis zwischen Katze und Maus be- ziehen. Hier sollen nur die gebräuchlichsten angeführt werden. Ein franz. Sprichwort z. B. sagt: Ce qui ne fut jamais ni ne sera, c'est le nid d^une souris dans Voreille d^un chat, was niemals war noch sein wird, das ist das Nest einer Maus im Ohr einer Katze, womit etwas ganz Unmögliches bezeichnet werden soll. Im Deutschen sagt man analog: Es hat noch nie eine Maus einer Katze ins Ohr gebissen. Auf die hinter- listige Art der Katze, Mäuse zu fangen, bezieht sich die franz. Bedensart guetter qn. comme le chat faü la souris, auf jemd. lauern wie die Katze auf die Maus. Unser deutsches Sprich- wort: Ist die Katze aus dem Haus, tanzt die Maus findet sich auch in den übrigen Kultursprachen. Im Engl, lautet es : When the cat is away, (he mice will play, im Ital. : Quando la gatta non d in paese, i topi bäUano, im Franz.: Absent le chat, les souris dansent. Im Span, tritt, wohl um des ]Reimes willen, die Batte an Stelle der Maus : Vanse los gatos, y estiendense los ratos, ziehen die Katzen fort, so breiten sich die Batten aus. Die Katze aber ist nicht die einzige Feindin der Maus, der Mensch bedient sich auch anderer Mittel, um diesen unerwünschten Hausgenossen loszuwerden. Er stellt ihr Fallen. Die Sprache hat sich des Bildes von der Mause- falle bemächtigt, um das Verhältnis zwischen Betrüger und Betrogenem möglichst drastisch zum Ausdruck zu bringen. Wenn man im Deutschen sagt: Er ist in die Falle gegangen, so ist es dabei allerdings nicht absolut not- wendig, an die Maus zu denken. Es kann einem auch ein anderes Tier, der Fuchs z. B., vorschweben, dem ebenfalls Fallen gestellt werden. Im franz. se jeter dans une souricüre 5* 68 Die Maus. nnd im span. caer en una ratonera kann jedoch kein anderes Tier als die Maus gemeint sein, was sich übrigens ohne weiteres ans der Etymologie der beiden Wörter ergibt, denn souriciire nnd ratonera sind unmittelbar von souris, bzw. raiön gebildet Das ital. trappola, womit engl trap verwandt ist, verrät zwar seine Bedeutung nicht durch die Etymologie, wird aber im engeren Sinne nur von Mausefallen gebraucht. Das engl mome-trap entspricht genau dem deutschen Mausefalle. Von Sprichwörtern und Metaphern, die von der Mausefalle gebildet sind, mögen angeführt werden aus dem Ital Ci sono piü trappole che topi, es gibt mehr Mausefallen als Mäuse, d. h. mehr Gauner als zu Begaunernde, womit gesagt werden will, daß auf dieser Welt die ehrlichen Leute in der Minderzahl sind. Übrigens liegen von trappola, das ganz allgemein im Sinne von „Betrug, Gaunerei" gebraucht wird (Metonymie), verschiedene Abteilungen vor wie trappolone „Gauner", trappo- lare „begaunern", trappoleria „Gaunerei", lauter Wörter, die gang und gäbe sind. Was das frz. souridire anlangt, so dient es im Pariser Argot zur Bezeichnung des Zellenwagens, der zum Transport flir Gefangene bestimmt ist. Auch eine Ver- brecherkneipe kann souriciere genannt werden, wobei der an- ständige Gast, der unversehens unter Gauner gerät, mit der Maus verglichen wird. In derbkomischer Weise wird im engL Volksmund die Ehe als des „Pfarrers Mausefalle", the parson's mome-trap, bezeichnet. Um die Mäuse in die Falle zu locken, gibt man ge- wöhnlich Speck, das Lieblingsgericht dieser Tierchen, hinein. So sagt ein deutsches Sprich wort :' M i t Speck fängt man Mäuse, d. h. mancher läßt sich durch schöne Worte betören. Darauf spielen auch an das frz. sauver son lard und das engl. to save one's bacon, seinen Speck retten, d. h. seine Haut in Sicherheit bringen wie die Maus, der es gelingt, sich des Speckes zu bemächtigen, ohne von der Falle zerquetscht zu werden. Auf die Speckliebhaberei der Mäuse bezieht sich auch die deutsche Eedensart wie Mäuse in der Speck- seite sitzen, d. h. sich irgendwo sehr behaglich fühlen, sowie das engl. Sprichwort JVo larder hut hath its mice, keine Speisekammer (wörtlich: Speckkammer), die nicht ihre Mäuse hätte, was dem deutschen „Kein Haus ohne Maus" entspricht. Die Ratte. 69 Eine andere Lieblingsspeise der Mäuse ist das Mehl. Hierauf nimmt Bezug das deutsche Sprichwort: Wenn die Maus satt ist, schmeckt das Mehl bitter, das sich auch im Engl, findet: When the mause has had enough^ the meal is bitter. Im selben Sinne sagt man im Deutschen: Hunger ist der beste Koch. Die Ratte. In allen Kultursprachen ist die Bezeichnung dieses Tieres dieselbe: deutsch Ratte, engl, rat, ital. ratto, span. rata {ratön bedeutet „kleine Ratte, Maus"), frz. rat. Die Herkunft des Wortes ist nicht sicher. Das Tier, ursprünglich nicht in Europa heimisch, ist jedenfalls ein Import aus dem Osten, da sein erstes Vorkommen zur Zeit der Völkerwanderung kon- statiert wird. Im Deutschen existiert neben dem hochdeut- schen „Ratte" ein oberdeutsches Ratz, das übrigens im Hessisch-Thüringischen auf den Marder und sonst vielfach in volkstümlicher Rede auf das Murmeltier und den Bilch an- gewendet wird. Im Bayr.-schwäb. dient „Ratz" merkwürdiger- weise zur Bezeichnung der Raupe. Im venezianischen Dialekt heißt die Ratte pantegana (aus lat. pantex „Wanst"). Es wird demnach die Ratte als das „dickbäuchige Tier" aufgefaßt. Man vgl. damit Goethes Lied von der Ratte im Faust, wo es von dem Tiere heißt: „Hatte sich ein Känzlein angemäst, Als wie der Doktor Luther". Besonders charakteristisch im Äußern der Ratte ist der lange Schwanz, der wie die Ohren nackt ist, daher im Deut- schen der Ausdruck rattenkahl, der allerdings die falsche Vorstellung erweckt, als sei der ganze Körper der Ratte un- behaart.*) Korrekter ist die metaphorische Verwendung von Rattenschwanz für einen dünnen Haarzopf, wofür der Spanier einfach rata sagt, indem er metonymisch das Ganze für den Teil setzt, genau so wie im franz. goupillon, das Diminutiv von altfrz. goupil „Fuchs", für den Fuchs- ♦) Möglicherweise Volksetymologie von „radikal''. (Vgl. Andresen, Über deutsche Volksetymologie, ö. Anfl., pag. 123.) 70 I>ie Hatte. Schwanz gebraucht wird. Im Deutschen wird der Ausdruck „Rattenschwanz" auch auf einen dünnbehaarten Pferde- schweif angewendet. Scherzhaft nennt der Franzose dünne, lange Zigarren queues de rat, welche Metapher auch dem Deutschen nicht ganz fremd ist, während der Italiener mit einer kleinen Nuance dafür code di topi „Mäuseschwänze" sagt. Von drastischer Komik ist die dem Pariser Gaunerargot ent- stammende Redensart prendre des rais par la quetie, Ratten beim Schwänze nehmen, d. h. Uhren stehlen, wobei die ühr- kette mit dem Rattenschwanz verglichen wird. Minder leicht verständlich ist queue du rat als Bezeichnung einer gewissen Art von Schnupftabaksdosen. Dieser Ausdruck beruht auf einer Metonymie (Teil fürs Ganze), indem er nämlich eine Tabatifere bezeichnet, deren Deckel mittels einer kleinen, ent- fernt an einen Rattenschwanz erinnernden Lederschnur ge- öffnet wird. Der umgekehrte Fall von Bedeutungswandel (Ganzes für den Teil) liegt vor in rat de cave „Kellerratte" als Bezeichnung einer dünnen, biegsamen Kerze. Da der Rattenschwanz gegen das Ende zu immer dünner wird, so sagt der Franzose von einer Affaire, die ursprünglich viel von sich reden macht, schließlich aber im Sand verläuft, eile termine en quem de rat, sie endigt in einen Rattenschwanz. (Vgl. Rozan, Les animaux dans les proverbes, I, pag. 286 ff.). Daß die Ratte dem Franzosen als ein besonders spaßhaftes Tier erscheinen muß (vgl. portug. rata „drollig"), erhellt aus einem ehemals sehr beliebten Karnevalsscherze, der darin be- stand, daß man den Passanten Lappen in Gestalt einer Ratte auf den Rücken heftete, was man donner des rats aux passants, die Passanten mit Ratten beschenken, nannte. Diese Redens- art wurde dann auch auf andere ähnliche Karnevalsscherze übertragen, z. B. auf die weißen Striche, die man den Passanten unvermerkt auf die Kleider machte, so daß das Wort rat überhaupt zur Bedeutung „Ulk" gelangte wie z. B. in der Redensart: Je sens un rat, ich rieche eine Ratte, d. h. ich vermute einen Ulk. Ähnlich sagt der Engländer I smell a rat, ich merke Unrat (vgl. deutsch Mäuse riechen in derselben Bedeutung), wobei darauf hingewiesen sei, daß die Ratte als Kloakenbewohnerin — der Pariser nennt die Kloakenreiniger rais degout „Kloakenratten" — ein unreinliches und übel- Die Ratte. 71 riechendes Tier ist, welcher Umstand bei der Entstehung dieser Redensart gewiß nicht unwesentlich mitgespielt hat. Nach Brewer (Dict. of Phrase and Fable, pag. 737) ist die Redensart von der Katze hergenommen. Daß die Beziehungen der Ratte zu den Geruchsnerven des Menschen nicht die besten sind, geht auch hervor aus der derbdrastischen Redens- art puer comme un rat mortj stinken wie eine tote Ratte, womit das non plus ultra aller Übelgerüche bezeichnet werden soll. * Auch in der engl. Redensart to be in rais, sich in Kater- stimmung befinden, ist die Ratte als Gegenstand des Absehens aufzufassen, indem das Charakteristische am „Kater" eben das Gefühl physischen und psychischen Ekels ist. Der Ab- scheu vor den Ratten wird geradezu zur Furcht gesteigert durch den im Volke verbreiteten Glauben, diese Tiere seien giftig Darauf spielt zweifellos die franz. Redensart an garder des rats ä qn,, jemd. Ratten aufheben, d. h. einen Groll gegen jemanden hegen mit dem geheimen Vorsatz der Rache, die eben darin bestehen würde, auf den Gegner Ratten loszulassen und ihm so zu schaden. (Vgl. Rolland, Faune pop., I, pag. 22, 2). Was die physischen Fähigkeiten der Ratte betrifft, so ist hauptsächlich ihre Gewandtheit im Laufen, Springen und Schwimmen hervorzuheben. Dabei zeichnet sich namentlich die Wanderratte durch große Ausdauer aus, weshalb sie dem Menschen als unzertrennliche Begleiterin überall hin nachgefolgt ist. Man bezeichnet daher im Deutschen eine lästige, zudring- liche Person gerne mit „Ratte". So liegt auch bei denMetaphem Spielratte (Bezeichnung eines leidenschaftlichen Spielers) und franz., span. rat de hibliotheqae, bzw. ratön de hiblioteca „Biblio- theksratte" (vgl. deutsch „Bücherwurm"), das auf einen eifrigen Bibliotheksbesucher angewendet wird, das tertium compara- tionis im Begriff des Versessenseins. Gerade so wie die Ratte, wo sie sich einmal festgesetzt, nicht zu vertreiben ist, ist der Spieler nicht vom Spieltisch, der Bücherwurm nicht aus der Bibliothek fortzubringen. Auf die Wanderratte bezieht sich wohl auch die im Engl, übliche Bezeichnung eines politischen Überläufers mit rat. Brewer (Dict. of Phrase and Fable, pag. 737) denkt hierbei an die den Ratten angedichtete Eigen- tümlichkeit, nicht seetüchtige Schiffe zu verlassen. Dieses 72 I)ie Batte. Wort wird in analoger Weise in der Sprache der Arbeiter auf einen Streikbrecher übertragen, da es sich ja hier auch gewissermaßen um den Übertritt von einer Partei zur anderen handelt. Schließlich wird der Ausdruck infolge Erweiterung des Bedeutungsumfangs überhaupt auf jeden unter dem üblichen Lohn arbeitenden Arbeiter angewendet. In derselben Be- deutung wird auch das Verbum to rat und das Verbalsub- stantiv ratting gebraucht. Wenn man im Deutschen von jemand sagt, es laufe ihm eine Batte durch den Kopf oder er habe Ratten im Eopf, so meint man damit, er habe wunder- liche, närrische Einfalle, und vergleicht die im Kopf unstet hin- und herschwirrenden Gedanken mit dem raschen Um- herhuschen des Rattenvolkes. Man gebraucht dafür auch in gewiß noch ausdrucksvollerer Weise Namen von Insekten wie „Grille" oder „Mücke" und sagt wohl auch, es habe jemand einen „Vogel". Auch die den Ratten verwandten Mäuse werden — wie bereits gezeigt wurde — in diesem Sinne verwendet. Das Bild von den Ratten findet sich übrigens auch im Französischen. So sagt z. B. der Franzose von einem launenhaften Menschen II a des rats oder un rat lui trotte dans la tite. Auch heißt es im Argot von einem, der in ärgerlicher Stimmung ist: 11 a un rat dans la trompe, er hat eine Ratte im Rüssel. Damit hängt jedenfalls die Redens- art zusammen: Le fusil prend un rat, die Flinte kriegt eine Ratte, d. h. sie versagt, wovon raier „versagen, verfehlen". Brinckmann allerdings ignoriert den Zusammenhang mit rat „Laune, Grille" und versteht die Redensart wörtlich, indem er erklärt, die im Gewehrlauf steckende Ratte sei das Hindernis für das Losgehen des Schusses. Wie dem auch immer sei, so viel ist wohl sicher, daß rater von rat abzuleiten ist und nicht von raptarius „raubvogelartig, gierig", welche Etymologie begrifflich ganz unhaltbar ist. Von rat ist auch ein Adjektiv gebildet, nämlich ratier^ das die analoge Bedeutung „launisch, grillenfängerisch" hat. Daß übrigens der Zusammenhang zwischen rat und rater vom Sprachbewußtsein des Volkes noch dunkel gefühlt wird, ersieht man aus der im Argot gewisser Schulen üblichen Verwendung des Wortes rat für einen zu spät kommenden Schüler, wobei Die Ratte. 73 allerdings umgekehrt rat von rater abgeleitet erscheint (rat = qui a rate Vheure de la rentree). Hierher zu ziehen ist gleich- falls der dem Argot angehörige Ausdruck rat de soupe für jemand, der zu spät zum Essen kommt {rater Vheure du dtner). Wie im Deutschen und Franz. wird auch im Engl, das Wort rat in der Bedeutung von „Laune, Grille" gebraucht. He hos rats in his garret, er hat Hatten in seiner Dachstube, bedeutet: Er ist geistig nicht ganz normal. Selbstverständlich ist mit der „Dachstube" der Kopf gemeint. (Vgl. im Deutschen: Es ist bei ihm im Oberstübchen nicht richtig und im Franz.: 11 a des araignees sous U plafond, er hat Spinnen unter der Zimmerdecke). Hingegen ist to see rats, Ratten sehen, keine Metapher, sondern wörtlich zu verstehen. Es ist damit das bei hochgradigen Alkoholikern auftretende krankhafte Symptom des Mäuse- und Rattensehens gemeint. Mit ironischer Beziehung auf die Gewandtheit der Ratten im Springen bezeichnet man im Pariser Theaterargot eine Ballett- elevin mit rat, während die bereits ausgelernte Tänzerin konsequenterweise tigre genannt wird, gewissermaßen als ver- halte sich in der Springfertigkeit die angehende Tänzerin zur vollendeten wie die Ratte zum Tiger. (Anders Rozan, Les animaux dans les proverbes, I, pag. 294 ff.). Der Ausdruck rat de ballet ist übrigens als Ballettratte ins Deutsche ein- gedrungen. Da sich die Ballettänzerinnen in der Regel von Liebhabern aushalten lassen, so hat sich im Franz. der Aus- druck rat zu der Bedeutung von femme entret^nue erweitert. Auf diese Metapher ist wohl auch der eigentümliche Gebrauch von rat oder mit davon gebildetem Femininum rate als Lieb- kosungswort weiblichen Wesen gegenüber zurückzuführen. Wollte man die Metapher direkt vom Tiere ableiten, so könnte man als Analogen crotte anführen, was eigentlich den sich an die Schuhe heftenden Kot bezeichnet, in übertragener Bedeu- tung aber als Liebkosungswort vom Manne der Geliebten gegenüber gebraucht wird — selbstverständlich nur in den untersten Volksschichten. Können doch auch im Deutschen derbe Ausdrücke wie „Luder", „Aas", „Viehkerl" unter Um- ständen einen lobenden Sinn annehmen. Übrigens gebraucht auch der Engländer old rat „alte Ratte" im Sinne von „lieber alter Kerl". (Vgl. in derselben Bedeutung old dog „alter 74 Die Ratte. Hund"). Mit der Gewandtheit der Ratte im Laufen und Springen geht die im Schwimmen Hand in Hand, weshalb man im Deutschen von einem guten Schwimmer zu sagen pflegt: er schwimmt wie eine Ratte. Femer gibt es eine Reihe von Metaphern, die sich auf die verschiedenen Aufenthaltsorte der Ratte beziehen. Auf der Eigenheit des Tieres, sich unterirdisch Gänge zu graben, beruht im Franz. die militärische Bezeichnung rat für einen kurzen Minen gang (Metonymie: das Hervorbringende flir das Hervorgebrachte). Ein Analogon hierzu findet sich im lat. cuniculus „Kaninchen", das auch auf einen unterirdischen Gang übertragen wurde. Von rat d'egout war bereits weiter oben die Rede. Im Pariser Argot nennt man rat de cave „Keller- ratte" den mit Erhebung der Getränkesteuer beauftragten Steuerbeamten, während im Engl, das Wort eine Bedeutungs- erweiterung erfahren hat und auf Steuerbeamte im allgemeinen angewendet wird. In Gefängnissen mag es wohl auch Ratten geben, wenigstens läßt darauf schließen die beim deutschen Militär übliche Bezeichnung Ratz für den Gefängnisaufseher; hingegen ist im Pariser Argot rat de prison „Gefängnisratte" Spitzname des Rechtsanwaltes. Besonders gern hält sich die Ratte im Stroh auf, weshalb der Franzose die Redensart Stre comme un rat en paille, wie eine Ratte im Stroh sein, im Sinne des deutschen „in der Wolle sitzen" gebraucht. (Vgl. portug. estar como raio no qaeijo, wie eine Ratte im Käse sein.) Wasserratte dient als scherzhafte Bezeichnung eines alten, erfahrenen Seemanns, während dieser umgekehrt die Bewohner des Binnenlandes Landratten nennt. Übrigens wendet man Wasserratte auch auf Personen an, die gern baden. In der Soldatensprache ist dies Wort Spitzname der mit dem Brückenbau beschäftigten Pioniere. Da die Ratten sich mit Vorliebe in alten, baufälligen Häusern aufhalten, so bezeichnet man solche im Franz. gern als nids ä rats „Rattennester", welche Metapher jedoch auch auf den Korn- speicher angewendet werden kann, wo Ratten sehr häufig zu finden sind. Der deutschen Redensart „arm sein wie eine Kirchenmaus" entspricht im Franz. Hre gmux comme un rat d^eglise. Die Armut wird in diesem Falle — was schon bei Erklärung der Die Ratte. 75 deutschen Redensart geltend gemacht wurde — durch deil vollständigen Mangel an Lebensmitteln bedingt, da ja in der Kirche solche nicht vorhanden sind. Im Span, jedoch bezieht sich diese Metapher auf die Ratte im allgemeinen: ser mos pcbre qm tma rata, ärmer sein als eine Ratte. Die Redensart lieBe sich als eine Ellipse auffassen, sie läßt sich aber auch 80 erklären. So gefräßig die Ratte auch im allgemeinen ist (vgl. das franz. Sprichwort: Voilä ce que les rats vlont pas mangij das haben die Ratten übrig gelassen), so genägsam ist sie im Notfalle, wo sie selbst Leder und Holz nicht ver- schmäht. Übrigens wendet man im Franz. den Ausdruck rat d'eglise auf einen frömmelnden Kirchenbesucher an, wie ja auch z. B. Heine irgendwo von „frommtuenden Ratten" spricht. Femer bezeichnet man mit rat (Teglise einen unteren Kirchendiener. Im Franz. ist die Ratte auch Symbol des Geizes. Die Ratten verschmähen in ihrer bekannten Freßgier auch die ekelhafteste und unverdaulichste Nahrung nicht. Geiz und Gier sind, worauf schon beim Wolf hingewiesen wurde, verwandte Begriffe. Im älteren Deutsch wurde „Geiz" ge- radezu im Sinne von „Gier" gebraucht. So ist z. B. „Geiz- kragen" ursprünglich einer, der die Nahrung gierig hinunter- schlingt (Kragen = Hals). Auch als Adjektiv wird rat in dieser Bedeutung gebraucht, z. B. 11 dement d'un rat! Der wird aber geizig! Im Portug. gibt es sogar ein Verbum ratinhar „knickern". Wenn man span. ratear „stehlen", ratero „Dieb" (davon abgeleitet rateria „Diebstahl"), von rata ableiten darf, so würde die Ratte ähnlich der Maus als Sinnbild des Diebes erscheinen. Die Definition, die das Wörterbuch der Akademie von „ratero^ gibt, entspricht ganz dem Wesen der Ratte : el ladrön que hurta con maha y catUela cosas de poco vahr. Eine Be- kräftigung erfährt diese Etymologie durch franz. raten (Dim. V. rat\ das in der Pariser Gaunersprache gewisse Spezialisten im Diebeshandwerk bezeichnet, so z. B. einen Dieb, der des Nachts die mit ihm in einem Zimmer Schlafenden bestiehlt. (Vgl. portug. rata de armario „Schrankratte" für „Haus- dieb"). Allerdings läßt sich gegen die Ableitung von ratero in der Bedeutung „Dieb" aus lat. raptarius „raubvogelartig, 76 I>ie Batte. gierig" weder lautlich noch begrifflich etwas einwenden. Auch span. ratear „am Boden hinkriechen" dürfte von rata abzuleiten sein. Daß die Batte in keiner Weise Nutzen stiftet, sondern im Gegenteil ein sehr schädliches Tier ist, kommt zum Aus- druck im engl, ratty (abgeleitet von 7'at), welches Wort man auf wertlose, schlechte Dinge anwendet. Ein Analogon hierzu bietet der im amerikanischen Englisch übliche Ausruf rats! als Ausdruck der Verachtung. Daß die Eatte wegen ihrer Schädlichkeit allerorts verfolgt wird, ist begreiflich. Neben der Eattenfalle, welches Wort im engl. Slang metaphorisch für „Mund" gebraucht wird (rat-trap), verwendet man zu diesem Zwecke eine eigens dazu abgerichtete Hunderasse, den Battier, frz. chien rotier oder substantivisch gebraucht raiier. Auch besonders mutige Katzen nehmen es mit den Batten auf. Hierauf bezieht sich das ital. Sprichwort : Molto sa il ratio, ma piü ne sa il gatto. Analog im Franz: Beaucoup sait le rat, mais encore plus le chat, viel kann der Batz, doch mehr noch kann die Katz', di. h. jeder findet seinen Meister. (Vgl. span. Mucho sabe la zorra, pero mos quien la toma). Auf das Verhältnis von Katze und Batte spielt auch an das franz. Sprichwort: Qui ne nourrit pas le chat, nourrit le rat, wer die Katze nicht nährt, nährt die Batte. Besondere Erwähnung verdient der im Deutschen übliche Ausdruck Battenkönig, womit eine eigentümliche Krank- heit der Batten bezeichnet wird, die darin besteht, daß mehrere von den Tieren mit den Schwänzen zusammenwachsen. Nach Brehm ist dies Wort zu erklären aus einem alten Volksglauben, dem zufolge man sich vorstellte, „daß der Battenkönig, ge- schmückt mit goldener Krone, auf einer Gruppe innig ver- wachsener Batten throne und von hier aus den ganzen Batten- staat regiere." Die Bezeichnung ist dann auf die ganze Gruppe der Batten übergegangen. Der hier vorliegende Bedeutungs- wandel erweist sich also als Metonymie und ist außerdem jenen Fällen zuzuzählen, in denen auf abergläubischen Vor- stellungen beruhende Bezeichnungen sich auch nach dem Schwinden des Aberglaubens erhalten und sich den modernen Begriffen angepaßt haben. (Vgl. Waag, Bedeutungsentwicklung unseres Wortschatzes, pag. 184 ff.). Das Wort „Battenkönig" Der Hase. 77 wird metaphorisch für etwas Unentwirrbares gebraucht; so spricht man z. B. von einem ,, wahren Rattenkönig unglaublicher Verwicklungen^^ In den übrigen Kultursprachen findet sich zu diesem Wort kein Analogen. Irrtümlicherweise bezieht man auf die Ratte die Redens- art schlafen wie ein Ratz. Unter „Ratz" ist hier nicht die Ratte zu verstehen, sondeni das Murmeltier oder der Bilch, welche Tiere vom Volke wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Ratte — tatsächlich gehöien sie zur selben Gattung — Ratzen genannt werden und wirklich einen Winterschlaf halten, was die Ratte nicht tut. Zur deutschen Redensart stimmen auch frz. dormir cowwe une marmotte, der Hase. J^onkun^enz. Zahlreich sind die Metaphern und metaphoiiscben Redensarten, die die Sprache dem Hasen verdankt. Auf seiner äußeren Erscheinung allerdings beruhen nur wenig Metaphern. Besonders charakteristisch für den Hasen ist die gespaltene Oberlippe, eine Eigenheit, die sich in ähnlicher Weise auch bei manchem Menschen findet und für die im Deutschen seit dem 14. Jahrhundert die Bezeichnung Hasen- scharte üblich ist, welches Wort sich auch im AltengL findet (haeresceard), während man im Neuengl. hare4ip „Hasenlippe" dafür sagt. Ebenso gebraucht der Italiener dafür labbro leprina oder auch voglia della lepre „Hasenmal", während der Franzose bec de lüvre „Hasenschnabel" sagt. Auffallend sind beim Hasen die langen Ohren. Wir begegnen ihnen in der franz. Redensart hailler le lievre par Toreille, den Hasen beim Ohre hinreichen. Da nun der Hase, wenn er bei den Ohren gefaßt wird, leicht entschlüpft, bedeutet die Redensart soviel als „jeipd. foppen". In ähnlichem Sinne sagt man hailler le chat par les pattes^ die Eatze bei den Pfoten hin- reichen. (Vgl. Brinkmann, Metaphern, pag. 421 und Kozan, Les animaux dans les proverbes, I, pag. 216). Der Ausdruck lüvre cornu „gehörnter Hase" für „Chimäre, Hirngespinst" ist der Fabel Lafontaines „Les oreilks du lüvre^ entlehnt, wo von einem Hasen die Rede ist, der sich einbildet, seine Ohren seien Homer. (Vgl. Rozan, Les animaux dans les proverbes, I, pag. 216.) Eine Eigentümlichkeit des Hasen ist das Schlafen mit oflFenen Augen, das durch das Fehlen der Nickhaut bedingt wird, vom Volke aber mit dem scheuen, furchtsamen Charakter des Tieres in Zusammenhang gebracht wird, daher im Ital. dormire a occhi aperti come la lepre, mit oflFenen Augen schlafen wie der Hase, soviel bedeutet als „stets auf der Hut sein". Ebenso gebraucht der Franzose dormir en lüvre. Im Deutschen bezeichnet man einen leisen Schlaf als Hasenschlaf und der Engländer nennt einen übertrieben vorsichtigen Menschen hare-eyed „hasenäugig". Je älter der Hase, desto vorsichtiger ist er. Daher sagt der Italiener von einem, der schlau um eine Gefahr herumgeht : Fa lepre vecchia, er macht es wie der alte Hase, womit sich im Deutschen die Redensart vergleichen laut: Ich bin kein heuriger Hase, d. h. mich kriegt Der Hase. 79 rs^m nicht so leicht dran. Analog sagt der Franzose : Je suis m% vieux lapin, ich bin ein altes Kaninchen. Was nnn die sonstigen moralischen Eigenschaften des Hasen anlangt, so sind alle Knltnrsprachen darin einig, in ihm das Symbol der Feigheit zn sehen, eine Auffassung, die von der Naturgeschichte vollinhaltlich bestätigt wird. Schon die alten Eömer ge- brauchten lepus zur verächtlichen Bezeichnung eines feigen Menschen. Im Deutschen wird neben Hase in demselben Sinne metonymisch Hasenherz und Hasenfuß gebraucht. Zu dem deutschen „Hasenherz'^ stimmen frz. cceur de lüvre (vgl. peureux comme un lihre^ furchtsam wie ein Hase) sowie engl, hare-hearted „hasenherzig", während jedoch mit engl, hare-foot nicht eine furchtsame, sondern eine schnellfüßige Person bezeichnet wird. Ebenso wird im Span, liebre auf einen furchtsamen Menschen angewendet. Von einem solchen sagt man auch: Ha comido una liebre, er hat einen Hasen gegessen. Von origineller Komik ist die Redensart das Hasenpanier ergreifen, d. L ßeißaus nehmen. Mit dem „Hasenpanier" ist wohl das Schwänzchen gemeint, das der Hase beim Laufen in die Höhe reckt. Am bündigsten jedoch charakterisiert der Engländer das furchtsame Wesen des Hasen, indem er den Namen des Tieres als Verbum (to hare) im Sinne von „erschrecken" gebraucht. Mit der großen Furchtsamkeit des Hasen hängt seine außerordentliche Schnellfüßigkeit zusammen. Sobald er die geringste Gefahr wittert, saust er davon. (Vgl. ital. fuggire come una lepre, fliehen wie ein Hase.) Daher, wie schon oben angeführt, im Engl, hare-footed „schnellfüßig" bedeutet. (Vgl. ital. lesto come una lepre, flink wie ein Hase). Hierauf beziehen sich auch die ital. Redensarten invitar Ixi lepre a correre, den Hasen zum Laufen auffordern, d. h. jemd. zu etwas auffordern, was er gern tut, und insegnare le lepri a correre^ die Hasen das Laufen lehren, d. h. jemd. etwas lehren wollen, worin er ohnehin ein Meister ist (Vgl. insegnare i pesci a nuotare, die Fische das Schwimmen lehren.) Hierher zu ziehen ist femer das deutsche Sprichwort: Schulden sind keine Hasen, d. h. sie laufen einem (leider) nicht davon, vom Standpunkt des Schuldners gesprochen. Hingegen heißt es im Franz. vom Standpunkt des Gläubigers aus: c'est up 80 I^ei^ Hase. somme ä prendre sur le dos d^un lüvre, das ist eine Snmme, die vom BQcken eines Hasen herunterzunehmen ist, d. h. eine Summe, die auf Nimmerwiederselin dahin ist. Auf die Schnell- füßigkeit des Hasen bezieht sich auch die engl. Redensart to hiss ihe Harens foot, des Hasen Fuß küssen, d. h. zu irgend etwas zu spät kommen. Brewer (Dict. of Phrase and Fable, pag. 387) erklärt die Redensart so: Der Hase ist davongelaufen und hat gewissermaßen als Qruß seine Fußspur hinterlassen. (Vgl. franz. poser un hpin, jemd. ein Kaninchen hinsetzen, d. h. ihn bei einem Stelldichein aufsitzen lassen). Der Hase ist — wenigstens in Mitteleuropa — das meist gejagte Wild ; kein Wunder daher, daß in allen Kultursprachen die Hasenjagd eine große Anzahl von Redensarten geliefert hat. Auf die stets bedrängte Existenz des Hasen, der keinen Augenblick seines Lebens sicher ist, bezieht sich die franz. Redensart mener une vie de liivre, ein Hasenleben, d. h. ein elendes, ruheloses Leben führen, wozu sich schon im Alt- griechischen ein Analogon findet {Xayib ßlov ^fjv). Ahnlich sagt auch der Italiener stare come la lepre, wie der Hase immer auf der Hut sein. Daß es bei der Hasenjagd auf Schnellig- keit ankommt, besagt die deutsche Redensart: Das ist ja keine Hasenjagd, womit man andeuten will, daß etwas nicht mit Hast zu geschehen brauche, sondern in aller Ge- mütlichkeit und Ruhe vor sich gehen könne. Eine Anspielung auf das überaus scheue, furchtsame Wesen des Hasen enthält die deutsche Redensart standhalten wie der Hase bei der Trommel, d. h. Reißaus nehmen. Ein Analogon bietet das engl. Sprichwort: Drumming is not ihe way to catch a hare, mit Trommeln fängt man keinen Hasen. So sagt auch der Franzose von einem, der zur Erreichung seines Zweckes das ungeeignetste Mittel wählt : II veut prendre le lüvre au son du tambour. (Vgl. hiermit das deutsche Sprichwort: Wenn das geschieht, so wird der Hase mit der Trommel ge- fangen, d. h. das geschieht nie und nimmer). Daß der Jäger — und aufs allgemeine angewendet — der Mensch überhaupt konsequent sein soll, lehrt uns das deutsche Sprich- wort: Wer zwei Hasen zugleich hetzt, fängt gar keinen, das sich auch in den übrigen Kultursprachen findet Engl, lautet es: Who (hat hunts two hares, oft looseth both, itaL: Der Hase. 8t Chi due kpri caccia, una perde, e Vältra lascia , span. : J^l que dJö$ Uebres caza, d vezes toma la una y muchas vezes ningtma) franz.: 11 ne faut pas courir deux lihres ä la fois^ Von zwei Personen, die denselben Posten anstreben oder überhaupt das- selbe Ziel verfolgen, sagt der Franzose: Ils courent le mime Uhrej sie jagen denselben Hasen, wie zwei Jäger, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Wer so naiv ist, daß er glaubt, er könne den Hasen mit den Händen fangen, dem wird es schlecht ergehen. In dem Augenblicke, wo er den Hasen zu haschen glaubt, wird er mit leeren Händen in den Kot fallen. Daher im Span, coger una Uebre, einen Hasen fangen, geradezu für „hinfallen" gebraucht wird. Von der Hasenjagd hergenommen ist auch die span. Redensart levantar la Hebre, den Hasen auftreiben, d. h. eine Sache zuerst aufs Tapet bringen. Genau so im Franz. lever le lüvre. Dementsprechend heißt dann im Span, seguir la Hehre „eine Sache verfolgen". Den Erfahrungssatz, daß den Lohn für eine Mühe nicht immer deijenige einheimst, der ihn verdient, versinnbildlicht der Italiener durch das Sprichwort: Uno leva la lepre, e un ältro la piglia, der eine treibt den Hasen auf und der andere fängt ilHii Ähnlich sagt der Spanier: Uno levanta la liebre, y otro la mata. (Vgl. das deutsche Sprichwort: Der eine klopft auf den Busch, der andere fängt den Vogel). Auf die Überraschungen der Hasenjagd spielt an das engl. Sprichwort: The hare starts, when a man least expedß it, der Hase springt auf, wenn man es am wenigsten erwartet. Dieses Sprichwort, das dem deutschen „Unverhofft kommt oft" entspricht, findet sich auch im Ital. : Di dove meno st pensa, si leva la lepre und im Span.: Donde menos se piensa, salta la li^e. Von jemand, der sich in einer Sache nicht auskennt, sagt man: Er weiß nicht, wo der Hase liegt, wie der unerfahrene Jäger, der nicht weiß, wo der Hase sein Lager hat. Eine ähnliche Redensart ist: Da liegt der Hase im Pf-effer, d. h. da steckt die Schwierigkeit, das, worauf es allkommt. Analog heißt es ital.: Vediamo, dove giace la lepre^ franz.: Cest la que git le lüvre. Die romanischen Redens* aMra sind ohne weiteres verständlich, im Deutschen bedarf nttr- der Ausdruck „Pfeffer" einer Erklärung. Das Wort ist 1h€^ nicht in sein^ gewöhnlichen Bedeutung zu verstehe*^ Biegler, Das Tier im Spiegel der Sprache. 6 82 ^^^ Hase.. sondern in der übertragenen von „gepfefferter Brühe'^ „Pfeffer'^ wird eben metonymisch für „Pfefferbriihe" gesetzt. Es ist dies eine heiße, gewürzte Brühe, mit der der Hase hänfig zubereitet wird. (Vgl. Schrader, Bilderschmuck d. d. Sprache,, pag. 207 ff.). Auf das Lager des Hasen bezieht sich femer das deutsche Sprichwort: Wo der Has gesetzt ist, will er bleiben, d. h. jeder bleibt gern in seiner Heimat. Einen ähnlichen Gedanken drückt das analoge franz. Sprich- wort aus : Le lüvre revient Umjours ä son gtie, der Hase kommt immer wieder in sein Lager zuiUck. Treffend sagt der Franzose von einem Gläubiger, der seinen Schuldner in dessen Behausung überrascht: II a trouve le lüvre au gite, er hat den Hasen im Lager gefunden. (Vgl. Rozan, Les animaux dans les proverbes, I, pag. 210). Zur Hasenjagd wird der Hund verwendet. Auf diese Tat- sache bezieht sich das deutsche, keiner Erklärung bedürftige Sprichwort: Viele Hunde sind des Hasen Tod, das sich auch im Lat. findet : MtUtüiido canum mors leporis. (Vgl. ital. : Come poteva scampare una lepre da tanti cani? wie konnte ein Hase so vielen Hunden entkommen?). Dem deutschen Sprich- wort „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst" entspricht im Engl.: The foremost dog catches the hare, der vorderste Hund fangt den Hasen. Von einem verräterischen oder doppelzüngigen Menschen sagt der Engländer : He hölds wiüi the hare and runs with the hounds, er hält mit dem Hasen und läuft mit den Hunden. Wenn der Italiener sagt: Ci sono piü cani che lepri, so meint er damit, es seien mehr Bewerber als freie Stellen vor- handen. Zwar nicht salonfähig, aber nichtsdestoweniger treffend ist das ital. Sprichwort: JMentre ü cane pisda, la lepre se ne va, während der Hund pi£t, geht der Hase davon , d. h. wer an sein Ziel gelangen will , darf sich durch nichts von dessen Verfolgung abbringen lassen. Von der Angriffsweise des Hundes dem Hasen gegenüber her- genommen ist die franz. Bedensart prendre le lüure au corps, den Hasen am Leibe packen, d. h. ohne Umschweife, gerades- wegs auf sein Ziel losgehen. (Vgl. deutsch : den Stier bei den Hörnern packen.) Auf die Hasei^jagd bezieht sich schließlich, auch die franz. Bezeichnung gentühomme ä lüvre „Hasenjunker". Der Hase. g3 So nannte man früher in Frankreich einen armen Edelmann, der zom Leben aaf die Erträgnisse der Hasenjagd angewiesen war. (Vgl. deutsch „Krautjunker"). Der Hase ist namentlich in jUngeren Jahren ein äußerst possierliches Tier und entbehrt selbst einer gewissen Grazie nicht, was die Verwendung von lat. lepus als Liebkosung (bei Plautus) erklärlich macht. Da aber possenhaftes Wesen sehr häufig in Narrheit ausartet, so erscheint der Hase häufig als Symbol des Narren, namentlich in den germanischen Sprachen. Im Deutschen wird das Wort gern auf Personen angewendet, die irgend ein Steckenpferd haben, so in den Ab- drücken lateinischer Hase, Bücherhase. Ein verliebter Mensch, der sich albern benimmt, wird gern ein verliebter Hase genannt. (Vgl. bei Shakespeare: melancholy as a hare, trübsinnig wie ein Hase). Sogar Weiterbildungen sind im Deutschen zu verzeichnen: haselieren (bei Wieland und Schiller) im Sinne von „Possen treiben", sowie Hase laut, das neben „Narr" auch die Bedeutung „Prahlhans" haben kann. Eine analoge Auffassung vom Wesen des Hasen, finden wir im Englischen. In hare-mad oder mad as a March hare, verrückt wie ein Märzhase, erscheint hare als Verstärkung von mad. (Im März ist die Bammelzeit der Hasen). Dem- gemäß heißt im Engl, to mähe a hare of somebody, einen Hasen aus jemd. machen, soviel als „ihn zum Besten haben", womit man die in demselben Sinne gebrauchte deutsche Redensart ver- gleichen mag: jemd. mit Hasenschwänzen behängen. Daß dem Hasen ein schwaches Gedächtnis zugeschrieben wird, ist bei der von seinem Wesen obwaltenden Auffassung nur natüi'lich. So sagt man im Deutschen von einem Menschen mit schwachem Erinnerungsvermögen: Er hat ein Ge- dächtnis wie ein Hase. Analog spricht man im Franz. von cerveüe oder mimoire de liivre. (Ansprechend erklärt Bolland, Faune pop., I pag. 85, 21 diese Metapher). Auf das ischwache Gedächtnis des Hasen spielt an das ital. Sprich- wort: Quando la lepre ha passato il poggiuolo, non si ricorda jwM del figliuolo, wenn der Hase über den Hügel ist, erinnert er sich nicht mehr an den Sohn, welches Sprichwort gebraucht wird im Sinne unseres deutschen „Aus den Augen, aus dem JSinn". Im Engl bezeichnet man jedoch mit hare-brain 6* g4 ^M Kaninchen. weniger einen vergeßlichen als einen flachtigen, unbesonnenen Menschen. (Vgl. deutsch Hasenkopf.) Schließlich sei noch der norddeutschen Ausdrücke Böhn- hase und Sandhase gedacht. Böhnhase, soviel als ,, Boden- hase^, bezeichnete zunächst die Katze (häufiger Dachhase^ dann den unzfinftigen Handwerker (namentlich Schneider), wohl deshalb, weil dieser, um sein unerlaubtes Grewerbe auszuüben, sehr häufig wie ein gejagter Hase auf den Dachboden (Böhn) flüchten mußte. Da die Leistungen dieser unzünftigen Hand- werker meistens minderwertig waren, so hat das Wort die Bedeutung von „Stümper, Pfuscher" angenommen. Sandhase ist zunächst dem Wortsinne nach ein in sandiger G^end lebender Hase, dann wird das Wort aber auch metaphorisch als ierminus des Kegelspiels gebraucht und bedeutet eine im Sande verlaufende Kegelkugel. In der deutschen Soldaten- sprache bezeichnet Sandhase einen Infanteristen, wozu das im österreichischen Kasemenargot als Spitzname der Feld- artilleristen übliche Feldhase ein Analogon bietet. Da43 Kaninchen. Die romanischen Bezeichnungen für „Kaninchen" gehen größtenteils auf lat. cuniculus zurück : ital. comglio, span. conejo^ altfrz. connilj connifij wovon engl. cony. Auch unser deutsches Kaninchen, das Diminutiv von kantne, ist auf dem Um- wege über das Niederländische aus dem Franz. entlehnt und war ursprünglich nur im Niederdeutschen üblich, wo neben Kaninchen volkstümlich Karnickel gebraucht wird. In den oberdeutschen Dialekten sind noch jetzt Formen üblich, die auf mhd. küniklin aus lat. cuniculi^ zurückgehen : elsässisch küngel, österreichisch verdeutlichend Kiniglhas, woraus durch Volks- etymologie Königshase wurde.*) In neufrz. lapin, lapereau steckt germanisch lappa „der Lappen". Das Wort bedeutet demnach „das kleine Tier mit den Lappenohren". Im Engl. *) Hehn - Schrader (Kulturpflanzen nnd Haustiere, Anmerkungen, pag. 607) macht anf die slavischen Analoga — mssisch korolek, krolik, poln. krolik, d. h. „kleiner KOnig** aufmerksam. Wahrscheinlich liegt hier eine direkte Übersetsnng der entsprechenden deutschen Bezeichnung* vor. Das Kaninchen. §5: wird neben cony häufig rtibbit gebraucht^ dessen Etymologie noch nicht sichergestellt ist. In dem neben con^o gebrauchten: span. gazapo vermutet man das griech. daavTtovg „der raueh" fttßfige Hase^. Die nahe Verwandtschaft des Kaninchens mit dem Hasen macht es ' erklärlich, daß die beiden Tiernamen zum großen Teil dieselbe metaphorische Verwendung erfahren. Auch wird in verschiedenen deutschen Dialekten, denen das Wort „Kanin- chen^ fremd ist, dasselbe durch „Hase" ersetzt. So heißt das Kaninchen im westl. Mitteldeutschland und in Schwaben Stall- hase, in Oberhessen Grein hase oder auch schlechtweg Hase, im Erzgebirge Kuh hase und in der Schweiz K tili hase. Von den physischen Merkmalen des Kaninchens werden die langen Ohren im Engl, metaphorisch verwendet, indem nämlich rabbiUeared „langohrig" bedeutet, während der Franzose in familiärer Bede den zugestutzten Backenbart {cöteUUes) nicht unpassend mit Kaninchenpfoten {patt^ de lapin) ver- gleicht. Mit Bezug auf das eigentumliche Spiel der Ober- lippenmuskulatur, das man beim Kaninchen beobachten kann, nennt der Spanier ein erzwungenes Lachen la risa dd cofiffjo^ das Lachen des Kaninchens (vgl. franz. rire jaune). Eine moralische Eigenschaft, die das Kaninchen mit seinem Vetter, dem Hasen, teilt, ist seine große Furchtsamkeit, daher im Ital. aver il cuor di coniglio, ein Kaninchenherz haben, ferner aver i conigli in corpo, die Kaninchen im Leibe haben oder auch avermangiato carne diconiglio, Kaninchenfleisch gegessen haben^ soviel bedeutet als „furchtsam sein". Mit letzterer Bedensart läßt sich vergleichen die oben zitierte span. Wendung comer una liebre. (Nach einem mittelalterlichen Aberglauben bekam der Mensch die Eigenschaften der Tiere, deren Fleisch er aß.) Beiläufig sei hier erwähnt, daß Welsh rabbit „welsches Kaninchen", womit man im Engl, ein aus Wales stammendes Gericht, nämlich eine mit in Bier aufgeweichtem Käse tiber- gossene, heiße geröstete Brotschnitte bezeichnet, möglicherweise nichts mit dem Kaninchen zu tun hat, sondern eine Verball- homung von rare bit „seltener (oder auch : halbroher) Bissen" ist.*) Im Span, ist von conejo das Verbum conejear abgeleitet^ *) Das Kaninchen wird geschlachtet, indem man ihm einen heftigesn Schlag auf den Hinterkopf versetzt {le coup du lapin) ; daher heißt recwoUr g3 Das Kaninchen. das „die Gefahr fliehen'' bedeutet. Auch im Altfranz. gibt es ein von connü abgeleitetes conüler in dei^selben Bedeutung. (Vgl. neufrz. dkaniUer „auskneifen"). Übrigens erscheinen Hase und Kaninchen in der ital. Redensart andar dal coniglio älla lepre^ vom Hasen zum Kaninchen gehen, d. h. zwischen zwei furcht- samen Personen verhandeln, als Symbole derselben Eigenschaft. Auch im Franz. sagt man ironisch von einem furchtsamen Menschen: 11 est brave comme un lapin, er ist mutig wie ein Kaninchen.*) Dazu steht im merkwürdigen Gegensatz un rüde lapin „ein handfester Kerl". Allerdings bezieht sich dieser Ausdruck mehr auf körperliche Stärke, schließt aber die moralische Tüchtigkeit, d. h. in diesem Falle den Mut, nicht ganz aus. Und so ganz unrecht hat der Franzose mit dieser Auffassung nicht. Die Kaninchen sind eben nur dem Menschen und den sie verfolgenden Tieren gegenüber furcht- sam; untereinander bekämpfen sie sich manchmal aufs hart- näckigste, ja sie gehen zuweilen sogar gegen größere Tiere aggressiv vor (siehe die Beispiele bei Brehm). Eine solche Zwiespältigkeit der Anschauung finden wir auch bei der Krähe (siehe bei „Krähe" pag. 145). Wie sehr sich übrigens die Sprachen in der Auffassung vom Wesen des Kaninchens einander widersprechen, zeigen das Engl, und Span. Während nämlich im Engl, cony auf einen albernen oder törichten Menschen angewendet werden kann, gebraucht der Spanier im direkten Gegensatz dazu gazapo im Sinne von „Schlaukopf". Mit dem Hasen hat das Kaninchen ferner die Schnellfüßigkeit gemein, weswegen man im Franz. von einem rasch Laufenden sagt: 11 court comme un lapin, er läuft wie ein Kaninchen. Auch die Neigung zu Kapriolen teilt es mit seinem Vetter, daher im Franz. saut de lapin „Kaninchensprung" im Sinne von „Purzelbaum" gebraucht und in der engl. Sportsprache ein le coup du lapin, den Eaninchenschlag bekommen^ „altern infolge plötz- lichen Kräfteverlustes". *) Nach Kozan (Les animanx dans les proverbes, I, pag. 221) bedeutet hrave comme un lapin auch : herausgeputzt {hahiUe de neuf) wie ein Kanin- chen. Es hat sich also in dieser Metapher brave in der älteren Bedeutung „schön, prächtig^, die bravo jetzt noch im Span, haben kann, erhalten. Auch propre comme un lapin , sauber wie ein Kaninchen, sagt man im Franz. Beide Metaphern sind hergenommen von der Gewohnheit des Kaninchens, sich zu lecken und zu putzen. Das Kaninchen. 87 unzuverlässiges Pferd mit rabbit bezeichnet wird. Scherzweise nennt der Franzose die Katze lapin de gouttiire {gouttiire = Dachrinne), während wir dafftr „Dachhase" sagen. Schließlich schreibt der Franzose dem Kaninchen ebenso wie dem Hasen ein schwaches Gedächtnis zu (avoir une mSmoire de lapin), wes- halb ehemals in Frankreich der Genuß des Kaninchenfleisches beim Volke als gedächtnisschwächend galt. Indessen spielt das Kaninchen auch eine selbständigere Rolle in der Sprache, indem es als Vertreter von Eigenschaften erscheint, die die Sprache, sei es mit Eecht oder Unrecht, nur ihm und nicht dem Hasen zuschreibt. Vor allem ist hervorzuheben die große Fruchtbarkeit des Tieres, weshalb man im Span, von einer kinderreichen Mutter sagt: Es mia coneja und im Franz. : Gest une vraie lajrine. Wenn man jedoch im Deutschen von kaninchenhafter Fruchtbarkeit spricht, so meint man damit meistens geistige Produktivität. Der Fruchtbarkeit des Weibchens entspricht beim Männchen die hervorragende erotische Leistungsfähigkeit. Hierauf be- zieht sich im Deutschen die Redensart huren wie ein Karnickel, wozu sich in franz. chaud comme un lapin, hitzig wie ein Kaninchen, ein Analogon findet. (Vgl. im Span. cow<5;o, wohl angelehnt an cono ,,cunnus^, als vulgäre Benennung des weiblichen Geschlechtsteiles sowie im engl. Cant rabbit-pie „Kaninchenpastete" als Bezeichnung einer Prostituierten). In seiner Lebensweise unterscheidet sich das Kaninchen vom Hasen wesentlich dadurch, daß es in selbst- gegrabenen, unterirdischen Gängen lebt, weshalb bereits im Lat. ein unterirdischer Gang mit cuniculus bezeichnet wird, ein interessantes Beispiel von Metonymie (Ursache für Wir- kung). Analog bedeutet auch im Span, conejera „Spelunke" und metonymisch „Gesindel". (Raum gesetzt für die Bewohner des- selben; vgl. deutsch „Frauenzimmer", „Bursche".) Ähnliche Bedeutung haben auch gazapön, gcusapera, gazapina. Ersteres wird namentlich in dem speziellen Sinne von „Spielhöhle" an- gewendet. Von gazapo ist übrigens auch ein Verbum gebildet : gazapear „herumhuschen nach Art der Kaninchen". Dem Franz. und Span, eigentümlich ist der Gebrauch von lapin, bzw. gazapo in der Bedeutung „Fopperei, Aufschneider^^ Lüge". Sehr gebräuchlich ist in der franz. Umgangsspr ^ Der Elefant. cUe Eedeasart poaer un lapin ä qn., jemd. ein Kanincheti hin,« setzen, was namentlich angewendet wird anf einen, der za einem Stelldichein nicht ergeheint. Die Redensart ist leicht za erklären. Das Kaninchen, das ich jemd. irgendwo hlnsetza, wird selbstrerständlich nicht geduldig warten, sondern daTon- lanfen. (Analog sagt der Italiener, wenn er fürchtet, da£ jemand nicht wartet: Aspettasse tanio la lepre, möchte doch der Saee (solange) warten.) Es wird daher im Franz. lapin über- haupt gern angewendet, wo es sich um eine Fopperei oder Prellerei handelt. (Derartige Redensarten aus dem Pariser Argot findet man zusammengestellt bei Sachs, Zusammenhang TOD Mensch und Tier, Neuphil. Zentralbl. 1904, pag. 69). A.uch Span, gazapo kann die Bedeutung von „Lüge, Be- Img" annehmen. Hauptsächlich wird das fem. gazapa in diesem Sinne gebraucht Hierher scheint engl, to huy ihe rabbit, das Kaninchen kaufen, d. h, hei einem Kaufe ttb^- vorteilt werden, zu gehören, in 'Wrklichkeit aber ist die Redensart wohl elliptisch aufzufassen und hieße vollständig to huy ihe rabbit in ihe sack, das Kaninchen im Sack, d. h. nnbesehen kaufen, wobei man natürlich sehr leicht betrogen werden kann. Man mag dabei auch an das deutsche „die Eatz' im Sack kaufen" denken, um so mehr als nach einige Auslegern die Redensart so gemeint ist, daß die Katze für einen Hasen gekauft wird. Nicht in diese Gruppe ist dagegen zu rechnen alUr (imnter) ett lapin, blind mitfahren. Lapin war früher eine verächtliche Bezeichnung für einen Bedienten (der Bediente wii'd wie ein Kaninchen im Hause gehalten), so daß die Redensart ur- sprünglich bedeutet: als Bedienter, d. h. neben dem Kutscher, mitfahren. (Vgl. Rozan, Les animaux dans les proverbes, I, pag. 223.) Der Elefant. r Name dieses Tieres, der in allen Kultursprachen Aei' st, ist griechischen Ursprungs (MeyoT-). Durch das sehe wurde er den romanischen und germanischen m vermittelt: Ital., span. elefante, frz. ^lephant, deutsch ;, engl, elephant. Kulturhistorisch interessant ist «s, .-4 Der Elefant. 89 daß in gemeingermanischer Zeit mit dem Worte „Elefant'^ -^ got. ulhandus, altengl. olfend, ahd. oliwnta, mhd. olbent — das Kamel bezeichnet wurde, eine höchst merkwürdige Yer- wechselang zweier ganz verschiedener Tiere, die nur in der exotischen Herkunft beider und in ihrer daraus resultierenden Seltenheit ihren Grund hat. Im Mhd. wurde der Elefant auch häufig heifant, helfeniier genannt mit offenbarer Anspielung an helfen. Andresen (Über deutsche Volksetymologie 5. Aufl., pag. 84 f.) sieht darin eine Anspielung entweder an den tat- sächlichen Nutzen dieses Tieres oder an die Heilki*äfte, die dem Elfenbein im Mittelalter zugeschneben wurden. Im Ital. exi- stiert neben ehfante heute noch eine volkstümliche Form &*o* fante. Von altfrz. dlifant und deutsch Elfenbein wird weiter unten die Rede sein. (Vgl. Seiler, Die Entwicklung der deut-^ sehen Kultur im Spiegel des deutschen Lehnworts, II, pag. 66 ff.) In Anbetracht der Körperfülle und ungeschlachten Gestalt des Elefanten ist es nicht zu verwundern, daß dieses Tier in den meisten Kultursprachen als Symbol der Plumpheit er- seheint, namentlich wenn dieselbe mit Körpergröße verbunden ist. So wird „Elefant" im Deutschen, Franz., Ital. von großen und schwerfälligen Personen gebraucht, im Deutschen mit vor- zugsweiser Einschränkung auf weibliche Wesen. Hierher zu ziehen ist auch das engl. Adjektiv elepha^itine, das „riesenhaft, unbeholfen" bedeutet. Im Deutschen kann das Wort auch auf einzelne Körperteile angewendet werden, indem man z. B. dicke Beine als Elefantenbeine bezeichnet.*) Der Parisw nennt im Argot nach unten weiter werdende Beinkleider pantalon patte cCeUfant „Elefantenpfotenhosen". Mit Bezug auf die zwei mächtigen Stoßzähne des Elefanten bezeichnet der Italiener große Zähne als denti d'elefante „Elefantenzähne". Im Engl, wird der Doppelzwirn, also ein dicker und starker Zwirn, elephant thread „Elephantenzwirn" genannt. Ais Symbol der Gi'öße, wobei die Nebenvorstellung der Plumps heit in den Hintergrund tritt, erscheint der Elefant in dem Sprichwort aus einer Mücke einen Elefanten machen, d. h. eine unbedeutende Sache als sehr wichtig darstellen. In ''') Elephantiasis ist der medizinisclie Terminus für eine Krankheit, bei der die Beine stark anschwellen. 90 I>er Elefant. den übrigen Kultursprachen findet sich das Sprichwort auch^ Btr mit dem Unterschied, daß anstatt der Mficke im EngL^ Ital., Franz. die Fliege, im Span, der Floh als Sinnbild der Kleinheit dem Elefanten gegenübergestellt wird. (Engl.: ta change a fly into an dephant, ital. : far cTuna mosca un elefante, span.: hacer de una pulga un elefante, frz.: faire d'une mouche un eUfant), Der Elefant erscheint übrigens in der deutschen Redensart bei einem Liebespaar den Elefanten spielen auch als Symbol geistiger Schwerfälligkeit, indem — in diesem Falle allerdings mit Unrecht — von der physischen Plumpheit auf die geistige geschlossen wird. Obige Redensart wird angewendet auf einen Oalan, auf den man — ohne daß er von dem Manöver etwas merkt — des Ehemanns Eifersucht lenkt, wenn ein anderer der Frau des letzteren den Hof macht. Mit Abschwächung und gleichzeitiger Verschiebung der ursprünglichen Bedeutung gebraucht man diese Redensart mit Bezug auf die Anstandsperson, meist weiblichen Geschlechts, die ein Brautpaar auf seinen Spaziergängen begleitet. Da der Elefant ein exotisches Tier ist und daher sein Erscheinen bei uns — namentlich in den unteren Volks* schichten — ein gewisses Aufsehen erregt, so ist dieses Tier, ähnlich wie der Löwe, im Engl, zum Sinnbild des Seltsamen, Merkwürdigen geworden. Es heißt deshalb to see {to show) ihe ekphant die Merkwürdigkeiten — besonders die unrühmlichen — einer Stadt sehen, bzw. zeigen. Auch bezeichnet man mit eJephant einen unbequemen Besitz, dessen man sich gern ent- ledigen möchte. So bedeutet z. B. der Satz: Be found his great house very much like a white elephant, es kam ihm sein Haus wie ein weißer Elefant vor, „sein Haus wurde ihm lästig". (Vgl. Muret, Wörterbuch der engl. u. deutschen Sp.^ pag. 786). Ist ein Elefant schon an und für sich wegen seiner Größe und Schwerfälligkeit kein bequemer Besitz, so müßte ein weißer Elefant doppelt lästig sein, da er durch seine ungewohnte Farbe allgemeines Aufsehen erregen würde. Als exotisches und infolgedessen seltenes Tier erscheint der Elefant auch in der engl. Redensart to have seen the elephanty den Elefanten gesehen haben (in der Urheimat nämlich), d. h. gerieben sein. Gerieben aber wird nur der sein, der viel Lebenserfahrung besitzt und sich fleißig in der Welt herum- Das Kamel. 91 getummelt hat. Ein solcher mag auch in Länder ge- kommen sein, wo der Elefant zu Hause ist. Diese Redens- art wird ironisch auf ein Mädchen angewendet, für das die Freuden der Liebe kein Geheimnis mehr sind. (Vgl. franz. in derselben Bedeutung avair vu le hup, den Wolf gesehen haben). Semasiologisch interessant ist das altfrz. olifant, ein Wort, das im franz. Rolandsliede als Bezeichnung von Rolands Hom oft aufstößt. Das Wort ist nämlich wie das ital. liofatite eine volkstümliche Benennung des Elefanten. Wie kommt es aber zur Bedeutung „Hom" ? Wir haben es hier mit einer doppelten Metonymie zu tun. Zunächst nahm olifant die Bedeutung „Elfenbein" an. (Der Erzeuger für das Erzeugnis gesetzt.) Der folgende Bedeutungswandel erweist sich ebenfalls als Metonymie, indem die Materie zur Benennung des Gegen«? Standes dient, aus der er gefertigt ist. Infolge Erweiterung des Bedeutungsumfangs schließlich wurde jedes Hörn mit olifant bezeichnet. Analog ist im älteren Ital. elefante in der Bedeutung „Elfenbein^ belegt, wie auch das engl. Adjektiv elephantine „elfenbeinern" bedeuten kann. Auch das deutsche Elfenbein ist nichts anderes als „Elefantenbein". Das Kamel. Wie die Namen der meisten exotischen Tiere, so ist auch der des Kamels griechischen Ursprungs (xdfirjXog). Auf dem Umwege über das Lat. (camelus und cameUus) ist es in die romanischen Sprachen übergegangen: ital. cammelh, span. camdlo, frz. chameau. Das deutsche Kamel geht gleichfalls direkt auf lat. camelus zurück, während engl, camel Entlehnung aus dem Altfranz, ist. Im Mhd. war als Bezeichnung für das Tier Kernel und daneben verdeutlichend Kemdtier üblich. Kernel ist nach Baist dem arab. gemel nachgebildet und fand zur Zeit der Kreuzzüge in Deutschland Eingang. (Vgl. Seiler, die Entwicklung der deutschen Kultur im Spiegel des deutschen Lehnworts, II, pag. 138 ff.). Obgleich das Kamel in Europa nicht heimisch ist, so hat es doch auf die Phantasie der abendländischen Völker einen 92 Das Kamel. sehr nachhaltigen Eindruck ausgeübt, wofür etliche Metaphern und metaphorische Redensarten in den modernen Eultursprachen den deutlichsten Beweis liefern. Was zunächst die äußere Erscheinung des Tieres anlangt, so kann man sagen, daß sie allen Eegeln der Ästhetik Hohn spricht und sehr wohl als Typus der Häßlichkeit gelten kann, weswegen der Franzose ein häßliches Frauenzimmer gern chameau nennt. Desgleichen kann das Wort auf ein gemeines Weib angewendet werden, wobei die Häßlichkeit auf das moralische Gebiet übertragen erscheint. Neben dem Eindruck der Häßlichkeit macht aber das Kamel auch den einer tiefen Traurigkeit, gleichsam als wäre es sich seines unschönen Äußeren bewußt. Hierauf bezieht sich der engl. Slangausdruck the cameVs complaint „die Kamels- krankheit^ eine scherzhafte Bezeichnung der Melancholie. Was an der Gestalt des Kamels besonders auffällt, ist sein Höcker, daher im Engl, camehbacked (back = Rücken) „bucklig'* heißt. (Vgl. ital. gobbo come un cammeUo, bucklig wie ein Kamel). Hierher zu ziehen ist ferner span. camellön, womit in der Gärtnerei der Erdrücken bezeichnet wird, der zwei Garten- beete voneinander scheidet. Auch der Erdrücken, der beim Pflügen zwischen zwei Furchen entsteht, wird so ge- nannt. Von der Katze, die einen Buckel macht, sagt man in gewissen Gegenden Italiens: Fa il eammello, sie macht das Kamel. (Vgl. Zell, Streifzüge durch die Tierwelt, pag. 55 f.) Auf eine andere physische Eigentümlichkeit des Kamels, die Schwielen an den Knieen, spielt engl. cameUhneed an. Daß das Kamel als Symbol der Größe der Mücke gegenübergestellt wird, wird bei der Erklärung der auf letzteres Tier bezüg- lichen Metaphern gezeigt werden. Was die psychischen Eigenschaften des Kamels betriflft, so weiß die Sprache darüber gleichfalls nichts Gutes zu berichten, wobei sie sich mit der Naturgeschichte im vollen Einklang be- findet. Störrisches Wesen und Mangel an Intelligenz sind die beiden Hauptuntugenden des Kamels. Auf ersteres bezieht sich das engl. Adjektiv camelish, das „eigensinnig" bedeutet, sowie der ital. Vergleich fare come il cammello che piü del stio peso non vuol portare, es wie das Kamel machen, das nicht mehr als seine gewohnte Last tragen will, während im Deutschen das Kamel Der Vogel im allgemeineii. 93 als beschimpfende Bezeichnung für minder intelligente Indi- yidnen; dem Esel und dem Schaf erfolgreiche Konkurrenz macht. Der Gebrauch von „Kamel" im letzteren Sinne ent- stammt der Studentensprache, in der das Wort ursprünglich auf einen Studenten angewendet wurde, der keiner Verbindung angehörte, was für das stark ausgeprägte Selbstbewußtsein der Verbindungsstudenten besonders charakteristisch ist. In- dem man dann von dem Mangel an Intelligenz auf Eng- herzigkeit in moralischer Beziehung schloß, bekam das Wort — immer noch innerhalb der Studentensprache — die Be- deutung „philisterhafter Mensch". Auf die Verwendung des Kamels als Lasttier bezieht sich das engL Sprichwort: Ä feather wül break a cameVs bacJc, eine Feder bricht manchmal den Rücken eines Kamels, wofür man im Deutschen sagt : Ein Tropfen bringts zuletzt zum Überfließen. Nach dem Kamel sind schließlich noch andere Tiere benannt, die mit ihm größere oder geringere Ähnlichkeit haben. So heißt die Giraffe, bei der Beine und Hals an das Kamel erinnern, deutsch auch Kamelparder^ engl. cameUh pard^ ital. cammehpardo, span. camehpardcU, franz. camäeopardj (wissenschaftl. : camelopardaiis giraffä). Die Bezeichnung „Parder" bezieht sich auf die Zeichnung des Felles, das wie beim Leopard scheckig ist. Auch der Strauß wird im Engl, wegen seines langen Halses camel-bird „Kamelvogel" genannt, was der wissenschaftlichen Bezeichnung strtdhio cameUis ent- spricht. Der Vogel im allgemeinen. Deutsch Vogel, ein spezifisch germanisches Wort, beruht auf mhd. vogdj ahd. fogal. Die altengl. Entsprechung lautet fugcA^ woraus über mittelengl. foul sich neuengl. foucl entwickelt hat, das infolge Bedeutungsverengung jedoch nur auf Hühner angewendet wird. Das gebräuchliche Wort für „Vogel" ist im Engl, hird^ das durch Metathese aus alt- bzw. mitteleng]. brid entstanden ist, welches Wort jedoch nur den jungen Vogel bezeichnete. (Man vgl hiermit ital. ucceUo^ franz. oiseau laus lat aviceUus „Vögelchen".) Möglicherweise hängt brid zu- sammen mit breed „brüten" und braod „Brut". 94 ^^^ Vogel im allgeineinen. Was die romanischen Ausdrücke für „Vogel" betrifft, so hat sich lat. avis „Vogel" nur in span.-port. ave und in sard. ae erhalten. ItaL ticcelh und franz. oiseau (altfrz. oiseT) gehen auf das Diminutiv von avis, avkeUus, zurück. Jedoch hat auch Span, ave die Konkurrenz von pdjaro zu befürchten. Dieses Wort, das aus lat. passer hervorgegangen ist und demgemäß ursprünglich „Sperling" bedeutet, hat infolge Begriffsverall- gemeinerung — der Sperling ist der häufigste Vogel — die Be- deutung von „Vogel" angenommen. (Siehe bei „Sperling".) Umgekehrt wird sehr häufig „Vogel" durch Bedeutungsver- engung auf bestimmte Vögel angewendet. So ist in den romanischen Sprachen die Gans eigentlich das „Vögelchen", indem ital., span. oca, frz. oie auf lat. avka, Dim. von avis „Vogel", zurückgehen. Ein Analogen hierzu finden wir im Deutsch des 16. Jahrhunderts, wo der Enterich kurzweg als j,der Vogel" bezeichnet wurde. Im Mittelalter, wo die Falken- jagd die alltägliche Belustigung der Vornehmen war, war der Falke der Vogel xar" i^oxriv. Überreste von diesem Gebrauche haben sich in der modernen Sprache erhalten. So ist z. B. der bekannte Spruch Friß, Vogel, oder stirb von. der Abrichtung des Falken hergenommen. Daß der Falke mit Fleisch gefüttert wurde, erhellt aus der franz. Redensart ce fCest pas viande pour vos oiseatix^ das ist kein Fleisch für eure Vögel, d. h. das ist zu teuer für eure Mittel oder wohl auch : das geht über eure Fassungskraft. Ebenso ist in der Redensart Ure battu de Voiseau, vom Vogel geschlagen werden, d. h. den Mut verlieren, mit oiseau der Falke gemeint, der seinem Opfer mit Schnabel- und Flügelhieben zusetzt. (Vgl. Eozän, Les animaux däns les proverbes, II, pag. 33.) Denselben Ursprung hat das franz. Sprichwort: Le bon oiseau se fait de lui-niSniej der gute Vogel, d. h. das Talent, bildet sich von selbst. Daß mit „oiseau^ hier der Falke gemeint ist, erhellt ganz deutlich aus dem engl. Analogen: The gentle hawk makes itseVy der edle Falke bildet sich selbst. Ebenso bedeutet oiseler im älteren Franz. „mit dem Falken jagen". Schließlich wird im Patois von Limousin die Schwalbe kurzweg als der Vogel (ozelo)*) bezeichnet. (Vgl. Rolland, Faune pop., III, pag. 315.) *) ozdo ist das fem. Ton ozeu =^ oiseau. Der Vogel im allgemeineu. 95 ^u bemerken ist ferner, daß im älteren Deutscli das Wort ^Vogel^ einen weiteren Bedeutungsumfang hatte als heute, Widern es nämlich jedes geflügelte, bzw. fliegende Tier be- zeichnete. So wurden Biene, Heuschrecke, Fledermaus ohne weiteres Vögel genannt. So heifit es z. B. bei Luther: Die Biene ist ein kleines Vögelein. In einigen Gegenden Deutschlands heifit der Schmetteiling heute noch Butter- oder Sommervogel. (Vgl. dänisch sommerfugl.) Ein Ana- logen hierzu findet sich im Span., wo llir kleine, geflügelte In- sekten die Bezeichnung pajarilla, avecüla „ Vögelchon^' üblich ist. Zu beachten ist, dafi im Nhd. „VogeP' selten auf Hühner augewendet wird, im Gegensatz zum Engl., wo fowl nur Ge- flügel bezeichnet. (Über die Verwendung von „Vogel" in „Vogel Straufi" siehe bei „Straufi".) Von der Fülle der Metaphern, die vom Vogel hergenommen sind, sollen hier, dem vergleichenden Charakter dieser Studie entsprechend, nur solche zur Besprechung gelangen, die Ge- meingut mehrerer Sprachen sind. Dies gilt namentlich auch von den auf den Vogel bezüglichen Sprichwörtern, deren voll- ständige Aufzählung hier keinen Zweck hätte, abgesehen da- von, dafi deren erschöpfende Anführung nahezu einen Band füllen würde. Als ein Rest alter heidnischer Vorstellungen sind die* jeuigen Metaphern zu betrachten, in denen der Vogel als Ver- künder übermenschlicher Weisheit erscheint. Man denke an Vögel wie den Raben, den Kranich, die Eule, die in der römischen wie germanischen Mythologie eine wichtige Rolle spielten und denen zum Teil noch heute vom Volksglauben divinatorische Fähigkeiten zugeschrieben werden. So ver- kündet der Ruf des Käuzchens oder das Gekrächze des Raben dem abergläubischen Volke Unheil. Daher nennt der Italiener diese Vögel uccelU di mal augurio, der Franzose oiseaux de mauvais augure^ oiseaux fantömes {fataiix\ der Engländer unlucky birds oder birds of ül-oinen. (Vgl. jedoch deutsch spezialisierend „Unglücksrabe" häufiger alsUnglücksvogeL) Metaphorisch werden diese Ausdrücke auf Überbringer von Unglücksnach- richten angewendet. Zu bemerken ist, dafi Deutsche und Fran- zosen auch einen Glücksvogel, bzw. oiseau de hon augure Jkeunen. Auch soust noch finden ^sich in modernen Sprachen 96 ^T^ Vogel im allgememen. Spuren dieser in mythische Zeiten zurückreichenden Anffassung. Man dachte sich gewisse Vögel im Besitze von Geheimnissen, üe sie gelegentlich an ihnen sympathische Personen verrieten. So sagt man noch heutzutage in gewissen Gegenden Deutsch- lands, wenn man die Quelle einer überraschenden Nachricht nicht verraten will: Ich habe ein Vögelchen davon singen hören und ähnlich sagt der Engländer : Älittlebird has tdld it to me, ein Vögelchen hat's mir gesagt Im älteren Engl, nannte man auch ein Geheimnis the bird in the hosomj den Vogel in der Brust. (Vgl. Borchardt-VTustmann, Sprich- wörtl. Bedensarten, pag. 486.) Der Vogel, der sich kraft seiner Schwingen in die Lüfte erhebt und dem sozusagen die ganze Welt offen steht, ist bei allen Völkern Symbol der Freiheit. Frei wie der Vogel in der Luft bezeichnet im Deutschen das non plus ultra der TJngebundenheit Ebenso sagt der Italiener von einem, der durch keine gezwungene Beschäftigung in seiner Bewegungs- freiheit gehindert ist: J^ come VucceUo suUa frasca, er ist wie der Vogel auf dem Zweig. Diese Redensart, die sich auch im Franz. findet — Stre comme Voiseau sur Ja branche — kann allerdings unter Umständen einen tadelnden Sinn annehmen, indem der Beschäftigungslose, wenn er nicht pekuniär gesichert ist^ häufig in mißliche Lagen kommt, ebenso wie der Vogel im Walde nicht immer vor Hunger geschützt ist. Gleichwohl — meint der Italiener — i meglio esaer mcetto di boaco che itcceUo di gabbia, es ist besser, Waldvogel als Eäfigvogel zu s^n. Auch der Franzose hat dies Sprichwort: Mieux vaut Stre omau de boia que de cage. (Vgl. franz. aiseau de cage für „Gefangener".) Am prägnantesten bringt jedoch der Spanier die Beziehung zwischen den Begriffen „Vogel" und „Freiheit" zum Ausdruck, indem er das ungebundene ümherstreifen mit pajarearj einem von pdjaro „Vogel" abgeleiteten Verbum, be- zeichnet. Häufig wird das Wort im tadelnden Sinne auch auf Pflastertreter (Substantiv: pajarero) angewendet, die auch der FVanzose mit oiseaux de rue „Straßenvögel" bezeichnet. Hin- gegen bedeutet deutsch vogelfrei nicht „frei wie dei^ Vogel^^ solidem „frei für den Vogel". Dieser Ausdruck bezieht sich niämlich auf den E(^*per des Geächteten, der nach dem Tode dM Vögeln zum Fräße preisgegeben wurde. Der Vogel im allgemeinen. 97 Zahlreich sind die Metaphern, die sich anf die Vogeljagd beziehen. Zunächst muß bemerkt werden, daß sich alle Sprachen fBr den Begriff des Vogelfangens eigene Verba gebildet haben. So sagt der Engländer to bird^ welches Wort mit Bedeutungs- verengung hauptsächlich auf den Htthner- und Schnepfenfang angewendet wird. Der Italiener bildete von ucceUo ucceüare (mit dem Dativ: so heißt es z. B. ncellare aMe lodöle, ai tordi, Lerchen, Drosseln jagen). Auch im übertragenen Sinne wird dieses Yerbum gebraucht und bedeutet dann ein Streben nach etwas. (UcceTlare agli amri, a una ereditä, nach Ehren streben, nach einer Erbschaft trachten). In transitiver Verwendung kommt das Yerbum gleichfalls vor : ticcellare qd. heißt Jemd. foppen'^ wörtl. „ihn wie einen Vogel behandeln^. Der Vogel, der auf den Leim oder ins Netz geht, ist eben der Gefoppte. In diesem Sinne sagt der Italiener auch umschreibend mandare qd. alV ticcelkUaio, jemd. zum Vogelherd schicken. Von ucceUo sind ferner ge- bildet die substantiva factitiva acceUatore und uccelkäura^ die — mutatis mutandis — die Bedeutungen des Verbums über- nommen haben. Von den übrigen Ableitungen des Wortes wäre noch zu erwähnen uccellagionej das zunächst den Vogel- fang, dann die Zeit desselben und schließlich metaphorisch mit gleichzeitiger Begriffserweiterung „Verlockung" bedeutet. Was das Spanische betrifft, so wird das bereits in der Be- deutung „herumstreichen" angeführte pajarear auch für „Vogel- fangen" gebraucht. Im Franz. wird flir älteres oiseler um- schreibend prendre des oiseaux gesagt. Ursprünglich war oiselet* ein Terminus der Falkonierkunst und bedeutete als solcher „den Falken zur Beize abrichten" und „mit dem Falken jagen". Von oiseler sind zwei substantiva factitiva abgeleitet, nämlich oiseleur „Vogelfänger" und oiselier „Vogelhändler". Zu nennen ist femer oisellerie, das neben „Vogelfang, Vogel- handel" auch „Vogelhecke" bedeutet. Was das Deutsche an- langt, so war in der älteren Sprache für „Vogel fangen" vögeln üblich. Das substantivum factitivum Vogler lebt in der Geschichte als Beiname des ersten sächsischen Königs fort Mit Umlaut des o bezeichnet das Verbum die Vollziehung des Geschlechtsaktes. Ursprünglich seiner Etymologie gemäß nur auf Vögel angewendet, wurde der Gebrauch des Wortes Riegler, Das Tier im Spiegel der Sprache. 7 98 I^ßr Vogel im allgemeinen. durch Bedeutungserweiterung auch auf den menschlichen Koitus ausgedehnt. Naheliegend ist der Vergleich des gefangenen Vogels mit dem Betrogenen, bzw. des Vogelfangers mit dem Betrüger. Jemd. ins Netz locken, ins Netz (ins Garn) gehen sind Bedensarten, die allen Kultursprachen gemeinsam sind^ aber sich nicht ausschließlich auf den Vogelfang beziehen, da sie ebensogut von der Fischerei hergenommen sein können (siehe bei „Fisch"). Doch sagt man im Deutschen auch metaphorisch einen Vogel ins Garn locken, einen Vogel fangen, bzw. festhalten, wozu sich in den übrigen Kultursprachen Analoga finden. Dementsprechend wird sach Lockvogel, d. i. der Vogel, mit dem man lockt {engl, decoy- duck „Lockente") im übertragenen Sinne gebraucht. Die Kedensarten jemd. leimen für „anführen" und geleimt werden oder auf den Leim gehen für „angeführt werden" gehören gleichfalls hierher, da man mit Leim eben nur Vögel und keine anderen Tiere fängt. Eine ähnliche Redensart findet sich im Ital.: cadere nella pania, in den Leim fallen. Auch der Engländer gebraucht für „betrügen" häufig to Urne. Hierher gehört gleichfalls das im Pariser Argot gebräuch- liche faire Voiseau, den Vogel machen, d. h. sich dumm an- stellen. Ferner wird in den meisten Sprachen das unver- mutete Verschwinden eines Gefangenen mit dem Entwischen eines Vogels aus dem Käfig verglichen. So heißt es deutsch: Der Vogel ist ausgeflogen, engl.: The bird hos flawn, span.: El pdjaro (auch golondrino „Schwalbe") volo, franz.: Uoiseau rCy est plus, Voiseau s^est envoU. Auf den Vogelfang bezieht sich auch das engl. Sprichwort: There's no catching öld bird toith chaff, einen alten Vogel kann man nicht mit Spreu fangen. Denselben Gedanken, nämlich daß man im Alter durch Erfahrung klug wird, drückt aus das span. Sprich- wort: Pdjaro viejo no entra en jaula, ein alter Vogel geht nicht in den Käfig, womit sich vergleichen läßt das ital. Sprich- wort : Nuova rete non piglia ucceUo vecckio, ein neues Netz fangt keinen alten Vogel. Mit feiner Ironie bezeichnet das Pariser Argot mit oiseau die Jungfernschaft, die von den Mädchen ängstlich wie ein Vogel im Käfig gehütet wird und die, einmal verloren, gleich dem entwischten Vögelchen nicht wiederkehrt. Der Vogel im allgemeinen. 99 Vom Wettschießen hergenommen ist die nur im Deut- schen vorkommende Redensart den Vogel abschießen, d. h. das Richtige treffen oder bei öffentlichen Leistungen, an denen sich mehrere Personen beteiligen, sich vor allen anderen auszeichnen. Mit dem Vogel ist hier nicht ein wirklicher Vogel, sondern eine als Ziel dienende künstliche Nachbildung eines solchen gemeint. (Gewöhnlich ein Papagei oder ein Adler.) Das intime Verhältnis des Menschen zum Vogelgeschlecht wird am besten dadurch charakterisiert, daß er das Wort „Vogel" auf seinesgleichen anwendet, u. zw. begegnet diese Metapher hauptsächlich im Deutschen und Span. Hierbei zeigt sich auf den ersten Blick eine Verschiedenheit der Auffassung. Im älteren Nhd. nannte man nämlich einen un- moralischen Menschen gern einen „Vogel", welche Metapher wahrscheinlich der Studentensprache ihren Ursprung verdankt. Im Gegensatz hierzu bezeichnet span. pdjaro einen sittlich oder geistig hochstehenden Menschen. Dieser anscheinende Widerspruch findet seine Erklärung darin, daß es eben unter den Vögeln wie unter den Menschen moralisch und intellektuell verschieden geartete Typen gibt und dem Deutschen bei An- wendung dieser Metapher ein minderwertiger, dem Spanier hingegen ein höherstehender Vogeltypus vorschwebt. (Man denke z. B. an Gegensätze wie sie Adler und Sperling dar- bieten.) Übrigens wird im Span, in familiärer Sprache pdjaro im selben Sinne angewendet, den „Vogel" ehemals im Deut- schen hatte. Im modernen Deutsch wird diese Metapher durch Hinzutreten eines Attributs nuanciert. So spricht man von einem losen, argen, frechen, leichtsinnigen, sauberen, lustigen, schlauen Vogel. Der Spanier kennt auch einen pdjaro gordo, einen dicken Vogel, d. h. eine wichtige, reiche Person, einen pdjaro solitario, einen einsamen Vogel, bzw. Menschen (s. bei „Sperling"), einen pdjaro de cuenta, einen Vogel von Bedeutung, d. h. eine einflußreiche Persönlichkeit. Unserem „lustigen Vogel" entspricht im Span, das Adjektiv pajarero, das ,. lustig, munter, aufgeräumt" be- deutet. Nebenbei sei bemerkt, daß pajarera als Substantiv das aus Scheu oder Verlegenheit hervorgerufene Stocken in der Rede bezeichnet, wohl mit Anspielung auf die Schüchtem- ■^ ■• ^ * 100 Der Vogel im allgemeineu. heit gewisser Vögel. (Vgl. franz. oiseau effarauchi, scheuer Vogel, als BezeichnnBg eines Menschen, der bei jeder Gelegen- heit erschrickt) Aach ave wird in ähnlicher Weise meta* phorisch verwertet, z. B. in am zanza, ein schwerflllliger Vogely bzw.* Mensch. Mit avechudw, dem Pejorativ von awy bezeichnet der Spanier einen häßlichen Vogel von unbekanntem Namen und wendet das Wort auch metaphorisch auf einen häßlichen Menschen an. Eine ähnliche Bedeutung hat pajarraeoy daß Pejorativ v(m p&jaro. Das Deutsche bildet nach Analogie von Baubvogel, Zugvogel, welch letzteres Wort Übrigens auch wie franz. ciseau de passage auf einen viel umherwandem- den Menschen angewendet wird, mit dem Worte „VogeP' scherzhafte Komposita, die nur metaphorische Bedeutung haben, wie Spaßvogel, Zankvogel, Pechvogel.*) Letzterer Metapher begegnen wir auch im Engl.: gaUows-bird oder Newgate birdj**) womit sich franz. oiseau de prison „Gefängnis- vogel^ v^gleichen läßt. Femer gibt es im Engl, einen early hird^ einen frühen Vogel, d. h. Frühaufsteher, einen nactumal Mrd, einen nächtlichen Vogel, d. h. Nachtschwärmer. (Vgl. deutsch Nachtvogel.) Auch dem Franz. ist — wie bereits oben durch ein Beispiel gezeigt wurde — die meta- phorische Verwendung von oiseau nicht fremd. Mit oiseau schlechtweg bezeichnet man einen sonderbaren Menschen, mit dem sich schwer umgehen läßt. (Vgl. deutsch spezialisierend „Kauz".) Im selben Sinne gebraucht der Franzose drdle d^oiseau, ein drolliger Vogel. Eine ironische Färbung hat bei oiseau, schöner VogeL (Vgl. ital. bei merlo, engl fine bird.) Oiseau de haut vol, ein hochfliegender Vogel, ist die Bezeichnung eines „hochfliegenden^ Geistes. (Vgl. den metaphorischen Ge- brauch von aigle.) Einen seltenen Gast nennt der Franzose oiseau rare, ebenso der Spanier rara ave. Diese Metapher beruht auf dem häufig zitierten rara avis CatuUs, das sich auf den aus Indien stammenden Pfau bezieht. Schon Juvenal ge- braucht den Ausdruck metaphorisch, indem er ihn auf Weiber vom Schlage der Penelope und Lucretia anwendet. — Mit *) Hingegen bezeichnen Galgenvogel (hängenswertes Subjekt) and SpottYogel (spöttischer Mensch) zunächst wirklich existierende Vögel, n. zw. dieses die Spottdrossel, jenes den Baben. **) Newgate war früher das Kriminalgefängnis der City von London. Der Vogel im allgemeiiien. 101 msecm de saint Luc, Vogel des heil. Lukas, ist der Ochse ge- meint^ weswegen im Ital. uccello di San Luca aaf einen ein- mütigen Menschen angewendet wird. Aach sagt der Franzose von einem schlechten Sänger: II cJiante eomme Voiseau de 9aint LuCf er singt wie der Vogel des heil. Lukas, und von einem dicken, schwerfälligen Hinsehen : // est Uger comme Toüeau de samt Luc, er ist leicht wie der Vogel des heil. Lukas. (Der Ochse ist bekanntlich das Attribut des Evangelisten Lukas.) Schließlich wird in allen Sprachen das Dim. von „Vogel^ als Liebkosungswort f8r Kinder gelntiucht. Von den obigen Metaphern wohl zu trennen ist die deutsche Redensart einen Vogel haben, die man auf einen geistig nicht ganz normalen Menschen anwendet. Diese Metapher beruht auf einem Vergleich der wirren Gedanken mit dem Hin- und Herflattem eines Vogels. (Vgl. die Argot- i*edensart avoir une hironddle dans Je soUveau.) Vielfach werden Insektennamen in diesem Sinne verwendet. Auch sonst wird das Wort auf Lebloses angewendet. So bezeichnet der Spanier die Schweinsmilz mit pajarilla „Vögelchen". (Vgl. Zauner, Die roman. Namen der Körperteile, pag. 175.) Allerdings beruht dieser Vergleich auf sehr oberflächlicher Betrachtung. Benennungen von Körperteilen mit Tiemamen sind übrigens nicht selten, worauf schon bei der Maus, pag. 61 hingewiesen wurde.*) Aus dem Deutschen ist hierher zu ziehen die Bezeichnung von Goldstücken mit Goldvögeln oder gelben Vögeln, mit scherzhafter Anspielung an das Verfliegen des Geldes, ebenso engl, yellaw birds oder speziali- sierend canaries „Kanarienvögel". (Vgl. span. mosca „Fliege'* für „gemünztes Geld".) Evident ist die Bezugnahme auf das Fliegen bei Anwendung von span. pqjara auf den Papier- drachen der Kinder. Auf dem raschen Flug beruht auch die Verwendung des Vogels als Symbols der Behendig- keit. So sagt der Italiener von einem flinken Menschen: il vispo came un uecelh, er ist behende wie ein Vogel, der Spanier mit Unterdrückung des tertium comparationis : Es un ave^ er ist ein Vogel, und der Franzose meint von einer Sache, die "**) Im Franz. uud Ital. bezeichnet man mit oisean, bzw. uccelHno das männliche Glied bei Kindern. 102 I^er Vogel im allgemeinen. gat vonstatten geht: Qa va attx oiseaux, das geht nach Vögelart. Die Fähigkeit der meisten Vögel, sich in bedeutende Höhen zu erheben, erklärt den Ausdruck aus der Vogel- schau. So sagt man z. B. eine Landschaft aus der Vogelschau betrachten, d. h. von einem erhabenen Standpunkte aus. Diese Metapher findet sich in allen Kultur- sprachen : engl. bircTs eye „Vogelauge" (adjektivisch gebraucht), ital. a vol cFmcello {volo = Flug), span. d vista de ave {visia = Blick), ä vuelo de ave (vuelo = Flug), franz. ä vue d^oiseau, ä vol d'aiseau; letzterer Ausdruck bedeutet auch „in gerader Linie^ (anspielend auf den geradlinigen Flug der meisten Vögel). Mit Bezug auf die hochgelegenen Nester mancher Vögel wird auf englischen Polarfahrern der zum Ausguck dienende Mastkorb bird^s-nest „Vogelnest" genannt, wofür auch crow's-nest „Krähennest" gesagt wird. (Siehe bei „Krähe" pag. 151.) Von ganz besonderem Interesse, auch für die deutsche Metaphorologie, ist der Gebrauch von span. pajarotada, pqjarota im Sinne von „Lüge, lügenhafte Nachricht". Im Franz. wird in diesem Sinne canard gebraucht, im Deutschen „Ente". (Vgl. „Zeitungsente".) Von den zahlreichen Interpreten, die sich um die Erklärung der deutschen Metapher bemüht haben, hat keiner über das Französische hinaus nach Analogien gesucht und doch ist der sprachvergleichende Weg bei derlei Unter- suchungen der einzig sichere und richtige.*) Das span. pajarotada liefert uns den Schlüssel auch für die frz., bzw. deutsche Metapher. Das span. Suffix ada tritt häufig zu Tiernamen und bezeichnet im tadelnden Sinne die Handlungsweise des betreffenden Tieres. So bedeutet z. B. perrada (von perro „Hund") die einem Hunde eigene, d. h. eine hündische, nieder- trächtige Handlungsweise. Vgl. auch noch asnada (v. asno „Esel") „Eselei, Dummheit", gatada (v. goto „Katze") „Schelmenstreich", monoM (v. mono „Affe") „Ziererei", gansada (v. ganso „Gans") „Dummheit, Tölpelei". Pajarotada (v. pajarota „großer Vogel") *) Die Sage vom Entenbaum, in der Bartels (Ztschr. f. d. deutschen Unterricht, Y, pag. 355) den Ausgangspunkt der in Rede stehenden Metapher gefunden zu haben meint, dürfte wohl umgekehrt der metaphorischen Ente ihre Entstehung verdanken. Der Vogel im allgememen. 103 bedeutet also irgend eine tadelnswerte Betätigung eines großen Vogels. Welche Eigenheit berührt uns nun an größeren Vögeln unsympathisch ? Das ist wohl die unangenehme JStimme, die so ziemlich allen größeren Vogelarten gemein ist. Hierbei denken wir zunächst an zahme Vögel, wie 6ans und Ente, die wir als Haustiere in unserer unmittelbaren Nähe haben und daher am häufigsten hören können. Von „Geschnatter^ zur Bedeutung „leeres Geschwätz, lügenhafte Nachricht" ist nur ein Schritt. Daß auch dem Spanier hierbei die Ente vor- schwebt, beweisen zwei von pato „Ente" abgeleitete Sub- stantiva, nämlich patochada „Handlungsweise einer Ente, ein- fiültiges Geschwätz", und wohl auch patrafia, das „Lüge, Märchen" bedeutet, also geradezu ein Synonym von pajarotada ist. (Vgl. Brinkmann, Metaphern, pag. 555, wo pato übrigens irrtümlicherweise mit „Gans" übersetzt wird.) Wenn nun im Span, für pajarotada pajarota und dementsprechend für „lügen- hafte Nachricht" im Franz. canard, im Deutschen „Ente" ge- sagt wird, so liegt hier ein ganz einfacher Fall von Metonymie vor, indem nämlich für das Hervorgebrachte das Hervor- bringende gesetzt wird. Übrigens hat schon Sanders in dem Geschnatter der Ente das tertium comparationis für die be- wußte Metapher vermutet. Schließlich mögen die gebräuchlichsten der auf den Vogel bezüglichen Sprichwörter, insofern sie nicht einzeln dastehen, sondern in einer oder mehreren Sprachen Analoga haben, an- gefahrt werden. Deutsch. Es muß ein böser Vogel sein, der sein eigenes Nest beschmutzt. — Engl. Ifs a bad bird that fouls Ü8 own nest, — Span. Pdjaro de mal natio, el que se ensucia en el nido. — Franz. (7 est un vilain oiseau que celui qui salit son nid. — Deutsch. Man erkennt den Vogel an den Federn. — Franz. Uoiseau se connait aux plutnes. — Deutsch. Vögel gleicher Feder fliegen zusammen. — Engl. Birds of a feather flock together, — Span. Todas las aves con sm pares. — Deutsch. Besser ein Vogel in der Hand als zehn über Land (auf dem Dache). — Engl. .4 bird in thehandis wotih tivo in the bu^, ein Vogel in der Hand ist zwei im Busche 104 Der Vogel im allgemeineu. wert« — ItaL & megVo un ucceUo in gabbia che quaUro in su la fraseay es ist besser ein Vogel im E&flg, als vier auf dem Zweige. — Span. Mäs vaie pdjfaro*) en mano que buiire vdando^ ein Vogel (Spatz) in der Hand ist mehr wert als ein Geier, der fliegt — Franz. Maineau en main vaut mieux qm pigeon qui voU^ ein ^latK in der Hand ist mehr wert als eine Tanbe, die fliegt. — Die deutsche Entsprechung lautet: Ein Sperling in der Hand ist mehr wert als eine Taube auf dem Dache. (Über die zahllosen Varianten dieses Sprichworts vgl. Reias- berg-Dflringsfeld, Sprichwörter der germanischen und romani- schen Sprachen, vol. I, pag. 99.) Deutsch. Jedem Vogel gefällt sein Nest. — Engl. Every bird likes its otvn nest, — Ital. Ad ogni ucceUo stio mio i hetto. — Span. A cada fajanUo agrada su nidiUo. — Franz. A tout oiseau san nid est beau. Deutsch. Federn zieren den Vogel. — Engl. FHne feathers make fine birds. — Franz. La helle plume fait le bei oieeau. Deutsch. Jeder Vogel singt wie ihm der Schnabel gewachsen ist. — Ital. Ogni uccello canta il stw verso, jeder Vogel singt seine Weise. — Franz. Chaque oiseau chante sa propre chansan, jeder Vogel singt sein eigenes Lied. Deutsch. Nach und nach macht der Vogel sein Nest. — Franz. Petit ä petit V oiseau fait son nid. Deutsch. Alte Vögel sind schwer rupfen. — Ital. Qtianto piü Tuccello i vecchio, piü mal volentieri lascia la piuma, je älter der Vogel ist, desto unlieber läßt er das Ge- fieder. — Franz. Plus Voiseau est vieux et moins il veut se difaire de sa plume (wie itaL). Deutsch. Kleine Vöglein, kleine Nestlein. — Engl. A litüe bird wants but a little nest, ein kleiner Vogel braucht nur ein kleines Nest. — Span. A chico pajarillo, chico nidiUo (wie deutsch). — Franz. Tel oiseau j iel nid, wie der Vogel, so das Nest. — Der deutschen Redensart „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen^ entspricht im Engl, to kiU two birds tvith one stone, *) päjaro (v. lat. passer) scheint hier in der ursprünglichen Bedentang ;,Sperling'' gebraucht zn sein. Der Adler. 105 im Span, matar dos paiaros de una pedrada^ zwei Vögel mit einem Steinworf töten. Im Portug. tritt zuwdlen das Kaninchen an Stelle des Vogels: cFuma ccQodada matar dous codkos, mit mnem Schlage zwei Kaninchen töten. Der Adler. Deutsch Adler, zusammengezogen aus adelrar , bedeutet ursprunglich ^edler Aar^, wurde also gegenüber dem einfachen Aar, ahd. aro^ mhd. ar^ als edleres Wort empfunden, während im Nhd. der umgekehrte Fall eingetreten ist, indem nämlich „Adler'' als das gewöhnliche Wort, „Aar'' jedoch nur in poeti- scher Diktion gebraucht wird. Ein merkwürdiges Beispiel vom Steigen und Sinken des Gefühlswertes der Wörter! (Vgfl. Waag, Bedeutungsentwicklung unseres Wortschatzes, pag. 35.) Außer in „Adler" ist das Wort noch erhalten in Büß aar, einer volksetymologischen Umbildung von „Bussard", und in Sperber, ahd. spärwari, d. i. „Sperlingsaar, Adler, der von Sperlingen lebt". Was die romanischen Sprachen betrifft, so gehen ital. aquila, span. äguila, frz. aigk auf lat. aquila zurück. Aigle allerdings ist Lehnwort, das die lautgesetzliche Form aiUe verdrängte. Auf aigle, bzw. afrz. egle, geht neuengl. eagk zu- rück, während das altengl. mit „Aar" verwandte earn in neu- engl. erne eine Bedeutungsspezialisierung erfahren hat, indem es nämlich fftr „Seeadler" gebraucht wird. Vom itaL ventävdlo ^us ventus aquüus wird weiter unten die Rede sein. Der Adler spielt unter den Vögeln dieselbe Rolle wie der Löwe unter den Säugetieren. Der unverkennbare Adel seiner äußeren Erscheinung sowie seine außerordentliche Stärke und Kühnheit rechtfertigen die Bezeichnung „König der Vögel". In der christlichen Symbolik ist der Adler das Sinnbild des Evangelisten Johannes und aller „hochfliegenden" Geister. (Vgl. Kollof, Die sagenhafte und symbolische Tiergeschichte des Mittelalters, in Raumer, Histor. Taschenbuch, 1867, pag. 237.) Dem entspricht auch die Auffassung seines Wesens in der Sprache. Was zunächst die physischen Qualitäten des Adlers betrifft, so spricht man im Deutschen mit Bezug auf s^n 106 Der Adler. großes, feuriges Auge von einem Adlerauge, von einem Adlerblick. Man verbindet hiermit die Neben Vorstellung eines vorzüglich entwickelten Gesichtssinnes, wie ja der Adler sich tatsächlich durch sein scharfes Gesicht auszeichnet. Dem deutschen „Adlerauge^ entspricht engl, eagle^eye und mit eagk- sighted bezeichnet der Engländer einen mit scharfem Gesichts- sinn begabten Menschen.*) Ebenso sagt der Franzose von einem, der ein scharfes und zugleich schönes Auge hat : II a des yeux d^aigle, er hat Adleraugen. Wie beim Luchs, so schließt man auch beim Adler von der Schärfe des Auges auf die Schärfe des Verstandes, weswegen man im Engl mit eagletvit „Adler- witz" („Witz" im älteren Sinne von „Verstand" gebraucht) einen durchdringenden Verstand bezeichnet. Hierzu stimmt es auch, wenn der Italiener von einem genialen oder talent- vollen Menschen sagt: J^ un' aquila, er ist ein Adler, oder häufiger negativ von einem minder begabten Individuum : Non i uri aquila, er ist kein Adler, was manchmal euphemistisch geradezu für „Dummkopf" gebraucht wird. Dieselbe Metapher findet sich im Span, und Franz.: ser un äguila, etre un aigk. Hiermit hängt es auch zusammen, wenn der Franzose geistig hervorragende Männer gern mit „aigle^^ bezeichnet. So wird z. B. der berühmte Kanzelredner Bossuet nach seinem Geburts- orte Meaux „Vaigle de Meaux^^ genannt. Mit aiglon „junger Adler" bezeichneten die Franzosen den Sohn Napoleons I. Hierher zu ziehen ist auch die im span. Botwelsch gebräuch- liche Bezeichnung dguüa für einen schlauen Dieb, wodurch die Etymologie von frz. aigrefin „schlauer Mensch" = aigle fin (feiner Adler) gestützt wird. Nächst den feurigen Augen fällt am Adler der schwung- voll gekrümmte Schnabel besonders auf, weshalb man im Deutschen eine ähnlich geformte Nase „Adlernase" nennt. Dieselbe Metapher findet sich in den romanischen Sprachen: ital. naso aquüino, span. nari^ aguilena, frz. nez aquilin. Im Span, spricht man übrigens auch von einem „Adlerantlitz"^ *) Hierher gehört ans dem span. Theaterargot aguila de butaca „Sperr- sitzadler'', womit man einen Theaterbesucher bezeichnet, der von der GaUerie herab mit scharfem Auge einen unbesetzten Sperrsitz erspäht und sich dessen bemächtigt, natürlich ohne dafür zu zahlen. Der Adler. 107 aguileno de rostro (wörtlich : adlergleich von Gesicht), womit ein längliches, schmales Gesicht mit gebogener Nase gemeint ist. Was am Adler besonders Bewunderung erregt, ist die Schnelligkeit und Stetigkeit seines Fluges. (Vgl. franz. vokr comme un aigle, fliegen wie ein Adler.) Daher ist dieser Vogel in der germanischen Götterlehre Personifikation des Sturm- windes und in der griechischen Mythologie Träger von Jupiters Blitzen. Auf die Schnelligkeit des Adlei^uges spielt auch an engl, eagle-speed und im span. Amerika bezeichnet man mit caballo aguilüla „Adlerpferd" eine Pferderasse, die sich durch besondere Schnelligkeit auszeichnet. Zur Auffassung des Adlers in der germanischen Mythologie stimmt lat. aquilo als Bezeichnung des Nordwindes, worauf höchstwahrscheinlich ital. ventävolo (ventus aquilus) beruht. Dieses Wort; ein Syn- onym des häufiger gebrauchten tramontana, würde demnach „Adlerwind" bedeuten. Es soll damit wohl nicht bloß die Schnelligkeit, sondern auch die Stärke dieses Windes ange- deutet werden, wie z. B. auch in lat. aquilae smectus „Adlersalter", d. h. rüstiges Alter, der Adler als Symbol der Kraft erscheint. Hierher gehört ebenfalls die Bezeichnung „Adler" für ein sechsunddreißigpfündiges Geschütz (17. Jahr- hundert). Auf den hohen Flug des Adlers bezieht sich engl, eagk- cock „Adlerhahn", eine allerdings seltene Bezeichnung für tveather-coclc „Wetterhahn", der sehr häufig auf Turmspitzen, also in verhältnismäßig hohen Eegionen angebracht ist. Hier- her zu ziehen ist ferner ital. aquilone „großer Adler" für den Papierdrachen. (Vgl. in derselben Bedeutung span. päjara „Vogel", franz. cerf-volant „Hirschkäfer", engl. Ute „Gabel- weihe".) Der Adler ist der stärkste Raubvogel und lebt mit den anderen Vögeln in beständigem Kampfe. Es ist daher nur natürlich, daß er im Altertum bei Römern sowohl als Ger- manen als kriegerischer Vogel zar^ llopjv galt und gerade- zu Symbol des Kampfes war. Als unzertrennlicher Begleiter Odins zieht er mit diesem in die Schlacht und lechzt nach dem Blute der Erschlagenen, daher heißt er auch der „Wal- kjrenvogel". Eine ähnliche Rolle spielte der Adler bei den Römern, verwendete man ihn doch als Standarte und fiihrte 108 ^er Falke. er so gewissermaßen unter dem Schatze seiner Fittiche die römischen Legionen dem Siege entg^en. Anf diesem r6»i- sehen Brauch beruht die in manchen Ländern Übliche Ver- wendung des Adlers als Wappen oder Orden. Nebenbei sei hier bemerkt, daß im Franz. aigle merkwürdigerweise in seiiier eigentlichen Bedeutung das Geschlecht geändert hat (tin aigU)^ während das Wort in der übertragenen Bedeutung „Standarte^ das ursprüngliche Geschlecht bewahrt hat {une aigle). Auch eine von Karl V. geprägte Goldmünze trug das Bild des Adlers, weshalb diese Münze kurzweg aguüa genannt wurde. (Vgl. Sappe, Krone, Kreuzer.) Dem kriegerischen Adler wird die sanfte Taube gegenübergestellt im deutschen Sprichwort: Adler brüten keine Tauben, das sich auch in den meisten romanischen Sprachen findet. So lautet es im Ital.: Uctquüa noH nasce cohmba, im Portug. : Aa aguias näo produgem potnbas, im Franz. : V aigle tCengendre point la colombe. Kein Analogen in einer anderen Sprache hat die frz. Kedensart crier comme un aigle^ schreien wie ein Adler, d. h. ein lautes, durchdringendes Geschrei ausstoßen. Diese Redens- art bezieht sich auf den Schreiadler, der durch einen schriOien, weithin schallenden Ruf bekannt ist. (Vgl. Rolland, Faune pop., II, pag. 5.) Der Falke. Die Etymologie des Wortes Falke — engl, /iafcow, ital. faJco, fakonej span. haleön, frz. faucon — ist noch nicht ge- sichert. Es ist hier nicht der Ort, die einzelnen Hypothesen, die man zur Erklärung des schwierigen Wortes aufgestellt hat, zu erörtern. Kluge läßt sich in seinem etymologischen Wörterbuch (pag. 113) ausführlich darüber aus. (Vgl. auch Hehn-Schrader, Kulturpflanzen und Haustiere, pag. 374 ff.) Soviel scheint festgestellt, daß das Wort germanischer Herkunft ist und frühzeitig in die romanischen Sprachen eindrang. Im Engl, wird neben fakon, dessen lautliche Gestalt auf Rttckent- lehnung aus dem Altfranz, deutet, hawJc gebraucht, das auf Altengl. heafoc zurückgeht und eigentlich „Habicht'^ be- deutet, mit welchem Worte es auch verwandt ist. Da der Der Falke. 109 Habicht zar Grattung der Falken gehört, liegt hier ein ganz gewöhnlicher Fall von Bedentungserweiternng vor. Eine spezielle Bezeichnung far das Falkenmännchen ist ital. terzuoh^ spwL taraudo, frz. tierceJet aas lat. tertiolus von tertius^ weil der Sage nach das dritte Junge im Neste des Falken immer ein Mftnnchen ist. Von lat. acuter = griech. Uqo^ leitet man ab ital. sagro, span.-frz. sacre „der Würgefalke". Nach anderen stammt das Wort aas dem Arabischen. Unsicherer Herkunft ist frz. hobereau „der Baumfalke'^ In Anbetracht der wichtigen Bolle, die der Falke im Mittelalter als Jagdvogel spielte, ist es nicht zu verwundern, dafi er der Sprache eine verhältnismäßig grofie Anzahl von Metaphern geliefert hat. Mögen zunächst die von physischen Eigenschaften des Tieres hergenommenen Metaphern einer Betrachtung unterzogen werden. Mit den übrigen Baubvögeln teilt der Falke den scharfen Gesichtssinn, weshalb man im Deutschen ein scharfes Auge gern „Falkenauge'' nennt, wobei jedoch nicht wie beim „Adlerauge'' die Nebenvorstellung der Schönheit mitwirkt. Analogien hierzu finden sich in engl, hawk-eyed und fälcon-eyed „falkenäugig" sowie in ital. occhi di fälco „Falkenaugen". Auf den krummen Schnabel beziehen sich engl, hatek-nosed^ was unserer „Geiemase" entspricht, und engl, falcon-bül „Falken- schnabel", eine nur bei Shakespeare sich findende Bezeichnung eines Streithammers, wobei hauptsächlich an die Schärfe des Schnabels, mit dem der Falke auf seine Beute gleichsam los- hämmert, gedacht wird. Schon seit frühester Zeit hatte sich der Mensch die Baub- tiematur des Falken, dessen Flug ungemein schnell, anhaltend und in hohem Grade gewandt ist, zu nutze gemacht. Die Jagd mit gezähmten Falken wurde in Europa namentlich im Mittelalter leidenschaftlich betrieben, war aber im Altertum schon bei den Indiem im Schwünge. (Vgl. das Kapitel über die Falkenjagd bei Hehn-Schrader pag. 367 ff.) Die große Beliebt- heit^ der sich die Falkenjagd erfreute, spiegelt sich noch heute in der Sprache wieder. So existieren im Ital. (fakonare) und im Engl, (to hawk) besondere Yerba, die das Jagen mit dem Falken bezeichnen. Das engl, to hawk kann übrigens mit Erweiterung des Bedeutungsumfanges auf jede Art von Jagd angewendet 110 Der Falke. werden, auch bedeutet es unter Umständen „wie ein Falke fliegen". Auf die Falkenjagd bezieht sich femer der engl. Ausruf ivare the hawk! Hüte dich vor dem Falken! Sei auf deiner Hut! wobei man die von einer Gefahr bedrohte Person mit dem vom Falken bedrängten Vogel vergleicht. Auch wird im Span, hakonear auf Weiber angewendet, die auf Männer Jagd machen, wobei der in die Netze einer Kokette geratende Mann mit der Beute des Falken verglichen wird. Analog bezeichnet im ItaL falco eine in erotischer Beziehung er- oberungslustige Person. Gleichfalls auf die Falkenjagd nimmt Bezug das span. Sprichwort: 8i tantos halcanes la garza com- baten, d fe que la maten, wenn so viele Falken den Reiher bekämpfen, so muß er wohl unterliegen, d. h. wenn sich die Menge gegen einen verschwört, ist jeder Widerstand vergeb- lich. Im Deutschen drückt das Sprichwort „Viele Hunde sind des Hasen Tod" denselben Gedanken aus. (Die von der Falknerei hergenommenen Metaphern findet man ziemlich voll- ständig zusammengestellt bei Bolland, Faune pop., VI, pag. 195 fT.) Auf die Raubtiematur des Falken nimmt auch Bezug das deutsche Sprichwort: Wer sich zur Taube macht, den fressen die Falken, eine Variante des Sprichwortes : Wer sich zum Schafe macht, den fressen die Wölfe. Analog heißt es ital.: Chi colomba si fa, il falcone se la mangia. Hierher gehört schließlich auch die engl. Redensart 1 know a hawk front a handsaw, ich kann einen Falken von einer Handsäge unterscheiden, d. h. ich lasse mir kein X für ein ü vormachen, worin handsaw volksetymologische ümdeutung von hernshaw (häufiger heronsew) = heran „Reiher" ist, so daß der Sinn der Redensart ursprünglich war: Ich kann einen Falken von einem Reiher, d. h. den jagenden Vogel vom gejagten unterscheiden. (Vgl. Brewer, Dict. of Phrase and Fable, pag. 392.) Die Abrichtung von Falken bildete in früherer Zeit ein eigenes, allem Anscheine nach sehr ehrenvolles und einträg- liches Gewerbe. Auf die Häufigkeit der Falkner deutet das Vorkommen des Wortes als Eigenname. Dem deutschen „Falkner" entspricht engl, falconer oder hawker, ital. falcaniere, span. halconero, frz. fauconnier. In welch hohem Ansehen die Falkonierkunst ehedem stand, beweist der Umstand, daß in Der Falke. Hl England, Frankreich und Spanien das Amt des Hoffalkners sich zu einem erblichen Eofamte herausgestaltet hatte. So gab es in England einen Oreat Falconer of England^ in Frank- reich einen Grand Fauconnier de France und in Spanien einen Hakonero mayor. Auf der großen Beliebtheit der Falkenjagd beruht auch der Bedeutungswandel von frz. fauconni^re, das ursprünglich nur „Falknertasche^, dann aber infolge Erwdte- rung des Bedeutungsumfanges „Reittasche" überhaupt be- deutet. In der deutschen Dichtung ist der Falke Symbol des Mutes und des Edelsinnes ; es ließen sich hier aus verschiedenen Dichtungen diesbezügliche Stellen anführen ; es sei jedoch nur an das Nibelungenlied erinnert, wo erzählt wird, daß Kriem- hilde träumte, ihr Lieblingsfalke sei von zwei Adlern zerrissen worden. Ihre Mutter Ute legt ihr den Traum dahin aus, daß mit dem Falken ein „edler Mann" gemeint sei. Zu der deut- schen Auffassung stimmt span. halconear in der Bedeutung, „stolz, mutig um sich blicken". Bei der großen Vorliebe für diesen Vogel ist es begreiflich, daß er im Gegensatze zur Eule als Sinnbild des Glückes .— wenigstens im Deutschen — galt, wie ja auch in dem Sprichworte: Jedem dünkt seine Eule ein Falke, d. h. jeder Ehemann hält seine Gattin für die beste und schönste, die beiden Vögel einander gegen- übergestellt werden. Auch war im älteren Deutsch die Redens- art einen Falken fangen für „unverhofftes Glück haben" gebräuchlich. Auf die verhältnismäßig große Intelligenz des Falken bezieht sich der Gebrauch von ital. falco für einen schlauen Menschen und von span. sacre für einen geschickten Dieb, in welch letzterem Falle allerdings auch an die Raubtiematur des Falken gedacht wird. (Vgl. franz. epervier „Sperber" für „Wucherer".) Was in sacre Nebenvorstellung ist, wird zur Hauptvorstellung, wenn im engl. Slang hawk die Bedeutung von „Falschspieler" annimmt. Charakteristisch ist der in frz. hobereau zutage tretende Bedeutungswandel von „Baumfalke", d. i. Falke von geringem Werte zu „armer Edelmann", indem nämlich der Falke hier zur Bezeichnung des Wertes dient, was sich nur wieder aus der Vorliebe des Mittelalters für die Falkenjad erklärt. (Vgl 112 Eule, Uhu, Kauz. Morgenroth „Zum fiedeutangswandel im Franz.^ in Zeitschrift £ franz. Sprache n. Literatur, Bd. XV, Heft 1, pag. 22.) Da der Falke bei der Jagd gewissermaßen die BoUe einer Waffe spielte und sein pfeilschnelles Dahinschiefien tatsächlich den Vergleich mit einem Geschosse nahelegte, so ist es vdl- kommen begreiflich, daß der Name dieses Vogels zur Bezeieb- nimg verschiedener Waffen verwendet wurde. So wurde eine Art kleines Geschütz deutsch Falkaune, engl, falcony ital. fakanetto (wovon deutsch Falkonett), frz. fauconneau ge» nannt. Außerdem wurde im Ital. fälcone auch auf eine alte Belagerungsmaschine, eine Art Mauerbrecher, angewendet. Desgleichen diente ital. sagro, span.-frz. sacre, engl, saker sowie deutsch Sakerfalk zur Bezeichnung einer kleinen Kanone^ die bei uns auch unter dem Namen „Feldschlange^ be- kannt war. Hierher zu ziehen ist ferner ital. moschetto, ursprünglich Benennung eines kleinen, zur Beize dienenden Sperbers, dann übertragen auf ein Wurfgeschütz, mit dem kleine Pfeile ge- schleudert wurden. Nach Erfindung des Schießpulvers wurde mit dem Worte eine kurze SchifGskanone und schließlich eine kurze Flinte, der Karabiner, bezeichnet. In letzterer Bedeu- tung ist das Wort auch ins Span, (mosqtiete) und ins Franz. (mousquet) eingedrungen. Die semasiologische Entwicklung dieses Wortes von „Pfeile schleuderndes Geschütz" zu „Schiffs- kanone, Karabiner^ ist ein treffliches Beispiel jener Art von Bedeutungswandel, als deren Ursache Waag „die Anpassung an die Kulturverhältnisse" bezeichnet. (Vgl. Waag, Bedeu- tungsentwicklung unseres Wortschatzes, pag. 177 ff.) Schließ- lich sei noch ital. terzermlo genannt, das sich als Diminutiv von terzmlo „männlicher Falke" erweist und für eine kurze Pistole gebraucht wird. Im Deutschen ist Terzerol als Fremdwort gebräuchlich. Eule, Uhu, Kauz.^) Die Benennungen dieser Vögel in den verschiedenen Sprachen sind semasiologisch sehr interessant und stehen in engem Zu- *) Bezüglich der deutschen Enlennamen und deren metaphorische Eule, Uhn, Kauz. 113 sammenhange mit ihrer metaphorischen Verwendung, woranf von Fall zu Fall hingewiesen werden soll. Die Etymologien der verschiedenen Bezeichnungen lassen sich nach gewissen semasiologischen Gesichtspunkten gruppieren, u. zw. ergeben sich vier verschiedene Benennungsarten: a) Benennung nach der stimmlichen Betätigung, h) „ „ physischen Merkmalen, c) „ „ anderen Vögeln, d) ^ „ abergläubischen Vorstellungen. Was die erste Gruppe, die man kurz als die onomato- poetische bezeichnen kann, betrifft, so sind hier zu nennen deutsch Eule, welches Wort mhd. iutoel, ahd. üwila lautet. Mit letzterem verwandt ist altengl. üle, das ein neuengl. awl ergab. Von deutsch Mlen, hetdm abzuleiten ist frz. hulotte „Eule".'*') Ein Analogen hierzu bietet engl, hotolet, das ein von howl „heulen" beeinflußtes Diminutiv von otcl ist (Vgl. lat. tUfda „Eule" und ultäare „heulen".) Gleichfalls schall- nachahmend ist frz. huette, von der Interjektion hu gebildet (huer = schreien). Chat-huant „Nachteule" (wörtlich : heulende Katze) ist volksetymologische Umbildung von chauany von dem weiter unten die Bede sein wird. Ital. gufo „Ohreule" scheint zusammenzuhängen mit ahd. güfan „schreien". (Vgl. deutsch - dialektisch G auf für Uhu.) Span, zumacaya „Eäuz- chen" ist zusammengesetzt aus schallnachahmendem zumöar „summen" und caya aus ahd. kaha „Krähe". Auf den ersten Blick als onomatopoetisch erweist sich deutsch Uhu,'*^) mit den dialektischen Nebenformen Sehn hu, Buhu. Letztere Form findet sich auch in span. buho (lat. bubo). Bajuvarisch Auf hat sich lautgemäß aus ahd. üvo, mhd. üve entwickelt. Möglicherweise schallnachahmend ist femer Kauz aus mhd. kutze, kutz (ahd. nicht belegt), das jeden- falls auf einer Wurzel ku beruht. Ganz sicher onomato- poetisch ist ital. chiü „Käuzchen" und chiurlo, eine Weiter- Verwendung vgl. Branky, Eulennamen. Ein kleiner Beitrag zur deutschen Kultur- und Sittengeschichte. Separatabdruck aus Mitteilungen des omitho- logischen Vereins in ViTien „Die Schwalbe**, XYI. Jahrg. *) Nach Winteler direkt schallnachahmend. **) Vgl. die ZnsammensteUung der onomatopoetischen Bildungen bei Winteler, Naturlaute und Sprache, pag. 10. Riegler, Das Tier im Spiegel der Sprache. B 114 Eule, ühu, Kauz. bildung davon. Indirekt bezieht sich auf den klagenden Buf des Eäuzchens ital. friggibuco, womit ursprünglich wohl das Geräusch des aus einer Öflfhung hervorsprudelnden Wassers bezeichnet wurde {friggere „wallen, brodeln" und buco „Loch"). Dann nimmt das Wort infolge Begriflfserweiterung die Be- deutung „leises Weinen, Klagen" an und wird schließlich metonymisch (Wirkung für Ursache) zur Bezeichnung des Käuzchens.*) Auf physische Merkmale beziehen sieh ital. barbagiamii „Schleiereule" und span. mochtielo „Ohreule". Barbagiamii (bei Körting fehlend) ist ein zusammengesetztes Wort wie barbacane, barbabietola u. dgl. Der erste Bestandteil, barba „Bart", bezeichnet die im Deutschen „Schleier" genannten Flaumfedern im Gesichte des Vogels. Gianni ist Koseform von Giovanni^ entspricht also unserem „Hans". Es bedeutet demnach das Wort „Hans mit dem Bart". (Vgl. jedoch Sainean, Crfeation m6taph., pag. 104, 9 b.) Belege für Benennungen von Tieren und namentlich Vögeln mit Taufnamen finden sich in allen Sprachen. (Vgl. deutsch Staarmatz, Lehmhans, frz. pierrot j martin pecheur etc.) Span, mochuelo „Ohreule" geht offenbar auf lat. mutüus „verstümmelt" zurück. Die Ohr- büschel dieses Vogels sehen nämlich aus, als ob sie abge- schnitten wären. Darf man span. autillo „Ohreule" von dem gleichbedeutenden griech. S)Tog ableiten, so würde sich diese Be- zeichnung gleichfalls auf die Ohrbüschel beziehen, denn Sjtoc^ kommt von oig „Ohr". Verschiedene Deutungen hat der Name des Uhus im Franz., dtic, erfahren. (Vgl. ital.-dial. dugOj gran duca, deutsch-landschaftl. Großherzog.) Nach Adelung heißt der Vogel so, weil ihm, wenn er sich bei Tage sehen läßt, ein verfolgendes Heer von Vögeln nachzieht. Branky (Eulennamen, pag. 22) führt den Namen auf eine Stelle bei Aristoteles zu- rück, wo von dem Vogel berichtet wird, daß er die Wachteln auf ihrer Eeise im Herbste begleitet. Auch das würdevolle Aussehen des Vogels und seine Vorliebe für Burgruinen und verfallene Schlösser mögen hierbei mitgespielt haben. (Vgl. Sainean, Cr6ation metaph., pag. 100, 6 u. Anmerkung.) '^) Auf die klagende Stimme zurückzuführen sind auch die deutschen Dialektnamen: Klag, Klagefrau, Klagemutter, Wehklage. (VgL Branky, Eulennamen, pag. 17.) Eule, Uhu, Kauz. 115 Eine andere Reihe von Benennungen bernlit, wie schon oben angedeutet wurde, auf volkstümlicher Verwechslung mit anderen Vögeln, hervorgerufen durch größere oder geringere Ähnlichkeit des zu benennenden Vogels mit einem anderen. So geht frz. hibou „Eule'^ nach Baist auf bretonisch hibök zurück, das seinerseits wieder auf altengl. heafoc „Habicht'' beruhen soll. Eule und Habicht haben das gemeinsam, daß sie beide zur Gattung der Raubvögel gehören.*) Auffallend ist die Verwechslung von Krähe und Kauz, zwei äußerlich ganz verschiedenen Vögeln, die höchstens in ihrer stimmlichen Be- tätigung und in ihrem Raubtiercharakter Berührungspunkte aufweisen. Ahd. suppon. kdwa „Krähe" gilt als Etymon von ital. ciovetta, civeäa, neufrz. chouan^ cJumette, chevSche „Käuz- chen".**) (Vgl. deutsch-dialektisch Nachtrapp = Nachtrabe als Bezeichnung des Waldkauzes.) Das bereits oben erwähnte chat-huant^ was wörtlich „heulende Katze" bedeutet, ist wahr- scheinlich volksetymologische Umbildung von (Aouan. Die Be- zeichnung „Katze" ist insofern berechtigt, als der Eulenkopf tatsächlich ein katzenartiges Aussehen hat, wie auch in einigen deutschen Gegenden die Waldeule Katzenkopf, Katzeneule genannt wird. (Vgl. testa de gatto im ligurischen Dialekt.) In span. chova „Dohle" und choya (altfrz. choe) „Stein- krähe" hat sich die Grundbedeutung des Etymons erhalten. In Tirol heißt die Waldohreule Habergeis, wohl mit Bezug auf die meckernde Stimme des Vogels. In einigen Orten Nieder- österreichs bezeichnet man sie als Nachtfledermaus. Folkloristisch interessant sind die Benennungen, die auf dem alten Volksglauben beruhen, die Eule sei ein unheilverkün- dender Vogel. So bedeutet im Ahd. hölzmuoja zugleich „Wald- eule" und „Hexe".***) (Analoge Beispiele siehe bei Sainfean, *) Wahrscheinlicher ist onomatopoetischer Ursprung. (Vgl. ViTinteler, Natnrlaute und Sprache, pag. 10 u. 36.) **) Winteler (Naturlaute und Sprache, pag. 10) hält chouette und cJieveche für direkt schallnachahmend und steUt dieses zu den deutschen Dialektnamen Tschafytlein, Tschavitle, Wichtl, jenes zu mhd. kutze „Kauz". ***) Am Lechrain nennt man die Eule Holzweihl und hält sie für eine Hexe in Vogelgestalt. In Niederösterreich hei£t das Eäuzchen Wichtl, was das Diminutiy von ahd. wiht „Dämon, böser Geist" ist. (Vgl. Höfer, 8* 116 Eule, Uhu, Kauz. Cr6at. mötaph., pag. 115, 25.) Frz. effraie „Schleiereule" ist von effrayer „erschrecken** gebildet und bedeutet also wörtlich „Schreckvogel". Ein Analogen hierzu bietet span. espan- tada „Turmeule" von espantar „erschrecken". Frz. fresaie „Käuzchen" hat im lat. praesaga (ml avis) sein Etymon. Es ist demnach der „weissagende Vogel". (Das f ßir p erklärt sich durch Anlehnung an das ungefähr gleichbedeutende effraie.)*) Span, chucha „Nachteule" ist auf lat. suctiare „saugen" zurückzuführen, weil dieser Vogel nach einem alten Aber- glauben an schlafenden Kindern saugt. (Vgl. im schlesischen Dialekt die Bezeichnung Kindermelker für die Waldohreule.) Dieser Volksglaube mag dem Umstände, daß die Eule höchst selten Wasser trinkt und ihren Durst mit dem Blute ihrer Opfer stillt, seine Entstehung verdanken. Hierher gehört auch das bei Körting fehlende lechuza „Sumpfeule", das wohl auf einem lat. laducea (lactem = lecke „Milch") beruht und in einem ähnlichen Aberglauben wie chucha seine Erklärung findet. Nur wurde es sich hier nicht um ein Blut-, sondern um ein Milchsaugen handeln. Man vergleiche hiermit im Deutschen Die Yolksnamen der Vögel in Niederösterreich, pag. 6.) Winteler (Natur- lante und Sprache, pag. 10) führt das Wort anf den Ruf des Vogels „kuwiW zurück. Wahrscheinlich ist „Wichtl** eine volksetymologische Umdentnng dieses Bnfes. (Vgl. engl, oaf „Elfe" als dial. Enlenname.) Anf diesem Xfutoi^ beruhen anch die Dialektnamen Eomittchen und Gehmitvogel, mit Anspielung auf „mitgehen", nämlich ins Jenseits. (Vgl. Branky, Eulen- namen, pag. 17.) Bei den alten Bömem spielte die Eule {strix^ wovon das ital. Buchwort atrige) in den Ammenmärchen die Bolle einer Unholdin, die den Kindern in der Wiege das Blut aussog, daher siriga = Hexe, wovon ital. strega^ das infolge eines merkwürdigen Spieles des Bedeutungswandels im Sardischen {isiriaf striaf strea) wieder zur Bezeichnung der Eule wurde. *) Daß die Eule als Todesbotin gilt, geht hervor aus den deutschen Dialektnamen Leich, Leichenhuhn, Leichenhähnchen, Toten- vogel. Andere volkstümliche Namen deuten darauf hin, daß man die Eulen für dämonische Vögel hält, deren Gestalt der Teufel annimmt oder die mit ihm wenigstens im Bunde stehen. (Vgl. Branky, Eulennamen, pag. 21.) Brehm meint, daß es der Uhu ist, der die Sage vom wilden Jäger ins Leben gerufen, wie ja tatsächlich dieser Vogel in gewissen Gegenden Deutschlands wilder Jäger genannt wird. Die Bezeichnung Waldteufel dürfte aUerdings auf volksetymologischer Umdeutung von ursprünglichem „Waldäufl" (Auf = Uhu) beruhen. (Vgl. jedoch diavoh di movdxtgna in ital. Dialekten.) Eule, Uhn, Kanz. 117 die . volkstümlichen Bezeichnungen ^Ziegensauger'' , ,.Euh- sauger", „Milchsauger" für die Nachtschwalbe.*) Schließlich sind noch zu erwähnen als lat. Bi*bgut drei Bezeichnungen von Nachteulen im Ital., nämlich nottoia**) aus fwctua von nox „Nacht", assiolo aus oxioltMj dem Dim. von axio (bei Körting fehlend), und alocco aas aluccus. Von der Weiter- entwicklung letzteren Wortes in den romanischen Sprachen wird weiter unten die Bede sein. (Vgl. BoUand, Faune pop., II, pag. 38 ff. und Sainöan, Gr^ation m6tapL, pag. 96, 1 — 12.) Was zunächst die Metaphern betrifft, die sich auf das Äußere der Eule beziehen, so ist vor allem zu bemerken, daß sie als häßlicher Vogel gilt, weswegen es durchaus keine Schmeichelei ist, wenn man im Deutschen von einem weiblichen Wesen sagt, es sehe aus wie eine Eule.***) Mit Bezug auf die stark gebogene Nase des Vogels nennt der Italiener eine krumme Nase naso dt civetta. Einen tadelnden Sinn hat auch engl awheyed „eulenäugig" d. h. glotzäugig, und owl-faced „mit dem Gesichte einer Eule". Ein Analogen hierzu bietet span. leckuzoy lechuza „Mann, bzw. Frau mit einem Eulengesicht", sowie ital. mtMo a civetta „Eulengesicht".****) Wenn der Engländer von jemd. sagt: He hoks liJce an awl in an ivy-bushj er sieht aus wie eine Eule in einem Efeubusche, so meint er damit ein un- vorteilhaftes, klägliches Aussehen. Als Symbol der Häßlichkeit erscheint die Eule femer im deutschen Sprichwort: Es ist keine Eule, die nicht schwüre, sie hätte die schönsten Jungen, wozu sich im Engl ein Analogen findet: The awl thinks all her young ones beauties. Im Ital. übernimmt der Bär die Bolle der Eule: AIP arso pqjon belli gli orsacchi stwiy dem Bären scheinen seine Jungen schön. (Vgl. deutsch: *) Nach einem in Schlesien yerbreiteten Aberglauben trinkt die Nacht- eale das Öl ans den Kirchenlampen, daher die Bezeichnung Öldieb, wozu sich in südfranz. Mundarten Analoga finden. **) Nach Giglioli, Avifauna itaUca, pag. 196 f. u. 228 sind nottola, fiottoUme die schriftsprachl. Namen der Nachtschwalbe, während man mit nottolo auf Elba die Ohreule bezeichnet (in Pisa jedoch ist nottolo = Nacht- schwalbe). ***) Besonders wird das Wort auf alte Jungfern angewendet, mit gleichzeitiger Anspielung auf das ehelose, einsame Leben. ****) Umgekehrt heifit im Neapel, die Schleiereule facciommo „Menschen- gesicht''. (Vgl. Giglioli, Avifauna italica, pag. 220.) 118 Eule, Uhu, Kauz. Äffin, was sind eure Jungen schön!) Auch im Franz. be- zeichnet man mit vieille chouette ein altes, häßliches Weib. Hierzu steht in direktem Gegensatz der Gebrauch yon chouette im Argot. So entspricht das pariserische une femme chouette ungefähr dem „feschen Weiberl" des Wieners. Es er- scheint hier also chouette im lobenden Sinne gebraucht, wie im Pariser Argot überhaupt chouette substantivisch auf eine hübsche Cocotte angewendet wird. Diese sich wider- sprechenden Auffassungen in ein und derselben Sprache (aller- dings in verschiedenen Sprachsphären) erklären sich wohl daraus, daß im ersten Falle nur an das Äußere des Vogels gedacht wird, während im zweiten die Metapher sich zu- nächst auf das Benehmen des Tieres bezieht und dann erst auf das Äußere übertragen wird. Die Schilderung, die Brehm von dem Wesen des Vogels liefert; trägt dazu bei, diese Be- deutungsentwicklung vollkommen glaubwürdig zu machen. Er sagt ungefähr folgendes: „Der Kauz verdient die Zuneigung des Menschen. Er ist ein allerliebstes Geschöpf. Er ist nicht so lichtscheu als andere Eulen und weiß sich bei Tage sehr gut zu benehmen. Im Sitzen hält sich der Kauz gewöhnlich geduckt; sobald er aber etwas Verdächtiges sieht, richtet er sich hoch empor, macht Verbeugungen, faßt den Gegenstand seiner Betrachtung scharf ins Auge und gebärdet sich höchst sonderbar. Sein Blick hat etwas Listiges, aber nichts Bös- artiges, sondern immer etwas Einnehmendes.'' Diese Be- schreibung ist für uns auch sonst wertvoll, weil sie noch andere auf den Vogel bezügliche Metaphern erklärt. Die ge- duckte Stellung beim Sitzen macht den einstigen Gebrauch von kauzen für „kauern^ begreiflich. Die „sonderbaren Gebärden'^ erklären uns den sonderbaren Kauz als Be- zeichnung für einen wunderlichen Menschen, eine Metapher, die als solche nicht mehr gefühlt wird. (Die oft zitierte Redensart „Es muß auch solche Käuze geben'' entstammt Goethes Faust, 1. Teil. Mit diesen Worten sucht Faust den Mephistopheles Gretchen gegenüber zu entschuldigen.) Der lebhaften Mimik des Tieres, wie sie sich aus der Brehmschen Schilderung ergibt, entspricht der Gebrauch von ital. civetta für „Kokette''. Hierbei darf nicht über- sehen werden, daß der Kauz als Lockvogel benutzt wird. Eule, Uh\i, Kauz. 119 (Vgl. Schuchardt, „Liebesmetaphern" in „Romanisches und KeltiscIies'S pag. 237.) Diese Metapher hat zahlreiche Sprossen getrieben, wie civettare „kokettieren", civetteria, civettio, civettismo „das Kokettieren", civettino „Geck", dfoeUuola „die kleine Kokette". Originell ist die scherzhafte Bezeichnung von Goldstücken mit occhi di civetta „Käuzchenaugen" (vgl. span. c^'o de buey „Ochsenauge" fUr „Duro"), wobei man jedenfalls zunächst an die gelblich glänzenden Augen des Vogels zu denken hat.*) Dabei ist die auf der Verlockung des Goldes be- ruhende Nebenvorstellung des Kokettierens nicht ausge- schlossen. Es ist kein Zufall, daß diese Metaphern gerade im Italienischen entstanden sind, denn in Italien hat man mehi* als sonstwo Gelegenheit, diesen Vogel zu beobachten. Der Italiener benutzt den Kauz zum Vogelfang, indem er sich das feindliche Verhältnis zwischen diesem und den übrigen Vögeln zunutze macht. Der Vogelfanger stellt den Kauz aus und umgibt ihn mit Leimruten, auf denen sich die Vögel, die herbeigeflogen kommen, um ihr Mütchen an dem bei Tage wehrlosen Feind zu kühlen, fangen. Auf diese Art des Vogelfangs beziehen sich mehrere JRedensarten, wie impaniare Ja civetta^ den Kauz mit der Leimspindel fangen, d. h. einen Gauner begaunern. Mit Anspielung auf die jämmer- liche Figur, die die gefangenen Vögel spielen, sagt der Italiener von einem, der unbeholfen in seinen Bewegungen ist: Pare preso a civetta, er sieht aus, als ob man ihn mit dem Kauz gefangen hätte. Hierher gehört auch die Redensart schiacciare il capo alla civetta, dem Kauze den Kopf zerdrücken, d. h. um des gegenwärtigen Gewinnes willen sich einen anderen größeren für die Zukunft verscherzen. Unter dem größeren Gewinne sind die Vögel zu verstehen, die der Besitzer des Kauzes mittels desselben fangen könnte. Auf das Auf- und Nieder- heben des Kopfes bezieht sich die Redensart far civetta, es machen wie der Kauz, d. h. den Kopf rasch senken, um einem Schlage auszuweichen (nicht zu verwechseln mit far Ja civetta ^) Vgl. die in der Steiermark für die Waldohreale übliche Bezeichnung Glnrvogel. (Glnren sind große, unheimlich leuchtende Augen (vgl. Branky, Eulennamen, pag. 29). Hierzu stimmt die Ableitung Yon griech. ylav^ „Eule" Yon yXaijaaeiv „leuchten". 120 Snle, Uhu, Kauz. = civettare). Auf die merkwürdige Eigenheit der Eule, große Stucke Fleisch hinunterzuschlucken, ohne sie früher zu zer- hacken, ist zurückzuführen die italienische Bedensart mangiare come Je civeUe, essen wie die Eulen, d. h. ohne zu kauen. (Vgl. gufo als tadelnde Bezeichnung eines gierig Essenden.) Allerdings kann obige Redensart auch bedeuten „essen ohne zu trinken'^, da die Eulen monatelang das Wasser entbehren können. Kulturhistorisch interessant ist die Bezeichnung „Eule^^ für einen sechzigpfundigen Mörser (im Deutsch des 17. Jahrhunderts), denn sie beweist die Verwendung der Eule als Beizvogels. Von Metaphern, die auf physischen Eigentümlichkeiten der Eule beruhen, sei noch angeführt aus dem Deutschen der Gebrauch dieses Vogelnamens für eine Art Kinderhaube, die deswegen Eule genannt wird, weil sie dem Gesichte ein eulenartiges Aussehen verleiht. (Vgl. span. fnartnata, frz. marmotte „Murmeltier" als Benennung einer weiblichen Kopftracht.) Auch ital. gufo „Uhu" als Bezeichnung des Pelz- mäntelchens der Ghorherm ist hierherzuziehen. (Vgl. Sain6an, Cr6at. metaph., pag. 108, 15.) Fem er bezeichnet man im Deutschen mit dem Worte Eule*) einen zum Reinigen der Zimmerdecke dienenden Besen, dessen Haare wohl mit dem Eulengefieder verglichen werden. (Vgl. frz. Ute de loup.) An die hörnerähnlichen Ohrbfischel der Waldeule denkt der Italiener, wenn er von einem alten Manne, der ein junges Mädchen heiratet, sagt: Fa come i barbcigianni che mettono corna in vecchiaia, er macht es wie die Waldeulen, denen die Homer erst im Alter wachsen. Auf die charakteristische Lebensweise der Nachteule, die wie die Fledermaus sich des Tags verbirgt und des Nachts auf Raub ausgeht, beziehen sich, besonders im Englischen, eine Reihe von Metaphern. Im allgemeinen wird die Eule, die bei den Ägyptem Symbol des Todes, der ewigen Nacht, war und in der christlichen Kirchenlehre mit dem im Finstem schleichenden Satan verglichen wird, als Bild der Lichtfeinde *) Niederdeutsch ühle (Uhl), davon nhlen, d. h. mit der Uhle reinigen (von Yoß im siebzigsten Geburtstage gebraucht). Nach Branky (Enlennamen, pag. 6) ist darunter ein Federbesen mit einem Eulenkopf zu verstehen. Enle, üha, Kauz. 121 in Gegensatz gebracht zu dem Adler, der in der indischen Mythologie geradezu als Personifikation der Sonne erscheint. So bezeichnet der Engländer mit owl einen Nachtarbeiter oder Nachtschwärmer (vgl. deutsch Nachteule) und wendet das Wort zeitwörtlich auch auf das nächtliche Schmuggeln an — da- her owler „ Schmuggler '^ Eine Weiterbildung von owl ist owJert/j das in eigentlicher Bedeutung „Eulennest'' heißt, dann aber übertragen „eulenhafte Gewohnheiten" bedeutet, wie z. B. Spazierengehen zur Nachtzeit. Mit cwTrlight „Eulenlicht" bezeichnet der Engländer das Zwielicht, in dem sich die Eulen bewegen, womit sich im Deutschen die poetische Metapher Eulen flucht vergleichen läßt^ das ist die Stunde, in der die Eulen ausfliegen. Im amerikanischen Englisch ist in familiärer Sprache für einen Nachtzug die Bezeichnung owJrtrain „Eulenzug" üblich. Im Pariser Argot ist hibou ein Dieb, der nur bei Nacht stiehlt Da die Eule sehr empfindlich ist gegen das Tageslicht (vgl. die franz. Redensart roukr les yeux comme une chouette qu'on Mige ä regarder le soleiT) und oft ihre Augen zur Hälfte schließt, so glaubt das Volk, sie sei ganz oder halb blind, daher im Englischen owly für einen Halberblindeten gebraucht wird. (Vgl. die auf Fledermaus und Maulwurf bezüglichen Metaphern.) Mit Bezug auf die einsame Lebensweise des Uhus (Uhu == Ohreule) sagt der Deutsche von einem zurückgezogen lebenden Menschen: Er lebt wie ein Uhu, womit ent- schieden ein tadelnder Sinn verbunden wird. Dasselbe Bild ist den romanischen Sprachen geläufig. So sagt der Italiener von einer menschenscheuen Person: E un gufo, der Spanier: Es un buho, der Franzose: CPest un hibou oder: 11 fait le hibou. Da die Eulen gern in alten, verfallenen Schlössern hausen, so wird ein solches Schloß im Deutschen auch Eulennest genannt, dem frz. reiraite de hibou entspricht. (Vgl ital. gufarsi „sich verkriechen".) Schon bei der Besprechung der Etymologien wurde hervorgehoben, daß einige Bezeichnungen für „Eule" und „Uhu" auf dem Aberglauben beruhen, diese Vögel seien Un- glflckspropheten. (Vgl. frz. effraie^ fresaie.) Zur Entstehung dieses Volksglaubens mag weniger die einsame Lebensweise und das bizarr - häßliche Äußere des Vogels als vielmehr 122 Eule, Uhu, Kauz. der unheimliche Ruf beigetragen haben, den die Eule des Nachts von Zeit zu Zeit erschallen läßt. Diese stimmliche Betätigung der Eule wird in Gegensatz gebracht zum schönen Gesang der Nachtigall, und zwar in dem deutschen Sprich- wort: Des einen Eule ist des anderen Nachtigall, d. h. was dem einen schön dünkt, dankt dem anderen häßlich, ttber den Geschmack läßt sich nicht streiten. Als Un- glficksYogel gilt die Eule nicht bloß im Französischen (vgl. effraicj fresaie), sondern auch im Deutschen, Englischen und Spanischen. So sagt man z. B. in manchen Gegenden Deutsch- lands, wenn eine Sache mißglückt ist: Da saß eine Eule, und analog sagt der Seemann, wenn das Segelschiff den Wind plötzlich von vom bekommt, es habe eine Eule gefangen. Hierher gehört femer aus dem Englischen der Slangausdruck to tahe owl at a thing, an einer Sache eine Eule finden, d. h. etwas übel nehmen. Als Unglücksvogel erscheint die Eule ferner in der engl. Redensart to live ioo mar a tcood to he fvightened by an owl, zu nahe am Walde wohnen, um von einer Eule in Furcht gesetzt zu werden. Von einem erschreckt Dreinschauenden sagt der Engländer : He stares as if he saw an owl^ er starrt, als sähe er eine Eule. Auch der Spanier ist der Eule abhold, wie erhellt aus der Redensart tomar (cargarse) el mochueloy die Eule, d. h. den schlechtesten Teil bekommen. Analog sagt man im Span., wenn man sich einer lästigen Arbeit, die niemand übernehmen will, unterziehen muß: Me toca el mochuelo, mir wird die Eule zuteil. Auch das Verhältnis der Eule zu den anderen Vögeln spiegelt sich in der Sprache wieder. Die Eule, die bei Tag hilflos ist, wird sehr häufig von den Vögeln, die sie bei Nacht verfolgt; angegriffen und gleichsam geneckt und verhöhnt. Ganz besonders haben es die Krähen auf sie abgesehen ; daher sagt man im Deutschen von einem Menschen, der der Gegen- stand allgemeinen Spottes ist : Er lebt wie die Eule unter den Krähen und im Franz.: II est la chouette de la sodete. m Analog sagt der Engländer to make an otvl of a i}er8on^ aus jemd. eine Eule machen, d. h. ihn verspotten, wobei der Spottende stillschweigend mit einer Krähe verglichen wird. Das Ital. hat von gufo sogar ein Verbum gebildet: gufare „verspotten". (Vgl. weiter oben gufarsi.) Auch sagt man im Eule, Uhu, Kauz. 123 franz. Spielerargot von einem, der allein gegen mehrere spielt: II fait la chouette, was mit Erweiterung der ursprünglichen Bedeutung heißen kann : Er hat es allein mit mehreren zu tun. Was die geistigen Fähigkeiten der Eule betrifft, so be- findet sich die Sprache in vollkommener Übereinstimmung mit der Naturgeschichte, wenn sie diesen Vogel als geistig plumpes Tier betrachtet und häufig als Symbol der Dummheit ver- wendet. So wird im Engl, owlish, owlishness für „dumm", bzw. „Dummheit", gebraucht; desgleichen wendet der Italiener gufo, harbagianni oder ahcco auf einen dummen oder tölpelhaften Menschen an und mit cdoccheria bezeichnet er treffend das dreiste Umschwärmen einer Dame, indem ihm dabei die plumpen Flugbewegungen der Eule vorschweben. Was äbrigens älocco betrifft, so wird das Wort mit Aphärese des anlautenden Vokals, also in der Form locco, in eigentlicher und Übertragener Bedeutung gebraucht. Es ist sehr wahrscheinlich, daß davon span. loco „töricht, verrückt" abzuleiten ist, welche Etymologie in der metaphorischen Verwendung des Wortes im Ital. eine Bekräftigung erfährt. (Vgl. Sain^an, Cröation m^taph., pag. 113.) Aus dem Ital. gehört femer hierher der Gebrauch von capo cPasmlo „Eulenkopf" im Sinne von „Dummkopf". Ganz im Gegensatze zur modernen Auffassung galt die Eule den Alten als kluger Vogel. War sie doch das Attribut der Minerva, der Göttin der Weisheit ! *) Allerdings ist darunter nicht unsere gewöhnliche Eule zu verstehen, sondern eine kleinere Abart, in der Naturgeschichte Kauz der Minerva {athene noctua) genannt, der vor den übrigen Eulen zwar nicht größere Intelligenz, wohl aber größere Beweglichkeit voraus hat Auch bewunderten die Alten an dem Vogel seine Fähigkeit, im Dunkeln zu sehen, und so wurde, wie beim Luchs und Adler, von der Schärfe des Gesichtssinns auf die Schärfe des Verstandes geschlossen. Aus der Vorliebe der Athener für diesen Vogel erklärt sich die Redensart Eulen nach Athen tragen, engl, to bring otols to Athens, d. h. etwas Überflüssiges tun. Als Lieblingsvogel der Athener war die Eule in Athen sehr häufig, es war also daselbst durchaus kein Bedürfnis nach diesen Tieren vorhanden. Die *) Daher ist die Enie das Wappentier der Bachhändler. 124 ^^^ Kuckuck. Redensart ist vom Griechischen (ylctiht^ elg l4^vag) zunächst ins Lateinische (ululas Athenaa) und von da in die modernen Sprachen eingedrungen, wo sie jedoch infolge ihres klassischen Ursprungs rein gelehrten Charakter hat. In volkstfimlicher Sprache finden sich zahlreiche Analoga. So sagt man im Deutschen: Wasser in den Brunnen tragen, nieder- deutsch auch: Water in de See dragen. Genau so in den romanischen Sprachen: ital. portar cccqua dl mare^ span. echar agua en el mar, frz. porter de Peau ä la mer. Im älteren Deutsch ist auch belegt: Holz in den Wald tragen. Dasselbe Bild findet sich im Lateinischen und in einigen romanischen Sprachen: lat. in silvam ligna ferre, ital. portare legna al boscOj span. Uevar Jena äl monte. Der Engländer sagt mit einer kleinen Variante: to carry leaves into the wood, Blätter in den Wald tragen, oder mit lokaler Färbung : to carry coals to NewcasÜCj Kohlen nach Newcastle tragen, womit sich ital. portare cavöli a Legnaia, Kohl nach Legnaia tragen, vergleichen läßt. Über die geistigen Fähigkeiten anderer Eulenarten urteilten die Griechen weniger günstig, ihre Auffassung von dem Wesen dieser Vögel näherte sich der unsrigen. Dies beweist die Anwendung von griech. &rog „Ohreule" auf einen dummen Menschen. Auf die Raubtiematur der Eule spielt nur das Französische an in der Redensart etre larron comme une chouette, diebisch sein wie eineEule,"^) wofür man im Deutschen sagt: „stehlen wie ein Rabe, wie eine Elster". Jeu de la chouette ist im Franz. ein Kinderspiel, wobei einer dem anderen etwas weg- nimmt; hingegen bezeichnet man im Ital. mit fare a eivetta das „Plumpsackverstecken", wohl mit Bezug auf die geduckte Stellung des Vogels beim Sitzen und sein kokettes Gebaren. - Der Kuckuck. Das Wort Kuckuck ist — wie sofort erkennbar — eine onomatopoetische Bildung nach dem Ruf des Vogels. (Vgl. Winteler, Naturlaute und Sprache, pag. 6 f.) Dazu *) RoUand (Faune pop., 11, pag. 46) vermutet, daß diese Redensart auf volkstümlieher Verwechslung des Kanzes mit der Dohle beruht. Der Kuckuck. 125 Stimmt lat. cmulus mit seinen romanischen Entsprechungen: ital. cuculo, ctMcü, span. cuquühj cucliUo, frz. coiumi. Im Ital. findet sich auch cucco, das auf ein lat. neben cucultts sich findendes cucus zurückgeht. Was das deutsche „Kuckuck'^ betrifft, so ist das Wort in Süddeutschland erst im 15. Jahr- hundert üblich geworden. Früher gebrauchte man dafür Gauch,"^) mhd. gouch, ahd. goidh, yerwandt mit altengl. gSaJc, woraus schottisch gowk Das engl. Wort für Kuckuck ist gleichfalls onomatopoetisch, nämlich cuckoo, wovon cuckold „Hahnrei". Was den Kuckuck von anderen Vögeln besonders unter- scheidet, ist sein eigentümlicher Buf. Da der Kuckuck als Zugvogel regelmäßig im Frühling erscheint und in dieser Jahreszeit seinen Buf erschallen läßt, so gilt er als Frühlings- bote, weswegen man im Engl, den Frühling auch als cuckoo- Urne „Kuckuckszeit" bezeichnet Ebenso werden Frühlings- blumen gern nach dem Kuckuck benannt» so heißen z. B. die Himmelsschlüssel (primtda acaulis) frz. pain de caucau „Kuckucks- brot«.**) Auf die ermüdende Eintönigkeit des Kuckucksrufs bezieht sich im Engl, die Bedensart to sing like a cucJcoo, wie ein Kuckuck, d. h. schlecht singen. So gebraucht man im Engl. a,uch cuckoO'Song für „alte Leier" und sagt von einem, der immerfort dasselbe drischt : He repeats the cuchoo-song, er wieder- holt den Kuckuckssang. (Vgl. ital. Ja canzone delV ucceUino, das Lied des Vögelchens.) Das Span, und Franz. haben vom Namen des Kuckucks Zeitwörter gebildet: span. cuclear^ frz. comouer, coucoukr „wie ein Kuckuck schreien". Dem Kuckuck wird ähnlich wie dem Hahn, dem Baben und dem Käuzchen vom Volke die Gabe der Prophezeiung zugeschrieben. Aus seinem Buf erfährt man die Zahl der noch übrigen Lebensjahre, und wenn man Geld in der Tasche hat in dem Augenblick, da sich der Vogel vernehmen läßt, so geht es das ganze Jahr nicht aus. Auf diesem Volks- ''') Im 15. Jahrhundert kommt auch die Umbildnng Gnckganch vor. **) Wenn BoUand, Fanne pop., IT, pag. 81, 16 von der Farbe dieser Blnme die Anwendung des Gelben als Symbols der betrogenen Ehemänner (coucou =3 cocu) herleitet, so scheint dies wohl sehr weit hergeholt. Ist doch gelb ganz allgemein die Farbe des Neides nnd der Eifersncht. 126 öer Kuckuck. glauben beruht die im Deutschen häufig gebrauchte Bedens- art: Das weiß der Kuckuck! (Vgl. Rolland, Faune pop., II, pag. 90 ff.) So häufig sich aber der Kuckuck hören läßt, so selten läßt er sich blicken. Er ist ein sehr scheuer VogeL Die Eander rufen daher beim Versteckspiel „Kuckuck!" und das Spiel wird geradezu als Kuckucksspiel bezeichnet. Ebenso sagt man im Franz. faire coucou, jauer ä coucou. Was das Äußere des Kuckucks^ betrifft^, so gebraucht man im Franz. in Bezug auf die schlanke Gestalt des Vogels den Vergleich maigre comme un coucouj mager wie ein Kuckuck, wofär sich in den übrigen Sprachen kein Analogen findet."^) Mit weniger Berechtigung sagt der Franzose maigre comme une chouette, mager wie ein Käuzchen. In semasiologischer Hinsicht merkwürdig ist der Ge- brauch des Wortes Kuckuck für „Hahnrei". Im Deutschen hat das Wort an und für sich nicht diese Bedeutung, wohl aber sagt man jemd. ein Kuckucksei ins Nest legen. Mit dem Kuckucksei ist zunächst ein im Ehebruch gezeugtes Kind, das der betrogene Gatte für sein eigenes hält, gemeint, dann wird der Ausdruck überhaupt auf ein fremdes Er- zeugnis, das einem Ahnungslosen als sein Werk untergeschoben wird, angewendet. Das ältere Gauch wurde auch in der Bedeutung „Hahnrei" gebraucht, wozu das engl von cnckoo abgeleitete cucJcold sowie span. cucliUo Analoga bieten. Hingegen ist das franz. cocu, wie Brinkmann (Metaphern, pag. 521 ff.) überzeugend nachgewiesen hat, von coq „Hahn" abzuleiten, wohl aber wird vulgär auch coucou für „Hahnrei" gebraucht. (Vgl. Borchardt -Wustmann, Sprichwörtl. Redens- arten, pag. 283.) Wie aber ist diese Metapher zu erklären? Bekannt ist die Eigentümlichkeit des Kuckucks, seine Eier in die Nester fremder Vögel zu legen, worauf die oben zitierte deutsche Redensart anspielt. Demnach wäre der Kuckuck vielmehr mit dem Ehebrecher als mit dem betrogenen Ehemann zu ver- *) In Südfrankreich sagt man hingegen gras comme un coucou^ fett wie ein Encknck, offenbar deshalb, weil er in dem Angenblicke, wo er Europa verläßt, wohlgenährt ist. (Vgl. Rolland, Faune pop., II, pag. 88, 11.) Der Kuckuck. 127 gleichen, was, wie weiter unten gezeigt werden wird, in einigen 8praclien wirklich, geschieht. Die Diezsche Erklärung, daß der Kuckuck als der Betrüger per antiphrasim f&r den Be- trogenen gesetzt wird, kann nicht befriedigen. Brinkmann will in der ital. Bedensart covar nel nido degli altri come il cucuhj im Nest der anderen brüten wie der Kuckuck, den Schlüssel zum Verständnis unserer Metapher finden. Daraus ergebe sich, daß der Kuckuck nach der Auitfassung des Volkes nicht bloß seine Eier in fremde Nester legt, sondern sie auch ausbrütet. Indem er aber dabei auch die Eier des fremden Vogels ausbrüte, sei er gewissermaßen der Betrogene.*) Schon im Lateinischen finden wir (bei Plautus) cuculus als Schimpfwort für einen dummen Menschen, der sich leicht übertölpeln läßt. Im Ital. bedeutet demgemäß cucco „dumm'^ und cuculiare „dummes Zeug schwatzen". Von einem, der in der Gesellschaft die Zielscheibe von Spöttereien ist, sagt man : E ü cucco deUa hrigata^ er ist der Kuckuck der Gesellschaft. Analoga finden sich auch in den germanischen Sprachen. Wie im älteren Deutsch mit Gauch, so wird im schottischen Dialekt mit gotdk ein beschränkter Mensch bezeichnet, woher die Redensart to give a person the gau^k, jemd. den Kuckuck geben, d. h. ihn zum Narren halten, und das Adjektiv gowJcy mit der Bedeutung „albern, dumm". Im ähnlichen Sinne ge- braucht das Wort Shakespeare in „Heinrich IV." (A. 2, 4, 387). In modernem Engl, wird nicht das Wort cuckoo selbst, son- dern eine Weiterbildung davon, nämlich cucköld, für „Hahnrei" gebraucht. Als Verbum bedeutet dann cucköld logischerweise „zum Hahnrei machen". Originell ist die Bedensart to cuckoJd the parson, wörtl. : den Pfarrer zum Hahnrei machen, d. h. ihn betrügen durch intimen Umgang vor der Trauung. Cucköld- mdker „Kuckucksmacher" ist der Ehebrecher und cuckoldry, eine Weiterbildung von cuckoM, der Ehebruch. Im Gegensatz zur Auffassung des Kuckucks als Betrogenen kommt in einigen Sprachen die gegenteilige, dem wirklichen Sachverhalt entsprechende Anschauung zum Ausdruck, nach '*') BoUand (Faune pop., II, pag. 88, 15) erklärt cocu „Hahnrei" aus dem Bafe coucou, bzw. cocUy mit dem man die betrogenen Ehemänner Ter- spottete. Dieser Ruf sei dann zur unmittelbaren Bezeichnung des Hahnreis geworden. 128 I^or Encknck. welcher der Kuckuck der Betrfiger ist So hatte Gauch im älteren Deutsch neben der Bedeutung „Narr" auch die von „Schelm, Schurke'^ und bei den BOmem bezeichnete cucülus nicht den betrogenen, sondern den treulosen Gatten."^) Dem- entsprechend wird im ItaL cucülaccio^ d. L „häßlicher Kuckuck", auf einen Wüstling angewendet, der den Frauen anderer nach- stellt, wie auch cucüliare neben der oben angegebenen Be- deutung die von „verhöhnen, hintergehen" hat Im Span, findet man gleichfalls Spuren dieser Auffassung. Von einem, der schlauer Weise aus dem Streit zweier anderer Vorteile zieht, sagt man Por vos cantö d euclülo^ für dich sang der Kuckuck. So bedeuten auch im Span, cucar „verhöhnen^', cuco „schlau, verschmitzt" im Gegensatz zu ital. cucco.^) Daß im Deutschen der Kuckuck als unheilvoller, böser Vogel gilt beweisen die Flüche : Zum Kuckuck! hol dich der Kuckuck! scher dich zum Kuckuck etc., wo Kuckuck geradezu ein Glimpfwort für Teufel ist (Vgl. das Kapitel „Fuchs" pag. 48.) Semasiologisch bemerkenswert ist der Gebrauch von ital. cucco in der Bedeutung „Nesthäkchen, Schoßkind". Von der Eigentümlichkeit des Kuckucks, seine Eier in fremde Nester zu legen, war schon die Rede. Nun kommt es häufig vor, daß der junge Kuckuck seine viel kleineren und schwächeren Genossen aus dem Neste drängt, so daß sich die liebende Sorgfalt der Pflegeeltern auf ihn allein konzentriert Diese haben vollauf zu tun, um den Hunger ihres Pflegekindes halbwegs zu stillen, daher die franz. Redensart manger comme unjeune coucauj fressen wie ein junger Kuckuck. Hierher gehört auch das span. Adjektiv cuco in der Bedeutung „niedlich, zierlich, nett". Daß Tiemamen ohne weiteres als Adjektiva verwendet werden, ist im Span, und Portug. keine seltene Erscheinung. (Vgl. span. mono „hübsch", topo „kurz- sichtig", port. zorro „schlau".) Auf das Verhalten des Kuckucks *) Ein Analogon hierzu findet sich in der Mundart der Champagne, wo cocu im aktiven Sinne gebraucht wird. (Vgl. Rolland, Faune pop., II, pag. 89, 15 f.) **) Nach BoUand, Faune pop., n, pag. 89, 14 ist die Bedeutung dieser Wörter davon abzuleiten, daß man den Kuckuck hört, ihn aber nicht zu sehen bekommt, gleichsam als foppe der Vogel den ihn Suchenden. Der Papagei. 129 gegen seine Pflegeeltern, die er nach dem Glauben des Volkes sogar auffrißt, wenn er groß geworden, bezieht sich die Anwendung dieses Vogelnamens auf einen Undankbaren im Deutschen und Franz. (ingrat camme un coacou). Interessant ist es, daß man im Ital. eine gewisse Art von Vogelnetz mit cuculo bezeichnet. Der Kuckuck wird in Italien wie so viele andere Vögel des Waldes gegessen, und daher wird ihm fleißig nachgestellt. Man wandte cuculo zunächst metonymisch auf ein zum Fange der Kuckucke bestimmtes Netz an (die Vorrichtung benannt nach ihrem Zweck, ein allerdings seltener Fall von Bedeutungswandel), dann wurde das Wort infolge Erweiterung des Bedeutungs- umfangs für „Vogelnetz" überhaupt gebraucht. Im Franz. bezeichnete man die Schwarzwäldernhren mit horloges ä cmicoti (auch deutsch „Kuckucksuhren") oder schlecht- weg mit coucous (pars pro toto) u. zw. deshalb, weil bei den meisten dieser Uhren die Stunden von einem aus dem Uhr- gehäuse herausschnellenden Kuckuck ausgerufen wurden. Da diese Art von Uhren jetzt außer Gebrauch ist, so ist es begreiflich, daß mit dem Worte coucou gelegentlich der Begriff des Altertümlichen verbunden wird, was sich auch bei seiner Übertragung auf andere Objekte geltend macht. So wird coucou zunächst auf einen alten Gesellschaftswagen, der ehe- mals namentlich zu Sonntagsausflügen benutzt wurde, und dann allgemein auf jeden alten, schlechten Wagen angewendet. Der Papagei. Der Name dieses Vogels ist — wie dieser selbst — exotischen Ursprungs. Arab. habagäh drang zunächst in die romanischen Sprachen ein und wurde ital. zu pappagallo (wohl mit Anlehnung an gallo „Hahn"), span. zu papagayo, altfrz. zu papagai. Von diesem wieder rühren her deutsch Papagei und engl, popinjay*) Betreffs des altfrz. papagai sei bemerkt, daß dieses Wort im Neufranzösischen sich als papegai erhalten *) Mit Yolksetymologischer Anspielung an pope „Papst^ und jay Häher^. (Vgl. Andresen, Über deutsche Volksetymologie, 5. Aufl., pag. 54.) Rieglet, Das Tier im Spiegel der Sprache. 9 130 I^er Papagei. hat, allerdings mit beträchtlicher Verengung des Bedeutungs- umfanges. Es wird nämlich für den als Schießscheibe dienenden hölzernen Vogel gebraucht, wohl deshalb, weil dieser ursprüng- lich die Gestalt eines Papageis hatte. In derselben Bedeutung gebraucht der Spanier papagallo neben papagayo. Auch im Deutschen bezeichnete „Papagei" ursprünglich nur den Schützenvogel. Den wirklichen Vogel nannte man Sittich (ahd. psittich aus lat. psütacm), welches Wort heute noch neben „Papagei" weiterlebt. (Vgl. Seiler, Die Entwicklung der deutschen Kultur im Spiegel des deutschen Lehnworts, II, pag. 114 If.) Eine andere Benennung des Papageis ist ital. parrocchetto, frz. perroquet, span. perico, welche Wörter Diez sämtlich als Ableitungen von Petrm „Peter" auffaßt, wonach der Papagei „Peterchen" hieße. Für das Spanische, wo Perico*) tatsächlich Diminutiv von Pedro ist, muß man diese Etymologie ohne weiteres zugeben — Übertragung von Tauf- namen auf Tiere ist nichts Seltenes, — allein ital. parroc- chetio ist wohl davon zu trennen, da es offenbar Diminutiv von parroco „Pfarrer" ist. (Vgl. deutsche Vogelnamen wie Dompfaff, Mönch, Kardinal, ital. monachino, span. frailecülo) Was frz. perroqmt betrifft, so ist es zweifelhaft, ob es dem Italienischen oder Spanischen entlehnt ist. Echt fran- zösisch hingegen ist das in engl, parrot „Papagei" (für älteres perrot) erhaltene pierrot, womit in modernem Franz. jedoch nicht der Papagei, sondern der Sperling bezeichnet wird. Auch franz. perroquet findet sich im Engl., u. zw. als parraheet, womit speziell die Langschwanzpapageien bezeichnet werden.**) Durch seine auffallende exotische, von den heimischen Vögeln sich stark abhebende Erscheinung fordert der Papagei zur Metapherbildung geradezu heraus. Was ihn besonders charakterisiert, ist seine Fähigkeit, einzelne Wörter wie ganze Sätze nachzusprechen. Wir haben in allen Kultursprachen Redensarten, die sich darauf beziehen. So sagt man im Deutschen plappern wie ein Papagei, ital. favellare *) Mit loro, einem Wort malaiischer Herkunft, bezeichnet man im Span, eine Art knrzschwänziger Papageien mit rotgefärbter Unterseite. **) In Niederösterreich heißt der grüne Papagei Peruquetl. (Vgl. Höfer, Die Volksnamen der Vögel in Niederösterreich, pag. 6.) Der Papagei. X31 come un pappagaUo, frz. parier comme un perroquet, span. hablar como un papagayo, d. h. viel und sinoloses Zeug schwatzen, da der Papagei die ihm vorgesagten Wörter nur mechanisch nachsagt. Das Portug. besitzt in derselben Bedeutung ein von papagaia direkt gebildetes papagaiar. Auch hat der Italiener von pappagaUo das Substantiv pappagalleria gebildet, das sich im Deutschen mit „Nachäfferei" wiedergeben ließe. Da femer der Papagei die vorgesagten Wörter nur unvollkommen nachspricht, so bezeichnet der Italiener eine mangelhafte Aus- sprache mit pronunda pappagallesca. Charakteristisch ist für den Engländer der Gebrauch von popinjay im Sinne von „Windbeutel". Dem schweigsamen Engländer sind geschwätzige Leute besonders verdächtig und er steht nicht an, aus ihrer Geschwätzigkeit einen ungünstigen Schluß auf ihren Charakter zu ziehen. (Vgl. im span. Argot perico als Bezeichnung eines liederlichen Frauenzimmers.) Hingegen wird parrot im Sinne von „Nachbeter" gebraucht und das Wort auch als Verbum verwendet (to parrot), wovon die Verbalsubstantiva parroter „Nachbeter", parrotry „das Nachbeten", sowie das Adjektiv parroty „papageienhaft, verständnislos nachplappernd". Was sonst beim Papagei besonders auffällt, ist sein buntes Gefieder, daher sagt man im Deutschen von einer in geschmack- loser Weise bunt gekleideten Frauensperson, sie sei der reinste Papagei und ebenso sagt der Spanier vestirse de papagayo, sich als Papagei, d. h. bunt kleiden. Da die vor- herrschende Farbe im Gefieder des Amazonenpapageis, der bei uns bekanntesten Art, grün ist, so nennt der Franzose in familiärer Sprache den grünlich schillernden Absinth perroqmt, und wenn er ein Gläschen von diesem Getränke geleert hat, sagt er konsequenterweise, er habe einen Papagei erwürgt {itouffer Je perroquet). Auch sonst spielt der Papagei im Pariser Argot keine unbedeutende EoUe. In Wein getauchtes Brot wird als „Papageisuppe" (de la soupe ä perroquet) be- zeichnet, da man diesen Vogel gern damit füttert. Eine krumme Nase heißt mit Bezug auf den stark gekrümmten Schnabel des Papageis un nez en hec de perroquet „eine Papagei- nase", wozu engl, parrot -nosed „papageinasig" ein Analogen bietet. (Vgl. deutsch „Geiernase".) Die Amsel muß sich die Bezeichnung perroquet de savetier „Schusterpapagei" gefallen 9* 132 I>er Wiedehopf. lassen, da der savetier, der arme Flickschuster, sich anstatt des kostspieligen Papageis lieber die bescheidene Amsel hfilt. Schließlich sei noch der Gebrauch von ital. parrocchettOj frz. perroquety span. perico, periqueto als terminus technicus der Seemannssprache erwähnt. Es wird damit nämlich der Mast bezeichnet, auf dem der Mastkorb aufgetakelt ist, offenbar mit Beziehung auf den bdtan de perroqmt, das Stäbchen, auf dem der gefangene Papagei auf und ab klettert. Das Wort wurde dann auf die Segelstange und schließlich auf das Segel selbst übertragen. (Vgl. Hatzfeld - Darmesteter , Dic- tionnaire g6n6ral de la langue frangaise unter „perroquet^.) Der Wiedehopf. Der Wiedehopf hat der Sprache zwar wenig Metaphern geliefert, wohl aber sind die Benennungen dieses Vogels in den verschiedenen Sprachen von großem Interesse. Die Be- zeichnungen des Wiedehopfs sind größtenteils onomatopoetisch, und zwar beruhen sie auf dem hohlklingenden Paarungsruf des Vogels. (Vgl. Naumanns Naturgeschichte der Vögel, Bd. IV, pag. 376, wo man eine Unzahl von dialektischen Benennungen des Wiedehopfs aus allen möglichen Sprachgebieten zusammen- gestellt findet.) Im Ital. ist lat. upupa unverändert erhalten, daneben kommt ein aus dialektisch bubba diminutiv gebildetes buhbola vor, womit die span. Bezeichnung des Vogels, abubiUa^ tiber- einstimmt. Im Span, findet sich auch putput, das gleichfalls auf unmittelbarer Schallnachahmung beruht, ebenso wie frz. pu(t)put, huppe, dupe und die englischen Namen hoopoe, hoopoo, hoop und whoap. (Vgl. EoUand, Faune pop., II, pag. 99flf.) Die deutschen Namen für den Wiedehopf bieten lehrreiche Beispiele för die volksetymologische Umdeutung von Schall- wörtem. So wurde im Ahd. der Ruf des Vogels zu wüehopfo „Holzhüpfer" umgedeutet, auf welche Form unser Wiede- hopf zurückgeht. Ebenso sind die meisten deutschen Dialekt- namen dieses Vogels volksetymologische Umbildungen, z. B. frankfurtisch Wiggflgel = Weidenhahn, bajrr. Wieshopf Der Wiedehopf. 133 = Wiesenhüpfer. (Weitere Beispiele siehe bei Winteler, Natnrlaute und Sprache, pag. 26.) Neben diesen onomatopoetischen Benennungen gibt es noch andere, die sich auf die Lebens- oder genauer Er- nährungsweise des Vogels beziehen. Der Wiedehopf holt sich nämlich mit seinem langen, spitzen Schnabel aus dem Kote der Tiere seine Nahrung hervor und steht daher mit Becht im Rufe der ünreinlichkeit. Demgemäß wird er im Deutschen auch Stinkhahn oder Eothahn genannt, dem die frz. Be- zeichnungen coq ptiant und coq merdeux entsprechen.*) Mit Bezug auf die ünreinli/shkeit dieses Vogels gebraucht der Franzose den Vergleich saU comme une huppe, schmutzig wie ein Wiedehopf, wie auch im Deutschen der Name dieses Tieres im Sinne von „Schmutzfink" verwendet wird.**) Da der Wiedehopf regelmäßig vor dem Kuckuck bei uns eintrifft, wird er in einigen Gegenden Deutschlands Kuckucks- küster, Kuckucksbote, Kuckucksknecht genannt. Was an dem Vogel besonders auffallt und ihm ein statt- liches Aussehen verleiht, ist die große, aufrichtbare, zierliche Federhaube, die er auf dem Kopfe trägt. Darauf beruht frz. hupp4j „stattlich gekleidet, herausgeputzt, vornehm". Un monsieur huppe wird im ironischen Sinne von einem Hoch- gestellten gebraucht und entspricht ungefähr unserem „hohen Tier". Im ähnlichen Sinne, aber mit einer kleinen Bedeutungs- nuance wird hupp4 gebraucht in der Redensart Les plus huppds y sont priSy die Sachs in seinem Wörterbuch frei übersetzt mit „die Klügsten fallen hinein". Huppi heißt hier wohl eigent- lich „der auf seine hohe Stellung, bzw. Klugheit Eingebildete". Daß frz. dupe „Dummkopf" identisch ist mit huppe^ hat Schuchardt überzeugend nachgewiesen. (Zeitschrift für rom. Philologie, XV, pag. 98 ff.) Übrigens ist gerade im Franz. der Gebrauch von Vogelnamen als Schimpfwörter sehr häufig : vgl. buse^ butor, dinde, grue, linotte oie^ serin etc. Als Ana- *) Mit dieser Eigenheit des Wiedehopfs hängt anch sein Dialektnanie Herdenvogel zusammen, er hält sich eben gern in der Nähe von Hinder- herden auf. (Vgl. dänisch haerfugl,) **) Nach Naumann, Naturgeschichte der Vögel, Bd. IV, pag. 383 findet sich die Redensart stinken wie ein Wiedehopf im Deutschen. Engl. Norweg. und Franz. 134 I>ie Schwalbe. logon ZU dupe ließe sich anführen der österreichisch-dialektische Gebrauch von Hopf = Wiedehopf für einen dummstolzen Menschen. Aus dem Pariser Argot ist hierher zu ziehen daim huppe als Bezeichnung eines Geldprotzen. Daim, eigentlich „Damhirsch", wird an und für sich wie unser „Hirsch" auf einen beschränkten Menschen angewendet. Semasiologisch bemerkenswert ist, daß htippe metonymisch für die Federhaube gebraucht wird (Ganzes für den Teil ; vgl. gowpillon „Füchslein" für „Fuchsschwanz") und infolge Be- deutungsgeneralisierung überhaupt den Schopf der Vögel be- zeichnet. Ein Analogon hierzu bietet, portug. powpa, das auch „Wiedehopf" und „Federhaube" bedeutet. Es ist daher nicht absolut notwendig, für huppe „Federhaube" Beeinflussung von houppe „Troddel, Quaste, Haarbüschel" anzunehmen, wohl aber mag man in den umgeformten Bufnamen hoppe (holl.) und Huppet (plattdeutsch) eine Anspielung auf die Federhaube des Vogels sehen. (Vgl. Winteler, Naturlaute und Sprache, pag. 26.) Auf die große Furchtsamkeit des Wiedehopfs, der bei der geringsten Gefahr in Schrecken gerät, bezieht sich die ital. Redensart tremare come una bubbola, zittern wie ein Wiede- hopf. Schuchardt (briefl. Mitteilung) bringt diese Redensart in Zusammenhang mit dem onomatopoetischen Zeitwort buhbolare (von einem Schallworte bu bu\ das 1. „donnern", 2. „murmeln", 3. „vor Kälte zittern" bedeutet. Es läge demnach in obiger Redensart eine Kontamination von bubbolare „zittern" und bubbola „Wiedehopf" vor. Die Schwalbe. Deutsch Schwalbe geht zuiiick auf mhd. stmlwe, ahd. swalawa; es ist verwandt mit engl, swallow, das seiner- seits auf altengl. swealwe, altsächsisch swala beruht. Die romanischen Bezeichnungen: ital. rondine, rondineUa, span. golondrina, frz. hirondelle, Diminutiv von altfrz. aronde, gehen sämtlich auf lat. hirundo zurück. Für verschiedene Schwalben- arten wird der Name des heil. Martin gebraucht, so frz. martinetf Diminutiv von martin, für „Hausschwalbe"; ebenso Die Schwalbe. 135 Span, martinete für „Uferschwalbe" und engl, martin oder martinet für „Schwalbe" überhaupt (die Spezialisierung erfolgt durch Vorsetzung eines Substantivs, wie bank-martin, house- maHin etc.). Auch auf andere Tiere wird dieser Taufname angewendet. So werden im Ital. mit martinaccio „häßlicher Martin" die Silbermöwe, der Eisvogel und die Gartenschnecke bezeichnet. Für den Regenpfeifer wird neben piviere auch martinello (Diminutiv von martinö) gebraucht. Im Span, heißt der Seeaal martina. Der Eisvogel wird span. maHin pescador „Martin der Fischer", frz. martin picheur genannt, während im Ital. mit martin pescatore ein Seefisch bezeichnet wird. Ein interessantes Beispiel von Bedeutungsspezialisierung ist die Bezeichnung der Schwalbe im Patois von Limousin mit ozdo „Vogel", wozu sich in galizisch aviön (von atis) ein Analogon findet. (Vgl. ital., span. oca, frz. oie „Gans" aus lat. avica „Vögelchen".) Auf das Äußere des Vogels bezieht sich im Deutschen der metaphorische Gebrauch von Schwalbenschwanz, womit man zunächst die spitz zulaufenden Frackschöße und dann metonymisch den ganzen Frack bezeichnet. Die Be- ziehung auf die langen Schwanzfedern des Vogels liegt auf der Hand. Dieselbe Metapher findet sich im Engl. {swallow-tait) und im Ital. {abito a coda di rondine), während der Franzose queue de mortie „Stockfischschwanz" dafür sagt. Schwalbenschwanz ist übrigens auch die Bezeichnung eines Schmetterlings mit geschwänzten Hinterflügeln: engl. swalloW'tail, frz. qneue dlnrondeUe. Ferner ist frz. martinet hier zu nennen als Bezeichnung eines Leuchters mit schwalben- schwanzartigem Griffe. Die Schwalbe ist ein sehr beliebter Vogel und erfreute sich schon bei den Alten großer Sympathie, wie aus dem Ge- brauche von hirundo als Liebkosungswort (bei Plautus) her- vorgeht. Unsere Vorliebe für die Schwalbe mag wohl zum großen Teile auf dem Umstände beruhen, daß ihr Kommen ein Anzeichen der schönen Jahreszeit ist, und sie somit als Frühlingsbote gilt.*) Hierauf bezieht sich das allen Kultur- sprachen geläufige Sprichwort: Eine Schwalbe macht *) Bei den Engländern heißt der 15. April swalUnc-day „Schwalbentag". 136 I>ie Schwalbe. noch keinen Sommer, d.h. ein Beispiel macht noch keine BegeL Engl.: One swallotv does not make a summer, Ital. : Una rondine non fa primavera. Frz. : üne hirondelle ne fait pas le printemps. Span.: üna golondrina no hace verano. Dieses Sprichwort beruht auf der 304. Fabel des Äsop „Der ver- schwenderische Jüngling und die Schwalbe", wo erzählt wird, wie ein Jüngling; der seine Habe bis auf den Mantel vertan, auch diesen verkaufte, als er die erste Schwalbe heimkehren sah. Danach aber fror es noch so, daß die Schwalbe starb und der frierende Verschwender ihr Worte des Zornes über die Täuschung nachrief. (Vgl. Büchmann, Geflügelte Worte, pag. 411 flf.) Auf die Schwalbe als Frühlingsvogel bezieht sich auch ital. fico rondinino „Schwalben-, d. h. Frühfeige". Treffend bezeichnet der Pariser die italienischen Kastanien- händler und savoyardischen Schornsteinfegerjungen, die im Winter nach Paris kommen, um daselbst ihr Brot zu ver- dienen, mit AirowefeZfe^d'Äiwr „Winterschwalben". Ebenso werden die aus der Provinz angekommenen Arbeiter gern hirondeües genannt. (Bei uns heißen die im Frühling eintreffenden ital. Arbeiter „Schwalben".) Auf den Zugvogelcharakter der Schwalbe bezieht sich femer span. golondrino als Bezeichnung eines unsteten Menschen ; im Soldatenargot wird dieses Wort für einen Deserteur gebraucht. Dem Deutschen „Der Vogel ist aus- geflogen" entspricht im Span. Volö el golondrino, das Schwalb- chen ist fort. Das unermüdliche Hin- und Herschießen der Schwalbe in der Luft*) erklärt die Verwendung des Wortes für Leute, deren Beruf es mit sich bringt, beständig von einem Ort zum anderen zu wandern. So werden im Pariser Argot Handlungsreisende und Mietkutscher hirondelles genannt. Der Gendarm muß sich sogar die Bezeichnung hirondelle de potence „Galgenschwalbe" gefallen lassen. Hierher zu ziehen ist auch ital. rondone „Mauerschwalbe", womit der Italiener einen Pflastertreter bezeichnet. Überhaupt gilt die Schwalbe dem Italiener als Sinnbild der Lebhaftigkeit und Baschheit, daher er von einer flinken Person gern sagt, sie sei behende wie eine Schwalbe {essere vispo, lesto come una rondine). Auf *) Speziell anf die Hansschwalbe, die gern durchs Fenster ein- und ausfliegt, spielt an die ital. Bedensart fare la via delle rondinif den Weg der Schwalben machen, d. h. durchs Fenster steigen. Die Drossel (Amsel). 137 den Zugvogelcharakter der Schwalbe spielt ferner an das frz. Sprichwort: Ami par interit est une hirondelle sur le toU, ein egoistischer Freund ist eine Schwalbe auf dem Dache, d. h. man kann auf ihn nicht zählen, denn er kann einen jeden Augenblick verlassen geradeso wie die Schwalbe. Auf einem Vergleich der zu einem Backenstreich aus- holenden Hand mit der die Luft in raschem Fluge durch- schneidenden Schwalbe beruht im Deutschen der allerdings landschaftlich beschränkte Gebrauch von Schwalbe für „Ohrfeige" (vgl. „Wachtel"). Sieht man genau zu, so liegt hier eigentlich eine Metonymie vor, indem die Ursache für die Wirkung gesetzt erscheint. Wenn der Pariser von einem, bei dem es nicht recht richtig zu sein scheint, sagt: II a une hirondelle dans le soliveauj er hat eine Schwalbe unter dem Dach, so vergleicht er dabei die wirren Gedanken mit der hin- und herschwirrenden Schwalbe. Man vergleiche damit die deutsche, im selben Sinne gebrauchte Redensart „einen Vogel haben". Die Schwalbe gilt vielfach im Gegensatze zur Eule als glückbringender Vogel,*) worauf im Ital. des 16. Jahrhunderts die Redensart andar di rondone im Sinne von „gut ausfallen" beruht {rondone = Mauerschwalbe). Auf das fröhliche Gezwitscher der Schwalbe bezieht sich das deutsche „schwalb ein", d. h. schwatzen, plaudern. Die Drossel (Amsel). Deutsch Drossel aus mhd. drdschel, ahd. droscala, drosca ist verwandt mit engl, throstle aus altengl. prostle. Eine zweite Form thrmh geht auf altengl. prysce zurück. Darauf beruht auch frz. tröle. Eine spezielle Bezeichnung für die Schwarzdrossel ist deutsch Amsel**) aus ahd. amsala, verwandt mit engl, ousel *) Man denke an den sagenhaften Schwalbenstein (celldonid), der Angenübel heilt. — Ein Schwalbennest zerstören gilt in den meisten Ländern als Sacrileg. Im D6p. der Charente heiüt die Schwalbe poule de Dieu „Gotteshuhn". (Vgl. RoUand, Faune pop., 11, pag. 317 ff.) **) Schwarzamsel oder Dreckamsel wendet man im pfälzischen 138 ^ie Drossel (Amsel). ,,AinseP' aus altengl. ösle {ös ist entstanden ans Qtns, ams). Das gewöhnliche Wort für „Amsel" im Engl, ist jedoch black- hird „schwarzer Vogel". Vögel werden in allen Sprachen gern nach der Farbe des Gefieders benannt. Die romani- schen Benennungen der Drossel gehen sämtlich auf lat. turdus zurück: itaL, span. tordo^ firz. tourd^ tourde. Tourd bezeichnet übrigens auch einen Fisch, den „grünen Klippfisch". Da- neben existiert im Franz. grive, dessen Etymologie jedoch noch nicht feststeht. Nigras Hypothese, daß grive das Fem. von altfrz. griu „griechisch" sei, ist wohl aus semasiologischen Gründen zurückzuweisen. Wie käme die Drossel, die über ganz Europa verbreitet ist, dazu, die „Griechin" genannt zu werden? Nigra selbst äußert sich auffallenderweise mit keinem Worte darüber. Die romanischen Bezeichnungen für die Amsel, ital. merla, merlo, span. mierlo, mirla, frz. merle beruhen auf lat. merula, worauf wahrscheinlich auch die romanischen Benennungen des Stockfisches : ital. merluzzo, span. merluza^ frz. merluche (merlan bedeutet „Weißling") zurückgehen. Da das Äußere der Drossel nichts Auffallendes hat, so kommt dasselbe für den metaphorischen Gebrauch dieses Vogel- namens wenig in Betracht. Nur auf die Färbung des Ge- fieders beziehen sich einige Metaphern. So bezeichnet man im Span, mit caballo tordo ein drosselgraues Pferd; ebenso spricht man im Franz. von einem gris tordüle „Drosselgrau" (aber nur mit Bezug auf Pferde). Auch das schwarze Gefieder der Amsel lieferte eine Metapher — im engl. Cant nannte man nämlich die ge- fangenen Neger am Bord eines Sklavenschifi'es blackbirds „Amseln". Das Wort wurde im metaphorischen Sinne so- gar zeitwörtlich gebraucht, indem auf das Einfangen der Neger der Ausdruck to blachUrd angewendet wurde. Wie man im Deutschen von einem „weißen Raben" spricht und damit etwas sehr Seltenes meint, so wendet der Franzose die weiße Amsel als Symbol des Seltenen an in der Redensart äre rare comme un merle blanc, selten sein wie eine weiße Amsel. (Die weiße Färbung ist bei der Amsel ebenso wie beim Raben Dialekt auf einen schmutzigen Menschen, sowie auf ein brünettes Mädchen au. H a a r a m s e 1 ist eine scherzhafte Bezeichnung der Laus. (Vgl. Heeger, Tiere im pfälzischen Volksmund, 2. Teil, pag. 11, § 24, 9.) Die Drossel (Amsel). 139 eine Anomalie, die auf der pathologischen Erscheinung des Albinismus beruht.) Sehr verschieden ist die Auffassung von den geistigen Fähigkeiten der Drosseln. Die Naturgeschichte schildert uns die der Drosselgattung angehörigen Vögel als sehr intelligente Tiere und in Übereinstimmung damit wird im Ital. merJo (verstärkend: dal becco gicdlo „mit gelbem Schnabel") und im Franz. fin merk auf einen schlauen, verschmitzten Menschen angewendet. Hierauf bezieht sich auch die ital. Eedensart canta merlol Sing nur, Amsel! mit welchem Zuruf man einem schlauen Verführer zu verstehen gibt, daß man seine Absichten durchschaut und sich durch seine Überredungskünste nicht fangen läßt. Im direkten Widerspruche zu dieser Auffassung steht ital. tordo als Bezeichnung eines unpraktischen oder geistig be- schränkten Menschen sowie ital. merlone, merloUo (jenes Augmen- tativ, dieses Diminutiv von merlo) oder merh grullo, dem etwa unser „Einfaltspinsel" entsprechen würde. (Davon abgeleitet merlotaggine „Dummheit".) Analog nennt der Franzose einen dummen Menschen gern beau merk „schöne Amsel". Hierher gehört femer die ital. Eedensart dar la caccia ai merli, auf die Amseln Jagd machen, was man auf Mädchen anwendet, die sich ihre Liebhaber auf der Straße suchen.*) (Vgl. engl, to go ot4 spar- roW'Catching, auf die Spatzenjagd gehen.) Von pessimistischer Auffassung zeugt auch der Gebrauch des deutschen Drossel als verächtlicher Bezeichnung für ein altes Weib (dialektisch alte Trutschel), wozu wir in frz. vilain merk „garstige Amsel", das auf einen widerwärtigen Menschen angewendet wird, ein Seitenstück finden. Auf die große Lebhaftigkeit der Drossel, die vom frühen Morgen bis zum späten Abend immer in Bewegung ist und schier unermüdlich scheint, bezieht sich eine Reihe von Metaphern. Bedeutet doch tordo loco, die Bezeichnung der Schwarzdrossel im Span., wörtlich „verrückte Drossel" mit un- verkennbarer Anspielung auf die außerordentliche Munterkeit der Amsel. Hierauf ist möglicherweise zurückzuführen die frz. Redensart Stre soül comme une grive, betrunken sein wie eine *) In oberitalienischen Dialekten wird mit merlo das männliche Glied bezeichnet, wohl mit obscöner Anspielung anf das Einfangen in den Käfig. 140 l^iö Drossel (Amsel). Drossel, die auf einer Metonymie beruhen würde, indem nach einem leicht begreiflichen Analogieschluß als Ursache der Lustigkeit Trunkenheit angenommen würde. EoUand hin- gegen (Faune pop., II, pag. 235) führt diese Kedensart auf die Vorliebe der Drosseln für die Weintrauben zurück und weist auf eine veraltete Bedeutung von grive hin = personne qui a trop hu ou trop mange, jemand, der zu viel getrunken oder gegessen hat. (Vgl. ital. grasso come un tordo, fett wie eine Drossel.) Ein Analogen hierzu findet sich in der deut- schen Studentensprache des 16. Jahrhunderts, wo man für „Bierzecher" auch Bieramsel sagte. Von grive abgeleitet ist grivoiSj das in der Bedeutung von „lustig, schlüpfrig" ge- braucht wird und auch substantivisch auf einen lustigen Menschen angewendet werden kann. Anders erklärt Nigra die Herkunft von grivois (Archivio glottologico, XV, pag. 116). Die Drosseln, bzw. Amseln, sind aber nicht nur lustige, sondern auch dreiste Vögel, worauf der Gebrauch von frz. grivoise als Bezeichnung einer etwas zu resoluten Frauensperaon beruht. Eine günstigere Beurteilung findet das ungenierte Wesen der Amsel in der frz. Redensart etre franc comme une merle, oft'en- herzig sein wie eine Amsel. Brehm nennt den Vogel sogar „freisinnig", was zu frz. franc trefflich stimmt. Speziell auf die Amsel als Singvogel bezieht sich im Deutschen die Redens- art wie eine Amsel, d. h. schön singen. Auf die ün- ermüdlichkeit dieses Vogels im Gesänge spielt der Franzose an in den Redensarten siffler, jaser comme un merle, wie eine Amsel (deutsch: Staarmatz) pfeifen, schwätzen. Einigen Drosselarten stellt man ihres schmackhaften Fleisches wegen eifrig nach. Vor allem gilt der Krammets- vogel als ein Leckerbissen, wie erhellt aus dem frz. Sprich- wort fauie de grives*) on mange des merles, wenn man keine Krammetsvögel hat, so ißt man Amseln, wofür man im Deut- schen derber sagt : In der Not frißt der Teufel Fliegen. Eine ähnliche Redensart findet sich im Ital., wo es von einem, der bald in Überfluß, bald in Elend lebt, heißt: Ora a tordi, ora a grilli, bald lebt er von Krammets vögeln, bald von Grillen. Wenn der Italiener von einem, der Maulaffen feil- *) grive bezeichnet speziell die Wachholderdrossel (Krammetsvogel). Die NachtigaU. 141 hält, sagt : Aspetto ü merlo, er wartet auf die Amsel, so meint er damit natürlich auch eine gebratene Amsel. Im Deutschen tritt an Stelle der Amsel die Taube, im Franz. die Lerche. (S. bei „Lerche" pag. 160.) Von dem Drosselfang hergenommen ist die im 16. Jahrhundert gebräuchliche ital. Eedensart schiacdare il capo dl tordo, der Drossel den Kopf zerdrücken, d. h. einen Schlag ausführen, einer Sache ein Ende machen.*) Hierher ge- hört auch der frz. Ausdruck dinicheur de merles „Ausnehmer von Amseln" für einen Glücksritter. Die Amseln werden hier mit dem unlauteren Gewinn verglichen, auf den es der chevälier d'indtistrie abgesehen hat. Die Nachtigall. Deutsch Nachtigall aus mhd. nahtegal, ahd. nahtigala, dem engl, nightingale aus altengl. nightegala entspricht, bedeutet „Nachtsängerin". Der erste Bestandteil des Wortes ist ohne weiteres klar, der zweite geht auf altgerm. galan „singen" zurück. (Vgl. hiermit die griechische Bezeichnung für „Nachti- gall", &r]dd}v von q!deiv „singen".) Die romanischen Namen für diesen Vogel: ital. usignuolo^ frz. rossignol, span. ruisenor beruhen sämtlich auf lat. lusciniola (Dim. von Imdnia). Die Nachtigall'ist namentlich durch ihren schönen Gesang bekannt, was im Deutschen und Engl., wie oben gezeigt wurde, im Worte selbst zum Ausdruck kommt. Daher ver- gleicht man gern eine gute Sängerin mit einer Nachtigall. Sie singt wie eine Nachtigall ist das höchste Lob, das man einer Sängerin zollen kann. So auch im Franz. : Gest un rossignol, eile a une voix de rossignol, eile a des rossignols dans la gorge, das ist eine Nachtigall, sie hat eine Stimme wie eine Nachtigall, sie hat Nachtigallen in der Kehle. Rossignoler heißt geradezu „schön singen" und analog bildet der Engländer von *) RoUand, Faune pop.^ n, pag. 236, zitiert femer fare che il tordo non dia dietrOf machen, daß die Drossel nicht zurückweicht, non ne passa ogni giomo di questi tordi^ solche Drosseln ziehen nicht aUe Tage vorüber, il tordo h andato nella ragna^ die Drossel ist ins Netz gegangen, pigliar due tordi ad una pania, zwei Drosseln mit einem Leim fangen (vgl. deutsch zwei Fliegen mit einem Schlag). 142 I>ie Nachtigall. nighUngak nightingdlise, ein allerdings selten gebrauchtes Wort. Da die Nachtigall durch ihren schönen Gesang alle Herzen gewinnt, so sagt man im Franz. von einem Weibe, das viele Er- oberungen macht : Cest un rossignol, auch wenn dies mit anderen Mitteln als mit dem Gesänge geschieht (Bedeutungserweiterung). Auch im folgenden Sprichwort erscheint die Nachtigall als Symbol des Sängers, bzw. der Sängerin : Quand le rossignol a vu ses petits, il ne chante plus, wenn die Nachtigall ihre Kinder gesehen hat, singt sie nicht mehr, d. h. hat man erst Kinder, ist's mit dem sorglosen Leben vorbei. Dieses Sprichwort beruht übrigens auf einer ganz richtigen, von der Naturgeschichte bestätigten Beobachtung. Im ironischen Sinne bezeichnet man im Franz. einen schlechten Sänger als rossignol d'Ärcadie, arkadische Nachtigall. Ein Analogon hierzu findet sich in ital. usigmwlo di maggio „Mainachtigall", einer scherzhaften Bezeichnung des Esels. Ahnlich nennt der Franzose das Schwein rossignol ä glands „Eichelnachtigall", mit Anspielung auf die Lieblings- kost dieses Tieres. Auf den schönen Gesang der Nachtigall bezieht sich ferner der Gebrauch dieses Vogelnamens als Epi- thetons für Dichter. So nannte man z. B. Luther mit An- spielung auf seine geistlichen Lieder die „Nachtigall von Wittenberg", Hans Sachs die „Nürnberger Nachtigall". Auch auf Gedichte selbst wurde diese Metapher metonymisch ange- wendet. Die 1822 edierten „Neuen Lieder" von Hoffmann von Fallersleben betiteln sich „Schöneberger Nachtigall". (Vgl. Sachs, Zusammenhang von Mensch und Tier, Neuphil. Zentralbl. 1904, pag. 165.) Im Franz. hat rossignol noch verschiedene andere Be- deutungen, wie „Dietrich", „schlechte, alte Ware", „alte Jungfer", die mit dem Grundbegriff des Wortes in keinem Zusammenhang zu stehen scheinen. Gleichwohl lassen sie sich alle von der eigentlichen Bedeutung ableiten, wie im folgenden gezeigt werden soll. Von „Nachtigall" zu „Dietrich" ist ein großer Sprung und dennoch ist die zweite Bedeutung aus der ersten unmittelbar hervorgegangen. Rossignol für „Dietrich" war offenbar ursprünglich ein Ausdruck der langue verte, des Verbrecherargots, der in kühnen und originellen Metaphern Unglaubliches leistet. Tatsächlich gehört der Dietrich zu den unentbehrlichen Werkzeugen des Einbrechers. Wenn J Der Rabe. 143 dieser nun seinen Nachschlüssel, mit dem er vorzugsweise in der Nacht arbeitet, „Nachtigall" nennt, so ist das tertium comparationis zweifelsohne die Nacht, während welcher sich die Nachtigall im Gesänge betätigt. Verdankt doch auch im Deutschen der Nachschlüssel die Bezeichnung „Diet- rich", was eigentlich ein nomen proprium ist, dem Gauner- witz, der diesem Instrument noch andere Taufnamen, wie „Peterchen" und „Klaus", beilegt. (Vgl. Waag, Bedeu- tungsentwicklung unseres Wortschatzes, pag. 163.) Ein Dietrich ist kein besonders wertvoller Gegenstand und so wurde das Wort, indem es den Umfang seiner Bedeutung er- weiterte, zur Bezeichnung wertloser und daher schwer an den Mann zu bringender Waren. Auf Personen übertragen, ge- langte es schließlich zur Bedeutung „alte Jungfer", wobei das „schwer an den Mann bringen" wörtlich zu verstehen ist. Nichts mit dem Vogel zu tun hat im Engl, nightingdle als Bezeichnung einer Art von Krankenhemden aus Flanell. In diesem Falle ist nightingale ein zum appellativum gewordenes nomen proprium. (Vgl. deutsch Heller, Kaiser, frz. renard, cälepin etc.) Diese Hemden sind nämlich nach einer Dame, Fhrence Nightingale, benannt, die sich im Krimkriege als Krankenpflegerin hervortat. Der Rabe. Deutsch Rabe*) geht zurück auf mhd. rahe, ahd. rdbo. Daneben existiert im Mhd. eine Form raben^ die im Ahd. rahan oder hrdban lautet. Hierzu gibt es eine verkürzte Doppelform, mhd. ram, ahd. hram, die noch in den Tauf- namen Bertram und Wolfram erhalten ist.**) Mit Babe verwandt ist engl, raven, das auf altengl. hraefn beruht. Eine Nebenform zu Rabe ist Rappe, womit man im Nhd. ein schwarzes Pferd bezeichnet, das ursprünglich nur eine oberdeutsche Scheideform zu mitteldeutsch „Rabe" ist. Hier- *) Nach Brehm Schallwort vom Rufe des Vogels (raab). **) Außerdem in westpfälzisch Bamm, sowie in den Ortsnamen Ramberg, Ramstein. (Vgl. Heeger, Tiere im pfälz. Volksmunde, 2. Teil, pag. 10, § 24, 8.) 144 Der Rabe. her gehört ferner Rappe als Bezeichnung einer schweize- rischen Münze im Werte von fünf Centimes. Der heute rätsel- haft scheinende Zusammenhang mit Rabe ergibt sich sofort, wenn man weiß, daß diese zuerst in Freiburg i. B. geprägte Münze ursprünglich einen Vogelkopf trug. Dieses Wort ist, wie übrigens auch andere Münzbezeichnungen, z. B. Gulden, Krone, ein lehrreiches Beispiel für den durch die Anpassung an die Kulturverhältnisse geschaffenen Bedeutungswandel. (Vgl. Waag, Bedeutungsentwicklung unseres Wortschatzes, pag. 181.) — Die romanischen Bezeichnungen für „Rabe" be- ruhen sämtlich auf lat. corvus:*) ital. corvo, span. cuervo, frz. corbeau = corbellm (Dim. von corbits = corvus). Die große Verbreitung dieses Vogels, der nahezu in ganz Europa zu finden ist, erklärt zur Genüge die wichtige Rolle, die er in der Phraseologie der modernen Kultursprachen spielt. Beginnen wir mit den auf das Äußere des Raben bezüglichen Metaphern, so finden wir zunächst, daß die glänzendschwarze Farbe seines Gefieders in allen hier zur Behandlung gelangen- den Sprachen verwertet ist. Die rabenschwarzen**) Haare finden ein Analogon in engl, raven-locks „Rabenlocken", wie auch häufig raven-black „rabenschwarz" gebraucht wird. Ebenso geläufig ist diese Metapher den romanischen Sprachen. Niger tamquam corvus, schwarz wie ein Rabe, sagten schon die Römer und ebenso gebraucht heutzutage der Italiener nero come un Corvo,***) der Frsiiizosenoircommeun corbeau. ^to dt cort?o „Raben- flügel" ist im Ital. die Bezeichnung einer schwarzen Farben- sorte. Hierher zu ziehen ist gleichfalls das span. Sprichwort: No ptiede ser el cuervo mos ne-gro que las alas, der Rabe kann nicht schwärzer sein als seine Flügel, d. h. ein größeres Unglück kann nicht mehr geschehen. Eine adjektivische Weiterbildung von ital. corvo liegt vor in ital. corvino: z. B. chioma corvina „Rabenhaar". So beruht auch der Gebrauch von Rappe, einer ursprünglichen Nebenform von Rabe, für ein schwarzes Pferd auf einer Metapher, bei der das tertium comparationis *) Schall wort vom Rufe kiork, kolk, wovon auch deutsch Knikrabe, Kolkrabe. (Vgl. Winteler, Natnrlaute und Sprache, pag. 14.) **) Verstärkt kohlrabenschwarz. ***) Im Venezianischen sagt man : El non vederia un corvo in un caMn de latte, er würde einen Baben in einer Schüssel Milch nicht sehen. Der Rabe. 145 eben die schwarze Farbe ist. Da mit dem Raben der Begriif dieser Farbe unzertrennlich verknüpft ist, so wurde der weiße Rabe zum Symbol des Seltenen, Unerhörten. (Weiße Raben sind, worauf bereits bei der Amsel hingewiesen wurde, Anomalien und daher äußerst selten.) Schon bei Juvenal 7, 202 finden wir den corvus albus als Bezeichnung für einen Aus- nahmemenschen. (Vgl. Büchmann, Gefl. Worte, pag. 502.) Dementsprechend sagt man im Ital. : Una cosa i piü rara dei corvi biancM, eine Sache ist seltener als die weißen Raben. Im selben Sinne wird im Deutschen diese Metapher gebraucht. Im Franz. tritt — wie andernorts gezeigt wurde — an Stelle des weißen Raben die weiße Amsel, Je merle Uanc, (Vgl. Rolland, Faune pop., 11, pag. 111 ff.) Einen Raben weiß waschen heißt im Schweizerdeutsch: etwas Unmögliches versuchen. Hierher zu ziehen ist auch das deutsche Sprich- wort: Es hilft kein Bad am Raben. (Vgl. engl.: Crows are none the whiter for washing themselves, Krähen werden nicht weißer, wie sehr sie sich auch waschen.) Auf den starken, gekrümmten Schnabel des Vogels be- zieht sich der Gebrauch von lat. corvm als Bezeichnung einer Stange mit Widerhaken, die die Alten bei Belagerungen zum Einbrechen von Mauern benutzten. Daher frz. mit dem Bei- satz dimolisseur „Zerstörer". Neben corvus wird für diese Belagerungsmaschine grus „Kranich" gebraucht, da dieser Vogel auch einen kräftigen Schnabel hat. Früher bezeichnete man im Franz. mit corbeau eine Enterbrücke, wozu das ital. becco corvino „Rabenschnabel" als Benennung des Enterhakens ein Analogen bietet. Hierher zu ziehen ist ferner frz. bec-de-corbin oder bec-de-corbeau, womit die Splitterzange der Wundärzte bezeichnet wird. Im Deutschen wird Rabenschnabel gleichfalls in diesem Sinne gebraucht. Da der Rabe ein großer Freund von Aas ist, so wird er als zur Umgebung von unbeerdigten Leichen gehörig betrachtet und erscheint geradezu als Leichenvogel. Darauf nimmt Be- zug das ital. Sprichwort : I corvi volano dove sono le carogne, die Raben fliegen dorthin, wo Aas ist. Im Deutschen tritt der Geier, der ebenfalls ein aasfressender Vogel ist, an Stelle des Raben: Wo Aas ist, da sammeln sich die Geier. Auf dieser Eigenheit des Raben beruht auch die Bezeichnung eines Riegler, Das Tier im Spiegel der Sprache. 10 146 ^er Rabe. aufgemauerten Richtplatzes mit Rabenstein, dem wörtlich engl, ravenstone entspricht. Daher wird Rabenaas im Deutschen als Schimpfwort gebraucht. (Vgl. den griechischen Fluch dg nÖQCMag sowie das deutsche Sprichwort: Was den Raben gehört, ertrinkt nicht.) Hingegen ist es bei dem Gebrauch von ital. corvo, frz. corheau, span. cuervo als Spitzname für Priester zweifelhaft, ob sich diese Metapher auf die schwarze Tracht oder auf die wichtige Rolle bezieht, die der Priester bei der Beerdigung spielt.*) Möglicherweise haben beide Momente bei der Bildung dieser Metapher mitgewirkt. Im Franz. werden auch die Leichenträger corheaux genannt. Bei uns nennt man sie „Leichenvögel'^, wobei man wohl an Raben denkt. Im Engl, ist hier an Stelle des Raben die in England viel häufigere Krähe {crow) getreten. Diese pessimistische, jedoch immerhin auf dem wirklichen Wesen des Tieres beruhende Auffassung hat ihre Wurzeln in altgermanischer Zeit, wo der Rabe als mythischer Vogel galt. Ist er doch der stete Be- gleiter Odins, mit dem er in die Schlacht zieht, wo er sich vom Blute der Gefallenen nährt. Hierher zu ziehen ist auch die Bezeichnung „Galgenvogel" für Rabe in einigen Gegenden der Schweiz und Österreichs. Das heisere Gekrächze des Raben, das eine gewisse Mannigfaltigkeit von Tönen aufweist, sowie seine außer- ordentliche Intelligenz — man vergleiche die deutsche Metapher ein weiser Rabe — machen es begreiflich, daß die Alten ihm die Gabe der Weissagung zuschrieben, u. zw. galt er nicht als Unglücks vogel schlechtweg, es wurden vielmehr sein Flug und Gekrächze zur Rechten als glückverkündend gedeutet. Bei den modernen Kultur- völkern wird der Rabe ähnlich der Eule vorzugsweise als Unglücksvogel betrachtet, u. zw. wohl wegen der ihm an- haftenden Leichenatmosphäre. (Siehe weiter oben.) So nennt man im Deutschen den Überbringer schlechter Botschaften einen Unglücksraben und in demselben Sinne spricht der Italiener von einem corvo delle male nuove, der Franzose von einem corheau de mauvais augure. (Vgl. den deutschen '^) In der Languedoc glaubt man, daß die schlechten Priester nach ihrem Tode Baben werden und die Nonnen Krähen. (Vgl. Rolland, Faune pop., II, 117, 8.) Der Rabe. 147 Spruch: Rab' auf dem Dach, Fuchs vor der Tür, hüt' sich Mann und Roß dafür.) Überhaupt gilt der Rabe als ein Ausbund aller schlechten Eigenschaften, was im Deutschen zum Ausdruck gelangt in dem anderen Tieren gegenüber gebrauchten Schimpfwort Rabenvieh. So macht z. B. die deutsche Hausfrau ihrer Entrüstung über die Katze, die ihr ein Stück Fleisch gestohlen, mit diesem kräftigen Worte Luft, wobei das tertiura comparationis hauptsächlich in dem Begriff des Stehlens liegt, da der Rabe als diebischer Vogel mit Recht verschrieen ist. Er stiehlt wie ein Rabe, sagt man im Deutschen von einem frechen Dieb. (Vgl. frz. ^oler comme une chouäte.) Wichtig für die Metaphorologie des Raben ist die Rolle, die der Vogel in der Bibel spielt. Auf dieser beruht zum großen Teil die mittelalterliche Tiersymbolik, die in der Sprache manche Spuren hinterlassen hat. Die in der heiligen Schrift vom Wesen des Raben vorherrschende Auffassung ist eine pessimistische. Da ist vor allem der Rabe Noahs, der von seinem Herrn aus der Arche als Kundschafter ausgesandt wird, sich am Aase gütlich tut und darüber das Wiederkommen vergißt. (Vgl. frz. ne pas revenir comme le corbeau de Tarche, nicht wiederkommen wie der Rabe der Arche.) Hierauf be- ruht im Ital. die Redensart aspettare ü corvo, den Raben er- warten, d. h. vergeblich auf jemd. warten. Ebenso wünscht der Spanier einem unliebsamen Gaste beim Abschiede die ida (Abreise) del cuervo an. (Dieser Zug von der ünverläßlichkeit des Raben findet sich in der griechischen Mythologie wieder.) Auch sonst ist in der Bibel vom Raben mehrfach die Rede; so beschuldigt z. B. der gottesfürchtige Hiob den Raben, daß er die Jungen aus dem Neste werfe. Ebenso heißt es in einem Psalme Davids: Gott gibt den jungen Raben, die zu ihm schreien, ihr Futter. Die mittelalterliche Symbolik erblickte in dem herzlosen Verhalten der alten Raben den Ausdruck des Unwillens darüber, daß die Jungen mehr weiß als schwarz zur Welt kommen. Diese würden aber auf das liebevollste gepflegt, sobald sie gefiedert seien. (Vgl. Kolloff, Die sagen- hafte und symbolische Tiergeschichte des Mittelalters in Raumers Histor. Taschenbuch 1867, pag. 239 ff.) In Wirk- lichkeit ist gerade das Umgekehrte der Fall. Die alten 10* 148 ^er Rabe. Baben hegen und pflegen ihre Jungen so lange, als sie noch nicht flügge sind. Sie werfen sie aber nach Raabvögelart aus dem Neste, sobald sie ausgewachsen sind. (Vgl. Zell, Tierfabeln, Anhang, pag. 84.) Hierauf gründet sich im Deut- schen der Gebrauch von Rabenvater und Rabenmutter, bzw. Rabeneltern für lieblose Eltern. Die umgekehrte Auffassung, nach welcher der junge Rabe als Symbol der Lieblosigkeit und des Undanks gegen die Eltern erscheint, ist vertreten in dem deutschen Sprich- wort: Erziehst du dir einen Raben, so wird er dir ein Aug' ausgraben, wozu sich Analoga in den romanischen Sprachen finden. So lautet es ital. : Nutrim ü corvo, cMa fin ti caverä gli occhi, span.: Cria cuervos y te sacardn los qjos, franz.: Nourris un corbeau, il te crh)era Tceü, Auch das Deutsche schließt sich mit Metaphern wie Rabensohn und Rabentochter (im Gegensatz zu „Rabenvater", „Raben- mutter") dieser Auffassung an, die auf der Verquickung zweier verschiedener Tiersagen beruht. Vom Raben berichtet nämlich die Tiersymbolik im Anschluß an die Salomonischen Sprich- wörter, daß er mit Vorliebe nach den Augen hacke. Hin- gegen erzählt sie vom Geier, der auch ein Raubvogel ist und daher viele Züge mit dem Raben gemein hat, daß sich die Jungen an den alt und schwach gewordenen Eltern für die ihnen zuteil gewordene grausame Behandlung rächen, indem sie sie ohne weiteres töten. Direkt an die Stelle des Geiers tritt der Rabe in dem lat. Sprichwort : Mali corvi malum Ovum, von schlechtem Raben schlechtes Ei. Analoga bieten die romanischen Sprachen: Ital. Di mal corvo mal tuwo, span. Cual el cuervo, tal su huevo, franz. De mauvcns corbeau mauvais cmf. Im Deutschen heißt es generalisierend : Schlechter Vogel, schlechtes Ei, aber schwäbisch: Üble Raben, üble Eier. Im Engl, übernimmt die nah verwandte Krähe die Rolle des Raben: lAJce crow, like egg, wie die Krähe, so das Ei. Im Gegensatz zu dieser ungünstigen Auffassung erscheint der Rabe in der Bibel einmal als Helfer in der Not. Er bringt im Auftrage Gottes dem Propheten Elias in der Wüste sein tägliches Brot Daß gerade dem Raben diese Rolle übertragen wurde, ist kein Zufall, sondern beruht auf scharfer Naturbeobachtung, denn bei der unersättlichen Freß- Der Rabe. 149 gier der jungen Raben müssen die Eltern unaufhörlich darauf bedacht sein, ihnen Nahrung zu verschaffen. Mit Bezug auf diesen biblischen Raben gebraucht der Spanier die Redensart viene el cuervo, es kommt der Rabe, im Sinne von : „Die Hilfe naht." Auch im Deutschen findet sich manchmal „Rabe" ähnlich gebraucht. (Vgl. das deutsche Sprichwort: Die jungen Raben brauchen Futter.) Originell ist im Span, die Bezeichnung eines Kupplers mit echacuervos, d. h. einer, der Raben paart Das paar- weise Vorkommen dieser Vögel mag wohl der Anlaß zur Entstehung dieser Metapher gewesen sein. Brehm sagt dies- bezüglich: „Der Rabe lebt gewöhnlich, also auch im Winter, paarweise. Hört man den einen des Paares, so braucht man sich nur umzusehen, der andere ist nicht weit davon." Da Kuppler in der Regel verworfene Leute sind, so wurde mit Erweiterung der ursprünglichen Bedeutung echacmrvos auf einen lasterhaften Menschen im allgemeinen angewendet. Von echacmrvos sind abgeleitet echacorveria „Kuppelei" und echa- corvear „kuppeln". Auf die Verträglichkeit der Raben unter- einander bezieht sich das frz. Sprichwort : Le corbeau r/arrache paint V (eil au corbeau. Ebenso heißt es ital.: Corvi con corvi non si mangian gli occhi, portug.: corvos a corvos näo se tiräo OS olhos. Im Deutschen und Engl, tritt an Stelle des Raben die Krähe: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus (aber bairisch: Ein Rab' hackt dem anderen das Auge nicht aus). One crow never pulls out another^s eye. Schließlich sei noch des ital. Zeitworts corbellare „necken, zum besten halten" gedacht, das man von corvus^ bzw. corbus, abzuleiten geneigt ist. Diese Ableitung erscheint insofern sehr wahrscheinlich, als der Rabe tatsächlich in gezähmtem Zustande zu jeder Art von Neckerei aufgelegt ist und nament- lich an Kindern gern seinen Mutwillen ausläßt. Auch legte man im Mittelalter das Rabengekrächze als höhnisches Ge- spött aus. Auf das hohe Alter, das die meisten Raben erreichen, bezieht sich im Deutschen die Redensart alt sein wie ein Rabe mit der Nebenvorstellung der sich auf Lebenserfahrung gründenden Weisheit. 150 I>ie Krähe. Die Krähe. Die Benennungen der Krähe beruhen in allen Sprachen auf dem Ruf des Vogels. (Vgl. Winteler, Naturlaute und Sprache, pag. 14 f.) Deutsch Krähe, mit „krähen" zusammen- hängend, geht zurück auf ahd. kräja {krätoa), mhd. krcee {krd, Icrdtoe), Hiermit verwandt ist engl, crow^ das auf altengl. crdtoe beruht. Lat. cornicula, Dim. von cornix, ist das Etymon für die romanischen Bezeichnungen der Krähe : ital. cornacchia (möglicherweise durch gracchia beeinflußt), span. corneja, frz. Corneille. Ein anderes Wort für Krähe (namentlich die Turm- krähe bezeichnend) ist lat. gracula oder gractdus, das im Ital. gracchia (veraltet), gracchio und graccio, im Span, graja, grajo, im Franz. graule und daneben grolle (Saatkrähe) ergab. Ein Synonym von grolle ist freiix^ das über altfrz. frvsc auf alt- ndfränk. Äröife zurückgeht. Dieses hrök findet sich auch im Altengl. Neuengl. lautet es rook und bedeutet wie freux „Saatkrähe". Für die Turmkrähe wird im Deutschen Dohle gebraucht, das auf mhd. dähele, tdle, tähe, ahd. tdha ^surück- geht, lauter onomatopoetische Bildungen. Gleichfalls schall- nachahmend sind nach Winteler (Naturlaute und Sprache, pag. 15) die Benennungen der Dohle in den übrigen Sprachen : engl, chough, daw, ital. taccola (früher auch „Elster"), span. cayOj frz. choucas. Engl. jacMaw (jach = Jakob) beruht auf volksetymologischer ümdeutung des Eufes jäck.*) Da die Krähe eine nahe Verwandte des Raben ist, so ist es begreiflich, daß beide Tiernamen in ihrer metaphorischen Verwendung eine gewisse Analogie aufweisen. So spielt im Englischen die Krähe die Rolle, die in anderen Sprachen dem Raben zugedacht wird, was darauf hindeutet, daß in England der Rabe selten, die Krähe aber häufig ist. Während in den romanischen Sprachen als Spitzname für den Priester „Rabe" üblich ist (siehe bei „Rabe" pag. 143), wird im Engl. crow oder rook dafür verwendet. Auch in Bezug auf die vom *) In Körtings lat.-rom. Wörterbuch figuriert ein suppon. altd. käwa (belegt ist kaha) als Etymon von span. chova „Dohle", choya „Saatkrähe", altfrz. choe „Alpenkrähe", doch dürften diese Namen wohl auch direkt schallnachahmend sein. (Vgl. „Eule", pag. 115.) Die Krähe. 151 schwarzen Gefieder hergenommenen Metaphern macht im Engl, die Krähe dem Raben erfolgreich Konkurrenz. As black as a crow, schwarz wie eine Krähe, hört man häufiger als raven- black „rabenschwarz". Ein Analogon hierzu findet sich im Altfrz. — noir come choe, — was von Littre und Godefroy falsch gedeutet wird, indem sie, durch neufrz. chouette irre- geführt, choe mit „Eule" wiedergeben, was ganz widersinnig ist, da es keine schwarzen Eulen gibt. Daß mit choe die Alpenkrähe gemeint ist, hat Cornu überzeugend nachgewiesen (Zeitschrift f. rom. Phil., XVI, pag. 520). Dem „weißen Raben" entspricht im Engl, die „weiße Krähe". So sagt der Engländer von einem Aufschneider treflfend: Eis crow is the whit^ evei- Seen, seine Krähe ist die weißeste, die man je gesehen. Weiße Krähen sind für das Volk ebenso unerhört wie weiße Raben. Auf die gleiche oder ähnliche Färbung beider Vögel nimmt Bezug ein span. Sprichwort, u. zw. in Form eines kurzen Dialogs zwischen Krähe und Rabe: Dijo la corn^a al cuervo: quitate aUd, negra; y el cuervo d Ja corneja: quitdos vos alldj negra. Zum Raben sagte die Krähe: Geh' weg von hier. Schwarzer; und der Rabe zur Krähe: Geht weg von da. Schwarze. (Vgl. frz. taupe vaut marotte) Denselben Gedanken drückt aus das deutsche Sprichwort: Der Rabe hat der Krähe nichts vorzuwerfen. Hierher gehört auch das derbe, aber eine gesunde Moral verratende span. Sprich- wort : La puta y la Cornea, mientras mds se lava — mds negra senieja, die Hure und die Krähe, je mehr sie sich waschen, desto schwarzer scheinen sie, wozu sich im Franz. des 17. Jahrhunderts ein Analogon findet: Putain fait comme la Corneille, plm se lave et plm noire eile est. Hiermit läßt sich vergleichen das engl. Sprichwort: Crows are none the whiter for washing themselves, Krähen werden nicht weißer, wie sehr sie sich auch waschen, wofür man im Deutschen sagt: Einen Mohren kann man nicht weiß waschen. Mit dem Raben teilt die Krähe die lange Lebensdauer, daher dieser Vogel im Lat. häufig die Epitheta annosa {seil, cornix) „bejahrt" oder vetula „alt" bekommt. In den modernen Sprachen findet sich hierzu kein Analogon ; im Deutschen gilt der Rabe als Symbol des hohen Alters. Wie dieser ist auch die Krähe eine Liebhaberin von Aas. 152 I>ie Krähe. worauf die derbe engl. Redensart to give the crows a ptidding^ den Krähen einen Pudding geben, d. h. sterben, beruht. Dem- entsprechend nennt man im Engl, eine Schindmähre, die dem Verrecken nahe ist, treflfend crow-bait „Krähenköder". Auch der Schnabel der Krähe mußte wie der des Eaben zur Bildung von Metaphern herhalten. Crow's-bül „Krähenschnabel" heißt im Engl, die Splitterzange des Chirurgen, während sie im Deutschen und Franz. „Rabenschnabel", bzw. bec - de - corbeau genannt wird. (Vgl. pag. 145.) Mit cornacchia bezeichnete man im Ital. früher häufig einen Türring in Form eines Krähen- schnabels, womit sich im Griech. die Verwendung von Tcoga^ „Rabe" für einen Türklopfer vergleichen läßt. Schließlich er- scheinen die beiden Tiernamen als metaphorisch gleichwertig, wenn man das deutsche Sprichwort: Eine Krähe hackt der anderen das Auge nicht aus vergleicht mit den analogen Sprichwörtern im Ital. und Franz., wo an Stelle der Krähe der Rabe tritt. Auch der Aberglaube schlingt ein ge- meinsames Band um beide Vögel. Das Gekrächze der Krähe wird wie das des Raben vom Volke als unglückverheißend gedeutet. Daher ruft der Italiener aus : Uh, che cornacchia, Hu, was für eine Krähe ! wenn ihm jemd. irgend etwas Unangenehmes prophezeit. Indessen hat die Krähe in der Metaphorologie ihre eigene Domäne, wie aus den folgenden Metaphern und Redensarten hervorgeht. Was zunächst den deutschen Ausdruck. Krähenfüße betrifft, so wird er mit Bezug auf die schwarzen Füße der Krähe zunächst für ein unleserliches Gekritzel gebraucht, wofür der Italiener ähnlich raspattira di gaUina (wörtlich: von Hühnern aufgescharrter Boden), der Franzose pattes de mouche „Fliegenfüße" oder pattes de chat „Katzenpfoten" sagt. Nur mit Anspielung auf die Form, nicht aber auf die Farbe, wird dieselbe Metapher im Deutschen und Engl, {crow's-foot) zur Bezeichnung der sich im Alter an den äußeren Augen- winkeln bildenden Fältchen verwendet. Hiermit läßt sich vergleichen im Span, patas de gallo „Hahnenfüße" und im Franz. pattes d'oie „Gänsefüße". Es ist also hier — wie sich aus dem Vergleiche mit anderen Sprachen ergibt — nicht ein charakteristisches Merkmal, das die Metapher veranlaßt hat, sondern es erscheint die Krähe infolge ihrer Häufigkeit als Die Krähe. 153 Vertreter der ganzen Vogelgattung überhaupt. Am deutlichsten zeigt sich dies im engl, scarecrow oder crotv-keeper „Krähen* scheuche", wofür man im Deutschen „Vogelscheuche" ge- braucht. Hierher gehört auch der metaphorische Ausdruck Krähenauge als populäre Bezeichnung der als Arznei gebrauchten giftigen Samenkörner der nux vomica, wofür man ebensogut „Vogelauge" sagen könnte, da sich das Auge der Krähe nicht wesentlich von dem anderer Vögel unter- scheidet. Dieselbe Metapher wird im Norddeutschen auf die hornartige, schmerzhafte Verhärtung an den Zehen ange- wendet, wofür man allgemeiner „Hühnerauge" sagt, genau so, wie der Spanier für „Krähenfüße" patas de gallo gebraucht. (Vgl. frz. ceil de perdri^ „Rebhuhnauge".) Hierbei ist das tertium comparationis einerseits die Wölbung, anderseits die kreisrunde Form. Auch „Elsterauge" ist in manchen deutschen Gegenden üblich. Auf die schrittweise, steife Gangart der Krähe, die leicht als Ausfluß des Stolzes oder der Selbstüberhebung erscheinen mag, bezieht sich die engl. Redensart to strut like a crow in a guUer, wie eine Krähe in einer Rinne (deutsch dafür: wie der Storch im Salat) einherstolzieren. Als Symbol des Ehrgeizes erscheint die Krähe in der be- kannten Asopschen Fabel von der „stolzen Krähe und dem Pfau". Es ist daselbst die Rede von einer Krähe, die sich mit den Federn eines Pfaues schmückt, aber damit weder bei den Pfauen noch den Krähen Anklang findet. Auf dieser Fabel beruht die deutsche Redensart sich mit fremden Federn schmücken, die angewendet wird auf einen, der bemüht ist, fremdes Verdienst als sein eigenes darzustellen. Der Franzose nennt ein solches Individuum schlechtweg la Corneille d'^sope^ „die Krähe des Äsop". Die Gesamterscheinung der Krähe macht durchaus keinen vorteilhaften Eindruck, ja, dieser Vogel erscheint im Deutschen gelegentlich sogar als Sinnbild der Häßlichkeit, wie z. B. Goethe für ein häßliches Mädchen irgendwo den Ausdruck „Krähe" gebraucht. So gaben auch die Franzosen der dritten Tochter Ludwigs XV. wegen ihrer Häßlichkeit den Spitz- namen graille „Krähe". (Vgl. das engl. Sprichwort : The crow ihifiks her own hirds the fairest, die Krähe hält ihre Jungen 154 Die Krähe. für die schönsten.) Mit dem unsympathischen Äußeren steht im Einklänge die tiefe, heisere Stimme des Vogels, der un- aufhörlich sein häßliches kra kra ertönen läßt, nach welchem Kufe die Krähe in allen Sprachen benannt ist. Hierauf beruht die im Deutschen übliche Bezeichnung Krähe flir einen Menschen, der sich mit lautem Geschrei breit macht. Da sich die meisten Krähenarten zur Nachahmung fremder Laute, einige sogar zum Sprechen abrichten lassen, so ist es einleuchtend, daß die Krähe, die schon bei den Römern die Epitheta loquax, garrula hatte, zum Symbol der Geschwätzig- keit wurde. So ist im Deutschen Krähwinkel die Bezeich- nung eines Klatschnestes. (Über die Genesis dieser Metapher vgl. BüchmanU; Gefl. Worte, pag. 253.) Dieselbe metaphorische Verwendung erfährt die Krähe in einigen romanischen Sprachen. Was zunächst das Ital. betrifft, so nennt man ein schwatz- haftes Weib gern cornacchia. Von dieser Metapher sind als Weiterbildungen zu verzeichnen cornacchiare „schwätzen" und cornacchiaia „Geschwätz". In merkwürdigem Gegensatze hierzu bezeichnet man einen einsamen, verschlossenen Menschen mit cornacchia di campanile „Turmkrähe", was wohl so zu erklären ist, daß man von der Vorliebe dieser Vögel für alte Türme und sonstige unzugängliche Örtlichkeiten auf ihre üngesellig- keit schließt. Gleichfalls mit Bezug auf das übeltönende Ge- krächze der Krähe nennt man in Pistoja die durch ihr schnarrendes Geräusch das Ohr unangenehm berührende Kar- freitagsklapper cornacchia (schriftsprachl. : tabella). Zahlreiche Sprossen hat im Ital. gracchio (gracchia) getrieben. Zu aller- erst ist das Verbum gracchiare zu nennen, das zunächst von dem Gekrächze der Krähe auf die stimmliche Betätigung anderer Tiere übertragen wurde, dann aber auf das laute Schimpfen und Schelten von Personen angewendet wird. Gracchiare in der Bedeutung „ohne Sinn und Verstand schwätzen" bezieht sich auf die zum Nachsprechen von Wörtern abgerichtete Krähe. Von gracchiara wiederum abgeleitet sind die Verbalsubstantiva gracchiamento, gracchiata, gracchio „das Krächzen, das Geschwätz", femer gracchiatore „Schwätzer, Schreier, keifende Person" und gracchione „Zänker".*) Span. *) Auch von taccola „Dohle" liegen Ableitungen vor, die einen ahn- Die Krähe. 155 ^rajear wird nur in der eigentlichen Bedeutung von „krächzen" verwendet, hingegen wird frz. graiUer von dem heiseren Ge- krächze der Krähe auf die heisere Stimme des Menschen übertragen. Auch kann das Wort „ins Hifthorn blasen" be- deuten, wobei es einen Bedeutungswandel in bonam partem erfahren hat. Von grailler abgeleitet ist graülonner „Schleim aushusten", worin wir eine Metonymie zu erblicken haben, indem die Ursache für die Wirkung gesetzt erscheint, denn nicht die Schleimaussonderung selbst, sondern nur das der- selben vorhergehende Räuspern kann mit dem Gekrächze der Krähe verglichen werden. Die Krähe ist ein sehr unreinlicher Vogel und verbreitet ^inen unangenehmen Geruch. Daher nennt der Franzose ein unreinliches Weib Marie Graillon (grailhn = Dim. von graule). Ein Analogon hierzu bietet, mit Übertragung auf das moralische Gebiet, ital. cornacchia als Bezeichnung eines Freudenmädchens {bei Cellini). Auf den Geruch bezieht sich frz. graillon „übler Fettgeruch" sowie span. grajo „Negergeruch", wobei in zweiter Linie auf die Farbe angespielt wird. (Metapher und Metonymie.) Von grajo abgeleitet ist grajiento „nach Neger duftend". Infolge der großen Verbreitung der Krähe wurde, wie schon oben angedeutet, ihr Name in Fällen metaphorisch verwendet, wo man ganz allgemein das Wort „Vogel" ge- brauchen könnte. Hierher gehört zunächst die frz. Redens- art : bayer aux corneiUes, den Krähen zusehen (nämlich wie sie fliegen), d. h. Maulaflfen feil halten. Von scarecrow (crow- keeper) war weiter oben die Rede. Hierher zu ziehen sind auch aus dem Engl, crow^s-nest „Krähennest" als Bezeichnung des Mastkorbes auf Walfischfahrem sowie crow-flight {as the crow flies, wie die Krähe fliegt) „Krähenflug" für „Luftlinie". Nach Brewer (Dict. of Phrase and Fable, pag. 198) zeichnet sich die Flugart der Krähe durch besondere Geradlinigkeit aus. Die Krähe bringt, wenigstens unmittelbar, keinen Nutzen. Ihr Fleisch ist im Gegensatze zu dem vieler anderer Vögel nicht oder kaum genießbar. Hierauf bezieht sich die engl. liehen Sinn haben, jetzt aber veraltet sind, wie taccolare „schwätzen", taccolata taccoleria „Geschwätz" taceoUno „Schwätzer". 156 I>ie Krähe. Redensart to tat (row, Krähenfleisch essen , was unserem deutschen „in den sauren Apfel beißen" entspricht. Eben in- folge der Ungenießbarkeit des Fleisches ist es eine ganz un- nütze Arbeit, wenn man die Krähe rupft, weswegen im Engl. to plucJc (he craw, die Krähe rupfen, „sich um ein Nichts be- mühen" bedeutet. Unmittelbar an diese Redensart schließt sich eine andere an, nämlich to have a crow to pltick with a person, mit jemd. eine Krähe zu rupfen haben, d. h. mit jemd. zu tun haben, und zwar in unangenehmer Weise^ um eine Streitsache auszumachen. Das Rupfen einer Krähe ist eben wegen der Nutzlosigkeit der Arbeit, der dabei auf- zuwendenden Mühe — die Krähenfedem sitzen fest — und nicht zuletzt wegen des dem Vogel eigenen üblen Geruchs keine angenehme Beschäftigung. Im Deutschen tritt an Stelle der Krähe das Huhn (ein Hühnchen mit jemd. zu pflücken haben), was die Erklärung der Redensart bedeutend erschwert. (Siehe Schrader, Bilderschmuck der deutschen Sprache, pag. 240.) Auch im Span, erscheint das Krähenrupfen als Symbol einer unangenehmen Sache, der man lieber aus dem Wege geht. No entiendo de graja pelada, ich verstehe nichts vom Krähen- rupfen (wörtlich: von der gerupften Krähe), sagt der Spanier namentlich dann, wenn er hinter irgend einem Handel einen Betrug wittert, was zum Bilde vortreflflich paßt^ da, wer die Krähe rupft, um sich an ihrem Fleische zu laben, der Gefoppte ist. Eine Metapher, die in den übrigen Sprachen kein Analogen hat, ist das engl, landschaftlich beschi'änkte crow'time „Krähenzeit" für „Abendzeit". Bevor sich nämlich die Krähen zu ihrem Schlafplatze begeben, versammeln sie sich in der Dämmerungsstunde auf großen, freien Plätzen. Von den ethischen Eigenschaften der Krähe wird nur eine einzige, und zwar in anscheinend widersprechender Weise, metaphorisch verwertet. Während im Deutschen die Krähe nicht selten als Symbol der Feigheit erscheint, wird im Engl, das allerdings landschaftlich beschränkte crowish „krähenhaft" im Sinne von „mutig" gebraucht. Was auf den ersten Blick ein Widerspruch scheint, erweist sich als ganz logisch, wenn man der Sache auf den Grund geht. Wenn der Deutsche einen Feigling „Krähe" schilt, so denkt er dabei an das Verhalten der Krähe dem Menschen gegen- Die Elster. 157 Über. Bekanntlich sind die Krähen infolge der Nachstellungen, deren Gegenstand sie sind, äußerst scheu. Der Engländer hingegen, der in der Krähe ein Bild des Mutes sieht, denkt an das Verhältnis der Krähe zu den anderen Vögeln, z. B. dem Uhu, der von den Krähen mit großer Entschiedenheit angegriffen wird. Speziell auf die Saatkrähe {rook), die dem Landmann wegen des Aufpickens von Getreidekörnern und Wegstibizens reifer Früchte ein Dorn im Auge ist, bezieht sich im Engl, der Gebrauch von to rook für „stehlen, betrügen". Auch als Substantiv wird rook für „Gauner, Schwindler** gebraucht. (Vgl. deutsch stehlen wie ein Rabe.) Treffend ist die Bezeichnung rookery „Krähengenist" für ein schmutziges, ver- rufenes Stadtviertel. Die Saatkrähen nisten nämlich in großen Massen, so daß nach Brehm ein Baum oft gegen 20 Nester beherbergt. Ein solcher Brutplatz ist infolge des unreinlichen und lärmenden Wesens seiner Bewohner ein nichts weniger als anmutiger Ort. Die Gewohnheit der nördlich lebenden Krähenarten, bei strenger Winterkälte Streifzüge nach südlicheren Gegenden zu unternehmen, erklärt das deutsche Sprichwort : Eine Krähe macht keinen Winter, ein Analogen zu dem häufiger gebrauchten: Eine Schwalbe macht keinen Sommer. Die Elster. Deutsch Elster beruht auf mhd. egelster, ahd. agalstra*) Daneben sind in den verschiedenen Gauen Deutschlands eiüe Unzahl von Dialektformen üblich, die man bei Winteler, Naturlaute und Sprache, pag. 30 ff., zusammengestellt findet. Davon ist die gebräuchlichste wohl atzel, das auf ahd. agazza zurückgeht.**) Damit ist verwandt altengl. agu, das jedoch im Neuengl. durch das romanische pie (magpie), von dem weiter unten die Rede sein wird, ersetzt wurde. Zahlreich sind auch *) Nach Winteler onomatopoetisch. **) Die Form AI st er findet sich in den Ortsbezeichnnngen Alster- weiler, Alstertal. (Vgl. Heeger, Tiere im pfälz. Volksmimde, 2. T., pa«:. 10.) 158 Die Elster. die Benennungen der Elster in den romanischen Sprachen. Das lat. pica (picm = Specht) ist erhalten in ital. ptca, span. pega, picaza, frz. pie, wovon engl. pie. Im Ital. wird ferner puäa „Mädchen'^ aus lat. putida „stinkend^' für die Elster gebraucht, wie auch verschiedene Mädchennamen zur Be- zeichnung dieses Vogelnamens herhalten müssen. So im Ital. Checca, Cecca = Dim. von Francesca, Berta, span. Marica = Dim. von Maria, Urraca (jetzt als Eigenname nicht mehr ge- bräuchlich), frz. Jacque, Jaquette, Margot = Dim. von Mar- gtierüe; dementsprechend engl, mag = Dim. von Margaret (landschaftlich beschränkt). (Vgl. Rolland, Faune pop., 11^ pag. 132.) Das allgemein gebräuchliche Wort für „Elster" im Engl ist magpie, eine Zusammensetzung von mag und pie. Auf ahd. agazza gehen zurück ital. {a)gazza {gazzera) sowie frz. agace und afrz. agacin „Hühnerauge". (Vgl. deutsch land- schaftlich Elsterauge.) Span.' cotarra (bei Körting fehlend) ist möglicherweise onomatopoetisch. Über ital. taccola vgl. pag. 160. Was zunächst die äußere Erscheinung der Elster, an der vor allem das butschillernde Gefieder auffällt, betrifft, so be- zieht sich darauf der Gebrauch von pie im Franz. und Engl, zur Bezeichnung von scheckigen Tieren. So nennt man im Franz. ein scheckiges Pferd chevaJ pie, eine scheckige Taube pigeon pie. (Vgl. im älteren Fremz. pioU, pigeassi „scheckig".)*) Wenn im älteren Englisch im Volksmunde der Bischof magpie „Elster" genannt wurde, so verglich man dabei die Schleppe des bischöflichen Talars mit dem langen Schwänze der Elster. (Vgl. ital. abito a coda di gazza, Rock mit Elstem- schwanz.) Es ist diese Metapher ein interessantes Seitenstück zu den Vogelnamen, die der kirchlichen Hierarchie entlehnt sind, wie „Mönch", „Dompfaff", „Prälat", „Kardinal". Auf den bläulichen Schimmer des Gefieders bezieht sich ital. gazzerino „elsternfarben". So gebraucht man namentlich occhi gazzerini. Was aber die Elster besonders charakterisiert, ist ihr *) Winteler, Naturlaute und Sprache, pag. 33, wiU auch deutsch scheckig von Schack (Schackelster), einem dialektischen Namen der Elster, ahleiten und weist vergleichsweise auf die etymologische Verwandt- schaft von lat. picus „Specht" und griech. TtotxiXoe „hunt" hin. Die Elster. 159 Geschrei, das sie mit staunenerregender Uneimüdlichkeit stundenlang ertönen läßt. (Vgl. ital. noioso come una gcuszera, lästig wie eine Elster.) Daher gilt der Vogel mit Recht als Symbol der Geschwätzigkeit, u. zw. in allen Eultursprachen. Schon Petronius gebraucht pica im Sinne von „Schwätzerin". Dieselbe metaphorische Verwendung weisen die romanischen Sprachen auf: ital. gazza und gaiszera werden zwar an und für sich nicht in übertragener Bedeutung gebraucht, wohl aber sind von diesen Wörtern einige Ableitungen zu ver- zeichnen, die nur metaphorisch verwendet werden, wie gazzarra „Freudenlärm", gazzeroiio „Schwätzer", gazzetta „Zeitung", eigentlich „Schwätzerin". In der ital. Redensart fare come le ptäte al lavatoio hat ptitta, das jetzt für „Elster" gebraucht wird, noch die ältere, ursprüngliche Bedeutung von „Mädchen". (Vgl. venezianisch putela „Mädchen".) Die Redensart bedeutet also: es machen wie die Mädchen am Waschtrog, d. h. schwätzen. Übrigens liegt in der Bezeichnung der Elster mit dem Worte puita eine Metapher vor, die ein interessantes Gegenstück zu den oben angeführten Redensarten bildet. Während man nämlich von einem plauderlustigen Mädchen sagt, es sei eine Elster oder schwätze wie eine Elster, nennt man umgekehrt die Elster ein „Mädchen". Auch dem Span, ist das Bild der geschwätzigen Elster geläufig. So sagt der Spanier von einer geschwätzigen Frauensperson: Habla mos qtie una urraca, una cotorra, sie spricht mehr als eine Elster. Von cotorra, das auch den Sittich, eine Papageienart, bezeichnet (tertium comparationis ist eben die Geschwätzigkeit), abgeleitet sind cotorrear „schwätzen", cotorreo „Weibergeschnatter" , cotorrera „Papageiweibchen, geschwätziges Frauenzimmer", cotorreria „Schwatzhaftigkeit". Aus dem Franz. ist gleichfalls anzuführen, bec de pie „Elster- schnabel" für Schwätzerin, ferner jaser comme une pie, schwätzen wie eine Elster, sowie jacasser „plappern" von Jaque^ einer dial. Bezeichnung der Elster. (Vgl. Rolland, Faune pop., II, pag. 133, 8.) In den germanischen Sprachen finden wir dieselbe Metapher. Während im Deutschen geschätzig sein wie eine Elster zu den alltäglichen Redensarten gehört, ge- braucht der Engländer aus dem Volke das Wort mag „Elster" 160 I>ie Elster. im Sinne von „Geplapper'^ Der Bedeutungswandel ist der, daß mag zunächst metaphorisch die Zunge und dann meto- nymisch die von derselben hervorgebrachte Wirkung, das Ge- schwätz, bezeichnet. Ganz deutlich erhellt dies aus der in volkstümlicher Sprache gebräuchlichen Redensart: Hold your mag für hold your iongue, halt deine Zunge, wo mag direkt für tongue gesetzt wird. Auch wurde pie in älterer Sprache auf eine schwatzhafte Person, namentlich weiblichen Geschlechtes, angewendet und heute noch wird to mag im Slang im Sinne von „plaudern" gebraucht. Auf dem Verhältnisse der Elster zu anderen Vögeln beruht die Redensart zänkisch sein wie eine Elster, wozu sich engl, to mag „zanken" sowie frz. iaquiner „necken" (wenn zu taccola gehörig) und schließlich agacer „reizen" von agace stellen lassen. (Vgl. diesbezüglich Borchardt - Wustmann, Sprichwörtl. Redensarten, pag. 119.) Der streitsüchtigen Elster wird die sanfte Taube gegenübergestellt in dem deut- schen Sprichwort: Keine Elster heckt eine Taube. Mit Bezug auf den unbeholfenen Gang der Elster, den Brehm als ein „erbärmliches Hüpfen" bezeichnet, gebraucht man im Deutschen das Sprichwort: Die Elster läßt das Hüpfen nicht im Sinne von: Art läßt nicht von Art. (Vgl.: Der Fuchs läßt seine Tücke nicht, die Katze läßt das Mausen nicht.) Der Umstand, daß die Elster den Schwanz wippend bewegt, erklärt die frz. Redensart se carrer comme une pie, sich brüsten wie eine Elster. (Vgl. engl, to strtU like a crow in a gutter, deutsch: umherstolzieren wie der Storch im Salat.) Bekannt ist die Sucht der Elster, glänzende Gegen- stände zusammenzutragen. Besonders locken Gold und Silber den Vogel an. Daher ist die Elster in nahezu allen Sprachen Symbol des Diebes. So sagt man im Deutschen von einer Person, die sich gegen das siebente Gebot zu vergehen pflegt, sie sei diebisch wie eine Elster, im Engl, he steals like a magpie, im Franz. ü est larron comme une pie, im Ital. h ladro come una gazza. Im engl. Slang wird to mag ohne weiteres für „mausen" gebraucht. Hierzu findet sich in ital. gazzerare, das infolge Bedeutungserweiterung „betrügen" bedeutet, ein Analogen. (Vgl. im Altfranz, den Vergleich plus Die Elster. 161 fausse que pie, falscher als eine Elster, von weiblichen Wesen.) Möglicherweise sind auch ital. taccagno, span. tacano „geizig" zu taccola „Elster" (jetzt „Dohle") zu stellen. Eine Bekräfti- gung fände diese Etymologie in der span. Metapher urraca = geizige Person sowie in der ital., bzw. franz. Redensart dar beccare dlla puUa, donner ä mang er ä la pie, die Elster füttern, was man auf knickerige Spieler anwendet, die ihren Ge- winnst heimlich in die Tasche stecken. Ebenso stimmt tacano in der Bedeutung „betrügerisch" vortrefflich zu ital. gazzerare „betrügen". (Vgl. das deutsche Sprichwort: Der Elster ist ein Ei gestohlen, das man auf einen betrogenen Be- trüger anwendet.) Auf der Sucht der Elster nach glänzenden Dingen beruht ferner span. pka, eine gelehrte Scheideform zu pega, womit in der Medizin der Hunger nach ungewöhnlichen Dingen benannt wird. Der Elster wird aus verschiedenen Gründen eifrig nach- gestellt, zunächst wohl deshalb, weil sie sich leicht abrichten läßt und in gezähmtem Zustande äußerst amüsant ist; dann aber werden ihr in einigen Gegenden Deutschlands und Frank- reichs auch Zauberkräfte zugeschrieben. So gewähren die an den Hauseingang gehefteten Elsternflügel Schutz gegen Fliegen und die Asche des verbrannten Vogels ist ein Heilmittel gegen Epilepsie. Materialistisch gesinnte Gemüter, die sich lieber ans Tatsächliche halten, lassen den erbeuteten Vogel in die Küche wandern, nicht um ihn zu verbrennen, sondern um ihn zu braten, denn sein Fleisch soll recht genießbar sein. Nach alledem ist es begreiflich, daß der Fang einer Elster als ein Glück betrachtet wird, um so mehr als dem Vogel sehr schwer beizukommen ist. Hierauf beruht die frz. Redensart trouver la pie au nid, die Elster im Neste finden, im Sinne von „etwas Seltenes finden. Glück haben". Auf die Eigenheit der Elster, auf den höchsten Baumwipfeln zu nisten, bezieht sich offenbar die frz. Redensart itre au nid de la pie, im Elsternneste sein, im Sinne von „auf dem Gipfel des Glückes stehen". Anders — u. zw. nicht sehr überzeugend — erklärt die Redensart Brinkmann (Metaphern, pag. 21 und 536 ff.). Auf den Elstern- fang, der namentlich in Italien eifrig betrieben wird, spielt auch an das ital. Sprichwort: Nido fatto, gazza morta, das Nest ist fertig, die Elster tot, das man auf einen anwendet, der gerade Biegler, Das Tier im Spiegel der Sprache. 11 162 I>ie Lerche. dann stirbt, wenn er anfängt, in günstige Lage zn kommen. Ähnlich heißt es span. : La jatda hecha, picaza muerta, der Käfig ist fertig, die Elster tot. Hierher zu ziehen ist ferner die Eedensart pelar la gazza senza farla stridere, die Elster rupfen, ohne sie schreien zu machen, d. h. eine derbe Zurechtsetzung beabsichtigen, aber aus Zaghaftigkeit nicht mit der Sprache herausgehen, sich glimpflich ausdrücken. Im Deutschen und Franz. tritt die Henne an Stelle der Elster: die Henne rupfen, ohne daß sie schreit — plumer la poule sans la faire crier. Auf die gezähmte Ekter bezieht sich die ital. Metapher pidfa scodata „Elster ohne Schwanz". (Der gefangenen Elster werden die Schwungfedern gestutzt, damit sie nicht davon- fliegen kann.) Hiermit bezeichnet man einen sehr schlauen Menschen, da die angeborene Intelligenz der Elster durch die Abrichtung noch bedeutend erhöht wird. Die Lerche. Deutsch Lerche beruht auf mhd. lerche, ahd. lerahha. Hiermit ist verwandt engl, lark aus altengl. Idwrice. Lat. alauda, ein Wort keltisch-gallischen Ursprungs, ist das Etymon von ital. allodola, lodola, altfrz. aloe, wovon neufrz. dim. aloueUe, altspan. aloa, aloefa, neuspan. alondra, angeglichen an caiandra, „Kalenderlerche". Ebenfalls keltischen Ursprungs ist frz. mauviette „gemeine Lerche", verwandt mit mauvis „Rohrdrossel". (Vgl. Rolland, Faune pop., II, pag. 243.) Eine andere roma- nische Bezeichnung einer Lerchenart, und zwar der soge- nannten Kalenderlerche, die hauptsächlich im Süden Europas vorkommt, beruht auf griechisch ^iXavöga^ das direkt in die romanischen Sprachen eingedrungen ist: ital. caiandra, span. calandria, frz. calandre. Im Deutschen wurde das unverständ- liche calandre volksetymologisch zu „Kalender** umgebildet, daher die Bezeichnung Kalenderlerch e.*) Die über ganz Europa verbreitete Haubenlerche ist in allen Kultur- sprachen nach dem beweglichen, haubenähnlichen Federbüschel *) Über die Bedeutung der Kalenderlerche in der mittelalterlichen Tiersymbolik vgl. KoUoflf, Die sagenhafte und symbolische Tiergeschichte des Mittelalters in Baumers bist. Taschenbuch, 1867, pag. 249 ff. 4 I Die Lerche. 163 benannt, das sie auf dem Scheitel trä^. So heißt sie engl. <:rested, copped, tufted larh „geschöpfte" Lerche, ital. loddla cappelluta, cappellaccia (Pejorativ von cappeUo „Hut"), span. cogujada, (lat. cucullm „Hülle des Kopfes"), frz. cochevis = cochet (Dim. von coq) + altfrz. vis = vivus (heißt also wörtlich : „lebhaftes Hähnchen"). Daneben wird umschreibend dlouette Jhuppee „geschöpfte Lerche" gebraucht. Ital. toUavüla^ span. cotovia, totovia sind wahrscheinlich onomatopoetischen Ursprungs. (Anders erklärt diese Wörter Eönsch, Jahrbuch für rom. und engl. Sprache und Literatur, XV, pag. 343.) Die Mehrzahl der Metaphern, die die Lerche der Sprache liefert, bezieht sich teils auf die Sangesfreudigkeit, teils auf die kulinarische Verwendbarkeit dieses Vogels, so daß sowohl die idealistische als auch die realistische Seite der Betrach- tungsweise in der Sprache zum Ausdruck kommt. Als Symbol des Sängers erscheint die Lerche besonders in der deutschen Poesie des 18. Jahrhunderts, daher sie in poetischer Sprache den Namen Barde oder Bardel führt. Auf dem fröhlichen Charakter des Lerchengesanges beruht im Deutschen und Engl, der Vergleich munter wie eine Lerche (merry a$ a lark), den man namentlich auf junge Mädchen anwendet, deren muntere Laune sich in fröhlichem Liede äußert. Analog sagt der Italiener von einem sanges- lustigen Mädchen: Cania come una calandra, sie singt wie ^ine Lerche.*) (Die Kalenderlerche übertriflft an Melodien- reichtum bei weitem unsere deutschen Lerchenarten.) Daß die Lerche eine Frühaufsteherin ist, kommt zum Ausdruck in der frz. Redensart s^Sveiller au chant de Valottette, mit dem Oesang der Lerche, d. h. sehr früh aufwachen. Auch hört man wohl im Deutschen: Er steht mit den Lerchen auf. Auf die ünermüdlichkeit der Lerche im Gesang bezieht sich im Ital. der Gebrauch von calandra als Bezeichnung eines Schwätzers und der von calandria im span. Rotwelsch als Spitzname für einen öffentlichen Ausrufer.**) Häufig gebraucht *) Heeger, Tiere im pf&lz. Volksmunde, 2. T., pag. 12, führt lercheln an für „flöten wie eine Lerche". **) Da die Ealenderlerche sehr häufig als Stuhenvogel im Bauer ge- iialten wird, nennt der Spanier aus dem Volke einen Obdachlosen, der sich 11* 164 I^ie Lerche. der Franzose „Lerche" (mauviäte), wo wir ganz allgemein „Vogel", bzw. „Vögelchen" sagen. So nennt man im Franz. ein zartes, schwächliches Kind gern mauviette und manger comme une mauviette, essen wie eine Lerche, heißt „wenig essen". (Deutsch auch: essen wie ein Spatz.) Als Vertreter der ganzen Vogelklasse erscheint die Lerche femer in dem engl. Sprichwort: If the shy falls, we shall catch larks, wenn der Himmel einstürzt, werden wir Lerchen fangen. Ähnlich im Franz.: Si le ciel tombait, il y aurait bien des alouettes prises. Im Deutschen und Ital. findet sich dieses Sprichwort auch, nur mit dem Unterschied, daß für „Lerche" „Vogel" gesagt wird: Wenn der Himmel zusammenfällt, so sind alle Vögel gefangen. — Se il cielo rovinasse, si piglierebbero di molti uccelK Dies Sprichwort wendet man an, um eine absurde Hypothese durch eine noch absurdere zu übertrumpfen. Wie schon oben angedeutet, ist die Lerche nicht bloß ein Liebling des Naturfreundes, sondern sie hat sich durch ihr wohlschmeckendes Fleisch auch das Herz oder vielmehr den Magen des Feinschmeckers erobert. Es ist für die Güte des Lerchenfleisches ein rühmliches Zeugnis, daß gewisse Speisen, gleichsam der Eeklame halber, „Lerchen" genannt werden, wie z. B. eine Art Würstchen die Bezeichnung Stol- berger Lerchen*) führen. Hiermit läßt sich vergleichen im Franz. der Gebrauch von aloyau, Dim. von altfrz. aloe, als Bezeichnung für den Lendenbraten, Nach Tobler (Sitzungsb* der Berl. Akad. d. Wiss., philos.-hist. KL, vom 13. Jan. 1893) ist das tertium comparationis allerdings nicht der Geschmack,, sondern die Zubereitung des Fleisches. Er erklärt aloyau als „eine Fleischschnitte, welche wie ein kleiner Vogel (ein Lerchlein) am Spieße gebraten wird".**) Daß in Italien^ wo täglich Tausende von Singvögeln hingeschlachtet werden^ die Lerche als kulinarischer Artikel eine bedeutende Rolle spielt, darf nicht wundernehmen. Wie hoch der Italiener das krank stellt, um im Spital bleiben zu können, calandria. Die Scheuheit dieses Vogels erklärt die Bezeichnung calandria für einen Feigling. *) Die Leipziger Lerchen sind ein vielbegehrtes Gebäck. **) Ein Analogen hierzu bietet deutsch ,. Spitzvogel-, womit man zu- nächst einen am Spieß gebratenen Vogel, dann auch mit Speck gespicktes,, am Spieß gebratenes Ealbfleisch bezeichnet. Die Lerche. 165 Lerclienfleisch schätzt, erhellt aus der Redensart dare carne di lodola oder kurz dare lodola, jemd. Lerchenfleisch geben, d. h. ihm schmeicheln, wohl mit wortspielerischer Bezugnahme auf lodare „loben". Demgemäß sagt man von einem, der sich gern loben hört : Mangia carne di lodola, er ißt Lerchenfleisch. Ebenso gilt den Franzosen die Lerche als ein besonderer Lecker- bissen. So entspricht unserem Spruche: „Ohne Fleiß kein Preis" im Franz. das Sprichwort: Les alouettes röties ne se trouvent pas sur les haies, die gebratenen Lerchen flnden sich nicht auf den Hecken. Einen ähnlichen Sinn hat das Sprich- wort: 11 attend que les alouettes lui tombent ioutes roties, er wartet, daß ihm die gebratenen Lerchen (deutsch: Tauben) ins Maul fliegen. Daß auch der Engländer das Lerchenfleisch zu schätzen weiß, geht hervor aus dem Diktum : Om leg of a lark is worfh the tvhole hody of a kite, ein Lerchenbein ist einen ganzen Geier wert. Auf die Vorliebe der Lerche für sandiges Terrain bezieht sich im Franz. die Bezeichnung terre ä alouettes „Lerchenland" für eine Sandwüste. Hiermit läßt sich im Deutschen ver- gleichen die bei Sanders angeführte Redensart: Land, das die Lerche mistet, d. h. unfruchtbares Land. Da die Lerche auf der Erde nistet, ist ihr Nest besonders gefährdet. Sobald sie sich beobachtet sieht, entfernt sie sich von ihrem Neste, um den Glauben zu erwecken, daß es sich in einer anderen Richtung beflndet. Hierauf beruht die frz. Redens- art donner la bourde de Valouette {boiirde = Lüge, Täuschung), den Lerchenschwindel aufführen, d. h. die Aufmerksamkeit einer Person von einer Sache, die man ihr verbergen will, ablenken. (Vgl. Rolland, Faune pop., II, pag. 243.) Mit Bezug auf das plötzliche Herabschießen der Lerche aus der Luft sagt man in der deutschen Sportsprache von einem, der vom Pferde fällt: Er schießt eine Lerche. (Vgl. einen Purzelbaum, einen Bock schießen.) Die Lerche wird häufig mit Spiegeln gefangen, durch welche der Vogel geblendet wird. Daher im Franz. se laisser prendre au miroir comme Valouette, sich wie die Lerche mit dem Spiegel fangen lassen, d. h. sich durch Schmeicheleien betören lassen. (Vgl. Rozan, Les animaux dans les proverbes, II, pag. 76.) 166 I>er Fink. Der Fink. Die germanischen und romanischen Namen dieses Vogels sind onomatopoetisch (nach dem Lockmfe pink oder fink) und zeigen daher eine grofie Ähnlichkeit. Das deutsche Fink geht zurück auf mhd. vinke, ahd. fincho. Hiermit ist verwandt engl, finch aus altengl. finc. Für die romanischen Benennungen : ital. pincione, frz, pinson, span. pincon, pinchön, nimmt Schuchardt als Grundwort ein supponiertes pincio an. Lat. fringuillus ist erhalten in ital. fringuello, filmigtiello, frz. fringille. Der Name des Vogels ist sehr wenig ergiebig für die Metaphoro- logie, was wohl seinen Grund darin haben mag, daß der Fink vom Volke sehr häufig mit dem Spatzen — der übrigens ins Finkengeschlecht gehört — verwechselt wird und er daher stillschweigend an den auf den Spatzen bezüglichen Metaphern partizipiert. Geradeso wie im Span, der Sperling als häufigster Vogel durch Bedeutungserweiterung zum Vertreter der ganzen Gattung wurde (span. pdjaro „Vogel" = lat. passer „Sperling"), so wird im Dialekte von Helgoland „Fink" ganz allgemein für „Vogel" gebraucht. Derselbe Bedeutungswandel hat sich in dem Worte finken oder finkein vollzogen, das soviel als „Vögel fangen" bedeutet. Auch in der studentischen Bezeichnung Fink für einen Studenten, der keiner farben- tragenden Verbindung angehört, erscheint der Fink als Vogel not* €^oxi]v, indem das tertium comparationis wohl der Zustand der Freiheit ist. Spatz und Fink erscheinen als identisch, wenn man das deutsche Sprichwort: Ein Sperling in der Hand ist mehr wert als eine Taube auf dem Dache vergleicht mit dem ital. Sprichwort: Meglio e fringuello in mano che tordo in frasca, besser ein Fink in der Hand als eine Drossel auf dem Zweig. Auf der nahen Verwandtschaft der beiden Vögel beruht ferner das deutsche Sprichwort: Spatzenarbeit, Finkenlohn, d.h. wie die Arbeit so der Lohn. In einigen Gegenden Deutschlands wird der Sperling Mistfink ge- nannt, wohl deshalb, weil er, namentlich im Winter, seine Nahrung sich aus dem Kote der Tiere hervorsucht. Im über- Der Fink. 167 tragenen Sinne wird Mistfink, dafür auch Dreckfink oder Schmutzfink, für einen unreinlichen Menschen ge- braucht. Mistfink ist gleichfalls eine scherzhafte Bezeich-, nung des Landmanns. Im älteren Deutsch wurde Fink, in- dem von der physischen auf die psychische Schmutzigkeit ge- schlossen wurde, allgemein auf einen ausschweifenden Menschen angewendet. Auf die Munterkeit des Vogels beziehen sich im Franz. die Redensart elre gai comme un pinson, fröhlich sein wie ein Fink (deutsch: wie eine Lerche), sowie die Verba fringuer und fringoter „tanzen und springen". (Vgl. ital. fringuellare.) Mit Bezug auf die Sangesfreudigkeit des Finken sagt der Italiener von einem guten Sänger: Canta come un filunguello, er singt wie ein Fink, oder auch verstärkt : come un filunguello cieco, wie ein blinder Fink, womit auf die barbarische Sitte angespielt wird, die Singvögel zu blenden, wodurch ihr Gesang angeblich gewinnt. Als Symbol der Einfalt — zwar mit Unrecht — er- scheint der Fink in der engl. Redensart to pull a fimh, einen Finken rupfen, d. h. jemd. übervorteilen, namentlich in pekuniärer Beziehung. Die Federn, die man dem Vogel ausrupft, sind in diesem Falle die Geldstücke, die man jemandem ablockt. Der Deutsche gebraucht dieselbe Redens- art, nur mit dem Unterschiede, daß er anstatt des Finken im allgemeinen eine bestimmte Art desselben, nämlich den Gimpel, setzt (einen Gimpel rupfen). Der Gimpel er- scheint im Deutschen überhaupt als Sinnbild der Dummheit, wegen der angeblichen Leichtigkeit, mit der er ins Garn gelockt wird. (Daher einen Gimpel fangen = jemd. betrügen.) Was den Namen des Gimpels anlangt, so ist über dessen metaphorische Verwendung in den übrigen Sprachen nichts zu sagen, wohl aber ist es interessant, die Benennungen dieses Vogels im Deutschen und in den romanischen Sprachen mit- einander zu vergleichen. Im Deutschen ist nämlich für den Gimpel auch die Bezeichnung Dompfaff üblich. In analoger Weise wird der Vogel im Ital. monachino (Dim. von monaco „Mönch") „Mönchlein", im Span, frailecillo (Dim. von fraik „Klosterbruder"), im Franz. prelre „Priester" genannt. Zu dieser Bezeichnung mag wohl die gedrungene Gestalt des Vogels, die 168 Der Zeisig. ihm das Aussehen der Beleibtheit verleiht, sowie der schwarze Scheitel, der entfernt an die Kopfbedeckung der Ordensgeist- lichen erinnert, Anlaß gegeben haben. (Vgl. Rolland, Faune pop., n, pag. 167.) Der Zeisig. Deutsch Zeisig beruht auf mhd. jsi^ec, ztse*) Letztere Form ist noch erhalten in dem Dim. Zeischen und Zeis- lein. Verwandt mit dem deutschen Worte ist engl, siskin. (Vgl. deutsch - dialekt. S i s c h e n.) Die romanischen Be- nennungen dieses Vogels zeigen keine Einheitlichkeit. Ital. lucherino geht wahrscheinlich zurück auf lat. ligurinus (von Ligtir) „ligurinisch, genuesisch", welche Etymologie semasio- logisch allerdings unklar ist. Span, verderöl oder verderon kommt von verde (lat. viridis) „grün", bezeichnet den Vogel also nach seiner Farbe. (Vgl. deutsch „Grünling".) Die Her- kunft von frz. serin ist noch nicht sichergestellt, wahrschein- lich ist das Etymon lat. serenus „heiter". ^Seriai^ wäre dem- nach eine Scheideform zu serein und der Zeisig der „lustige Vogel", welche Benennung zu dem Wesen des Tierchens vor- züglich paßt. Das Etymon von frz. tarin „Erlenzeisig" vßt mutet man in einem supponierten lat. tenerinus von tener „zart". Tarin wäre demnach der „zarte Vogel".**) Der Zeisig hat ein ziemlich buntes Gefieder, an dem die vorherrschenden Farben Gelb und Grün sind. Hierauf beruht die Mehrzahl der auf den Zeisig bezüglichen Metaphern. So nennt man in Österreich Zeiserlwagen diejenigen Eisenbahn Waggons , die erst- und zweitklassige Coupes enthalten, indem häufig die ersteren gelb, die letzteren grün angestrichen sind. (Vgl. span. cangrcjo „Krebs" als Bezeichnung der rot angestrichenen Straßenbahnwagen in Madrid.) Nur auf das Grün im Gefieder des Zeisigs be- *) Winteler, Naturlaute und Sprache, pag. 22, bezeichnet das Wort als Schallvergleichungsname und bringt es in Zusammenhang mit lat. tintinulare (lautverschoben zinzinulare), einer Ableitung von tinnire. **) Nach Heeger, Tiere im pfälzischen Volksmund, 2. Teil, pag. 11, nennt man ein zartes, schmächtiges Kind Zeiserle, wozu das Ad j. z e i s e r - lieh „zierlich, schmächtig". / Der Zeisig. 169 zieht sich der in den ital. Gegenden Österreichs für den sich gern in Grün kleidenden Steirer übliche Spitzname Jucherino (dialektisch lughero). Ebenso berjihl, wie gezeigt wnrde, im Span, die Bezeichnung des Vogels auf der grünen Farbe. Wenn hingegen der Pariser den Gendarmen scherz- weise sertn nennt, so vergleicht er hierbei dessen gelbes Lederzeug mit den gelben Streifen au den Flügeln des Zeisigs. Daß bald das Gelb, bald das Grün als die ausschlag- gebende Farbe am Gefieder des Zeisigs erscheint, zeigt sich auch darin, daß Italiener und Franzosen von giallo lucherino, bzw. serin jaune sprechen, während Deutsche und Engländer den Ausdruck zeisiggrün, bzw. siskin-green gebrauchen. Unter den Finken ist der Zeisig entschieden der leb- hafteste. Sein Treiben macht den Eindruck ausgelassener Lustigkeit, daher man im Deutschen einen fröhlichen Kumpan gern einen lustigen Zeisig nennt. (Zu dieser Metapher stimmt vortrefflich die Etymologie serin = serenus „heiter".) Hingegen hat tadelnden Sinn der Ausdruck lockerer Zeisig, womit man einen leichtsinnigen Menschen bezeichnet. Die Charakteristik, die Brehm von dem Vögelchen gibt, bestätigt die in dieser Metapher zum Ausdruck kommende Auffassung. Er sagt nämlich vom Zeisig, er sei bis zu einem gewissen Grade „leichtsinnig" zu nennen! ^ ^Wege n der großen Leichtigkeit, mit der sich der Zeisig fangen läßt, gilt er dem Franzosen als Symbol der Einfalt, spielt also im Franz. dieselbe Rolle, wie im Deutschen der ihm so nah verwandte Gimpel, und zwar liegt die Ent- stehung dieser Metapher klar vor Augen, indem serin als Adjektiv zunächst „leicht zu fangen" bedeutet. Der Ge- brauch des Wortes für einen einfältigen Menschen beruht somit auf Metonymie. (Die Folge [das Überlistetwerden] wird für die Ursache [Dummheit] gesetzt.) Da der Zeisig leicht abzurichten ist und sogar Melodien nachpfeifen lernt, so wird im Franz. ein von serin abgeleitetes seriner für das Abrichten von Vögeln im allgemeinen gebraucht: seriner un oiseau heißt wörtlich „einen Vogel zum Zeisig machen" oder „ihn wie einen Zeisig behandeln", d. h. zum Nachpfeifen abrichten. Dann wird das Wort infolge von Erweiterung des Bedeutungsumfanges im Sinne von „jemd. etwas ein- 170 I^er Sperling. trichtern^ gebraucht, und da die Abrichtang rein mechanisch geschieht, nämlich durch fortwährendes Vorpfeifen einer und derselben Melodie, so nimmt das Wort metonymisch die Bedeutung von Jemd. etwas beständig vorleiern" an. Dem- entsprechend bezeichnet serinette sowohl das mechanische Ein- trichtern wie auch das Instrument dazu, die Vogelorgel. Der Sperling. Deutsch Sperling*) beruht auf mhd. sperlinc, das eine diminutive Ableitung aus mhd. spar, ahd. spare ist. Hiermit ist verwandt engl, sparrow aus altengl. spearwa. Dasselbe Wort ist erhalten in deutsch Sperber aus mhd. sp^rwoerey sparwcere, d. i. wörtlich „Sperlingsaar". Der zweite Bestand- teil des Wortes ist ari = Aar. Man vgl. damit die engL Bezeichnung für „Sperber", sparrow-harh , altengl. spearhafoe „Sperlingshabicht". Neben Sperling ist Spatz gebräuchlich^ was die Koseform zu mhd. spar ist. Was die romanischen Sprachen betrifft, so ist lat. passer erhalten in ital. passera, passero, sowie in den davon gebildeten Diminutiva passeroUo, passerino, ferner im frz. Dim. passereau sowie in span. pdjaro, das infolge Bedeutungsgenerali- sierung den Vogel im allgemeinen bezeichnet. (Vgl. die um- gekehrte Bedeutungsentwicklung [Verengung] in ital. span. oca, frz. oie „Gans" aus avica „Vögelchen".) Bezüglich des Span, sei noch bemerkt, daß Tolhajasen in seinem Wörterbuch bei pdjaro „Vogel" auch noch die ursprüngliche Bedeutung „Sperling" angibt, während das Wörterbuch der Akademie von dieser zweiten Bedeutung nichts weiß. Auf jeden Fall ist das Bewußtsein der ursprünglichen Bedeutung noch nicht ganz geschwunden, da pdjaro vorzugsweise auf kleinere Vögel angewendet wird. Übrigens hat auch im Rumänischen pdsere *) Nach Winteler, Natur] ante nnd Sprache, pag. 14, schallnachahmend (vom Wamongsrnfe terrj ter, ter, wofür man auch sper setzen könne). Wenn jedoch Winteler in dem deutschen Dialektnamen Dieh eine voUu- etymologische Umdeutnng eines Rufnamens sieht, so scheint mir dies zu weit gegangen, heißt doch der Haussperling in einigen Gegenden Portugals pardal ladro {ladro = Dieh). Der Sperling. 171 die allgemeine Bedeutung von „Vogel" angenommen. Der gewöhnliche Name des Sperlings im Franz. ist moineau, ein semasiologisch interessantes Wort. Als Etymon hierfür wird ein von musca „Fliege" abgeleitetes, supponiertes muscio an- genommen. Das Wort würde also offenbar soviel bedeuten als „kleiner Vogel". (Oder sollte damit ursprünglich der „Fliegenfänger" bezeichnet worden sein?) Wenigstens hat mouchon im Hennegauschen die Bedeutung „kleiner Vogel"^ moisson hingegen heißt im Normannischen mit Bedeutungsver- engung „Sperling", was ein interessantes Gegenstück zu span. pdjaro bildet. Frz. moineau beruht auf dem Dim. von moisson^ ffKmnel, wobei das Wort jedenfalls volksetymologisch von moineau (Dim. von maine) „Mönchlein" beeinflußt wurde. Tertium com- parationis ist hierbei wohl die Farbe. (Die Mönchskutte ist braun.) Ein Analogon hierzu bietet der portug. Name des Sperlings^ pardal (von pardo „braun"), der übrigens auch im Span, neben gorrion gebraucht wird. Man vgl. im Deutschen die Bezeichnung „Mönch" für das Schwarzblättchen sowie die Benennungen des dem Sperling so nah verwandten Gimpels im ItaL (monachino) und im Span. (fraileciUo). Einen zweiten Namen für den Spatzen besitzt das Frz. in pierrot, dem Dim. von Pierre „Peter". In den meisten Wörterbüchern wird das Wort im Zusammenhange mit pierrot „Hanswurst" angeführt, gleich- sam als wäre es eine bildliche Verwendung letzteren Wortes. Nach unserer Auffassung ist es jedoch davon zu trennen und direkt von dem Taufnamen Pierre abzuleiten, wie über* haupt die Benennung von Tieren nach Personennamen eine ganz gewöhnliche Erscheinung ist. So leitet man span. perro „Hund" von lat. Petrus ab und wahi'scheinlich ist dies Wort auch das Etymon von perroquet „Papagei". (Vgl. span. pericOj bezw. Perico „Papagei" und „Peterchen".) Man denke ferner an den Petersvogel (die Sturmschwalbe) und den Peters- fisch (ital. pesce San Pietro). Überdies findet sich in der Gegend von Lübeck für den Sperling der Name Dakkpeter „Dachpeter". (Vgl. Korrespondenzblatt für niederdeutsche Sprachforschung 1892, XVI, pag. 83 und Glöde, Der Sperlings- name, in Zeitschrift für den deutschen Unterricht, 1894, pag. 267 f.) wo auch andere niederdeutsche Sperlingsnamen besprochen werden.) Eine dritte, landschaftlich beschränkte 172 I^er Sperling. Bezeichnung des Sperlings im Franz. ist gtiüleri, was zunächst das Gezwitscher des Sperlings und dann metonymisch den Sperling selbst bezeichnet. Dabei ist es gewiß nicht not- wendig, Entlehnung aus schwedisch qvittra „zwitschern" an- zunehmen, sondern man kann das Wort als direkte Schall- nachahmung auffassen. Von guilleri „Spatz" ist jedenfalls das Adjektiv guüleret „lebhaft, ausgelassen" abzuleiten (fehlt bei Körting), wenigstens stimmt seine Bedeutung ganz zum Wesen des Spatzen. Ein Analogen hierzu bietet friquet, die Bezeichnung des Feldsperlings, aus altfrz. frique „munter, lebhaft" (verwandt mit deutsch „frech").*) Die gebräuchlichste Bezeichnung fiir den Sperling im Span, ist das etymologisch noch nicht aufgeklärte gorrion. Daneben wird pardal ge- braucht (s. oben). Es wäre demnach der Spatz der „braune Vogel". Benennung von Vögeln nach der Farbe ihres Ge- fieders kommt auch sonst vor. (Vgl. deutsch „Grünling", engl. Uackbird „schwarzer Vogel" für „Amsel".) Wegen seiner Häufigkeit — er ist wohl überhaupt der verbreitetste und numerisch am stärksten vertretene Vogel in Europa — erscheint der Sperling in gewissen Metaphern und metaphorischen Redensarten als Vertreter der ganzen Vogelklasse überhaupt, welche Funktion — wenn man so sagen darf — er mit der gleichfalls sehr häufigen Krähe teilt. Ein Analogen hierzu bietet die Bedeutungsentwicklung von passer im Span, und Rumänischen, in welchen Sprachen, wie bereits erwähnt, das Wort heute die Bedeutung „Vogel" hat. Auch im Frz. wird moineau volkstümlich auf kleine Vögel im allgemeinen angewendet. (Vgl. Rolland, Faune pop., II, pag. 156, Anmerkung.) Die im folgenden zu besprechenden Metaphern kennzeichnen sich eben dadurch, daß sie sich auf Eigenschaften beziehen, die der Sperling mit anderen Vögeln teilt und die daher für ihn nicht charakteristisch sind. Von Metaphern, die sich auf das Äußere des Sperlings beziehen, sind zunächst anzuführen die Spatzen (schwäbisch: Spätzle) als Be- nennung einer Mehlspeise (ein Mittelding zwischen Nudeln und Klößen). Im Wasser eingekocht, heißen sie W asser - *) Vgl. die Redensart Ure gai comme un pierrotj lustig sein wie ein Spatz. Der Sperling:. 173 Spatzen. Das tertinm comparationis ist ganz allgemein die Gestalt. (Vgl. ital. toppini als Bezeichnung von kleinen Klößen, deutsch „Mäuschen" für eine Mehlspeise.) Hierher gehört femer Spatzenwaden als scherzhafte Bezeichnung dünner Waden, (Vgl, frz. pattes de coq „Hahnenwaden".) Als Vertreter der ganzen Vogelklasse erscheint der Spatz auch in der franz. Redensart manger comme un moineau, essen wie ein Spatz, d. h. wenig essen. (VgL deutsch „essen wie ein Vögel- chen", franz. appStÜ eCoiseau „Vogelappetit", itaL mangiare quanV un canarino, essen wie ein Kanarienvogel.) Ganz die- selbe Bolle spielt der Spatz in der frz. Redensart coucher ä l'hotel des trois moineaux, im Hötel der 3 Spatzen übernachten, d. h. im Freien schlafen. Hierher zu ziehen ist ferner die spezifisch deutsche Redensart Sperlinge unter dem Hnte haben, d. h. ungern grüßen, gleichsam als fürchte man, durch das Lüften des Hutes den Sperlingen Gelegenheit zu geben zu entkommen. Daß schon bei den Römern der Spatz der Vogel xav i^o/jjv war, ergibt sich aus dem Gebrauch von passercida (Dim. von passer) im Sinne unseres „Vögelchen" als Liebkosnngswort für ein junges Mädchen. Hierin zeigt sich übrigens eine sehr optimistische Auffassung vom Wesen des Spatzen im Gegensatz zu den modernen Sprachen, die an diesem Vogel nur Mängel entdecken. Auffallend ist der Ausdruck einsamer Spatz als Bezeichnung eines einsam lebenden Menschen, denn er steht im direkten Widerspruch zur Wirklichkeit, da die Spatzen im Gegenteil äußerst ge- sellige Vögel sind und immer in S<^hwärmen vorkommen. Der Sachverhalt ist nämlich der, daß einsamer Spatz ur- sprünglich eine volkstümliche Bezeichnung der tatsächlich in einsamen Gegenden vorkommenden Blauamsel ist. (Vgl. „Rohrspatz" für „Rohrdrossel".) Dem Laien allerdings ist der Ursprung der Redensart nicht bewußt und er denkt dabei natürlicherweise an den Sperling. Analog wird im Ital. nnd Span, die Blauamsel mit passera solitaria, bzw. päjaro . bezeichnet. Für das Spanische ist diese Benennuu übrigens wie im Deutschen auch metaphorisch gel wird, besonders lehrreich, da sie in päjaro den Überga der Bedeutung „Sperling" zu der von „Vogel" deutl kennen läßt Im Franz. ist gleichfalls ein oiaeau solitaire 174 I^er Sperling. bei Sachs findet sich jedoch hierbei die Bemerkung, daß es einen jetzt nicht mehr bekannten Vogel bezeichnet. Die Blau- amsel heißt im Frz. metzle de montagne. Wegen seiner stark erotischen Veranlagung ist der Spatz in den meisten Sprachen das Symbol der Geilheit. Naumann sagt von dem Sperling, es sei kein Vogel bekannt, der ihm an Ausdauer in der Ausübung physischer Liebe zuvorkomme. Er ist sozusagen der Don Juan unter den Vögeln. Daher war er der Venus geheiligt, die ihren Wagen von Sperlingen ziehen ließ. Bei den alten Autoren finden sich Stellen, in denen ausdrücklich diese Eigenschaft des Sperlings betont wird. So spricht z. B. Cicero irgendwo von der voluptas, quae passeribus nota est otnnibus. Dementsprechend sagt man im Deutschen von einem in erotischer Beziehung sehr leistungs- iUhigen Menschen: Er kann wie ein Spatz, im Ital.: iJpiü liissurioso che le passere^ im Span, und Franz.: Es was ardiente que un gorriön, bzw. il est pltis chaud qu'un moineau, er ist hitziger als ein Spatz. Hierher könnte man auch die engl. Slangredensart ziehen io go out sparrow - catching , auf den Sperlingfang ausgehen, wenn man es nicht vorzieht, hierin ein Analogen des deutschen „Gimpelfangs" zu erblicken. Das unstete Wesen des Spatzen, der trotz seiner ver- hältnismäßig plumpen Gestalt*) eine große Beweglichkeit verrät, hat ihn in den Ruf des Leichtsinns gebracht. Da Leichtsinn auf Mangel an Überlegung beruht, so wird Spatzenkopf im Deutschen zur Bezeichnung eines unüberlegt oder töricht handelnden Menschen gebraucht. (Vgl. frz. tete de linotte „Hänflingskopf".) Analog sagt der Italiener von einem solchen Menschen: Ha cervello qtuinto un passero, er hat nicht mehr Hirn als ein Spatz. Hierauf beruht die auf den ersten Blick befremdende Bedeutung „Fehler, Schnitzer", die das Wort unter Umständen annehmen kann. Die Bedeutungsentwick- lung ist jedenfalls metonymisch vor sich gegangen. (Spatz — Handlungsweise eines Spatzen. Ursache für Wirkung.) Allerdings stellt sich hierbei die Sprache in Gegensatz zur Naturgeschichte, die uns den Spatzen als einen äußerst *) Auf den großen plampen Schnabel des SperUngs bezieht sich engl. ^parrow-mouthed „spatzenmänlig" für „großmäulig". Der Sperling. 175 intelligenten und mit einem merkwürdigen Gedächtnis be- gabten Vogel schildert. (Vgl. jedoch ital. piü furbo cPuna passera, schlauer als ein Spatz.) Allein die Sprache macht das Volk und dieses kümmert sich — was wir im Laufe unserer Untersuchung schon oft zu konstatieren Gelegenheit hatten — wenig um die Ergebnisse wissenschaftlicher Be- obachtung, sondern urteilt nur nach dem äußeren, oberfläch- lichen Eindruck. Scheinbar gehört auch hierher die ital. Eedenart: NeUa stm testa c'^ andato covare un passer o, in seinem Kopf hat sich ein Sperling eingenistet, d. h. er ist geistig nicht ganz normal. In Wirklichkeit ist passero hier in ganz anderem Sinne gebraucht. Der Sperling erscheint hier nämlich als Symbol der hin- und herschwirrenden Gedanken. (Vgl. frz. avoir des moineatix dans la fete, avoir une hirondelU dans le soliveauj deutsch: einen Vogel haben.) Hierher zu ziehen ist ferner die Redensart cacdar U passere, die Sperlinge, d. h. die lästigen Gedanken verjagen. Der Spatz gilt aber nicht bloß als Symbol harmlosen Leichtsinns, er wird auch als Sinnbild der Liederlichkeit ver- wendet, wozu seine erotische Unersättlichkeit nicht wenig beitragen mag. Dementsprechend nennt der Spanier einen Schlupfwinkel für liederliches Volk gorrionera, was wörtlich einen Ort bedeutet, wo viele Spatzen hausen. So sagt auch der Franzose zu einem Individuum, das sich in moralischer Beziehung eine starke Blöße gegeben hat, ironisch: Tu es v,n jöli moineau , Du bist ein netter Spatz. (Vgl. ital. : Tu sei un bei merlo,) Neben seinen sonstigen schlechten Eigen- schaften hat der Spatz noch eine sehr unangenehme, da- bei aber kräftige Stimme, die er mit großer Unermüdlicli- keit erschallen läßt. Es ist sehr begreiflich, daß das un- harmonische, jeder Melodie entbehrende Gezwitscher des Spatzen den Eindruck des Schimpfens machen konnte. Dies, verbunden mit der in Vergleich zu anderen Vögeln großen Kühnheit des Sperlings, erklärt zur Genüge die Metaphern, in denen dieser Vogel als Bild der Frechheit erscheint. So sagt man im Deutschen von einem dreisten Menschen geradezu: Er ist frech wie ein Spatz, und mit Bezug auf das fort- währende Gezwitscher des Vogels gebraucht man Spatzen- zunge im Sinne von „Lästermaul". Hingegen bezieht sich 176 I^er Sperling. die im Deutschen sehr gebräuchliche Hedensart schimpfen wie ein Rohrspatz nicht auf unseren Sperling, sondern auf die zur Gattung der Schilfsänger gehörige RohrdrosseV die vom Volke auch Rohrsperling genannt wird und eine unangenehm knarrende, entfernt an das Froschgequak er- innernde Stimme besitzt. Die Spatzenfrechheit wird auch im Franz., wo man den Sperling gern gamin de Paris,*) Pariser Straßenjunge, nennt, metaphorisch verwendet, wie erhellt aus der Redensart itre hardi comme un pierrot, dreist sein wie ein Spatz. Hierher zu ziehen ist ferner ital. passeraio „Sperlings- gezwitscher", welches Wort metaphorisch auf das Durchein- anderreden vieler Leute angewendet wird. Wenn man im Deutschen sagen will, daß ein Geheimnis in aller Munde ist, so bedient man sich häufig der Redensart die Spatzen pfeifen's auf den Dächern, wobei das Gezwitscher der Spatzen mit dem böswilligen Geklatsch der Leute ver- glichen wird. (Vgl. im Normannischen pierrotter von pierrot „Sperling" = havarder „schwatzen".) Der Spatz repräsentiert keinen großen Wert, da er weder als Zimmervogel gehalten noch auch kulinarisch verwendet wird (außer in Italien, wo alle Vögel gegessen werden). Deswegen wird er, namentlich im Französischen, zum Aus- druck des Wertlosen, Unbedeutenden verwendet, so z. B. in der Redensart appelez-vous cela des moineaux? nennen Sie das Sperlinge? d. b. Ist denn das nichts? (Vgl. ital. che son mosche? sind denn das Fliegen?) Demgemäß sagt der Franzose von einem, der sein Geld auf Kleinigkeiten vergeudet: 11 tire sa poudre aux moineaux, er verschießt sein Pulver auf Sperlinge. Hingegen bedeutet die deutsche Redensart mit Kanonen nach Sperlingen schießen: zur Wider- legung leicht zu bekämpfender Behauptungen das ganze Rüstzeug der Logik ins Feld führen. Desgleichen erscheint der Sperling als Bild des Wertlosen in dem deutschen Sprich- wort: Ein Sperling in der Hand ist besser als eine Taube auf dem Dache, wofür man auch sagt: Besser ein Sperling in der Hand als ein Kranich, der *) Im Deutschen bezeichnet man den Sperling als den „Gassenjongeik unter den Vögeln". Die Wachtel. 177 fliegt Über Land. Ebenso wird im Franz. dem Sperling der Kranich gegenübergestellt in dem Sprichwort : Un moineau dans la main vaut mieux qu'une grue qui vole, während im Engl, der Fasan an Stelle des Kranichs tritt: A sparrow in the hand is worth a pheasant flying by. (Vgl. itaL Meglio h fringuello in mano che tordo in frasca\ span. Mas vale päjaro in mano qae buitre (Geier) volando, wo päjaro die ursprüng- liche Bedeutung von „Sperling" bewalu-t hat.) Schließlich -sei noch aus dem Engl, sparrow-grass „Spatzengras" als volkstümliche Bezeichnung des Spargels erwähnt. Es ist dies jedoch nur scheinbar eine vom Spatzen hergenommene Me- tapher, in Wirklichkeit ist das Wort nichts anderes als eine scherzhafte auf Volksetymologie beruhende Verballhornung von asparagus „Spargel". Die Wachtel.*) Deutsch Wachtel beruht auf mhd. wahtelj ahd. tvaktakij quaktela**) worauf die romanischen Bezeichnungen: ital. -qucylia, frz. caille, altfrz. quaille, zurückzuführen sind. Letzteres ist wiederum das Etymon zu engl quaß. Der lateinische Name der Wachtel, coturnix, ist erhalten in ital. coturnice, 'Cotornice (seltener gebraucht als qaaglia), und in span. codorniz. Die Wachtel liefert unserer Betrachtung nur spärliches Material. Auf das Äußere des Vogels, und zwar auf seine Wohlbeleibtheit, bezieht sich im Ital. und Frz. die Eedensart ^ssere grosso come una quaglia, bzw. etre gras comme une caiUe, fett sein wie eine Wachtel. Wenn im Deutschen der Name des Vogels für „Ohifeige" verwendet wird, so beruht diese Metapher auf derselben Art von Bedeutungswandel wie der Ausdruck Schwalbe (siehe pag. 137), womit dieselbe körperliche Züchtigung bezeichnet wird. Von dieser Metapher ist ein Verbum gebildet, nämlich *) Vgl. was Lorentz in seiner Abhandlung „Kulturgeschichtliche Bei- träge zur Tierkunde des Altertums" (Jahresbericht des königl. Gymnasiums 2U Würzen) 1903/04 über die Wachtel sagt. **) Onomatopoetisch nach dem Ruf des Vogels. (Vgl. Winteler, Natur- laute und Sprache, pag. 17.) Riegler, Das Tier im Spiegel der Sprache. 12 178 I>ie Wachtel. wachtein, das durch Erweiterung des Begriftsumfangs zur Bedeutung „zflchtigen" gelangte. Mit Bezug auf die Unersättlichkeit der Wachtel in der Befriedigung des Geschlechtstriebes nennt der Franzose ein Weib, das seine Verliebtheit in unzweideutiger Weise zu er-^ kennen gibt, caüle coiffie, verliebte Wachtel, oder er sagt wohl auch von ihr: Elle est chaude comme une caille, sie ist hitzige wie eine Wachtel .*) Hierauf beruht der Gebrauch von engL quail (daneben callet) für eine Dirne (jetzt wenig mehr ge- bräuchlich). Ebenso kann quail auf eine alte Jungfer an- gewendet werden, insofern sie nicht darauf verzichtet hat,, einen Mann zu finden. (Namen von Vögeln aus dem Hühner- geschlechte werden überhaupt sehr häufig zur verächtlichen Bezeichnung von weiblichen Wesen gebraucht. Vgl. deutsch Gans, Schnepfe, frz. oie, dinde, grue usw.) Während die Sprache häufig Namen von Tieren, die von der Naturgeschichte als intelligent geschildert werden, als^ Symbole geistiger Beschränktheit verwertet, gebraucht sie merkwürdigerweise den Namen der intellektuell minder be- gabten Wachtel zur Bezeichnung eines schlauen Menschen,, so wenigstens im Ital. : Essere una qtiaglia sopraffina bedeutet soviel als „sehr schlau sein^. Semasiologisch interessant ist der Gebrauch des Wortes „Wachtel" für den zum Wachtel- fang abgerichteten Hund (allerdings mit Geschlechtswandel: D e r W a c h t e 1). Es läßt sich diese auf Metonymie beruhende Begriffsentwicklung vergleichen mit dem in itaL cucula (Kuckuck - Vogelnetz) zutage tretenden BedeutungswandeL (Die zum Fangen eines Tieres dienende Vorrichtung mit dem Namen dieses Tieres bezeichnet.) Allerdings wäre es denkbar, daß „Wachtel" für „Wachtelhund" eine einfache Kürzung ist.**) (Vgl Nyrop, Leben der Wörter, pag. 174, wo für diese sprachliche Erscheinung eine Reihe von Beispielen aus dem Dänischen angeführt wird.) Zum Wachtelfang bedient man sich auch einer Lockpfeife, *) Im Patois von Valenciennes ist carcaillon „Wachtel" Bezeichnung: des Penis. **) Vgl. „Dachs" für „Dachshund". Der Kranich. :t79 die den schnarrenden Ruf*) des Weibchens genau nachahmt, daher im Engl, im Volksmunde quailrpipe „Wachtelpfeife^ so- viel als „Weiberzunge" bedeutet, wobei das tertium compara- tionis der schnarrende Ton ist. Der Kranich. Deutsch Kranich beruht auf mhd. kranech, ahd. chranuk^ chranih. Neben Kranich kommt eine kürzere Form Kr ahn vor, die im Nhd. nur metaphorisch gebraucht wird und zu- rückgeht auf mhd. krane, altniederdeutsch krano. Die altengl. Form ist cran, woraus neuengL crane „Krahn" und „Kranich". Das Wort ist noch erhalten in Krammetsvogel, mhd. kranewitvogel. Kranewit ist im Mhd. die Bezeichnung des Wacholders (heute noch im bayrisch - österreichischen Dia- lekte in der Form „Kronaweta" gebräuchlich).**) Der zweite Bestandteil des Wortes ist ahd. loüo „Holz" (vgl. engl. wood). Kranewit bedeutet demnach „Kranichsholz". (Vgl. engl, crane- berry, cranberry „Moosbeere".) Die romanischen Benennungen des Kranichs gehen sämt- lich auf lat. grtis***) bzw. gruicula^ gruiculus zurück, das mit griechisch yiqavog und ahd. chreia stammverwandt ist. Sie lauten : ital. grue^ gr% span. gm, gruoj grulla, gruUo, frz. grue. Was beim Kranich am ersten auffällt, ist sein ungemein langer Hals, daher engl, crane-necked „kranich = langhalsig", dem frz. cou de grue, ital. collo del gru „Kranichhals" als Bezeichnung eines langen Halses entsprechen. Auf diesem physischen Merkmale beruht die allen Sprachen gemeinsame Bezeichnung einer allbekannten Hebevorrichtung mit dem Namen dieses Vogels. Dieselbe besteht aus einer Säule und einem an oder mit dieser drehbaren, meist schräg aufwärts gerichteten Balken, von welchem eine zum Tragen bestimmte Kette herabhängt. Dieser Balken ist es nun, der mit dem *) Auf diesen Huf bezieht sich frz. caiüette „ Schwätzerin '', wovon cailletage „Geschwätz". **) Analog wird der Erammetsvogel in Istrien gineprone genannt (von ginepro == juniperua „Wacholder"). ***) Onomatopoetisch nach dem Rufe des Vogels (kruuh). 12* 180 ^cf Kranich. ausgestreckten Halse des Kranichs oder vielmehr mit der von Hals und Schnabel gebildeten Linie verglichen wird. Dies ersieht man ganz deutlich aus der für den Balken üblichen Bezeichnung „Schnabel^. Im Deutschen wird als Benennung der ganzen Maschine die kürzere Foim „Kran" verwendet, die heute nur mehr in dieser übertragenen Bedeutung gebraucht wird. (Dialektisch auch „Kranich".) Im Engl., Ital., Franz. und schon im Altgriechischen werden Vogel und Maschine mit demselben Worte bezeichnet. Im Span, hin- gegen sind wie im Deutschen Doppelformen vorhanden, von denen die eine, grua^ auf die Hebevorrichtung, die andere, grülla (aus lat. gruicula, Dim. von grus), heute nur mehr auf den Vogel angewendet wird. Das Portug. besitzt sogar drei Scheideformen : grou, grua, grülha. Grou bezeichnet den Vogel, grua den Kran, grulha wird mit Bezugnahme auf das fort- währende Piepen der jungen Kraniche im Sinne von „Schwätzer" gebraucht: davon grulhar „lärmen, schwätzen" und jrrwZ- hada „Lärm". Hierher gehört noch frz. grue als ehemalige Bezeichnung eines als militärisches Strafinstrument dienenden Halseisens {mettre qn. ä la grue). Auf die Eigenheit des Kranichs, beim Fliegen seinen Hals lang auszustrecken, beziehen sich die engl. Redensart to crane one's neck, den Hals vorstrecken, und to crane at a thing als Terminus der Hetzjagd. Damit bezeichnet man nämlich das vorsichtige und ängstliche Ausspähen des Beiters nach kommenden Hindernissen und allgemein überhaupt ein Innehalten, Zögern. Der Vergleich ist treffend, da die Kraniche äußerst vorsichtige Vögel sind und auf ihren Wanderungen durch die geringste Gefahr beunruhigt werden. Man be- zeichnet daher im Engl, mit craner einen allzuängstlichen Menschen, dessen Vorsicht an Furchtsamkeit grenzt. Absolut gebraucht erscheint to crane in der Wendung to crane down „sich niederbeugen". Auch vom Schnabel des Kranichs sind einige Meta- phern hergenommen. So gebraucht man im Lat, Span, und Franz. den Namen des Vogels metonymisch für einen im Altertum bei Belagerungen verwendeten Sturmhaken (häufiger allerdings nach dem Schnabel des Baben benannt). Hierher gehört ferner crane^s-bill „Kranichschnabel" als chirurgischer Der Kranich. 181 Terminus für eine lange Zange. (Vgl. frz. bec-de-corbin, deutsch „Babenschnabel'^.) Wie alle Stelzenvögel sind die Kraniche gewandte Läufer und bewegen sich mit derselben Sicherheit auf der Erde wie in der Luft. Auf den mit langgestrecktem Halse daher- stolzierenden Kranich, der stets den Eindruck macht, als ver- folge er unentwegt ein bestimmtes Ziel, bezieht sich die engl. Redensart to crane at the girls, den Mädchen nachlaufen. (Vgl. „nachsteigen^ in der deutschen Studentensprache.) Da die Kraniche wie die Störche oft stundenlang regungs- los verharren, wobei sie manchmal nur auf einem Beine stehen (vgl. provenz. pata „Bein" = Kranich), so sagt man im Franz. von jemand, der lange Zeit an einer Stelle wartend verweilt: Tl fait le pied de grue, er macht das Kranichbein, oder nur: II fait Ja grue, er macht den Kranich.*) Hiermit mag es zu- sammenhängen, wenn im Pariser Argot grue auf eine gewisse Art von Dämchen angewendet wird, die auf offener Straße oder in Caf6s auf zahlfähige Klienten passen. Mit Bezug auf die schlanke Gestalt des Vogels nennt man in einigen Gegenden Englands einen mageren Menschen crane-gutted „kranichbäuchig", während man im Franz. ein großes, linkisches Frauenzimmer gern mit grm bezeichnet, da in der unsymmetrischen Gestalt des Vogels tatsächlich etwas Unbeholfenes liegt. (Vgl. chameau.) Schließlich wird grue häufig auf ein beschränktes weib- liches Wesen angewendet und entspricht als Schimpfwort unserer „dummen Gans". (Vgl. frz. dinde.) Auch adjektivisch wird grue in diesem Sinne gebraucht. Von grue abgeleitet ist gruerie „Dummheit". Hiermit geschieht dem guten Kranich allerdings bitteres Unrecht, denn dieser Vogel gehört nach dem übereinstimmenden Zeugnis aller Ornithologen zu den klügsten Tieren. Übrigens steht der Kranich nicht bloß im Franz. in solch üblem ßuf, sondern er wird auch im Span, ge- legentlich als Sinnbild geistiger Beschränktheit verwendet. So ist in der span. Literatur Pero OruUo „Peter Kranich", ein Seitenstück zum frz. Priid'homine, der Typus des bornierten *) Über das Spiel pied de gnte, das so heifit, weil die Hauptperson auf einem Beine stehen mnfi, vgl. BoUand, Faune pop., 11^ pag. 370. 182 Der Kranich. Philisters, der sich in hohlen Phrasen und lächerlichen Gemeinplätzen (perogruUadas) gefällt. Demnach steht es außer Zweifel, daß das ital. Adjektiv grtdlo „dumm, albern'^ identisch ist mit span. grüllo „Kranich^ und somit auf lat. gruiculus beruht und nicht auf einem supponierten corrotulus „zusammengerollt", wie Pascal (Studi di fll. rom. Vn, 94) will. Im Altertum hatte man trotz der sonst höchst un- klaren naturhistorischen Begriffe eine richtigere Vorstellung von dem wahren Wesen des Kranichs. Man denke nur an die Kraniche des Ibykus und an die Rolle, die diese Vögel als elbische Tiere in der germanischen Mythologie spielten. Als kluges oder wenigstens vorsichtiges Tier erscheint der Kranich in dem span. Sprich worte: Dos d uno, tornarme he grtdlo, wörtlich: Zwei gegen einen, ich werde mich in einen Kranich verwandeln, d. h. davonfliegen, womit gesagt wird, daß es ein Gebot der Klugheit ist, dem Stärkeren zu weichen. Tatsächlich ist es äußerst schwer, diese Vögel, die an Vor- sicht das Größtmögliche leisten, zu fangen. Auf den geselligen Charakter der Kraniche, die ihre Wanderungen stets in großen Schwärmen unternehmen, be- zieht sich span. gruWada als Bezeichnung einer größeren Ge- sellschaft, die freundschaftlich zusammengeht. Auch wird das Wort auf einen Trupp alguaciUs angewendet, der nachts die Kunde macht. Hierher zu ziehen ist femer das span. Sprich- wort: Grtdla trasera pasa d la delanfera, d. h. der im Zuge letzte Kranich wird mit der Zeit der erste sein, was unserem deutschen „Eile mit Weile" entspricht. Im Mittelalter wurde der Kranich, dessen Fleisch auf keiner fürstlichen Tafel fehlen durfte, eifrig gejagt, und zwar wie sein Verwandter, der Reiher, mittelst Falken. Den zu dieser Jagd abgerichteten Falken nannte man span. halcön grullero oder auch nur gruUero, frz. famon gruyer „Kranichs- falke". Da in der Regel die Forstmeister mit der Falken- beize betraut waren, so nannte man sie nach ihrer Beschäfti- gung gruyers, während der Forstlehnherr frz. seigneur gruyei% span. senor grullero hieß. Hiermit wird die von Diez aufge- stellte Etymologie, nach welcher frz. gruyer auf mhd. gruo „grün, Wiese" zurückgehen soll, von selbst hinfallig. Schließlich sei noch erwähnt, daß in einigen Gegenden Die Schnepfe. 183 Englands infolge von Bedeutungsgeneralisiernng dem Kranich verwandte Vögel, wie Keiher und Störche, mit crane bezeichnet werden. So heißt z. B. die bei uns unter dem Namen „Storch- schnabel" bekannte Pflanze engl. crane's-biU „Kranichschnabel^. Die Schnepfe.*) Der Name dieses Vogels ist semasiologisch insofern inter- essant, als alle Sprachen ihn nach demselben Merkmal, nämlich seinem langen Schnabel, benennen. Was zunächst deutsch Schnepfe betrifft, so geht das Wort zurück auf mYA.snepfe, ahd. snepfa und ist verwandt mit „Schnabel". In der Forms^w^ppa ist es in ital. Dialekte eingedrungen. Verwandt mit dem deutschen Worte ist engl, snipe aus mittelengl. snipe. Eben- so beruhen die gebräuchlichsten romanischen Bezeichnungen dieses Tieres (ital. beccaccia, span. becaisa, becada, frz. bicasse) auf lat. beccus „Schnabel". (Vgl. ital. becco, frz. bec) Hierbei ist nicht zu übei*sehen, daß das Suffix aceus dem Worte eine pejorative Nuance verleiht. (Vgl. itaL omaccio, donvaccia usw.) Es ist demnach beccaccia „der Vogel mit dem häß- lichen Schnabel", wie ja tatsächlich die unverhältnismäßige Länge des Schnabels der Schnepfe ein häßliches Aussehen verleiht. Hierher gehört auch span. pitorra, ein Synonym von iecaza, wenn man den dem Worte zugrunde liegenden Stamm pit identifizieren darf mit dem Stamme pic, der ursprünglich den Schall bezeichnet, den das Hacken gewisser Vögel mit dem Schnabel hervorbringt, dann aber durch Übertragung der Gehörsempfindung auf andere Sinnessphären die Bedeutung des Stechens und Spitzseins annimmt. (Vgl. lat. picus „Specht'', pica „Elster"; ital. pkco, frz. pic „Bergspitze"; span. pico ^,Schnabel" ; ital. piccare, span. picar, fi'z. piqtier „stechen".) Daneben gibt es allerdings noch einige andere Namen für die Schnepfe, wie z. B. engl, wood-cock „Waldhahn". (Das Tier benannt nach seinem Aufenthaltsort.) Im Ital. heißt eine Schnepfenart {gallinago maior) coccohne (croccohne) mit Bezug auf ihren geduckten Gang {coccohrsi „sich ducken"). Im Span. '*') In NiederöBterreich der Schnepf. 184 I>ie Schnepfe. wird der Vogel wegen seiner (mehr scheinbaren als wirklichen) Dummheit perniz chocha „dummes Rebhuhn^' oder mit Weg- lassung des Substantivs einfach chocha genannt. Ein anderer span. Name der Schnepfe ist gaUina ciega „blindes Huhn^^ Der Umstand, daß der Vogel seine Nahrung durch Tasten findet^ verleitet das Volk zu dem Glauben, er sei blind. (VgL Holland, Faune pop., 11, pag. 355, 8.) Endlich ist noch eine ital. Bezeichnung für die Schnepfe anzuführen, nämlich das landschaftlich beschränkte, auf ein dunkles lat. acceia zu- rückgehende acceggia, dem span. arcea entspricht. Die metaphorische Verwendung des Wortes, das eigent- lich selbst eine sehr durchsichtige Metapher ist, steht ink innigsten Zusammenhange mit seiner Etymologie. Wenn einer- seits die Schnepfe das „geschnabelte Tier'* genannt wird, so werden andererseits spitze Ausladungen von Objekten gern mit dem Namen der Schnepfe bezeichnet. So wendet man z. B. im Deutschen den Ausdruck S neppe (niederdeutsche Nebenform zu „Schnepfe") auf den spitz zulaufenden Teil einer weiblichen Kopfbedeckung oder einer Kleidertaille*) an; in gewissen Gegenden wird die Schnauze einer Kanne mit Sneppe bezeichnet Im Engl, gebraucht man von spitz- schnauzigen Hunden gern den Ausdruck snipe-nosed „Schnepfen- nasig". Hierher zu ziehen ist auch der engl. Slangausdruck snijpe als Spitzname eines Advokaten. Was hat aber der Advokat mit dem Schnabel der Schnepfe gemein? Nur auf Umwegen läßt sich dieser anscheinend rätselhaften Metapher beikommen. Der Ausdruck snipe wird zunächst auf eine lange Rechnung angewendet, wobei das tertium compara- tionis die Länge ist. Man kann sich sehr gut vorstellen, da& jemand, der Vergleiche aus dem Tierreiche liebt (z. B. ein Jäger), bei dem Anblick einer langen Rechnung ausruft: „Die ist ja lang wie ein Schnepfenschnabel!" (Vgl. die frz. Redensart avoir le nez long comme une becasse) Da die Advokaten wegen ihrer langen Rechnungen — man denke an gewisse endlose Prozesse — berüchtigt sind, so wird dieser Ausdruck hauptsächlich mit Bezug auf Advokatenrechnungen *) Nach Heeger, Tiere im pfälz. Volksmimde, 2. Teil, pag. 12, heißt eine Mütze mit Schild Schneppenkappe. Die Schnepfe. 185 gebraucht. (Bedeutungsspezialisierung.) Von „Advokaten- rechnung" zu „Advokat" ist nur mehr ein Schritt. Es findet hier nämlich eine ganz einfache und regelrechte Metonymiie statt, indem die Bezeichnung für das Hervorgebrachte auf den Hervorbringer übergeht. Hierher gehört ferner das ital. Sprich- wort: ^0 sempre si riconosce Facceggia äl becco lungo, nicht immer erkennt man die Schnepfe am langen Schnabel, d. h. nicht immer macht das Kleid den Mann. Deutsch heißt es umgekehrt: Man erkennt den Vogel an seinen Federn. Wie so viele andere Vögel wird auch die Schnepfe als Symbol der Dummheit verwendet. Wenngleich dieser Vogel sich nicht durch besondere Intelligenz auszeichnet, so ist er doch immerhin besser als sein Buf und er verdankt diesen wohl seinem überlangen Schnabel, der ihm ein albernes Aus- sehen gibt. So wird becasse im Franz. zur Bezeichnung eines törichten Frauenzimmers gebraucht und analog wird im Engl. woodcock (seltener snipe) auf geistig beschränkte Individuen angewendet. Weil man die Schnepfe für ein dummes Tier hält, so wird angenommen, daß man ihrer leicht habhaft werden kann.*) Wenigstens kommt dies zum Ausdruck in der frz. hyperbolischen Redensart tendre le sac aux becasses, den Schnepfen den Sack hinhalten, d. h. jemanden anfuhren. Daß auf eine so kindlich-naive Weise sich auch der dümmste Vogel nicht fangen läßt, ist selbstverständlich. Auf den Schnepfen- fang bezieht sich femer die Redensart brider la bicasse^ die Schnepfe zäumen, zügeln, d. h. einen überlisten. In ähnlicher Weise bezeichnet Shakespeare hinterlistige Nachstellungen als springes to catch woodcocks, Schlingen, um Schnepfen zu fangen.**) Wie im Engl, die Wachtel, im Franz. der Kranich, so ist im Deutschen, namentlich in studentischen E[reisen, die Schnepfe das Symbol der galanten Dame. Das tertium comparationis ist hierbei die Art der Bewegung; die Schnepfe hat einen *) Auf dem Umstand, daß die Schnepfe erst auffliegt, wenn der Jäger in ihrer unmittelbaren Nähe ist, beruht der frz. Vergleich saurd comtne une hecdssef taub wie eine Schnepfe. (Vgl. RoUand, Faune pop., U, pag. 35ö, 10.) **) Im Ital. bedeutet pigliar Vacceggia, die Schnepfe fangen, „sehr lange auf jemd. warten müssen^. Diese Redensait spielt auf die ünberechenbar- keit der Schnepfe au, da der Jäger weder Ort noch Zeit des Durchzugs dieses Vogels sicher vorausbestimmen kann. ISß Der StruiS. waekelniva Gang, wotnit wobi das Sicfawiegen in den Höften vei^Iicben werden soll, das man bei dieser Art von Weibern beobacbteo JtaoD. Hit dieser Hetapber hBngt aoch die Redens- art aaf den Strich gehen zasammen, womit man das atlabendliche Auf- und Abpatroaillteren dieser GieschSpfe in gewissen Strafien bezeichnet (Vgh was Naumaiin in seiner „Naturgeschichte der Vögel", IX, pag. 167ff., über den Schnepfenstrich sagt.) 8chlie6lich tet ans der älteren deutschen Studentensprache noch der Glebranch des Wortes „Schnepfe" fSr gemünztes Geld anzuführen. Hierbei ist das tertinm comparationis das Fort- fliegen; es erscheint hiermit die Schnepfe als Vertreter der ganzen Vogelklasse, wie man ancb fDr goldene Mfinzen Üea Aosdrnck „goldene Vögel" gebraucht und z. B. si^: „Das Geld hat Flügel" oder „es fliegt nur so". (Vgl. span. moaea „Fliege" in der Bedeutung „gemünztes Geld".) Der Strauß. Wie die Nauieii der meisten exotisclien Tiere, gehen auch die BenennuDgeu des Stranfies auf das Griechische, bzw. Lateinische zurtkck. So beruht ital. strtizzo auf lat. struÜw) aus griech. mfov&iuiv, span. avestruz and frz. autruehe ist je- doch ans Btntthio „Vogel Strauß". Engl, ostrich ist aus altfrz. oatriche hervorgegangen, welches Wort das altengl., direkt auf struihio beruhende Btryia verdrängt hat. Dieselbe Herknnft wie atri'iia scheint ahd., mhd. strüz aufzuweisen, worauf nhd. Strauß beruht. Allerdings wäre es möglich, daß strüz nung aiifi dem Ital. (slruzzo) ist. Meist setzt man /■orte verdeutlichend „Vogel" voraus. Es entspricht :h unser Vogel Strauß genau span. avestrue, frz. f. (Vgl. deutsch „Kameltier".) Zu erwähnen ist noch Engl, vorkommende Bezeichnung „Kamelvogel" (eamel lie wohl auf einer gewissen Ähnlichkeit beider Tiere md Beine) und vielleicht auch auf der gemeinsamen ; beruht. Übrigens ist stmthio camebis die wissenschaft- lezeichnung des Vogels, iben dem Papagei ist der Strauß unter den ezotiscben Die Schildkröte. 187 Vögeln der einzige, der für die Phraseologie der modernen Sprachen einige Bedeutung hat. Die Ausnahmsstellung, die der Strauß infolge seiner abnormen Gestalt und seiner merk- würdigen Lebensweise unter den Vögeln einnimmt, macht es begreiflich, daß er die Aufmerksamkeit der abendländischen Völker frühzeitig auf sich zog. Besonders auffallen mußte er durch seine große Gestalt — ist er doch der größte Vogel überhaupt. Hierauf beruht das span. Sprichwort: Ea, sus, y traga el avestruz, wohlan, verschlucke nur den Vogel Strauß. So sagt man nämlich zu jemand, der die kleinsten Fehler des Nächsten bemerkt, selbst aber viel größere begeht. (Vgl. die Bedensart: „Mücken seigen und Kamele verschlucken'^, die sich im Deutschen, Engl, und Franz. findet.) Auf die Gestalt des Straußes bezieht sich auch frz. autruche als Be- zeichnung eines lang aufgeschossenen Menschen mit der Neben- vorstellung geistiger Beschränktheit, wobei auf die bekannte, von der Naturgeschichte bestätigte Dummheit des Vogels an- gespielt wird.*) Der Strauß hat wohl unter allen Tieren den stärksten Magen; es scheint überhaupt für ihn nichts Unverdauliches zu geben. Steine und Eisenstücke verschlucken ist ihm eine Kleinigkeit. Darauf beruht die Bezeichnung Straußen- magen für einen äußerst kräftigen Magen, wobei man aller- dings ebensosehr an die Quantität als an die Qualität der Nahrung denkt. Dieselbe Metapher findet sich im Ital. (stomaco di struzgo) und im Franz. {estomac d'autruche). Die SchUdkröte. Im Deutschen verdankt die Schildkiöte ihren Namen dem eigentümlichen Panzer, der wie ein Schild den Rumpf des .Tieres einschließt. Darauf ist auch zurückzuführen die Be- nennung der Schildkröte im Lateinischen. Testudo kommt von iesta „Scherbe, Schale" und lebt in ital. testudine, testuggine *) Der Ausdruck Vogel-Strauß-Politik, den man auf jemd. an- wendet, der meint, er werde nicht gesehen, weil er niemand sieht, beruht 4iuf der vermeintlichen Eigenheit dieses Vogels, bei einer Verfolgung den Kopf in den Sand zu stecken. 188 I>ie Schildkröte. fort. Daneben kommt botta sctdeUaia vor, was wörtlich denr deutschen „Schildkröte" entspricht*) (boUa = Kröte, scxtdo =^ Schild.) Gebränchlicher ist tartaruga^ das mit span. torttiga, frz. Uniue auf ein supponiertes lat. tartma aus tortus „gekrümmt^ gewunden" zurückgeht. Es ist demnach die Schildkröte das „gekrümmte Tier", wohl mit Bezug auf den gewölbten Rücken- schild. Desselben Ursprungs sind engl, turtle und tortoise. Noch nicht erklärt ist span. gäldpago. Die auffallende Erscheinung der Schildkröte, ihre bizarre, von der anderer Tiere völlig abweichende Gestaltung, mußte» entschieden auf die Phantasie des Volkes wirken und tat- sächlich gibt es eine Beihe von Metaphern, die sich auf die Gestalt der Schildkröte, d. h. auf die gewölbte Form ihre» Bückenpanzers beziehen. So bezeichneten die Bömer mit testudo das hölzerne, bei Belagerungsarbeiten errichtete Schutz- dach, wie auch das Schilddach, das die Soldaten aus den über den Köpfen zusammengefügten Schilden bildeten. Analog^ nennt der Engländer die Überdachung eines Dampfers am Bug turtle-back „Schildkrötenrücken", während der Franzose ein Fährschiff mit dachförmigem Deck geradezu mit tortue bezeichnet. Femer wurde der Name der Schildkröte im Lateini- schen in poetischer Diktion auf gewölbte Saiteninstrumente,, wie z. B. die Lyra, angewendet und auch ital. testtiggine findet sich bei einigen Dichtem so gebraucht. Ebenso gehört hierher span. gaUpago als Bezeichnung eines leichten Sattels ohne jegliche Erhöhung. Dasselbe Wort bezeichnet verschiedene Gerätschaften, die zur Aufnahme anderer Objekte bestimmt und daher hohl und gewölbt sind, wie z. B. die bei der Ziegel- fabrikation verwendete Form oder die eiserne Presse der Büchsenmacher, die zum Festhalten der Gewehrläufe dient^ wenn dieselben gereinigt werden, u. a. m. In allen Sprachen ist die Schildkröte, die sich nur äußerst langsam fortbewegt, Symbol der Langsamkeit und Trägheit* Er ist langsam wie eine Schildkröte (häufiger: Schnecke) sagt man im Deutschen von einem in seinen Be- wegungen allzu bedachtsamen Menschen, während der Eng- länder in diesem Sinne den Ausdruck turtle- footed „Schildkröten- *) Vgl. im galizischen Dialekt aapo concho (sapo = Kröte, concha = Schild). Die Eidechse. 189 fiißig" gebraucht. Analog sagt der Italiener von einer lang- sam gehenden Person: Cammina come una tartaruga^ er geht wie eine Schildkröte, und ebenso der Franzose: 11 marche ä pas de tortm. Der Spanier geht noch weiter, er schließt nämlich von der langsam schleichenden Bewegung auf heim- tückische Gesinnung und bezeichnet mit galäpago einen bos- haften, hinterhältigen Menschen. (Vgl. deutsch „Schleicher".) Die Metapher erfährt noch eine Steigerung in der Eedensart: Tiene mos conchas que un galäpago^ er hat mehr Schalen — damit sind die Homplatten des Eückenschildes gemeint — als ^ine Schildkröte. Auf der Eigentümlichkeit der Schildkröte, monatelang jegliche Nahrung entbehren zu können, beruht im Franz. die volkstümliche Redensart faire Ja tortm^ die Schildkröte spielen, d. h. fasten. Alles in allem ist die Schildkröte ein häßliches Tier und 4er Pariser Arbeiter will seiner Frau daher gewiß kein Kom- pliment machen, wenn er sie „meine Schildkröte" {ma tortue) nennt. Ein Analogen hierzu bietet portug. tartaruga als Schimpfwort für ein altes, häßliches Weib. Semasiologisch interessant ist im Deutschen die Bezeich- nung der hornartigen Materie des Panzers als Schild- patt. Es bedeutet dieses Wort ursprünglich nichts anderes als „Schildkröte", denn Schildpad (vgl. nid. padde, engl. paddock) ist die niederdeutsche Bezeichnung der Schildkröte. Schildkrot (Kröte = dial. Irot) wird gleichfalls in diesem Sinne gebraucht und schließlich bietet auch ital. tartart4ga, das „Schildkröte" und „Schildpatt" bedeutet, ein Analogen hierzu. Es liegt in allen diesen Fällen eine einfache Metonymie vor, indem das Ganze für den Teil gesetzt wird. Die Eidechse. Das deutsche Wort Eidechse (mhd. ^gedehse^ ahd. ^gidehsa) hat den Sprachforschem viel Kopfzerbrechen gemacht. Von den vielen Deutungen, die man zur Erklärung des Wortes versucht hat, kann keine befriedigen. Interessant sind die dialektischen Umgestaltungen des Wortes, wie tirol. kegedex, ^gerex, schlesisch hädoxy edox usw., die unverkennbar An- 190 Die Eidechse. lehnnng an „Hecke'' zeigen, semasiologisch also jenen Tier- namen zuzuzählen sind, die das Tier nach seinem Aufenthalts- orte bezeichnen. Mit dem deutschen Worte verwandt ist alt* engl, äpesce, das ein neuengl. asJc, asker ergab, dessen Oebrauch jedoch landschaftlich beschränkt ist. Die in der Naturgeschichte für die Ordnung der Saurier übliche Bezeichnung Echsen ist eine junge Bildung und beruht auf willkürlicher Worttrennung. Nach ihren vier Beinchen ist die Eidechse im Dänischen (firebeen) und Schwedischen (fyrfota) benannt, wozu sich in fränkisch - hennebergisch fircheU ein Analogen findet. Im amerikanischen Engl, wird für eine gewisse Art von Eidechsen smft gebraucht, was von Hause ein Adjektiv ist und „flink, hurtig'' bedeutet. Beiläufig sei bemerkt, daß auch Vögel, die sich durch schnellen Flug auszeichnen, wie z. B. die Mauer- schwalbe, ferner eine Taubenart so bezeichnet werden. Dem engl, smft entspricht die wissenschaftliche Bezeichnung der grauen Eidechse^ lacerta agilis „flinke Eidechse". Die romanischen Benennungen dieses Tieres gehen auf lat. lacerta^ bzw. lacertus zurück: ital. lacertola, häufiger lucer* tola, Dim. eines älteren, nicht mehr gebräuchlichen lucerta^ (aus lacerta wohl durch volksetymologische Einmischung von Itice ,. Licht" entstanden), span. lagarto*) frz. lezard (altfrz. auch laissarde). Semasiologisch interessant ist, daß im Portugiesi- schen lagarto „Eidechse", lagarta aber „Kaupe" bedeutet. Im Ital. ist für die Smaragdeidechse die Bezeichnung ramarr(y üblich (wahrscheinlich von rame „Kupfer" — Benennung des Tieres nach der Farbe; vgl. schweizerisch Eupferschlängeli als Name der Smaragdeidechse). Bei der Eidechse fallt in linguistischer Beziehung zunächst auf, daß sie in den Sprachen des Südens eine bedeutend wichtigere Holle spielt als in denen des Nordens, was seinen Orund darin hat, daß die Eidechsen als licht- und wärme- liebende Tiere häufiger in südlichen als in nördlichen Ländern vorkommen. Was die Verwendung der Eidechse in der Metaphorologie betrifft, so bezieht sich auf die schlanke Gestalt des Tieres^ frz. Uzarde als Bezeichnung eines Bisses in der Mauer; davon *) DaraoB «ntstellt span. aligador, portug. aUigaior, der Name de» amerikanischen Krokodils. Die Eidechse. 191 ist verbal gebildet se lezarder „rissig werden". Bei der Bil- dung dieser Metapher mag der Umstand mitgewirkt haben, daß die Eidechsen sehr gern an Mauern herumklettem. Wenn man im Ital. in volkstümlicher Sprache von einem magern Menschen sagt: Pare ehe mangi le laceriole, er sieht aus, als esse er Eidechsen, so beruht diese Redensart auf der naiven Vorstellung, daß man durch den Genuß des Fleisches magerer Tiere selbst mager werden könne. (Vgl. secco came una lucerfda, mager wie eine Eidechse.) Ital. lacertOj span. lagarto „großer Armmuskel" gehören streng genommen nicht hierher, da sie auf ein gleichbedeutendes lat. lacertus zurückgehen. Allerdings steht es außer Zweifel, daß lat lacertus „Oberarmmuskel" nur eine Metapher von lacertus „Eidechse" ist. (Vgl. musculus „Mäuschen" als Benennung des Muskels im allgemeinen.) Hingegen ist ital. lucertöh „Eeulenstück" — wohl hergenommen von einer minder schlanken Eidechsenart — eine diminutive Bildung von lucerta und als Scheideform zu lucetiola aufzufassen. Auf die grüne Färbung der Smaragdeidechse bezieht sich im Ital. der Vergleich verde come un ramarro, grün wie eine Eidechse (von der Gesichtsfarbe). Hingegen schwebt dem Spanier eine buntgefärbte Eidechsenart vor, wenn er lagartado im Sinne von „buntscheckig" gebraucht. Das lebhafte Auge der Ei- dechse hat gleichfalls metaphorische Verwendung erfahren. Ha Tocchio dt ramarro^ sie hat ein Eidechsenauge, sagt man von einem Mädchen, das ein ausdrucksvolles Auge hat. Auch sonst wird die Eidechse zu Vergleichen mit jungen Mäd- chen herangezogen. So nennt man im Ital. mit Bezug auf die außerordentliche Behendigkeit der Eidechse ein flinkes Mädchen lucertolina oder lucertoletta, während der Spanier noch origineller sagt: Estä hecka de rabos de lagarto^ sie ist aus lauter Eidechsenschwänzchen zusammengesetzt (fehlt in den mir zu- gänglichen Wörterbüchern). Tatsächlich ist es der lange Schwanz, der der Eidechse zur Erhaltung des Gleichgewichts^ dient und ihr eine so große Behendigkeit verleiht. Des- gleichen nennt man im Ital. den Zugordner bei einer Pro- zession ramarrOj weil er durch das fortwährende Hin- und Herlaufen die Vorstellung einer Eidechse erweckt. Hierher gehört femer frz. Uzarde, der Name eines kleinen Flüßchens 192 Die Eidechse. in der Normandie, wobei das tertium comparatioDis speziell die sclilängelnde Bewegung ist. Da die Eidechsen eine besondere Vorliebe für altes Ge- mäuer haben, nennt man im Span, ein altes, verfallenes Schloß gern lagartera „Eidechsenhöhle^ und analog sagt der Franzose von einem einsam lebenden Menschen : II vit comme un Uzard, er lebt wie eine Eidechse. Mit Bezug auf das Wärmebedttrfnis des Tierchens, das sich an sonnigen Plätzen am wohlsten fühlt — im Altertum war die Eidechse dem Sonnengott geheiligt — gebraucht man im Deutschen die Redensart sich sonnen wie eine Ei- dechse, ital. siar dl sole come le Iticertole, frz. se chauffer au soleil comme un Uzard*) (Vgl. Rolland, Faune pop., III, pag. 10.) Im Franz. ist auch der Vergleich paresseux comme un lezard, träge wie eine Eidechse, üblich. Wenn man bedenkt, daß die Eidechse infolge ihrer voll- kommenen Wehrlosigkeit ihren Feinden, zu denen namentlich die Schlangen gehören, schutzlos preisgegeben ist und daß sie ferner in nördlichen Ländern von der Kälte viel zu leiden hat, so begreift man, daß sie dem Menschen als ein bedauerns- wertes Geschöpf erscheint, was auch im Franz. zum Ausdruck kommt, indem pauvre Uzard „arme Eidechse" im Sinne von „armer Kerl" gebraucht wird. Von dem engl. Sprichwort: Ifs beUer to he head of a Uzard than tail of a lion und seinem ital. Analogen : ^ meglio esser capo di lucertola che coda di Uone, worin die schwache Eidechse in Gegensatz zu dem mächtigen König der Tiere gebraucht wird, war bereits beim Löwen, pag. 24, die Rede. Wenn der Italiener einen habgierigen Menschen bocca di ramarro „Eidechsenmaul" nennt, so denkt er dabei jedenfalls an die Eigentümlichkeit der Eidechse, ihre Beute im Sprunge zu erhaschen, was den Eindruck großer Gier macht. Da das Tier das einmal Gefaßte nicht mehr losläßt, wird ramarro auch *) In Btirgund gebraucht man in diesem Sinne lizarder, prendre un hain de Uzard, ein Eidechsenbad nehmen. — Da die Sonne die Eidechsen ans ihren Verstecken hervorlockt (vgl. Schweiz, sunneheggi für „Eidechse"), sagt man im Ital. mit Bezug auf die Freiheitsgeltiste junger Leute: Le lucertole comindano a senHr il söle^ die Eidechsen fangen an, die Sonne zu spüren. Schlange, Natter. 193 auf einen eigensinnigen Menschen angewendet (bocca di ramarro che piglia e non laacia andare),*) Die verhältnismäßig hochentwickelte Intelligenz der Ei- dechse rechtfertigt den Gebrauch von span. lagarto für einen schlauen Menschen. (Vgl. portug. lagarteiro „verschmitzt".) Im span. Rotwelsch wird das Wort auf einen geriebenen Dieb angewendet, der öfter die Kleider wechselt, um uner- kannt zu bleiben. Man hat darin eine Anspielung auf die mehrmalige Häutung der Eidechse zu sehen. Ebenso sagt der Pariser von einem; der seinen Anzug alle Augenblicke versetzt: B fait le lezard^ er macht's wie die Eidechse, was auch heißen kann: Er bummelt, mit Beziehung auf das un- stete ümherwandern der Eidechse. Schließlich bedarf noch die itaJ. Redensart aver la lucer- icia da due code, die Eidechse mit den zwei Schwänzen, d. h. Oliick haben, einer Erklärung. In gewissen Gegenden Italiens schreibt das Volk der doppelgeschwänzten Eidechse prophetische Gaben zu, wie überhaupt schon der Besitz eines Eidechsen- schwänzchens als glückbringend gilt. (Vgl. Rolland, Faune pop., ni, pag. 12.) Schlange, Natter. Deutsch Schlange beruht auf mhd. slangef, ahd. slango und ist Ablautsbildung zu schlingen, mhd. dingen ^ ahd. slingan, das die Bedeutung von „schleichen'^ hatte. Englisch heißt die Schlange snake, das auf altengl. snaka zurückgeht (von einer deutschen Wurzel snak^ erhalten in ahd. snahhan „kriechen"). Deutsch Natter kommt von mM.nätery n&tere^ ahd. nätara, dem altengl. nceddre entspricht, das in neuengl. odder das anlautende rt verloren hat (Vgl. ostdeutsch Otter als Bezeichnung der Natter.) Die romanischen Benennungen der Schlange gehen auf lat. serpens (part. praes. von serpere „kriechen") zurück: ital. serpej serpenUj span. sierpe^ serpiente^ frz. serpent^ das auch ins *) Im Franz. des 16. Jahrhunderts war langue de ISzard „Eidechsen- xnnge'' im Sinne von „böse Zunge*" gebräuchlich. (Vgl. Rolland, Faune pop., m, pag. 10.) Riegle r. Das Tier im Spiegel der Sprache. 13 194 Schlange, Natter. Engl, (serpent) eindrang. Auf das Diminutiv von serpensj serpetUicula, führt Parodi span. sabandija „Geschmeiß, Gewürm" zurück. Als Bezeichnung giftiger Schlangen ist in den romanischen Sprachen lat. vipera üblich, das im Ital. vipera, im Span, viborüj im Franz. vipire (gelehrtes Wort) ergab. Deutsch Viper, engl, viper sind Lehnwörter. Lat. colubra^ die Bezeichnung einer kleinen ungiftigen Schlangenart, lebt fort in span ctdebra^ frz. couieuvre. Ln Schriftital. existiert dieses Wort nicht, wohl aber findet es sich in itaL Dialekten, wie sard. cohra, sizil. culovria beweisen. Ein von colubra gebildetes cöluhrimts ist das Etymon von ital. coluhrina, span. ctdebrina, frz. couleuvrinCy engl, culverin „Feldschlange". Lat. aspis „Natter" ist erhalten in ital. aspide, span. äspid^ äspide, frz. aspic und in engl, asp oder aspic (bei Körting nur als ital.-dialektisch fortlebend angegeben). Semasiologisch interessant ist, daß lat. bestia „Tier" neben der ursprünglichen Bedeutung, die es in ital-span. bestia, frz» bSte bewahrt hat, auch derivata mit der Bedeutung „Schlange" aufweist: ital. biscia, altfrz. bisse, span. bicha „Schlange in der Heraldik", bicho „Wurm, Gezücht". Schließlich ist noch ital. lucia „giftige Schlange, Natter" anzuführen, wohl identisch mit dem in Italien sehr ge- bräuchlichen Taufnamen Lucia. Wenn man bedenkt, daß die Schlange häufig als Symbol des Weibes verwendet wird, so darf es nicht befremden, daß ihr ein weiblicher Name bei- gelegt wird. (Vgl. altgermanische Frauennamen wie Ger- lind, Siglind, Alflind, deren zweiter Bestandteil lind „Schlange" ist.) Die große Bedeutung, die die Schlange für die Meta- phorologie hat, erklärt sich aus dem kollektiven Charakter des Wortes. Zahlreich sind die Metaphern, die sich auf das Äußere der Schlange beziehen. Gibt es doch eine Unzahl von Objekten, die mit dem langgestreckten, walzenförmigen Körper der Schlange größere oder geringere Ähnlichkeit aufweisen. Allen Kultursprachen gemeinsam war ehedem die Bezeichnung „Schlange" (deutsch Feldschlange, da- neben Natter) für ein Geschütz mit langem Rohr, wobei letzteres Veranlassung zur Metapher wurde. Die Nebenvor- Schlange, Natter. 195 Stellung des Gefährlichen — man denke an den feuerspeien- den Drachen — mag dabei mitgewirkt haben. (Englisch hieß die Feldschlange culverin, serpent oder aspic, ital. coluhrina^ serpente, span. culebrina, serpentina, frz. couleuvriney portug. hin- gegen lagartixa „Mauereidechse".) Wenn der Italiener sagt: Le cose Junghe diventan serpi, die langen, d. h. langwierigen Dinge werden zu Schlangen, so verknüpft er hierbei die Vorstellung der Länge mit der der Gefährlichkeit. Er will damit sagen, daß es gefährlich ist, gewisse Dinge, wie z. B. die Heilung einer Krankheit, hinauszuschieben. Von der sich windenden Schlange hergenommen ist die Bezeichnung einer Art Eakete mit schlängelnder Bewegung im Engl. {serpent\ Ital. {serpentello = Dim. von serpente) und Franz. (serpenteau). Ebenso war im älteren Deutsch hierfür die Bezeichnung „Schlange" üblich, jetzt gebraucht man in diesem Sinne den Ausdruck „Schwärmer". Auf demselben Bilde be- ruht das im älteren Englisch für lange Perückenlocken ge- bräuchliche snakes, wie auch deutsche Dichter dunkle Locken braune Schlangen nennen. Überhaupt bezeichnet man im Deutschen eine gewundene Linie als Schlangenlinie, der im Engl. Serpentine line, im Ital. linea serpeggiante, span. linea serpentina, frz. ligtie Serpentine entsprechen. Auch wurde manchmal im älteren Deutsch für Schlangenlinie kurzweg „Schlange" gebraucht. So sagt z. B. Wieland von einem Flüßchen, es ziehe sich in langen Schlangen hinunter. Analog spricht man von Schlangenweg, Schlangengang, Schlangenwindung. Hierher ge- hört ferner engl. - amerik. sndke-fence oder serpent - fence „Schlangenzaun", für eine sich schlängelnde Einfriedigung gebraucht. Treffend ist die frz. Bezeichnung serpent für die Geldkatze,*) denn diese ist ein langer Geldbeutel, der wie ein Gurt um den Leib geschnallt wird. (Vgl. im span. Rotwelsch ciUebra = Gürtel.) Wenn der Italiener den Sitz hinter dem Kutscherbock serpe nennt, so vergleicht er nicht den Sitz selbst mit einer Schlange, sondern die ge- wundenen Eisenstangen, die ihn tragen. (Metonymie; Teil *) Diese Bezeichnung beruht auf einer Metonymie, da die Geldkatze meistens aus KatzenfeU gefertigt ist. 13* 196 Schlange, Natter. f&rs Ganze.) So wurde auch im älteren Span, ein eiserner Jagdspieß wegen seiner gewundenen Gestalt serpentina ge- genannt. Hierher zu ziehen ist femer span. culdmUa (Dim. von ctddfrd), die Bezeichnang der Flechte, einer Hautkrank- heit; die sich im Auftreten von gewundenen Linien auf der Haut äußert. Ohne weiteres einleuchtend ist im Ital. der Gebrauch von lucia „Natter" für einen Tanz mit schlangen- ähnlichen Bewegungen. Von einer Tänzerin, die diesen aus- führt, sagt man : Fa la lucia, sie macht die Natter. (Vgl. den Ausdruck „Serpentintänzerin".) Beiläufig sei hier erwähnt, daß man im Ital. von einem Kinde, das schläfrig wird, sagt: Ha la lucia, es hat die Natter, welche Redensart wohl darauf beruht, daß die Schlangen nach eingenommener Mahlzeit vom Schlafe befallen werden. Ein Seitenstück zur Serpentintänzerin ist der Schlangenmensch, d. L ein Akrobat, der mit seinem Körper höchst komplizierte, schlangenähnliche Windungen und Drehungen ausfuhrt (itaL uomo serpente, frz. homme serpent). Mehr auf die Länge der Schlange als auf die Art ihrer Be- wegung spielt an die im franz. Schülerargot gebräachliche Redensart faire un serpent, eine Schlange machen, d. h. im Gänsemarsch gehen. Wenn im span. Botwelsch der Dietrich mit sierpe bezeichnet wird, so liegt hier nicht ein Vergleich mit der Gestalt der Schlange vor, sondern diese Metapher bezieht sich vielmehr auf die außerordentliche Geschmeidigkeit des Reptils, mit der e^s in Löcher und Erdspalten eindringt Auf das geistige Gebiet übertragen, wird die sich windende Schlange zum Sinnbild des Ärgers. So wenigstens im Engl., wo it gives htm a snake (wörtl.: es gibt ihm eine Schlange) soviel bedeutet als „es ärgert ihn". (Vgl. deutsch: es wurmt ihn.) Der quälende Gedanke ist gleichsam eine Schlange, die der Mensch in seinem Innern trägt und die ihm durch ihre Windungen Unbehagen oder gar Schmerz verursacht. In allen Eultursprachen existieren verbale und adjek- tivische Weiterbildungen von „Schlange". Was die ersteren anlangt, so ist zunächst aus dem Deutschen zu verzeichnen schlängeln, das jetzt im eigentlichen Sinne nur reflexiv gebraucht wird, im 18. Jahrhundert aber allgemein intransitiv verwendet wurde. (Z. B. heißt es bei Voß: Ein Drache fuhr schlängelnd empor.) Im Engl, wird snake in vulgärer Sprache Schlange, Natter. 197 verbal gebraucht, (im Am. -Englisch jedoch allgemein), be- sonders mit Bezug auf fließende Gewässer : A rwer snaies alüngj ein Fluß schlängelt sich dahin. In transitiver Verwendung hat to snake along oder to stiake out die Bedeutung „mit einer Kette winden, holen" und dann verallgemeinert „herausziehen". Neben to snaJce kommt — allerdings selten — to serpent vor, u. zw. intransitiv und transitiv gebraucht. Im Ital. ist von serpe serpeggiare gebildet, im Span, von serpiente serpentear und von culehra synonym cukbreary wovon dann wieder das Verbalsubstantiv culdtreo abgeleitet ist. Daneben ist um- schreibend hacer culebra gebräuchlich. Im Frz. schließlich liegt ein von serpent gebildetes serpenter vor. Adjektivisch© Ableitungen sind aus allen Sprachen mit Ausnahme des Deutschen zti verzeichnen. So im Engl, maky, Serpentine; daneben wird serpent adjektivisch gebraucht, davon abge^ leitet serpentry „Schlangenwindung". Im Ital. ist serpentino in der Bedeutung „ineinander verschlungen" nicht mehr ge- bräuchlich, wohl aber werden serpentino im Span, und Serpentin im Franz. in der Bedeutung „sich schlängelnd" gebraucht. Auf der Färbung der Haut gewisser Schlangen beruht die Bezeichnung Serpentinstein (ital. pietra serpentina, Span. Serpentin^ serpenfina, frz. Serpentin, engl. Serpentine) für eine marmorähnliche Gesteinart, die durch mehr oder minder dunkle Adern und Flecken charakterisiert ist und so an die Zeichnung gewisser Schlangen erinnert.*) Vom Zischen der Schlange hergenommen ist ital. bisciolo (von biscia), das auf Personen angewendet wird, die beim Sprechen mit der Zunge anstoßen, sowie portug. bichanar (von bicho), das „zischeln, flüstern" bedeutet. Nach einem im Mittel- alter allgemein verbreiteten Volksglauben galt die Natter fBr taub. Allerdings war diese Taubheit eine freiwillige, da die Sage zu berichten weiß, daß die Natter, um den lockenden Tönen des Bezauberers zu widerstehen, sich das eine Ohr mit Schlamm füllt, während sie in das andere ihren Schwanz steckt. Diese Tierlegende geht auf die heil. Schrift zurück, denn schon in den Psalmen heißt es von den ungerechten Richtern : „Sie haben Gift, gleich der tauben *) Nach Plinias heifit der Stein so, weil er den Schlangenbiß hdlf. 198 Schlange, Natter. Natter, die ihr Ohr verstopft und nicht hört auf die Stimme des zauberkundigen Beschwörers." Auch von den Kirchen- vätern wurde diese Tiersage häufig symbolisch verwertet (Vgl. EoUoff, Die sagenhafte und symbolische Tiergeschichte des Mittelalters in Kaumers bist. Taschenbuch, 1867.) Noch zu Shakespeares Zeiten glaubte man an die Taubheit der Natter, wie hervorgeht aus verschiedenen Stellen seiner Dramen, so z. B. in Heinrich VI. (A. 3, Sz. 2). What art thou like ihe adder waxen deaf? was, bist du wie die Natter taub geworden? So auch in Troilus und Cressida (A. 2, Sz. 2) pleasure and revenge have ears more deaf than adders, Vergnügen und Each- «ucht haben Ohren tauber als die Nattern. — Diese „Tier- fabel" mag dem Umstände, daß bei den Schlangen der Gehörgang nicht unterscheidbar ist, ihre Entstehung ver- danken. Übrigens ist nach der Ansicht einiger Naturhistoriker der Gehörsinn bei den Schlangen tatsächlich wenig ent- wickelt. Aus der deutschen Studentensprache wäre der Ausdruck Schlangenfraß anzuführen, der mit Bezug auf den Nahrungs- erwerb der Schlangen — nähren sie sich doch zum größten Teil von Eidechsen und Fröschen — ein ekelerregendes Ge- richt bezeichnet Auf die feste Haut der Schlange bezieht sich der ital. Vergleich aver la peUe piü dura d'un serpente, eine härtere Haut haben als eine Schlange. Die Schlange, die bereits in der Symbolik der Alten eine bedeutende Rolle spielte, ist bei den modernen Völkern das Sinnbild der Falschheit, Tücke und Bosheit. Der instinktive Abscheu des Menschen vor allem kriechenden Getier wird noch gesteigert durch die Giftigkeit mancher Schlangen, deren Biß den sofortigen Tod zur Folge haben kann. Durch die christliche Symbolik, die den Satan als Verführer in der Ge- stalt der Schlange erscheinen läßt, erfuhr diese Auffassung eine Bekräitigung. Daher die auffallende Übereinstimmung der modernen Kultursprachen in der metaphorischen Verwertung dieses Tiernamens. Im Altertum war indes das Verhältnis des Menschen zur Schlange kein durchaus feindseliges. Wenn die Schlangen auch einerseits die unzertrennlichen Attribute der Eumeniden, der Göttinnen der Rache und des Neides, waren, so galten sie doch andererseits als Sinnbilder der Schlange, Natter. 199 Klugheit und Heilkunst. Daß sie auch den Germanen nicht durchweg antipathisch waren, erhellt aus der Ver- wendung von Und „Schlange" zur Bildung weiblicher Eigen- namen, worauf schon pag. 194 hingewiesen wurde. Bei einigen Völkern wnrde ihnen sogar göttliche Verehrung zu teil, wie es heute noch bei den Indiem Schlangenanbeter gibt Freilich ist in letzter Linie das Motiv dieses Kultus die nngemessene Furcht, die die Schlange dem Menschen einflößt. Im Mittelalter verlieh die Phantasie des Volkes der Schlange Flügel und schuf so die Gestalt des Drachen, der in der mittelalterlichen Sagenwelt — besonders als Wächter ge- fangener Prinzessinnen — eine hervorragende Rolle spielt. Es steht wohl außer Zweifel, daß die Metaphern, in denen die Schlange als häßliches Tier erscheint, sich nicht auf die Schlange schlechthin, sondern auf den Drachen beziehen, der der Sage nach mit allen Attributen abschreckender Häßlichkeit ausgestattet ist. So entspricht dem deutschen „Drachen" als Bezeichnung eines häßlichen Weibes ital. serpente, span. sierpe, wogegen „Drache" in den romanischen Sprachen und im Engl nur für ein böses, zänkisches Weib gebraucht wird, welche Bedeutung das Wort auch im Deutschen haben kann. (Vgl. die scherzhafte Bezeichnung „Hausdrache".) Am zahlreichsten sind unter den auf die Schlange bezüg- lichen Metaphern jene, in denen sie als Symbol der Falschheit und Bosheit erscheint Daß diese Auffassung zum großen Teil auf der biblischen Versuchungsgeschichte beruht, wurde bereits gesagt. In der Kirchensprache ist „Schlange" und namentlich „alte Schlange" geradezu ein Synonym von „Teufel". Aus der Bibel rührt auch die Redensart her der Natter den Kopf zertreten, d. h. einen gefährlichen Gegner unschädlich machen. (Gott prophezeit Eva, einer ihrer Nachkommen werde der Natter den Kopf zertreten, d. h. Christus werde Satan vernichten.) Ein falsches Herz nennt man im Deutschen häufig ein Schlangenherz und eine ver- leumderische Zunge eine Schlangenzunge. Letztere Metapher findet sich in allen übrigen Kultursprachen: engl. viperous {viperisK) tongue, ital. lingua serpentina^ lingua di inpera, span. lengua serpentina {viperina), frz. langtie de vipire, langue d'aspic. Im ähnlichen Sinne gebraucht man im Deut- 200 Schlange, Natter. sehen kollektiv Schlangenbrut, Schlangengezflcht^ bzw. Natternbrnty Natterngezücht, im Franz. racede vipire^ engeance de vipire. Ebenso wendet man auf eine falsche^ verleumderische Person schlechtweg den Ausdruck Schlange^ bzw. Natter an, u. zw. nicht bloß im Deutschen, sondern auch in allen übrigen Kultursprachen. Einen falschen Freund nennt der Engländer a snake in the gross, eine Schlange im Gras,, was an das lateinische Sprichwort : Ixxtet änguis sub herMsy im Grase ist die Schlange verborgen, erinnert, das den Kontrast zwischen dem äußeren Schein und dem wirklichen Wesen ver-- sinnbildlicht. Auch in den modernen Kultursprachen findet sich dieses Sprichwort. So im Deutschen : D a ist eine Schlange unter dem Laube versteckt, im Engl.: Look before you leapj for snakes awong sweet flotoers do ereep, sieh' zu, bevor du springst, denn zwischen lieblichen Blumen kriechen Schlangen, im Ital.: Ne' fiori com la serpe, unter den Blumen liegt die Schlange verborgen, im Franz.: Le serpent est cache 80US les fleurs (wie ital.). In einigen Sprachen erscheint die Schlange als Symbol unedlen Zornes, welcher der Ausfluß gehässiger Gesinnung ist und darauf ausgeht, den Gegner tödlich zu verletzen. Tatsächlich ist das Auffahren und Zischen der gereizten Schlange ein treffendes Bild des Jähzornigen. Im Ital. sagt man von einem solchen: Pare una vipera, er gleicht einer Natter. Femer gebraucht man die Redensart rivoltursi a uno come una vipera, gegen jemd. wie eine Viper losfahren. Den- selben Sinn hat das von vipera gebildete inviperire. Ebenso wird im Span, sierpe auf einen zornmütigen Menschen angewendet und im Franz. sagt man von einem, der seinen Zorn verbeißt: R avale des couieuvres, er verschluckt Nattern. Zorn und Haß sind nahverwandte Begriffe und es darf nicht wundernehmen, daß die Schlange im Engl, auch Symbol des Hasses ist Adder- hate „Nattemhaß** bezeichnet den höchsten Grad des Hasses. Dementsprechend bedeutet adder-like „haßerfüllt, rachsüchtig". Motiv des Hasses ist sehr häufig der Neid, wie auch nach christlicher Vorstellung die Feindschaft des Satans gegen die ersten Menschen auf dem Gefühle des Neides beruht, den ihre Glückseligkeit ihm einflößt Daher die Schlange auch den Neid versinnbildet, wie z. B. hervorgeht aus engl, snak^proofy Schlange, Natter. 201 das wörtlich ^gegen Schlangengift gefeit" und übertragen soviel als „gefeit gegen Neid" bedeutet. Im Deutschen und Franz. spricht man in poetischer Diktion von den Schlangen des Neides (les serpents de Tenvie). Da die Schlange an und für sich das Prinzip des Bösen verkörpert, so kehrt sie sich selbst gegen den, der ihr Gutes erwiesen hat, sie ist daher Symbol des Undankes, wie her- vorgeht aus der Redensart eine Schlange am Busen nähren, d. h. einen Undankbaren mit Wohltaten überhäufen. Der Ursprung dieser Redensart ist in einer Fabel Äsops zu suchen, wo von einem Bauer die Rede ist, der auf der Straße eine halb erfrorene Schlange erblickt und sie mitleidig an seinem Busen erwärmt. Ins Leben zurückgerufen, lohnt die Schlange ihrem Wohltäter, indem sie ihm einen Biß versetzt^ der ihn ums Leben bringt. Übrigens findet sich obige Redens« art schon im Lateinischen: viperam stU) ala nutricare. Von den modernen Eultursprachen ist sie außer dem Deutschen noch geläufig dem Engl.: to cherish a serpent in one^s bosom, dem Ital. : dUevarsi una serpe in seno, dem Franz. : nourrir une vipire dana son sein oder mit unmittelbarem Anschluß an die Fabel : richauffer un serpent dans son sein^ eine Schlange an seinem Busen erwärmen. Fassen wir das Gesagte zusammen, so ergibt sich, daß die Schlange als Sinnbild des bösen Prinzips verwendet wird zur Symbolisierung aller jener Leidenschaften, in denen ein feindliches Verhältnis zum Mitmenschen und somit das Be- streben, diesem zu schaden, zum Ausdruck gelangt. Daneben gibt es aber eine Reihe von Metaphern und metaphorischen Redensarten, in denen die Schlange schlecht- weg als das gefährliche Tier erscheint und somit eine ähnliche Rolle spielt wie Löwe, Wolf, Bär u. dgl. Raub- tiere. So sagt der Engländer von einem, der mutwillig eine Gefahr heraufbeschwört: He tmkes snäkes, er weckt Schlangen auf. Viel Phantasie verrät die Redensart to have snakes in one's boots, Schlangen in seinen Stiefeln haben, d. h. sehr aufgeregt sein. Daß einer, der plötzlich in seiner Fußbeklei- dung eine Schlange verspürt, in große Aufregung gerät, ist begreiflich. (Metonymie: Ursache für Wirkung.) Analog sagt man im Span, von einem, der unversehens in eine gefährliche 202 Schlange, Natter. Lage gerät : Una culehra se le lia, eine Natter ringelt sich nm ihn. Auf den gefährlichen Charakter der Schlange spielt auch an das deutsche Sprichwort: Den einmal die Schlange beißt, der fürchtet sich vor jedem gewundenen Seil. Genau so heißt es im Engl.: He that hos been bitten hy a serpeni is afraid of a rope. Ein Analogen findet sich im Ital.: Chi dalla serpe i punto ha paura delle lucertdU^ wer von der Schlange gebissen ist, fürchtet sich vor den Eidechsen, d. h. wer sich in eine große Gefahr begeben hat, wird so vorsichtig, daß er auch die kleinste Gefahr scheut — oder besser gesagt — selbst dort Gefahren sieht, wo keine sind. (Vgl. frz. Chat echaudi craint Peau froide) Obiges Sprichwort findet sich noch in anderer Form: Äl tempo delle serpi le lucertole fanno paura, zur Schlangenzeit fürchtet man sich vor den Eidechsen. Auf dem Volksglauben, daß alle Schlangen giftig seien, beruht das ital. Sprichwort: Ogni serpe ha ü suo veleno, jede Schlange hat ihr Gift, wozu sich im Franz. ein Analogen findet: 11 rCy a si petit serpent qui ne porte son venin^ es gibt keine noch so kleine Schlange, die nicht ihr Gift hätte, d. h.: Auch dem Sanftmütigsten geht die Geduld einmal aus. Auf die Tatsache, daß früher Schlangengift zu Heilzwecken verwendet wurde, spielt an das ital. Sprichwort: La biscia morde il dar- latano, die Schlange beißt den Quacksalber, was von einem Geschäftsmann gesagt wird, der, anstatt etwas zu verdienen, auch noch Schaden an der Sache hat. Speziell von der Wassernatter, die vorzüglich schwimmt und sich von Fischen nährt, ist die itaL Redensart her- genommen metter la serpe fra TanguiUe^ die Schlange zwischen die Aale setzen, wofür man deutsch sagt „den Wolf unter die Schafe hetzen". (Vgl. die ital. Redensart mettere le pecore in guardia dl lupo) Hierher zu ziehen ist femer span. culebrazo, womit das plötzliche Inschreckenversetzen einer Person be- zeichnet wird. Ursprünglich ist damit der durch den Anblick oder den Biß einer Schlange verursachte Schrecken gemeint^ dann aber wird das Wort infolge Bedeutungserweiterung auf jede Art plötzlichen Schreckens angewendet. Während die Schlange in all diesen Metaphern und Redensarten dem Menschen gegenüber als angreifender und Schlange, Natter. 203 siegreicher Feind erscheint, spielt sie in der ital. Redensart andarci come la serpe aW incanto, irgendwohin gehen wie die Schlange zur Bezauberong (d. h. nicht ohne Argwohn und Widerwillen) die Rolle des Opfers. Damit wird angespielt auf den in ünteiitalien von den sog. incantatori*) betriebenen Schlangenfang. (Die Schlangen werden durch die lockenden Töne eines Musikinstruments in eine Art Extase versetzt und lassen sich in diesem Zustand leicht fangen.) Schließlich muß noch jener Metaphern gedacht werden, in denen die Schlange als Symbol der Klugheit erscheint, welche Auffassung eine gewisse Sympathie für das Tier durch- blicken läßt. Aber auch hierin trifft die Sprache, wie so oft, nicht das Richtige, da die Schlangen nach dem Urteil der Tierbiologen nicht bloß „stumpfsinnig'', sondern auch „stumpfgeistig" sind. Der biblische Spruch: „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben" beruht also keineswegs auf getreuer Naturbeobachtung, wenigstens was die erste Hälfte des Diktums betrifft. Übrigens galt die Schlange auch bei den Griechen und Römern als kluges Tier. Die auf die vermeintliche Klugheit der Schlangen Bezug nehmenden Metaphern sind jedenfalls unmittelbar auf obigen Spruch zu- rückzuführen. Dem Deutschen schlangenklug enspricht engl, snaky und im Span, gebraucht man das Augmentativ von cülebra, culebrön, für einen besonders klugen Menschen. Auch sagt man von einem solchen: Sabe mos que las culebras, er weiß mehr als die Schlangen. Ein Gegenstück zu culebron ist das österreichische Schlangerl, namentlich als liebkosender Ausdruck schalkhaften Kindern gegenüber gebraucht und dem schriftdeutschen „Schelm" entsprechend. Hierher zu ziehen ist noch ital. occhio serpentino „Schlangen- auge" für „kluges Auge". Eine hervorragende Rolle spielt die Schlange in Märchen und Sage, was wohl zurückzuführen ist auf ihre Bedeutung in der altgermanischen Mythologie. (Vgl. engl, snahe-story „Schlangengeschichte" für „fabelhafte Geschichte".) In vielen deutschen Gauen glaubt man an Hausschlangen oder Unken, die Goldkrönchen auf dem Haupte tragen, die Kinder be- *) Im Franz. wird enäormeur de couUwwres „Schlangenbezanberer" anch im Sinne von „Schmeichler" gebraucht. 204 ^^ FroBcli. Bchfltzen und mit diesen sogar aus einem Napfe Milch trinken. Es macht sich hierbei bezüglich des Wesens der Schlange eine durchaus optimistische Auffassung geltend, die im Wider* sprach steht mit der sonstigen metaphorischen Verwertung der Schlange. In das Gebiet des Märchens gehört auch die riesenhafte Seeschlange, von der phantasievoUe Seefahrer ab und zu zu berichten wissen.'*') Hierauf beruht die meta- phorische Verwendung von Seeschlange, engl, sea-snäke^ frz. serpent de mer für eine Ifigenhafte Zeitungsnachricht Oanz vereinzelt steht der originelle Gebrauch von itaL biscia in der adv. Redensart a biscia „in Menge''. Diese Metapher bezieht sich auf die Eigenheit der Vipern und Ereuzottem, dutzendweise in einem Knäuel zusammengerollt, den Winterschlaf zu halten. Bei dem außerordentlichen Schlangenreichtum Italiens ist es nicht zu verwundern, daß die Schlange im Italienischen eine viel ausgiebigere meta- phorische Verwendung erfahr als in anderen Sprachen. Wenn der Pariser in seinem Argot ein schwangeres Weib catdeuvre „Natter'' nennt, so schwebt ihm hierbei jedenfalls die Ringelnatter vor, die ihre Beute lebend verzehrt und diese ganz wieder ausspeit, wenn sie in Schrecken versetzt wird. Der Frosch. Deutsch Frosch beruht aaf mhd. vrosch, ahd. frosk. Im Altengl. wurde frosk durch Metathese zu /brsc, neuengl.- dialektisch lautet es wie im Ahd. frosk, schriftsprachlich frog^ Lat. rana ist erhalten in ital.-span. rana, frz.-dialektisch raine^ Auf ein sapponiertes D«m. ranuculm gehen zurfick ital. ranocchio (häufiger als rana), altfrz. renouille, neufrz. grenouüle. (Das g erklärt sich darch Angleichung an graisset „Laubfrosch", von lat crassm „dick".)**) Hingegen ist das belegte Dim. ranunculus erhalten in ital ranunculo „Hahnenfaß". (Vgl. frz. grenouüleUe „Hahnenfuß", grenouiUet „Froschbiß".) Diese Benennung be- *) Die längste Seeschlange erreicht nach Brehm eine Länge von zwei Metern. **) Im Altfranz, heißt der Laubfrosch mit Anspielang auf die Farbe verdier {vert = grün). Der Frosch. 206 ruht auf dem Vorkommen der Pflanze in sumpfigem Terrain, das die Domäne der Frösche ist. Was zunächst die auf das Äußere des Frosches bezüg- lichen Metaphern betrifft, so ist im Deutschen von den her- vorstehenden Augen des Frosches hergenommen die Metapher Froschaugen, die sich auch im Franz. findet (avoir les yeux comme la grenouüle; vgl. span. ojos de sapo „Krötenaugen"). — Mit Anspielung auf die kugeligen Schaliblasen des Frosches, die beim Schreien anschwellen, nennt man im Deutschen einen «ingebildeten Menschen einen aufgeblasenen Frosch. (Vgl. ital. gonfio come un ranocchio.) Es ist dies eine Re- miniszenz an die auch von Lafontaine behandelte Phaedrus- fabel vom Frosch, der groß werden wollte wie ein Ochs und sich solange aufblähte, bis er barst. Übrigens sagt schon Petronius von einem Großtuer : Inflat se tamquam rana, er bläht sich auf wie ein Frosch. (Vgl. Borchardt- Wustmann, Sprich- wörtliche Redensarten, pag. 31.) — Auf die nackte Haut des Frosches bezieht sich die span. Redensart: Cuando la rana tenga pelos, (etwas wird geschehen), wenn der Frosch Haare haben wird, d. h. nie und nimmer.*) (Vgl. engl, to be fuU of money as a toad of feathers; frz. Hre fourni (Pargent comme le crapaud de plumes.) Gleichfalls im negativen Sinne be- zieht sich auf das Äußere des Frosches die deutsche Redens- art: Er kann nichts dafür, daß die Frösche keine Schwänze haben, die im Sinne von „Er hat das Pulver nicht erfunden" gebraucht wird und sich genau so im Franz. findet: II rCest pas cause que les grenouiUes n'ont pas de queue. Nach Rozan (Les animaux dans les proverbes, II, pag. 289) beruht diese merkwürdige Redensart darauf, daß das Schwinden des Schwanzes beim Frosche vom Volk als eine Art Wunder betrachtet wird. — Mit Bezug auf die Froscharten, die der Zähne ermangeln — andere haben Hakenzähne — gebraucht ■der Italiener das Sprichwort: II ranocchio non morden percM non ha denti, der Frosch beißt nicht, weil er keine Zähne hat, 4. h. mancher tut nur deshalb nichts Böses, weil ihm die Macht dazu fehlt. — Auf der Ähnlichkeit mit der Gestalt *) Dafür sagt man anch: Cuando la rana crie^ wenn der Frosch säugen wird. 206 ^er Frosch. eines Frosches bernht im Engl, die Bezeichnung frog für den Schnurverschluß eines Mantels, bestehend aus einem mit Posa- menten besetzten großen Knopf und einer Schlinge. Im Plural wird das Wort mit Bedeutungserweiterung für die Ver- schnürungen der Bockbrust überhaupt gebraucht (Daher to frog = mit Schnüren besetzen.) Hierher gehört auch der franz. Argotausdruck grenouille als Bezeichnung einer Vereinskasse. Diese auf den ersten Blick rätselhaft scheinende Metapher wird sofort verständlich, wenn man sich daran er- innert, daß in Frankreich für Kinder Sparbüchsen in Frosch- gestalt üblich sind. Geht der Kassierer mit der Vereinskasse durch, so sagt der Franzose logischerweise : 11 a fait sauter la grenouille, er hat den Frosch springen lassen, oder wohl auch : II a mavge la grenouille, er hat den Frosch gegessen. (VgL Rozan, Les animaux dans les proverbes, II, pag. 287 ff.) Was übrigens die Redensart faire sauter la grenouille betrifft, so wäre man beinahe geneigt, sie in Zusammenhang zu bringen mit der im Verbrecherargot üblichen Verwendung von crapaud „Kröte" im Sinne von „Vorlegeschloß", zumal auch in süd- slavischen Dialekten das Vorlegeschloß mit zabica „Fröschchen" bezeichnet wird. (Tertium comp.: das Aufspringen.) Auf soliderer Basis ruht jedoch zweifelsohne die erste Erklärung. — Schließlich wird im Franz. nach der gesprenkelten Färbung des Frosches eine Art ähnlich gefärbter Apfel reinette „Frösch- chen" genannt. (Dim. von dial. raine „Frosch", angeglichen an reine „Königin".) Darauf beruht auch die im Argot übliche Bezeichnung grenouilles für „Sommersprossen". Daß der Frosch als häßliches Tier gilt, geht hervor aus dem frz. Sprichwort: II n'y a pas de grenouille qui ne trouve pas son crapaud, es gibt keinen Frosch, der nicht seine Kröte fände, d. h. es gibt kein Weib, das so häßlich wäre, daß es nicht einen noch häßlicheren Mann fände, der froh ist, wenn es ihn erhört. Charakteristisch für den Frosch ist die Art der Fort- bewegung, die in einem ruckweisen Springen besteht. Daher wird der Frosch in Westfalen geradezu höpper „Hüpfer" *) ge- *) Ober die plattdentschen Froschnamen höpper, padde, pogge, lorkf ütschCf quäk nsw. vgl. Schwartz, Die yolkstüml. Namen für Kröte, Frosch Der Frosch. 207 nannt. Vom Hüpfen des Frosches hergenommen ist ferner die Bezeichnung Froschspringen (vgl. engl. feap-Zrogr „Spring- frosch") für ein Hüpfen in gebückter Stellung. Analog wird im Waadtland das sonst franz. saut-de-motdon „Bocksprung" genannte Kinderspiel mit jeu de la grenouiUe „Froschspiel" bezeichnet. (Vgl. Rolland, Faune pop., III, pag. 73, 17.) Wenn im Deutschen und Engl, in der Pyrotechnik ein mit Pulver ge- fülltes Papier, das angezündet umherspringt, Frosch, bzw. frag, genannt wird, so ist das tertium comparationis gleichfalls das Hüpfen. Der Franzose gebraucht hierfür analogerweise grenouüUre „Froschquappe". Ebenso beruht auf dem Vergleich mit der stoßweisen Fortbewegung des Frosches die im engh Cant gebräuchliche Bezeichnung frog's-march „Froschmarsch" fär die Beförderung eines widerspenstigen Arrestanten. Ähnlich sagt man im Ital. von einer Person mit hüpfender Gangart: Va a sdlti come i ranocchi, sie geht sprungweise wie die Frösche. (Vgl. deutsch hüpfen wie der Frosch im Mondschein.) Die im frz. Argot übliche Bezeichnung grenouiUe für „Fehler" dürfte sich ebenfalls auf das Springen des Frosches beziehen. Fehler beruhen meist auf Gedanken- sprüngen. (Vgl. Redensarten wie „etwas überspringen", „eine sprunghafte Darstellung".) Die ital. Redensart aver delle rane nella tesfa für „nicht ganz normal sein" gehört ebenfalls hierher. Die wirren Gedanken werden mit umherspringenden Fröschen verglichen. (Vgl. engl. -franz. „Ratten im Kopfe haben".) Auch viele Insektennamen werden so gebraucht. Vom Froschgequake hergenommen ist die Redensart einen Frosch in der Kehle haben, d. h. heiser sein, wozu sich im amerikanischen Engl, ein Analogen findet: to have a frog in iJie Üiroaf. Davon ist abgeleitet froggy „heiser". Analog sagt der Italiener von einem, dem der Magen knurrt : Pare che dbhia tma rana nel corpo, er scheint einen Frosch im Leib zu haben. Wenn in der deutschen Soldatensprache der falsche Ton* des Hornisten „Frosch" genannt wird (vgl. frz. couac = quak), so beruht diese Bezeichnung auf Metonymie, indem der Name des Tieres für dessen lautliche Betätigung ge- nnd Begenwurm in Norddentschland nach ihren landschaftl. Gruppierungen in Zeitschrift des Vereins f. Volkskunde, V, pag. 246 ff. 208 I)«r Frosch. setzt wird. (Vgl. im amerikauischen Engl, tiger für „Tiger- gebnill^.) Schließlich wird im Pariser Argot ein geschwätziges Weib häufig als grenouüle bezeichnet. (Über grenouiUe = Dirne siehe pag. 210) Die besprochenen Metaphern und Redensarten beziehen sich auf den ITrosch im allgemeinen; doch hat der Wasser- frosch speziell der Sprache einige Redensarten und Metaphern geliefert. So nennt der englische Matrose die Holländer frag- landers „Froschländer'^ mit Anspielung auf die morastige Be- schaffenheit ihres Landes. Wo viel Moräste sind, gibt's viel Frösche.*) Hierher gehört femer das itaL Sprichwort: Bana di palude sempre salva, solange der Frosch im Teiche bleibt^ ist er sicher, d. h. wer Gefahren scheut, der bleibe zu Hause. Daß der Sumpf die Heimat des Frosches ist, besagt auch das deutsche Sprichwort : Setz' einen Frosch auf gold'nen Stuhl, er hüpft doch wieder in den Pfuhl. Hierzu bieten das Engl, und Ital. Analoga: The frog cannot out of her bog, der Frosch kann nicht aus seinem Sumpf. — Non i possibile cavare il ranocchio dal pantano, es ist nicht möglich, den Frosch aus dem Sumpf herauszukriegen. Als Wassertier xaT* €§oxr]v erscheint der Frosch im franz. Argot. Wenn jemand zu viel Wasser trinkt, ruft man ihm warnend zu: Tu attraperas des grenouilles, du wirst Frösche (im Magen) be- kommen, und läßt sich im Unterleibe eines begeisterten Wasser- trinkers ein verdächtiges Glucksen vernehmen, so sagt man von ihm : II a des grenouilles dans le venire, er hat Frösche im Hauch. Demgemäß nennt der Franzose das Wasser scherz- weise sirop de grenouilles „Froschsyrup". (Vgl. deutsch „Gänse- wein".) Einen Wassertrinker nennt er grenouiUard. (VgL ioire comme une grenouüle,**) trinken wie ein Frosch, d. h. zu viel Wasser trinken.) Grenouillard wird ebenfalls auf einen Liebhaber von Flußbädern angewendet, wie denn auch für eine Badeanstalt der Ausdruck grenouülere gebraucht wird. *) Vgl. im Franz. die scherzhaften Benennungen des Frosches: roBsignol des marais „Sumpfnachtigall'', rossignol de Hollande „holländische NachtigaU". **) Auch grenouiller; Rolland, Faune pop., III, 66, 3, zitiert femer faire le metier de grenouille, das Froschgeschäft betreiben. Diese Redensart wendet man auf Zechbrüder an, die trinken und schwatzen wie die Frosche. Der Frosch. 209 Da die Frösche wie alle Lurche kaltes Blut haben und sich daher kalt anfühlen, gebraucht man im Deutschen den Vergleich kalt wie ein Frosch. Auf die kulinarische Verwendbarkeit des Frosches — Froschkeulen gelten als Leckerbissen — bezieht sich der Spottname frog-eater „Froschfresser", den die Engländer, die keine Froschliebhaber zu sein scheinen, den Franzosen bei- gelegt haben. Bekanntlich werden die Spitznamen der einzelnen- Völker gern von ihren Lieblingsspeisen entlehnt. (Vgl. Jack Pudding, Pickelhering, Jean Potage, Maccaroni, Hans Wurst.) Hiermit ist nicht zu verwechseln der alte Spottname frogs (franz. Jean Grenouille), mit dem seinerzeit die Franzosen und speziell die Pariser mit Bezug auf die drei Frösche oder Kröten im alten Wappen der Stadt Paris benannt wurden. (Vgl. Brewer, Dict. of Phrase and Fable, pag. 320.) Daß die Frösche auf dieselbe Weise wie die Fische, nämlich mit einem Köder, gefangen werden, erhellt aus der ital. Redens- art pigliar älcuno dl boccone come la rana, jemd. wie den Frosch mit dem Köder fangen, d. h. jemd. durch Versprechungen und Geschenke berücken. Der Frosch ist infolge seiner vollständigen Wehrlosigkeit ein sehr furchtsames Tier und gerät bei dem geringsten An- zeichen von Gefahr in größten Schrecken; daher ist er das Symbol zunächst der Feigheit und dann der moralischen oder sozialen Minderwertigkeit überhaupt. So sagt z. B. schon Petronius von einem Mann, der aus niederem Stande zu hohem Ansehen gelangte : Qui fuit rana, nunc est reXj der ein Frosch war, ist jetzt König. Auch der Spanier meint von einem, dessen Tüchtigkeit man unterschätzt : No es rana, er ist kein Frosch, d. h. es steckt mehr hinter ihm als man glaubt Im Deutschen sagt man zu jemd., der bei einem Unternehmen, das Mut oder mindestens Energie erfordert, nicht mittun will : Sei doch kein Frosch! Ähnlich drückt der Wiener „Strizzi" seinen Gegnern seine Geringschätzung aus, indem er ihnen herausfordernd zuruft : „Da müssen Leut' kommen, aber keine Frosch'". Analog bezeichnet der deutsche Universitätsstudent im Gefühl seiner Vollwertigkeit den armen Pennäler als „Frosch". Als Symbol der Schwäche und Ohnmacht wird der Frosch zum mächtigen Adler in Gegen* Riegler, Das Tier im Spiegel der Sprache. 14 210 I>ie Kröte. Satz gebracht im ital. Sprichwort: L'aquik non fanno guerra ai ranocdd*) die Adler fuhren nicht Krieg mit den Fröschen, d. h. der Starke hält es unter seiner Würde, den Schwachen zu bekämpfen. Im selben Sinne sagt man im Ital.: II hone non piglia mosche^ der Löwe (deutsch: Adler) fängt keine Fliegen» Im Franz. erscheint grenouüle als verächtliche Bezeichnung für intellektuell oder moralisch niedrigstehende weibliche Wesen. Namentlich wird das Wort auf Kokotten angewendet, wozu das altgriechische g)Qvvr] „Kröte" als Hetärenname ein inter- essantes Analogen bietet. Treffend nennt der Pariser die von solchen Damen besuchten Kaffeehäuser aquariums. Die Kröte. Deutsch Kröte beruht auf ahd., mhd. krota, welche Form sich in oberdeutschen Dialekten als Krot erhalten hat. Das Englische besitzt zwei Ausdrücke für „Kröte": toad aus alt- engl, tddie und paddock aus altnordisch padda, wovon nieder- deutsch Padde.**) Was die romanischen Sprachen betrifft, so ist auffallend, daß lat. bufo in keiner derselben weiterlebt^ und daß sie überhaupt keine gemeinsame Bezeichnung für das Tier besitzen. Ital. rospo führt man auf ein von ruspare „kratzen" gebildetes hypothetisches rüspidus „rauh, kratzig"^ zurück. Somit wäre rospo „das Tier mit der rauhen Haut". (Vgl. frz. peau de crapaud „Krötenhaut" = peau rugmuse „rauhe Haut".) Dazu stimmt die Ableitung des span. escuerzo „Kröte" von suppon. lat. excortkare „abrinden, abschälen", aus cortex^ „Binde". Das häufiger gebrauchte span. sapo ist baskischen Ursprungs. Im Ital. kommt neben rospo botta vor, das man mit botta „Stoß, Hieb, Stich" zusammengestellt und dem- gemäß von germ. bötan „schlagen, stoßen" abgeleitet hat. Es^ wäre demnach die Kröte „das stechende, bzw. beißende Tier" und tatsächlich gilt im Volksglauben die Kröte als giftigea *) Umgekehrt heißt es: 1 granchi vogliono mordere le balene, die Krehse wollen die Walfische beißen. **) Bezüglich der niederdeutschen Krötennamen, die vielfach mit den. Benennungen des Frosches identisch sind, vgl. pag. 206, Anm. Die Kröte. 211 Tier, vor deren Biß man sich hüten müsse.*) Frz. crapomd führt man auf altengl. creöpan „kriechen" zurück. Die Eröte ist in allen Kultursprachen das Symbol der absehen- und ekelerregenden Häßlichkeit. Die warzige Haut, der schwerfällige Gang, namentlich aber der widerliche Geruch, den das Tier in gereiztem Zustand verbreitet, sind hinreichende Gründe für diese Auffassung.**) Daß, wie schon oben erwähnt, die Kröte im Volke für giftig gilt, erhellt ganz deutlich aus dem Span. Sprichwort: Antano me mordio el sapo, y hogano me se inchö el papo, wörtl. : Voriges Jahr biß mich die Kröte und heuer schwoll mir der Kropf an. (Dies Sprichwort wird an- gewendet auf einen, der zeitlich weit auseinanderliegende Er- eignisse in kausalen Zusammenhang zu bringen sucht.) Hierzu stimmt im Engl, die Bezeichnung einer gewissen Art von Giftschwämmen als toadstool „Krötenstuhl". Als plumpes, schwerfälliges Tier erscheint die Kröte zu- nächst in den romanischen Sprachen. So sagt der Italiener von einer dicken Person : Pare una boUa, der Spanier ebenso : Parece un sapo, sie gleicht einer Kröte. Mit Bezug auf die charakteristische, halb hüpfende, halb humpelnde Fortbe- wegungsart der Kröte***) nennt der Italiener einen Tanz auf den Fußspitzen und in hockender Stellung (vgl. niederdeutsch hucksche = Kröte) il hallo delle hotte „Krötentanz". (Vgl. deutsch Froschspringen, engl, leap-frog, franz. jeu de la grenouüle,) So heißt es auch im Franz. von einem, der unbeholfen springt: II saute comme un crapaiid, er springt wie eine Kröte, und treffend bezeichnet der Londoner die sogenannten wandern- den Anzeigen als toads. Vom Äußeren der Kröte ist ferner hergenommen im Franz. der Gebrauch von crapaud für ein kleines, niedriges Fauteuil, in dem eine lebhafte Phantasie mit einigem guten Willen eine entfernte Ähnlichkeit mit *) Im Pfälzischen hört man die Verwünschung: Dich soll aber doch die Erott petzen (= zwicken). (Vgl. Heeger, Tiere im pf&lz. Volksmunde, 2. Teil, pag. 13.) **) Eine gewisse gemütliche Anteilnahme an der hart bedrängten Existenz der vielgeschmähten Kröte yerrät die im Lothringischen übliche Bezeichnung dieses Tieres : paure (= pauvre) komme „armer Mann". (Vgl. KoUandy Faune pop., HI, pag. 47.) ***) Vgl. im Pfälzischen krotteln für „kriechen". 14* 212 I>ie Kröte. einer hockenden Kröte erkennen kann. Mit mehr Becht vergleicht der Franzose eine aufgeschnittene, am Bost ge- bratene Taube mit einer Kröte (pigeon ä la crapaudine). Mit Bezug auf die breiten Füße der Kröte nennt der französische Infanterist seine Epauletten pattes de crapaud „Krötenpfoten". Auf eine andere physische Eigenheit der Kröte, die sie allerdings mit allen Lurchen teilt, nämlich die feuchtkalte Haut, bezieht sich der engl. Vergleich as cold as a paddock, kalt wie eine Kröte (vgl. deutsch: kalt wie ein Frosch), während auf die Nacktheit der Haut angespielt wird in der engl, sprichwörtlichen Bedensart to be füll of money as a toad of feathers. Ebenso sagt der Franzose itre charge d^argent comme un crapatui de plumes, mit Geld beladen sein wie eine Kröte mit Federn, d. h. keinen Kreuzer Geld haben. Vom Äußeren der Kröte hergenommen ist auch im Span, die Bezeichnung qjos de sapo „Krötenaugen" für her- vorstehende Augen. (Vgl. deutsch „Froschaugen".) Auf die Färbung der Augen, die eine glänzend orangerote Begenbogen- haut haben, bezieht sich der frz. Argotausdruck ml de crapaud „Krötenauge" für Goldstuck. (VgL ital. occhio di civetta.) Wenn im Deutschen (provinziell) „Kröte" selbst für „Geld" gesagt wird, so hat man darin eine Metonymie (Ganzes für den Teil) zu erblicken. Die Häßlichkeit des Tieres sowie sein Verweilen an un- reinen Orten erklären das franz. Schimpfwort vilain crapaud^ garstige Kröte, womit im Engl, dirty toad, schmutzige Kröte, als Bezeichnung eines schmutzigen Weibes sowie das Adjektiv toady in der Bedeutung „häßlich" zu vergleichen sind. Hier- her gehört femer frz. crapaudiire „Schmutzloch". Keines- wegs appetitanregend ist daher die engl. Bezeichnung toad in a hole „Kröte in der Höhle" für eine Fleischpastete. Die Kröte dient auch als Symbol moralischer Häß- lichkeit. So nennt der Deutsche eine boshafte Person gern eine giftige Kröte und gebraucht das Adj. krötig im Sinne von „boshaft". Analog bezeichnet der Engländer einen gemeinen Menschen mit nasty toad, ekelhafte Kröte, und wendet auf einen, der seinen Zorn in giftigen Worten ausläßt, die Bedensart an: He swells like a toad, er schwillt an wie eine Kröte. Der Franzose sagt mit Bezug auf die einsame, Die Kröte. 213 menschenscheue Lebensweise des Tieres von einem knickerig und duckmäuserig lebenden Menschen: II fait crapaud^ er macht's wie die Kröte. Hierher gehört auch die im franz. Kasernenargot übliche Kedensart boire en crapaud, nach Kröten- art, d. h. allein trinken. Analog bezeichnet man im Ital. einen unumgänglichen Menschen mit rospo. Im verächtlichen Sinne, manchmal ohne die Nebenbe- deutung des Häßlichen, gebraucht man „Kröte^' für Kinder und schwache Menschen, so namentlich im Deutschen. Im bayrisch - österreichischen Dialekt ist Krot eines der be- liebtesten Schimpfwörter,*) im Ital. tituliert man kleine Kinder gern mit rospäti oder rospacci und auch der Pariser Lehr- junge muß sich die Bezeichnung crapaud gefallen lassen. Das Diminutiv von crapaud, crapomsin, wird gleichfalls auf kleine Kinder angewendet. (Vgl. pfalz. krottig = klein.) Auch der Spanier bezeichnet mit escuerzo einen feigen oder schwachen Menschen und der Engländer sagt von einem, der in großer Angst ist : He is like a toad under the harrow, er gleicht einer Kröte unter der Egge. Ebenso wird in einem ital. Sprich- wort die Angst der Kröte vor der Egge metaphorisch . ver- wertet : Senza ritorno, come disse Ja botta alP erpice, ohne Wieder- kehr, wie die Kröte zur Egge sagte. Dieses Diktum wendet man auf einen an, der von einer Person Abschied nimmt, die er nicht wiederzusehen wünscht. Der unüberwindliche Ekel, den uns die Kröte einflößt, kommt zum Ausdruck in der frz. Redensart amier un crapaud, eine Kröte verschlucken, das dem deutschen „in den sauren Apfel beißen" entspricht. (Vgl. das deutsche Sprichwort: Wer eine Kröte fressen will, muß sie nicht lang besehen.) Ebenso erscheint dem Engländer der Genuß von Kröten als der Gipfel des Ekelhaften und er wendet daher toad-eater „Krötenfresser" als härtesten Ausdruck für Schmarotzer und Schmeichler an. To eat toads for a person, jemd. zulieb Kröten fressen, entspricht unserem „Speichel- lecken". Davon toady „Speichellecker" und die Redensart to toad oneself into favour, sich bei jemd. einschmeicheln. Ein Analogen hierzu bietet die ital. Redensart dar Ja zampa *) Heeger, Tiere im pfälz. Volksmnnde, 2. Teil, pag. 13, zitiert Lans- krott und Arschkrott. 214 ^®f Fisch im aligemeinen. deUa boüa, die KrStenpfote geben, d. h. sich bei jemd. in Gunst setzen. Der Spanier vergleicht Schimpfreden, die jemand in großer Wut ausstößt, mit Eroten in der Redensart echar sapas y cuUbraSj Kröten und Schlangen speien,"^) was auch „Unsinn sprechen" bedeuten kann. (Vgl. portug. dvser aapos e sara- mantigas contra cdg,, Kröten und Salamander gegen jemd. sagen. Analog wird im Portug. dizer cobras [Nattern] e lagartos [Ei- dechsen] gebraucht) Eine eigentümliche, im Zusammenhange mit dem Vorher- gehenden jedoch leicht verständliche Redensart liegt vor in span. pisar sapos, auf Kröten gehen, was man von einem sagt, der sich aus Furcht vor schlechtem Ausgange nicht in Unter- nehmungen einzulassen wagt, im besonderen aber auf solche Leute anwendet, die sich in der Frühe schwer von ihrem Bette trennen, gleichsam als fürchteten sie, beim Aufstehen auf eine Kröte zu treten. So pflegt man auch im Patois von Metz zu einem Spätaufsteher zu sagen : II tCy a aucun danger que tu marches sur les crapauds, es ist keine Gefahr, daß du auf Kröten trittst. (VgL Kolland, Faune pop., III, pag. 48, 11.) Von der stimmlichen Betätigung der Feuerkröte (frz. crapaud sonnant), die einen dem Gequak der Frösche ähnlichen Kuf erschallen läßt, hergenommen ist der frz. Argotausdruck crapavder „schreien". Der Fisch im allgemeinen. Deutsch Fisch und engl fish **) gehen beide auf ahd., bzw. altengl. fisc zurück, das seinerseits wieder auf germ. fiska-z aus vorgerm. pisko-s beruht. Dieses ist verwandt mit lat. piscis, das im Ital. pesce, im Span, peis ergab, während frz. poisson aus dem Augmentativ piscio hervorging. *) Das Motiv des Erötenspeiens findet sich häufig in Märchen und Sagen. (Vgl. Sebülot, Le Folklore de France, HI, pag. 296 f.) **) Fish in der Bedentang „Spielmarke" ist nur volksetymologisch an den Namen des Tieres angeglichen, in Wirklichkeit ist es das frz. ficht = Spielmarke. (Vgl. Andresen, Über deutsche Volksetymologie, 5. Aufl., pag. 3a5.) Der Fisch im allgemeinen. 215 Von Metaphern, die sich auf das Äußere des Fisches be- ziehen, ist zunächst anzuführen ital. pesce als Bezeichnung des Oberarmmuskels. Der Gebrauch von Tiemamen zur Be- nennung von Körperteilen, besonders Muskeln, ist in den romanischen Sprachen nichts Unerhörtes. (Vgl. lat. musculusy span. lagarto, frz. souri^). — Der Eindruck dummen Glotzens, den die Augen des Fisches machen (daher neugierig wie ein Fisch), rechtfertigen den Gebrauch von engl. /isÄ- eyes „Fischaugen" für blöde, ausdruckslose Augen. Die frz. Bedensart: Ceia finit en queue de poisson, das endigt in einen Fischschwanz, die man namentlich auf ein Kunstwerk an- wendet, dessen Ende dem verheißungsvollen Anfang nicht entspricht, dürfte auf die märchenhaften Gestalten der Wasser- nixen zurückzuführen sein, bei denen der berückend schöne Oberleib in einen Fischschwanz endigt. (Vgl. die Geschichte der schönen Melusine.) Eine andere Erklärung gibt Bozan, Les animaux dans les proverbes, II, pag. 337 flF. — Da den Fischen jede stimmliche Betätigung versagt ist, so ist der Vergleich stumm wie ein Fisch, engl, mute as a fish, ital. muto come un pesce, frz. mt^et cmnme un poisson ohne weiteres klar. — Mit Bezug auf die geringe Intelligenz der Fische sagt man im Deutschen von einem törichten Menschen, er sei einfältig wie ein Fisch. (Vgl. im älteren Ital. niwvo pesce und port. peixote für „Dummkopf" sowie im span. Schüler- argot p«^ als Bezeichnung eines schlechten Schülers.) — An- spielend auf das kalte (naturhistorisch gesprochen: wechsel- warme) Blut der Fische nennt man einen Phlegmatiker fisch- blütig. (Vgl. engl, cool fish, kühler Fisch = kaltblütiger Mensch.) Daß das Wasser ausschließlich das Element des Fisches ist, kommt in verschiedenen metaphorischen Wendungen zum Ausdruck. So bezeichnet der Vergleich gesund wie ein Fisch im Wasser, iUA. sano come un pesce nelV acqua, den höchsten Grad physischen Wohlbefindens. Der Fisch fühlt sich eben nur im Wasser wohl, da es seine Existenzbedingung ist. Mit derselben Behendigkeit, mit der der Vogel die Luft durchschneidet, schießt der Fisch im Wasser dahin. Daher ital.: svelto come un pesce, flink wie ein Fisch. Bagnato come un pesce, naß wie ein Fisch, erklärt sich von selbst. Auf das Ethische übertragen, wird das Bild vom Fisch im Wasser 216 ^^^ Fisch im allgemeinen. als Symbol psychischen Wohlbefindens angewendet. Wenn z. B. Heine von Paris sagt, er fohle sich daselbst wie der Fisch im Wasser, so meint er damit, daß Paiis f&r ihn als Großstadtmenschen nnd Franzosenfrennd alle die geistigen Lebensbedingungen vereine, deren seine Seele bedurfte. Auch den anderen Eultursprachen ist dieses Bild geläufig, allerdings kommt es häufig negativ zum Ausdruck, indem von jemand, der sich irgendwo nicht in seinem Element fahlt^ gesagt wird, er sei wie der Fisch außer dem Wasser; so auch engl: to he like a fish out of ihe water, ital. : essere come un pesce ftwr dett'(KqfM. Hierzu positiv span. : estdr como el pez en el agua^ frz.: ^re comme le paisson dans Veau. Auf den Fisch in seiner Eigenschaft als Wassertier be- zieht sich femer die Redensart schwimmen wie ein Fisch, die sich in allen Sprachen findet Hierher gehört auch das portug. Sprichwort: FiOio de peixe sabe nadar, der Sohn eines Fisches kann schwimmen, das dem Deutschen „Art läßt nicht von Art" entspricht. Daß Fisch und Schwimmen zwei un- zertrennliche Begriffe sind, kommt zum Ausdruck in der itaL Redensart insegnar nuotar ai pesci, den Fischen das Schwimmen beibringen, was von jemand gesagt wird, der seine Weisheit an unrechter Stelle an den Mann bringen will. So fordert auch der Wirt den Gast, dem er Fische vorgesetzt, zum Trinken auf, indem er scherzend meint: Der Fisch will schwimmen. (Vgl. lat. pisces natare oportet) Analog sagt der Franzose wortspielend : Poisson sans boisson est poison, Fisch ohne Getränke ist Gift, und der Italiener: Su pesd, mesd, auf Fische mische (d. h. Wein mit Wasser).*) Hierher gehört noch die ital. Redensart andar a bastonar i pesci, die Fische prügeln gehen (von einem, der zur Galeerenstrafe verurteilt wurde). Mit dem Prügeln der Fische ist das Rudern gemeint. Ab und zu mag es geschehen, daß ein un- vorsichtiger Fisch von einem Ruder einen Klaps bekommt. Ein Seitenstück zur ital. Redensart bietet das Englische. Von «inem Seekranken, der den Inhalt seines empörten Magens den Fluten übergibt, sagt der Engländer scherzend: He feeds {he fish, ex futtert die Fische. *) Die Italiener, wie alle Komanen, trinken bei den Mahlzeiten den Wein nur mit Wasser. Der Fisch im allgemeinen. 217 Die große Bedeutung des Fisches für den Menschen kommt zum Ausdruck in den auf den Fischfang bezüglichen Metaphern. MiUionen von Menschen nähren sich ausschließlich von Fischen und in dem Leben der Strandbewohner spielt der Fischfang und alles, was damit zusammenhängt, dieselbe Rolle wie für den Bewohner des Binnenlandes der Ackerbau oder die Viehzucht. Es ist daher nur natürlich, daß in allen Sprachen in Hülle und Fülle Metaphern vorhanden sind, die auf dem Fischfange beruhen. Ebenso ist es erklärlich, daß diese Tätigkeit mit einem eigenen Worte bezeichnet wird. So entspricht dem deutschen fischen engl, to fish, ital. pescare^ span. pescar, frz. pScher. Diese Verba haben in allen Sprachen analoge Bedeutungsentwicklungen erfahren. Zunächst ihrem Wortsinne nach nur für das Fangen von Fischen gebraucht, werden sie durch Begriflfserweiterung auf andere Tiere oder Dinge und schließlich metaphorisch auf Gegenstände angewendet, die man durch List in seine Gewalt zu bekommen sucht. Das Verhältnis vom Fischer zum Fisch wird sogar auf Personen übertragen. So sagt man z. B. im Deutschen von dem bevorzugten Bewerber um die Gunst, bzw. Hand eines Mädchens, er habe sie einem anderen weggefischt. Mit dieser Redensart hängt zu- sammen die Bezeichnung Goldfisch für ein reiches Mäd- chen (mit Anspielung auf eine allbekannte Fischspezies). Mit Bezug einerseits auf sein Apostelamt, andererseits auf sein ehemaliges Gewerbe wird Petrus in der heil. Schrift Menschen- fischer genannt. Vielfach ist der Fisch Symbol des Gewinnes, so z. B. im span. Sprichwort: Pescador que pesca un pez, pescador es, ein Fischer, der auch nur einen Fisch fängt, ist immerhin ein Fischer, womit man jemand tröstet, der nur einen geringen Teil von dem Angestrebten erreicht. Auch im Franz. findet sich dieses Sprichwort : Toujours peche, qui en prend un. Hin- gegen tadelt der Italiener den Untätigen mit dem Sprichwort: Chi dorme non piglia pesci, wer schläft, fängt keine Fische. Der praktische Sinn des Engländers verrät sich in dem Sprich- wort: AU is fish that comes to net. Alles ist Fisch, was ins Netz kommt, d. h. man kann aus allem Vorteil ziehen. Einen ähnlichen Sinn hat das span. Sprichwort: Salga pez o sdlga 218 ^^^ Fisch im allgemeinen. rana^ d Ja capacha^ beißt ein Fisch oder ein Frosch an, in den Korb damit. Häufig wird die Redensart im Sinne von „auf gut Glück^ gebraucht. Auf dem Umstände, daß zuweilen zum Fangen größerer Fische kleinere als Köder benutzt werden, beruht die engl. Redensart to venture a smaU fish to catch a great one, die sich auch im Franz. findet : donner un petit paisson pour en avoir un gros^ einen kleinen Fisch preisgeben, um einen großen zu fangen, d. h. einen kleinen Vorteil im Interesse eines größeren opfern. (Vgl. deutsch: mit der Wurst nach der Speckseite werfen.) Vom Fischfang mittels Reusen her- genommen ist der engl. Ausdruck a pretty kettle of fish, eine schöne Reuse von Fischen (kettle ist hier = kiddk „Reuse"), d. h. ein „schönes Durcheinander" mit Anspielung auf die in der Reuse durcheinanderwimmelnden Fische. Ein Streben nach unlauterem Gewinn wird im Deutschen bezeichnet mit der Redensart im Trüben fischen, die sich auch in den anderen Kultursprachen findet: engl, to fish in troubled water ^ ital. pescar nel torbido, frz. pecher en eau trouble. Borchardt- Wustmann, Sprich wörtl. Redensarten, pag. 150, erklärt: „Im Trüben fischen — s. v. w. heimlich seinen Vor- teil suchen, eine allgemeine Verwirrung benutzen, um unge- sehen, wie der Fischer, wenn das Wasser trübe ist, etwas zu gewinnen". Hierher gehört femer die ital. Redensart pescar per sd, für sich fischen (d. h. die gefangenen Fische für sich behalten), was auf jemd. angewendet wird, der nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Im Ital. und Franz. wird „fischen" auch für ein geistiges Erlangen gebraucht, so z. B. in der oft gehörten Frage: Dave hai pescato questa notizia? — Oü as-tu p^chi cette nouvelle? Wo hast du diese Nachricht aufgefischt? Einem lästigen Frager antwortet man im Ital. nicht selten: V^atteT a pesca (dialektisch für pescare), geh dir's fischen ! Ebenso sagt der Italiener von einer Rede, die ihm unverständlich ist : In questo discorso non ci pesco nulla, in dieser Rede fisch' ich nichts, und wenn er von jemand sagt: Pesca a fondo, er fischt bis zum Grund, so meint er, daß er eine Sache gründlich versteht. Von dem Gelehrten, der aus Büchern Notizen sammelt, heißt es, daß er in den Büchern fischt : pesca nei libri. Hierher ge- Der Fisch im allgemeinen. 219 Mrt auch die engl, ßedensart to fish for compliments, nach Lob haschen. Nicht auf den ganzen Vorgang des Fischens, sondern nur auf einen Teil desselben, nämlich das Eintauchen der Angel oder des Netzes ins Wasser, bezieht sich der in der ital. Seemannssprache übliche Terminus pescare, der auf das Ein- sinken der Schiflfe und anderer fester Körper ins Wasser an- gewendet wird. Im Ital. wird häufig das Bild des unerfahrenen Fischers verwendet. So ist z. B. von dem Fischer, der die Fische nicht 2tt unterscheiden versteht, die Redensart hergenommen non ^aper quello che uno si peschi, nicht wissen, was einer fischt, 4. h. nicht wissen, was man tut. Auf einem Vergleich mit -dem Fischer, der die Tiefe des Gewässers, in dem er fischt, nicht genau kennt, beruht die Redensart non saper in quanf ^cqua %mo si peschi, nicht wissen, in wieviel Wasser einer fischt, d. h. nicht wissen, in welchen Verhältnissen er sich befindet. (Vgl. die ital. Sprichwörter bei Sachs, Zusammen- hang von Mensch und Tier in der Sprache. Neuphil. Zentral- blatt 1903, pag. 356.) Das Fischerhandwerk ist auf den Zufall angewiesen ; sehr häufig muß der Fischer unverrichteter Dinge heimkehren, weswegen im Engl, fisherman's luck, Fischers Glück, s. v. w. „wenig Glück" bedeutet. Überhaupt ist im Engl, der Fisch häufig Symbol des Unsicheren, Unzuverlässigen. This looks fishy, das sieht „fischig" aus, sagt der Engländer von einer Sache, die ihm verdächtig scheint, und eine unglaubliche Geschichte nennt er fish-story „Fischgeschichte". (Vgl. den Gebrauch von portug. caranguejöla „großer Seekrebs" für „unsicheres Unternehmen".) Damit könnte in Zusammen- hang gebracht werden die in romanischen Ländern übliche Bezeichnung „Aprilfisch" für den Aprilscherz, ital. pesce d^aprik, frz. poissm cPavril, (Vgl. deutsch „in den April schicken".) Auch sagt der Italiener von einem, der sich ein Märchen hat aufbinden lassen : Ha pigliato un bei pesce, er hat einen schönen Fisch gefangen. Nach der gewöhnlichen Erklärung beruht jedoch die Bezeichnung „Aprilfisch" auf dem altromanischen Brauch, sich anfangs April gegenseitig mit einem der in diesem Monat häufigeren Fische zu beschenken. 220 ^^r Fisch im allgemeinen. Alle Sprachen verwenden das Bild des Eödems als Symbol des Überlistens. Der Unkluge, der auf trflgerische Lockungen und Versprechungen hineinfällt, wird mit dem Fische ver- glichen, der auf den Köder anbeißt und so in sein Verderben geht Daher wird in allen Sprachen „ködern^ im Sinne von „überlisten" gebraucht. (Vgl. engL to hau, to Iure, ital. adescare^ span. cebar, frz. appdter, leurrer.) Demgemäß sagt man von einem, der sich anführen läßt,, deutsch : Er beißt an, engl. : He tdkes the hait, ital. : Äbhocca äWamo oier: Va aWesca, span.: (he en el anzuelo oier: Tragael anzuelo, frz.: II mord ä Vhame^on. Hierher gehört auch das span. Sprichwort: El pez que busca el anzuelo, busca su dudOj der Fisch, der die Angel sucht, sucht seinen Schmerz, d. h» man soll sich durch den Schein nicht täuschen lassen. Speziell auf das Fischen mit der Angel bezieht sich das span. Sprich- wort: Pescador de cana mos come que gana, der Fischer, der mit der Angel fischt, ißt mehr als er erwirbt. Dieses Sprich- wort ist gegen jene gerichtet, die aus Trägheit einen Beruf ausüben, der keine Mühe macht, aber geringen Nutzen bringt. Auf der Bedeutung des Fisches als Genußmittel beruhen in allen Eultursprachen zahlreiche Metaphern und Redens- arten. Das Fleisch der Fische wfrd häufig in Gegensatz ge- bracht zu dem warmblütiger Tiere; beim Volke gilt es überhaupt nicht für Fleisch, weswegen es heißt, man dürfe Freitag „wohl Fisch, aber nicht Fleisch essen". Hierauf be- zieht sich die allen Eultursprachen geläufige Redensart nicht Fisch, nicht Fleisch, d. h. nichts Ordentliches sein. EngL to he neiiher fish nor flesh, ital. essere ni came ni pesce, span. no ser uno carne ni pescado, frz. ^re ni chair ni poisson. (Vgl. Borchardt -Wustmann, Sprich wörtl. Redensarten, pag. 149.) Auf dem Gegensatz von „Fisch" und „Fleisch" beruht auch die engl. Redensart io make fish of one and flesh of another^ aus dem einen Fisch, aus dem andern Fleisch machen, d. h. die Leute ungleich behandeln, parteiisch sein. Als Fasten- speise erscheint der Fisch in dem engl. Sprichwort: Ifs good fasting, when the tahle is covered with fish, es ist gut fasten, wenn der Tisch mit Fischen besetzt ist, das dem deutschen „Neben dem Schiff ist gut schwimmen" entspricht. Speziell dem Deutschen eigentümlich ist die Bezeichnung faule Der Fisch im allgemeinen. 221 Fische für unwahrscheinliche Ausreden, die niemand an- nimmt, ebensowenig wie faule Fische. Der Ausdruck be- zeichnet im weiteren Sinn verdächtige Handlungen, wie überhaupt „Fäulnis" metaphorisch häufig auf moralische Ver- derbtheit oder Wertlosigkeit angewendet wird. Tatsächlich ist „faul" in der Bedeutung „träge" nichts anderes als eine Metapher von „faul = in stinkender Zersetzung begriflfen". Der in Verwesung übergegangene Fisch wird auch sprich- wörtlich v^erwendet. So sagt man z. B. im Deutschen von einem Gemeinwesen, das infolge der moralischen Verderbtheit seiner Leiter seinem Ende entgegengeht: Der Fisch fängt am Kopfe an zu stinken, d. h. die Verwesung beginnt zunächst am Kopf. Ebenso heißt es ital.: 11 pesce puzm dal capo und schon lat. : Pisds primum a capite foetet. Allen Kultur- sprachen gemeinsam ist der Vergleich eines lästigen Gastes mit einem faulenden Fisch. Dem deutschen Sprichwort: Ein Gast ist wie ein Fisch, er bleibt nicht lange frisch, entspricht im Engl.: Fish and guests smell at three days cid, Fische und Gäste riechen, wenn sie drei Tage alt sind, im Ital.: L'ospite ^ come il pesce ^ a capo di tre giorm puzza, im Span. : El htUsped y el pez d (res dias hiede, im Franz. : UMte et le poisson aprhs trois jours puent. Von origineller Drastik ist das engl. Sprichwort: Daughters and dead fish are no heeping tmres, Töchter und tote Fische sind keine Waren zum Aufheben. Der Fisch ist wegen der Gräten kein ganz ungefährliches Nahrungsmittel, wenigstens erheischt sein Genuß große Vor- sicht. Darauf bezieht sich das ital. Sprichwort: Chi ha man- giato il pesce, sputi le lische, wer den Fisch gegessen hat, spucke die Gräten aus, d. h. wer einen Vorteil gehabt hat, möge trachten, auch mit dem damit verbundenen Unangenehmen fertig zu werden. Hierher gehört femer das deutsche Sprichwort : K e i n Fisch ohne Gräte, kein Mensch ohne Mängel, das sich analog im Ital. findet : Non c^h pesce senea lisca. — Bedroht man in Osterreich ein Kind mit Schlägen, so sagt man häufig ironisch: Du kriegst Fische, aber ohne Gräten. Es beruht diese Bezeichnung wohl auf dem Brauche, die Eute ins Wasser zu tauchen, um die Schläge schmerzhafter zu machen. (Metonymie: Ursache für Wirkung.) 222 I^er Fisch im allgemeinen. Wenn im Engl. Brote und Fische als Symbol der Nahrang überhaupt erscheinen, so ist darin eine biblische Reminiszenz zu erblicken. So wii*d die Eedensart to withhold loaves and fishes, Brote und Fische zurückhalten, im Sinne des deutschen „den Brotkorb höher hängen'' gebraucht. Geradezu Sinnbild des Gewinnes sind die „Brote und Fische" in der Redens- art to höh after loaves and fishes, nach Broten und Fischen blicken, d. h. dem Gewinne nachlaufen. Da die Franzosen als große Liebhaber von Saucen Fische gern mit solchen zube- reiten, darf es nicht wundernehmen, daß die Fischsauce auch im franz. Sprichwort eine gewisse Rolle spielt. Manchmal, wenn der Fisch nicht mehr ganz frisch ist, dient die Brühe dazu, den verdächtigen, das Alter des Fisches verratenden Geschmack zu verbergen. Hierauf bezieht sich das Sprichwort: La sauce fait manger le poisson, die Sauce macht den Fisch genießbar, d. h. oft werden wertlose Dinge nur durch glück- liche Beigaben annehmbar gemacht. Dasselbe, nur in anderer Form, besagt das Sprichwort: La sauce vaut mietix que le poisson, die Sauce ist mehr wert als der Fisch. (Vgl. span. Mas vale la salsa que los caracoles, die Sauce ist mehr wert als die Schnecken.) Von einem, der nicht weiß, wie er sich einer Beleidigung gegenüber verhalten soll, sagt der Franzose : 11 ne sait ä quelle sauce manger le poisson, er weiß nicht, mit welcher Sauce er den Fisch essen soll Auf die Tatsache, daß es auch unter den Fischen Raub- tiere gibt, die mit Vorliebe ihre kleineren Genossen auffressen, — man denke an den Hecht — bezieht sich das deutsche Sprichwort: Große Fische fressen die kleinen, d. h. der Stärkere unterdrückt den Schwächeren. Analog heißt es im Ital. : / pesci grossi mangiano i piccini und im Franz. : Le» gros poissons mangent les petits. Auf die bekannte Fischlieb- haberei der Katze spielt an das deutsche Sprichwort: Die Katze frißt gern Fische, will aber nicht ins Wasser, das man auf jemand anwendet, der einem Ziele zustrebt, aber nicht die zur Überwindung der im Wege stehenden Hindernisse nötige Energie besitzt. Dieses Sprich- wort findet sich auch in anderen Kultursprachen. So lautet es z. B. im Engl.: The cat doth love the fish, but she will not wet her footj im Ital. : La gatta vorrebbe mangiare pesci, ma non Der Fisch im allgemeinen. 223 pescare,*) im Franz. : Le chat aime U poisson, mais il n'aime pas ä mouiUer les pattes. Jedenfalls der Znnftsprache der Fischer, die ausschließ- lich auf Fischnahrung ang^ewiesen sind,**) ist die engl. Redensart entlehnt to setul a persoti to fry some other fish, w6rtl.: jemd. andere Fische backen schicken, d. h. ihm den Laufpaß geben. So sagt man auch : I have other fish to frtfj ich habe andere Fische zu backen, im Sinne von „ich habe andere Dinge zu tun^. Hierher gehöil; ferner das engl. Sprich- wort: DonH hoil your fish tili ihey are hooJced, kocht eure Fische nicht, bevor sie geangelt sind, wozu sich im Deutschen und ItaL Analoga finden : Man soll nicht rufen: Holt Fische, ehe man sie hat. — Non gridar pesci prima di averli presi. Gebräuchlicher ist die allen Kultursprachen geläufige Variante: Man soll die Haut des Bären nicht verkaufen, bevor der Bär nicht erlegt ist. (Siehe bei „Bär" pag. 54.) Die deutsche BezeichnuDg Backfisch für ein halb- wüchsiges Mädchen ist der Stadentensprache entlehnt, die früher auch kurzweg „Fisch" dafür gebrauchte. (Vgl. Kluge, Deutsche Studentensprache, pag. 55.) Hierbei ist in wenig schmeichelhafter Weise die Dummheit das tertium compara- tionis. Allerdings liegt dieser Metapher gleichzeitig die Vorstel- lung des Ködems zugrunde, indem der Student den Mädchen in ähnlicher Weise nachstellt wie der Fischer den Fischen. Hin- gegen bezieht sich Backfisch wohl auf das Lockende, Appetitliche des Aussehens.***) (Vgl. portug. peixäo „großer Fisch" als Bezeichnung einer hübschen Frau.) Daß das Wort „Fisch" auf Personen angewendet wird, dafür liefern uns auch andere Sprachen Beispiele. So wird namentlich im Engl, fish im Sinne unseres „Kauz" mit nuancierenden Ad- jektiven gebraucht. So sagt man a stränge^ odd, cool, queer fish, ein sonderbarer, seltsamer, kaltblütiger, kurioser Fisch. *) Eine Variante lautet: Noh si pud pigliar pesci senza immoüarsi, man kann keine Fische fangen, ohne sich naß zu machen. **) Vgl. das franz. Sprichwort : Veux-tu apprendre ä fils de pecheur ä manger poisaon? Willst du den Sohn des Fischers Fische essen lehren? ***) Nach der landläufigen Erklärung bedeutet Backfisch s. y. w. „kleiner Fisch**, da nur die größeren Fische gesotten, die kleineren aber geback werden. 224 Hering, Sardine. Unserem „großen Tier" (= bedeutende Persönlichkeit) entspricht im Span, pez gordo, dicker Fisch. Ganz allgemein für „Mensch" wird im Ital. pesce gebraucht in der Frage che pesce sei? was bist du denn für ein Fisch? womit man einen Unbekannten auf- fordert, sein Inkognito zu luffcen. (Vgl. den analogen Gebrauch von „Vogel" in den verschiedenen Sprachen.) Obige Frage kann auch bedeuten: Was hast du denn für einen Streich gemacht? In diesem Falle hat pesce tadelnden Sinn und ist in dieselbe Eeihe zu stellen mit Ausdrücken wie engl, hose fish, loser Fisch, deutsch : „sauberer Hecht", span. buena pesca. Letzteres Wort bedeutet eigentlich „Fischfang", dann metonymisch die Gesamtheit der gefangenen Fische. (Ein Analogen zu dieser Bedeutungs- entwicklung findet sich in span. venado „Wüd" aus lat. venatus „Jagd".) Mit buena pesca kann allerdings auch im Gegensatz zu der in den anderen Sprachen herrschenden Auffassung von den intellektuellen Fähigkeiten der Fische eine schlaue Person bezeichnet werden. — Semasiologisch interessant ist die Be- deutungsentwicklung von span. pescado. Dieses Wort, eigent- lich das part. perf. von pescar „fischen", bedeutet zunächst „das Gefischte", dann „Fisch" und mit Bedeutungsverengung „Stockfisch". Es wird eben die häufigste Gattung der Fische nach der ganzen Klasse benannt. (Vgl. ital. span. oca, frz. oie „Gans" aus lat. avica „Vögelchen".) Im amerikanischen Engl, wird fish ebenfalls häufig auf den Stockfisch einge- schränkt. (Über den metaphorischen Gebrauch von paisson im Pariser Kokottenargot vgl. Villatte, Parisismen bei „paisson^.) Hering, Sardine. Deutsch H ä r i n g oder Hering beruht auf mhd. haerinc, ahd. hdring. Die ahd., bzw. mhd. Nebenform hering ist wahr- scheinlich durch heri „Heer" beeinfiußt, u. zw. mit Bezug auf das scharenweise Vorkommen dieses Fisches. Im Altengl. lautet das Woit hdring, woraus neuengl. herring. Die romani- schen Sprachen haben alle das Wort dem Germanischen ent- lehnt: ital. aringa, span. arenque, frz. hareng, was ganz natürlich ist, da der Fisch nur in nordischen Gewässern vorkommt Für den geräucherten Hering ist im Deutschen das Wort Hering, Sardine. 225 Bücking und mit Anlehnung an Bückling „Verbeugung" auch Bückling üblich. Das Wort geht zurück auf ein mhd. bäcJcinc, verwandt mit nid. bokJdng, das wahrscheinlich auf nid. bok „Bock" zurückgeht. Der Fisch hieß nämlich wegen seines unangenehmen Geruches auch bockshärinc. (Vgl. Kluge, Etym. Wörterbuch d. deutschen Sprache unter „Bücking".) Pickelhering als Bezeichnung der komischen Figur (ur- sprünglich nur in Holland) ist von den englischen Komödianten am Anfang des 17. Jahrhunderts zu uns gebracht worden (engl, pickle-herring = Pökelhering). Die Benennung des Spaß- machers im Stegreifspiele nach dem Lieblingsgericht der be- treffenden Nation ist eine allbekannte Erscheinung. (Vgl. pag. 209.) Sind die Bezeichnungen für den Hering germanischen Ursprungs, so sind die Benennungen für die verwandte Sardine romanischer Herkunft. Schon im Lateinischen gibt es ein sarda oder sardina. Letzteres Wort ist dem Ital., Span, und Franz. gemeinsam. Im Ital. hat sich auch sarda er- halten, wovon das Diminutiv sardella gebildet wurde. Da- neben kommt im Ital. ein noch nicht aufgeklärtes acciuga vor, dem im Span, anchoa, anchova, im Franz. anchoiSj im Engl, anchovy entsprechen. Im Span, wird außerdem für „Sardine" noch hoqueron gebraucht, was das Augmentativ von boquera „Öffnung" ist (mit Anspielung auf das große Maul des Fisches). Der Hering hat einen stark zusammengedrückten Leib, weshalb er oft als Symbol der Magerkeit verwendet wird. So nennt man im Deutschen und Franz. einen mageren Menschen gern einen Hering, bzw. hareng^ und im Engl, bedeutet herring - gutted „heringsbäuchig" soviel als „dünnbäuchig".*) Mit Bezug auf die enganschließende Uniform nennt in England das Volk den rotröckigen Infanteristen red- herring „Rothering", wozu sich in dem franz. Argotausdruck hareng säur „saurer Hering" als Bezeichnung für einen Gendarmen ein Analogon findet. (Vgl. Sachs, Zusammenhang von Mensch und Tier in der Sprache, Neuphil. Zentralblatt, 1904, pag. 35.) *) Im Pfälzischen wird Hering auch von einem mageren Stück Vieh gebraucht. (Vgl. Heeger, Tiere im pfälz. Yolksmunde, 2. T., pag. 14.) Riegler, Das Tier im Spiegel der Sprache. 15 226 Hering, Sardine. Im Span, und Ital. tritt die Sardine an Stelle des Herings. So nennt der Italiener ein hochaufgeschossenes, mageres Mädchen acciughina „Sardinchen", sowie er auch ganz all- gemein von einem mageren Menschen sagt: iJ secco come utC accitiga, er ist dfirr wie eine Sardine. Genau so heißt es im Span.: Parece una sardina, er gleicht einer Sardine. Hierher gehört femer die Bezeichnung mrdine für „Finger" im Pariser Argot; so bedeutet z. B. serrer les cinq sardines, die fünf Sardinen drücken, s. v. w. „die Hand drücken". Von der silberglänzenden Farbe der Sardine hergenommen ist die Bezeichnung der Yerschnürungen an Uniformen mit sardinäes im Span., sardines im Franz., indem damit offenbar ursprünglich die Siberverschnürungen bezeichnet wurden. Wenn die Sichelschneide im Franz. mrdine genannt wird, so ist das tertium comparationis gleichfalls die Farbe. Hin- gegen enthält die im Pariser Argot vorkommende Metapher yeux bordSs d'anchois, mit Sardellen beränderte Augen, für Augen mit geröteten Lidern eine Anspielung auf das rötliche Fleisch der marinierten Sardellen. Der Umstand, daß die meisten Heringe während der Laichzeit gefangen werden, macht den engl. Vergleich dead as a shoUen herring ^ tot wie ein Hering, der gelaicht hat, ohne weiteres verständlich. Auf die Art der Versendung der Heringe, bzw. Sardinen, die massenweise in Tonnen gepackt werden, bezieht sich im Deutschen der Vergleich gedrängt wie Heringe. Ebenso sagt der Franzose serris comme les harengs en caque (caque = Tonne). In den übrigen Kultursprachen tritt an Stelle des Herings die Sardine. EngL packed as dose as sardines, ital. stare comme le sardelle, pigiati come le acciaghe, span. estdr como sardinas en banasta. Hierher gehört femer aus dem Span. : La ultima sardina de la banasta, die letzte Sardine aus der Tonne, d. h. das Letzte einer Sache,, wenn alles andere aufgebraucht ist. Mit Bezug darauf, daß den Sardinen vor der Einsalzung die Köpfe abgeschnitten werden, bezeichnet der Italiener einen zerstreuten oder ver- geßlichen Menschen als senza capo come le acciughe, kopflos wie die Sardinen. Hingegen bezieht sich auf den geringen Körperamfang der Sardine die ital. Redensart aver cervello quanV uri acciuga nicht mehr Hirn haben als eine Sardine.. Hering, Sardine. 227 Vom Eäuchern der Heringe hergenommen ist das engl. Sprichwort: Let every herring hang by its own tau, laßt jeden Hering an seinem eigenen Schwänze hängen, d. h. Jeder für sich". (Vgl. franz. : Ils etaknt pendus comme des harengs ä une hroche, sie hingen wie Heringe an einem Spieß.) Auf eine andere Zubereitungsart, nämlich das Einpökeln, spielt an das franz. Sprichwort : Le hareng sent toujours la caque, der Hering riecht immer nach der Tonne. Man wendet dieses Sprich- wort auf Parvenüs an, deren niedere Herkunft sich häufig in ihren plebejischen Manieren verrät. Da Hering und Sardine infolge ihrer Häufigkeit nur geringen Wert haben, so erscheinen sie dann und wann als Symbole des Wertlosen. So sagt der Franzose von einem ärmlich lebenden Menschen: II vit d^un hareng, er lebt von einem Hering, und das Sprichwort: On vend au marchS plus de harengs que de soles, man verkauft am Markte mehr Heringe als Seezungen, will besagen, daß man gewöhn- liche Dinge leichter an den Mann bringt als wertvolle. Von einem, der um eines größeren Gewinnes willen einen kleineren opfert, sagt der Italiener: Butta sardeUe, per prendere lucci, er wirft Sardellen aus, um Hechte zu fangen. Dieselbe Bedens- art wendet der Spanier an, nur mit dem Unterschied, daß an Stelle des Hechtes die Forelle tritt: con una sardina pescar una trucha. (Vgl. engl, to venture a smaU fish to catch a great one und franz. donner un petit poisson pour en avoir un gros.) Wenn man im Ital. eine alte Scharteke mit acciugaio bezeichnet, so will man damit ausdrücken, daß sie nur mehr zum Einwickeln von acciughe (Sardinen) taugt. Auf moralische Minderwertigkeit, besonders Engherzigkeit und philisterhafte Gesinnung, bezieht sich im Deutschen Heringsseele, während armer Hering ein Ausdruck des Mitleids ist, der sich wohl auf die Verfolgungen gründet, denen der Hering ausge- setzt ist. Gleichsam als wäre das Meer nur zur Züchtung von Heiingen da, nennt es der Engländer scherzweise herring-pond „Heringteich". 15* 228 ^er Kabeljau. Der Kabeljau. Die Herkunft von deutsch Eabelj au ist ungewiß; soviel ist sicher, daß das Wort im 14. Jahrhundert aus dem Nieder- deutschen in die deutsche Schriftsprache eindrang. Auch in den fibrigen germanischen Sprachen und im Franz. {caiülaud) findet sich das Wort. Im Niederländischen wurde ursprüngliches kabeljauic durch Metathese zu baJcefjauw, in welcher Form das Wort ins Ital. {baccaJa) und Span. (bacälUw, bacdlao) eindrang. Daneben ist in den romanischen Sprachen noch eine andere Bezeichnung für den Kabeljau üblich, nämlich ital. merluzzo, span. merluza, frz. merlache, die nach Joret sämtlich auf lat. merula „Amsel^ zurückzuführen sind. (Benennung von Fischen nach Vögeln ist nicht selten. Vgl. deutsch Seehahn, See- lerche, Meerrabe, Adlerfisch.) Im Franz. ist jedoch die ge- bräuchlichste Bezeichnung für den Stockfisch morue, dessen Herkunft noch nicht sichergestellt ist. Die Herleitung von lat. mutülm „Kragstein, Sparrenkopf" scheint wenig glaub- würdig. (Es sollten damit ursprünglich die klumpenartigen, eingesalzenen Eingeweide des Fisches bezeichnet werden.) Offenbar mit cedna (von lat. supp. siccina aus siccm „trocken") „getrocknetes Fleisch" bangt zusammen ceciäl, der span. Name des gedörrten Stockfisches. Im Deutschen und Engl, ist fiir den gepökelten Kabeljau die Bezeichnung Stockfisch, bzw. stock 'fish, üblich, weil der Fisch an Stöcken zum Dörren aufgehängt wird. Andera erklärt das Wort, das auch in romanische Dialekte, z. B. ins Korsische (stoccafissu), einge- drungen ist, Rolland, Faune pop., III, pag. 116. Der ge- räucherte Stockfisch heißt im Deutschen auch Laberdan, das sich im Engl, in der Form haberdine findet. Dieses Wort soll auf franz. le Labourdain beruhen, womit ein Teil des Baskenlandes bezeichnet wird. Über das Franz. wäre sodann das Wort ins Niederländische und von da ins Deutsche eingedrungen. Im Engl, ist der gebräuchlichste Name für den Kabeljau codfish oder kurzweg cod, das identisch ist mit cod „Hülse, Schale". (Vgl. den deutschen Fisch- namen Schellfisch, dessen hauptsächlichster Vertreter der Kabeljau ist.) Das Wort ist niederdeutschen Ursprungs und Der Kabeljan. 229 bedeutet eigentlich „Schalenfisch^S ™i^ Bezug auf das sich blätternde Fleisch. Für die Metaphorologie ist der Kabeljau von keiner be- sonderen Bedeutung. Auf die ausgerandete Schwanzflosse bezieht sich im Franz. die Bezeichnung habit ä queue de morue für einen Rock mit spitzen Schößen. (Vgl. deutsch „Schwalben- schwanz".) An den gedörrten Stockfisch denkt der Italiener, wenn er einen mageren Menschen baccalä nennt. In dem- selben Sinne wird bacälao im Span, gebraucht, während man im Deutschen einen hölzernen, steifen Menschen mit „Stock- fisch" bezeichnet, wobei der Stockfisch als Vertreter des ganzen intellektuell ziemlich niedrig stehenden Fischgeschlechts erscheint. (Vgl. deutsch dumm wie ein Stockfisch; frz. bite comme un hareng) Umgekehrt nennt man den Stock- fisch in Toulouse esixmpido „den Dummen". (Vgl. Rolland, Faune pop., III, pag. 117.) Dem Italiener ist der Stockfisch Symbol der Gleichgültigkeit und Unempfindlichkeit auf moralischem Grebiet; daher wird ein in religiösen Dingen gleichgültiger Mensch gern mit baccalä bezeichnet. . Der Stockfisch ist infolge seiner Häufigkeit einer der wohlfeilsten Fische, es macht ihm in dieser Beziehung nur der Hering Konkurrenz. Auf der Minderwertigkeit des Stock- fisches beruht — mit Übertragung auf das ethische Gebiet — frz. morue als Bezeichnung eines liederlichen Weibes. Die Wichtigkeit des Stockfisches für den Handel geht hervor aus dem Spitznamen codfish aristocracy „Stockfischadel", der im angloamerik. Slang der Geldaristokratie beigelegt wird. Es wird damit auf die durch den Handel mit Stockfischen er- worbenen Reichtümer angespielt Ein Beweis für die große Bedeutung des Stockfisches als Nahrungsmittel ist die Be- nennung des niederländischen Hanswursts mit dem Namen dieses Fisches (daneben auch Pikelhering, vgl. pag. 225) sowie die im Deutschen übliche scherzhafte Bezeichnung Heringsbändiger für einen Ladendiener in einem Eß- warengeschäft. 230 I>er A.al. Der Aal. Deutsch Aal bemht auf mhd., ahd. dl Hiermit ver- wandt ist alteng^l. cel, wovon neuengl. eel Die romanischen Bezeichnungen des Aales: ital. anguiUa, span. anguila, frz. anguiUe gehen auf lat. anguilla^ Dim. von unguis „Schlange", zurück*) Von der schlangenartigen Gestalt des Aales hergenommen ist span. anguila de cabo „Aal aus Strähnen" als Bezeichnung der Peitsche für die Galeerensklaven, womit sich engl. saU-eel „Pökelaal" als ehemalige Benennung des auf Schiffen zum Prügeln dienenden Tauendes vergleichen läßt. Gleichfalls mit Beziehung auf die Gestalt des Aales werden im Span, die Bohren zur Speisung der Schiffspumpen anguilas genannt. Aus dem Ital. ist anzuführen ein von anguüla abgeleitetes anguillare als Bezeichnung eines langen, geradlinigen Weinspaliers. Hier- herzuziehen ist ferner aus dem Deutschen der Gebrauch von „Aal" für eine Falte in der Hose; auch frz. anguille wird ähnlich gebraucht. Zahlreich sind die Metaphern, die sich auf die glatte, schlüpfrige Haut des Aales beziehen, wie überhaupt dieser Fisch häufig als Symbol eines Menschen verwendet wird, der sich allen Versuchen, ihn irgendwie festzuhalten, zu entziehen versteht. (Vgl. Paul, Deutsches Wörterbuch unter „Aal".) So sagten schon die Römer von einem schlauen Menschen, dem schwer beizukommen war: Anguüla est, elabitur (Plautus), er ist ein Aal, er entgleitet. Dieselbe Metapher findet sich in den romanischen Sprachen: ital. sguizzare di mano come un' anguüla, span. escurrirse como un anguüa, frz. khapper comme une anguille. Auch dem Deutschen ist die Redensart wie der Aal der Hand entschlüpfen nicht fremd. Von einem Menschen, dessen übertrieben höflichen Manieren die innere Gesinnung nicht entspricht, sagt man im Deutschen, er sei aalglatt, er habe aalglatte Manieren. Am leichtesten *) Umgekehrt wird in franz. und ital. Mundarten die Schlange, bzw. Natter, nach dem Aal benannt : franz. anguUle de haiea, anguille de buissons „Heckenaal", ital. anguiUa di siepe, (Vgl. Rolland, Faune pop., III, pag. 22 f.) Der Aal. 231 entschlüpft der Aal, wenn man ihn beim Schwänze hält. Darauf bezieht sich das deutsche Sprichwort: Wer den Aal hält bei dem Schwanz, dem bleibt er weder halb noch ganz. Im Engl, findet sich ein ähnliches Sprichwort: There is as much hold of a womarCs toord as there is of a web eel by the taüj es ist ebenso schwer, ein Weib beim Wort zu fassen wie einen nassen Aal beim Schwanz. Analog sagt der Franzose : Qui prend Tanguille par la queue et la femme par la Parole^ peut dire qu'il ne tient rien. Wer den Aal beim Schwanz und das Weib beim Worte faßt, kann sagen, daß er nichts in der Hand hat. Wörtlich stimmen hiermit uberein die ital. und span. Analoga: Chi piglia Vanguüla per la coda e la donna per la parola, pud ben dir che non tien niente. — Quien prende el anguila por la cöla y la muger por la palabra, bien ptiede decir que no tien nada. Demgemäß bedeutet ital. tener VanguiUa per la coda, den Aal beim Schwänze halten, „eine schwierige Aufgabe auf sich haben". Wie der Deutsche von einem, der eine Sache verkehrt anfängt, sagt: Er zäumt das Roß beim Schweif auf, so gebraucht der Engländer in diesem Sinne die Redensart to sJcin the eel by the tail, den Aal beim Schwänze abschuppen. Genau so sagt der Franzose: Archer Vanguille par la queue, (Vgl. Rolland, Faune pop., III, pag. 102.) Hierher gehört gleichfalls aus dem Franz. die sprichwörtliche Redensart pour trop presser Vanguille on la perd, wenn man den Aal zu sehr drückt, verliert man ihn, d. h. gerade wenn man sich am eifrigsten um etwas bemüht, ver- liert man es sehr häufig. Vereinzelt steht das franz. Sprich- wort : Ä bon pecheur echappe anguille, auch einem guten Fischer entschlüpft manchmal ein Aal, d. h. auch der Tüchtigste kann einmal fehlen. Mit Bezug auf die außerordentliche Beweglichkeit des Aals sagt man im Ital. von einer Person, die an nervösen Zuckungen leidet : Ha la voglia delV anguilla. Dementsprechend nennt der Italiener eine kleine, magere, bewegliche Frauens- person gern anguilla. Ebenso vergleicht der Franzose — mit Übertragung auf das moralische Gebiet — däsJVeib mit dem Aal in dem Sprichwort : Femme se retourne" fnieux qu^anguille, ein Weib dreht sich besser als ein Aal , . d. h. das Weib weiß sich immer zu helfen. (Vgl. deutsGl\:iSich wie ein 232 I^r Aal. Aal krümmen.) Auch ein unserem „Plumpsackverstecken'^ ähnliches Spiel bezeichnet der Franzose als anguüle, indem der zu versteckende Gegenstand mit dem Aal verglichen wird» der sich mit Vorliebe in den Höhlen und Bitzen felsiger Ufer verbirgt. Das Fleisch des Aales ist ein beliebtes Nahrungsmittel, Aalpastete ist sogar ein gesuchter Leckerbissen, weshalb man im Franz. mit dem Ausruf toujours du päte cTanguiUel immer Aalpastete ! ausdrücken will, daß man selbst des Besten mit der Zeit überdrüssig werden kann. Seiner kulinari- schen Verwendbarkeit wegen wird dem Aale eifrig nachge- stellt, u. zw. wird die Aalfischerei besonders in Italien erfolgreich betrieben. Auf den Aalfang bezieht sich das Sprichwort: Come Vanguüla ha preso Vamo, bisogna che vada dove i tirata, sobald der Aal in den Haken gebissen hat, muß er folgen, wohin man ihn zieht, d. h. wer A sagt, muß auch B sagen. Da der Aalfang nicht nur gewerbsmäßig, sondern auch als Sport betrieben wird, gelangt die Redensart pigliar anguüle, Aale fangen, durch Generalisierung zur Bedeutung „sich vergnügen, bummeln, faulenzen^^ Der Aal zeichnet sich durch besondere Zählebigkeit aus ; es ist daher keine Kleinigkeit, ihn umzubringen. Hierauf bezieht sich die franz. Redensart rompre Tanguille au genou^ den Aal am Knie abbrechen, d. h. die schlechtesten Mittel zur Erreichung eines Zieles anwenden. Während alle anderen Fische zum Zwecke kulinarischer Verwendung abgeschuppt werden müssen, löst sich die Haut des Aales beim Sieden von selbst, worauf die deutsche Redensart beruht den Aal schuppen, d. h. Schwieriges und Unnötiges versuchen.*) Auffallend ist die engl. Redensart to catch a blind eel, einen blinden Aal fangen, d. h. etwas Wertloses erwischen, als ob die Genießbarkeit des Aales von seinem Sehvermögen abhinge. Auf die Lebensweise des Flußaals, von dem behauptet wird, daß er sich des Nachts auf nah gelegene Felder begebe, *) Offenbar anf eine einst sehr bekannte Anekdote spielt an die frz. Eedensart: II est comme les anguilles de Melun qui crient avant qu'on les horche, er macht's wie die Aale von Melou, die schreien, bevor man sie mbschnppt. Nach BoUand, Fanne pop., ni, pag. 103, waren die Aale von Helon ehemals sehr berühmt. Die Schnecke. 233 bezieht sich das ital. Sprichwort: Banguüla che vuol mangiar insalata, bisogna che venga a tetra, wenn der Aal Salat fressen will, muß er ans Land kommen, was ungefähr dem deutschen „Ohne Fleiß kein Preis" entspricht. Von dem Meeraal hingegen, der sich gern am Strande, u. zw. in Felsenritzen*) aufhält, hergenommen ist die franz. Eedensart : Ily a anguille sous röche, es ist ein Aal unter dem Felsen, d. h. es steckt ein Betrug hinter einer Sache. Es spielt hier der harmlose Aal die Rolle der Schlange und für eine solche mag er von Unkundigen wegen seines schlangen- ähnlichen Körpers wohl auch gehalten werden. (Man denke an die Etymologie von lat. anguilla = Dim. von anguis „Schlange.) **) Auch das frz. Sprichwort : Le serpent est cache sous les fleurs, die Schlange ist unter den Blumen verborgen, hat eine dem oben zitierten Sprichwort ähnliche Bedeutung. Hingegen wird der Aal als Symbol der Einfalt in Gegen- satz gebracht zu der beim Volke für listig geltenden Schlange in der ital. Eedensart far la setye tra le anguille, zwischen den Aalen die Schlange spielen, d. h. ein Schlaukopf sein unter Einfältigen. Unter diesen Schlangen sind Wasser- schlangen zu verstehen und die Dummheit der Aale besteht darin, daß sie ihren Feind nicht erkennen. Die Schnecke. Deutsch Schnecke geht zurück auf mhd. sneclce, ahd. snecJco. Daneben gibt es im Mhd. eine Nebenform sn^gel, die in hessisch Schnegel weiterlebt. Hiermit ist verwandt alt- engl. snce^l, wovon neuengl. snaü. Für die nackte Land- schnecke gebraucht der Engländer snug-snail, d. h. langsame Schnecke, und mit V^eglassung des Substantivs auch einfach snug, das infolge Bedeutungsgeneralisierung auf jede Art von Schnecken angewendet werden kann. *) Vgl. das itaJ. Sprichwort: Non h si grossa anguüla che non abbia ü 8U0 bucOy es gibt keinen so großen Aal, der nicht sein Loch hätte, wofür man im Deutschen sagt: Jede Maus hat ihr Haus. **) Vgl. die ital. Redensart; Mi vorresti far credere che Vanguüle sian serpi, du möchtest mir weismachen, daß die Aale Schlangen seien, d. h. du möchtest mir ein X für ein U vormachen. 234 ^'^^ Schnecke. Was die romanischen Sprachen betrifft, so beruhen ital. lumaca, span. limaza, frz. limace, limagon, colimagonj auf lat. limaceus aas Umax „Wegschnecke^. Im Span, ist die Be- zeichnung der Wegschnecke babosa, was eigentlich ein Adjektiv ist (von baba „Schleim, Geifer") und „schleimig" bedeutet. Die Gehäuseschnecke heißt im Span, caracöl, welches Wort man als eine Zusammensetzung von cara „Gesicht" und coUum „Hals" auffaßt. Das Wort würde also gleichsam „Hals über Kopf" bedeuten (mit Beziehung auf die gewundene Gestalt des Schneckengehäuses). Es existiert auch im Ital. (caracöllö) und im Franz. {caracol, caracole) als Lehnwort, allerdings nur in übertragener Bedeutung (siehe pag. 235). Die altfranz. Form von escargot „Weinbergschnecke", escargöl, deutet gleich- falls auf Entlehnung aus dem Spanischen. Durch Metathese ist aus lat. Cochlea (von griech. xoyxUag) clochea und daraus ital. (supponiert) chiocchia entstanden, woraus diminutiv gebildet chiocciola „Weinbergschnecke". Was die auf die Schnecke bezüglichen Metaphern be- triflft, so beruht deren Mehrzahl nicht auf einem Vergleich mit der Schnecke selbst, sondern mit ihrem spiralförmigen Gehäuse. In allen Kultursprachen werden gewundene Gegen- stände metonymisch nach der Schnecke benannt. (Vgl. griechisch Y,oyyiUag „Schnecke" und „Schraube".) So hieß schon im Mhd. die Wendeltreppe „Schnecke" (jetzt Schneckentreppe) und analog nennt man einen gewundenen Gang Schneckengang. In den romanischen Sprachen finden wir für diesen Begriff dieselbe Bezeichnung: ital. scala a chioccicola, span. geradezu caracol, frz. escalier en limagon. Ferner wird im Deutschen „Schnecke" für verschiedene Schraubenarten verwendet, wozu sich in ital. chiocciola „Schraubenmutter" ein Analogon findet. Der Gehörgang wird in allen Kultursprachen nach der Schnecke benannt: deutsch Schnecke, span. caracol, frz. limagon de Voreille, Im Ital. ist dafür das halbgelehrte coclea, eine Scheide- form zu chiocciola, im Engl, das ganz gelehrte Cochlea üblich. Auch die Spielfeder der Taschenuhr wird im Deutschen, Engl., Franz. und Span. „Schnecke" genannt. Im Ital. wird in familiärer Sprache metonymisch die ganze Uhr damit be- zeichnet {chiocciolina, kleine, chiocciolona, große Taschenuhr). Weiter wird im Deutschen „Schnecke" auf eine gerollte Haar- Die Schnecke. 235 locke angewendet. In den übrigen Sprachen findet sich kein Analogen. Doch scheint span. caracol in Andalusien dialektisch in diesem Sinne gebraucht zu werden. Wenigstens finde ich bei Valera, Pepita Jim6nez, pag. 41, dieses Wort gesperrt gedruckt und mit dem erklärenden Zusatz versehen: rizos sujelos con sendas horquülas „mit mehreren Haarnadeln be- festigte Locken^'. Aus dem Deutschen ist noch anzuführen der Gebrauch von „Schnecke" für die Volute einer Säule sowie landschaftlich für ein gewundenes Gebäck, wozu sich in span. caracolülo (Dim. von caracol) „Hohlhippe" ein Analogen findet. Schuchardt (Eoman. Etymologien II, 23 ff.) leitet auch romanisch coca, die Bezeichnung einer schneckenft)rmigen Gebäcksart, von Cochlea „Schneckengehäuse" ab. Auf coca beruhen ital. cuccagna, span. cucana^ franz^ cocagne „Schlaraffen- land" sowie das deutsche Kuchen. In der span. Sportsprache wird metonymisch mit caracol das Herumtummeln des Pferdes im Kreise bezeichnet. Auch sagt man von einem, der sich in einer gewundenen Linie vorwärts bewegt: Hace caracoles, er macht Schnecken. Das Span, besitzt selbst ein Verbum für diesen Begriff, nämlich caracolear, wovon wieder das Verbal- substantiv caracoleo gebildet ist. Dem entsprechen ital. cara- collOy frz. caracole, caracoler, die sich sämtlich als Entlehnungen aus dem Span, erweisen. Hierher gehört ferner aus dem Ital. die Redensart fare il chiocdolino, das Schneckchen machen, d. h. die Beine heraufziehen, wozu sich in franz. se limagonner (von limagon) ein Analogen findet. Auf die Schleimabsonderung der Schnecke (vgl. frz. sahy baveuXj gluant comme une limace, Rolland, Faune pop., III, pag. 212) bezieht sich im Deutschen die Bezeichnung der Vagina mit dem Namen dieses Tieres. (Tiemamen werden nicht selten zur Benennung des weiblichen Geschlechtsteils verwendet. Vgl. deutsch „Maus", ital. monnaj frz. chat) Als Nebenvorstellung mag wohl die Ähnlichkeit der Mutterscheide mit einem Schneckengehäuse mitwirken. Hiermit ist zweifellos semasiologisch in Zusammenhang zu bringen die im Pariser Argot für eine Soldatendirne übliche Bezeichnung limace, wozu wir schon im lat. Umax ein Analogen finden, das Plautus für «ine Dirne gemeinster Art gebraucht. Da die Schnecke den zurückgelegten Weg durch einen Schleimstreifen kenn- 236 ^ie Schnecke. zeichnet, sagt der Italiener von einem unordentlichen Menschen^ der alles wüst umherliegen läßt: Lascia lo sirascico dietro a si come le lumache, er läßt eine Spur hinter sich wie die Schnecken; dies kann auch auf einen angewendet werden; der überall unangenehme Erinnerungen hinterläßt. Mit limace de la lüerature „Literaturschnecke" bezeichnet Rivarol einen ober- flächlichen Schriftsteller: II laisse partout une trace argenUe^ mais ce rCest que de Vecume^ er läßt überall eine silberne Spur zurück, aber es ist nichts als Schaum. (Vgl. Sachs, Zusammen* hang von Mensch und Tier in der Sprache in NeuphiL Zentral- blatt 1904, pag. 258.) Mit Bezug auf die weiße Farbe dieses Schleims wird im Ital. ein von lumaca gebildetes aUumacare im Sinne von „weiß anstreichen" gebraucht. An die gehäuselose Wegschnecke, die durch die wohl- gerundete Form ihres Körpers den Eindruck behaglicher Körperfülle macht, wird jedenfalls gedacht, wenn man im Deutschen ein wohlgenährtes Kind ein fettes Schneckchen nennt. Auch an und für sich wird im Deutschen Schneck- chen, im Franz. limace, als Liebkosungswort gebraucht. Speziell auf die Gehäuseschnecke beziehen sich einige Metaphern. So ist im älteren Ital. chioccidla Bezeichnung für eine Art Überkleid, in das man sich ganz einwickelte. Hierzu finden sich Analoga im mexikanischen Span., wo caracol ein weites, aber kurzes Frauenhemd bezeichnet, sowie im Pariser Trödlerargot, in dem limace geradezu für „Hemd" gebraucht wird. Aus der franz. Soldatensprache ist hierher zu ziehen escargot als Bezeichnung eines Soldaten in seinem Zelte. Von einem häuslich lebenden Menschen sagt der Italiener mit Be- zug auf die Fähigkeit der Schnecke, sich völlig in ihr Gehäuse zurückzuziehen: JE come la chiocciola, er ist wie die Schnecke, und ähnlich drückt sich der Franzose aus, indem er sagt: II est retire chez lui comme un limagon dans sa coquille, er lebt zurückgezogen wie eine Schnecke in ihrem Gehäuse. Kluges Nachgeben versinnbildet er mit dem Bilde der ins Gehäuse zurückkriechenden Schnecke: II rentre dans sa coquille. (VgL Bergmann, Die sprachliche Anschauung und Ausdrucksweise der Franzosen, pag. 121.) Hingegen vergleicht er einen Streber, der sich über seinen Stand erhebt, mit der aus dem Gehäuse hervorkriechenden Schnecke : Cest un limagon qui sort Die Schnecke. 237 de sa coquiUe. Von einem Vagabunden, der seine ganze Habe bei sich trägt, sagt der Italiener: Fa come le chiocciole che portano la casa dietrOj der Franzose : II est comme Vescargot qui porte sa maisan, er ist wie die Schnecke, die ihr Haus trägt. {Vgl. EoUand, Faune pop., III, pag. 195.) Auch wird escargot ohne weiteres für „Lump" gebraucht. Auf der Hand liegt der Vergleich eines langsam gehenden Menschen mit der scheinbar sich nur mühsam fortschleppenden Schnecke. So nennt der Pariser den gemächlich einher- schlendernden Schutzmann escargot de trottoir „Trottoir- schnecke". Im Deutschen sagt man schleichen wie eine Schnecke und im Engl, to proceed at a snaiTs pace oder to walk at a snail's trot, analog im Ital. andare come le lumache. Die deutsche Schneckenpost findet sich auch im Engl. {snaiFs post). SnaiVs gallop „Schneckengalopp" wird ebenfalls ironisch gebraucht (vgl. franz. adroitj leste comme un ^cargot, gewandt, flink wie eine Schnecke) und snail in to snail along, wie eine Schnecke dahinschleichen , zeitwörtlich ver- wendet. (Hiermit läßt sich bayrisch Schnecken oder «chneckeln für „langsam gehen" vergleichen.) Als Ver- istärkung des Begriflfe tritt es zu slow (snaü-slow „schnecken- langsam"). Im Ital. wird das Augmentativ von lumaca, luma- €one, im pejorativen Sinne gebraucht und entspricht unserem „Schleicher". (Vgl. Borchardt- Wustmann, Sprichwörtl. Redens- arten unter „Schneckengang".) Wie die Maus, der Spatz, die Fliege und andere kleine Tiere, so erscheint auch die Schnecke hier und da als Symbol des Wertlosen, Unbedeutenden. No vale un caracol! No importa un caracol! Das ist nicht eine Schnecke wert! ruft der Spanier aus, wenn er seiner Verachtung für irgend etwas Wertloses Ausdruck geben will. (Hingegen ist die häufig gehörte Ver- wünschung caracoles nichts anderes als ein Glimpfwort für das qnanständige carajo.) *) Ähnlich dürfte dialektisch Schnecken zu erklären sein, womit man jemandes Forderung abschlägig beantwortet. Im Ital. dient chiocciola häufig zur pejorativen *) Die engl. Beteuerung ^snaüs! gehört nur scheinbar hierher, denn dieses ^snails hat nichts mit snail „Schnecke" zu tun, sondern erklärt sich eUiptisch aus his (Chrisfs) naüs, bei Christi Kreuz Nägeln. 238 I>ie Wespe. Naanciernng. So nennt man z. B. einen unbedeutenden Maler pUtore da ckiocciola „Schneckenmaler". (Vgl. pittore di code di topo „Mäuseschwanzmaler".) Auf die völlige Harmlosigkeit der Schnecke spielt der Italiener an, wenn er von einem, der aus den unschuldigsten Dingen Schaden erleidet, sagt: Sino le chiocciok lo cozzanOj sogar die Schnecken stoßen ihn. Die Wespe. Deutsch Wespe beruht auf mhd. w^spe, älter w^fse, ahd. wf/sa, älter wixfsa. Im Altengl. lautet das Wort uxBfSy tccsps, wovon neuengl. tmsp. Bezüglich der Metathese vgl. man österreich.-dialektisch Wepsen für „Wespe". Die romanischen Benennungen der Wespe : ital. vespa, span. avispa, franz. gu^Cj gehen sämtlich auf lat. vespa zurück. Auf einem Vergleich mit dem tiefen Einschnitt, der Brust und Hinterleib der Wespe trennt und der ganzen Gestalt ein schlankes Aussehen gibt, beruht die Bezeichnung Wespen- taille für eine schlanke Taille. Der Ausdruck ist dem Franz. entlehnt (taük de gtiSpe\ findet sich aber auch im ItaL (vitina di vespa) und im Engl, (wa^-waisted, waspish, mit dünner Taille). Wegen ihres Stachels, mit dem sie empfindlich stechen kann, war die Wespe von jeher Symbol der Reizbarkeit, namentlich insofern diese sich in scharfer Replik äußert. (VgL portug. responder como a bespa, wie die Wespe antworten.) So wird „Wespe" in allen Kultursprachen auf einen reizbaren Menschen angewendet. Im Engl, ist von wasp ein Adjektiv waspish „reizbar" und von diesem wieder das Substantiv waspishness „Reizbarkeit" gebildet Aber nicht bloß eine bos- hafte Person (vgl. frz. taquin comme une guepe, Rolland, Faune pop., III, pag. 271), sondern auch ein boshafter Einfall wird im Engl, tmsp genannt. (Vgl. „Wespen" als Titel eines satirischen Witzblattes.) Es liegt hier die in der Semasio- logie so häufig auftretende Erscheinung der Übertragung eines Sinneseindrucks auf die innere Empfindung vor. Doch Die Wespe. 239 kann im Engl, wasp für „Einfall" überhaupt gebraucht werden. He hos his head füll of tmsps, er hat den Eopf voll Wespen, heißt „ihm steckt der Kopf voll Einfalle". (Vgl. hiermit den Gebrauch von „Maus", „Vogel", „Mücke", „Grille" im Deutschen, von rat, hirondeUe im Franz. für den- selben Begriff, wobei ganz allgemein das Unstete der Ge- danken mit dem Hin- und Herschwirren dieser Tiere ver- glichen wird.) Kann schon eine einzige Wespe sich sehr unangenehm bemerkbar machen, so ist es geradezu gefährlich, ein ganzes Wespennest aufzurühren. Daher ist das Wespennest in allen Kultursprachen das Symbol der Gefahr, in die man sich ent- weder mutwillig oder von ungefähr begibt. So sagt man im Deutschen von einem, der eine gefährliche Sache aufrührt oder seine Gegner in Menge zum Angriff reizt: Er sticht in ein Wespennest. Schon im Lateinischen findet sich dasselbe Bild : irritare crabrones (bei Plautus), die Hornisse reizen (vgl. frz. il ne faut pas emouvoir les frelons, frelon = supp. fragilio aus fragüis „gebrechlich"). Übereinstimmend mit dem Deutschen sagt der Italiener stuzzicare un vespaio, der Spanier meterse en un avispero, der Franzose tomber dans un guepier, in ein Wespennest fallen, wobei allerdings die Neben Vorstellung des absichtlichen Reizens fehlt. Treffend bezeichnet im engl. Cant tvasp ein venerisches Weib, wobei die beim Beischlaf statt- findende Übertragung des Krankheitsstoffes mit dem Stiche der Wespe, die ihren Stachel in der Wunde zurückläßt, ver- glichen wird. (Vgl. ital. vespaio = Furunkel.) Auf dem Ver- gleiche der zum Schlage ausholenden Hand mit der heran- fiiegenden Wespe und des erfolgten Schlages mit dem Stiche des Insekts, beruht die im Deutschen landschaftlich vor- kommende Bezeichnung „Wespe" für „Ohrfeige". (Vgl. „Schwalbe", „Wachtel".) Hierher gehört auch span. avispar „anspornen, antreiben" (mit Bezug auf Pferde), wobei die durch die Sporen oder die Peitsche hervorgerufene Schmerz- empfindung mit der durch den Wespenstich verursachten ver- glichen wird. Anspielend auf die außerordentliche Beweglichkeit der Wespe gebraucht man im Span, das Adjektiv avispado im Sinne von „fiink". Auf das Summen der Wespen bezieht sich 240 ^^^ Ameise. im Ital. der Vergleich rumorosi come uno aciame di vespe, lärmend wie ein Wespenschwarm. Die Ameise. Deutsch Ameise beruht auf mhd. ameize, ahd. ameiza, dem altengl. cemette entspricht, wovon neuengl. emmet, ant. Dialektische Formen sind im Deutschen in großer Menge vor- handen. Ihre Erklärung, die viel Schwierigkeiten bietet, findet man bei Kluge, Etym. Wörterbuch, pag. 12. (Vgl. femer über die germanischen Namen der Ameise Transact. of the phil. Soc, 1858, pag. 94.) Im Engl, wird neben emmei und ant auch mire (aus altengL myre) und ein mit piss „pissen" zusammengesetztes pissmire gebraucht, wozu sich im nieder- deutschen sSx-amsen {sexen = pissen) ein Analogen findet. (Diese Bezeichnungen beziehen sich auf die ätzende Flüssig- keit, die die Ameisen in gereiztem Zustande ausspritzen.) Die romanischen Benennungen der Ameise: ital. formica, span. hormiga, frz. fourmi, gehen sämtlich auf lat. formica zurück. Was die metaphorische Verwertung der Ameise in den Kultursprachen betrifft, so wird sie zunächst im Ital. häufig als Symbol der Kleinheit verwendet. So bedeutet scrüf>o a formiche, mit Ameisen geschrieben, s. v. w. außer- ordentlich klein geschrieben. Cervello di formica „Ameisen- him" nennt der Italiener ein kleines Hirn und bezeichnet damit einen beschränkten Kopf. Dementsprechend heißt es von einem, der kleine Schritte macht: Va a passi di formica, er geht mit Ameisenschritten.*) Im Portug. wird ein von formiga gebildetes Adjektiv formigueiro im Sinne von „klein, unbedeutend" gebraucht. So wird ein Dieb, der nur Sachen von geringem Werte stiehlt, ladräo formigueiro „Ameisendieb" genannt. Ebenso sind peccados formigueiros „Ameisensünden" kleine Sünden. Desgleichen ist im Franz. die Ameise das Bild der Kleinheit, so z. B. in der Bedensail; devenir plus petit qu'une ♦) Im Dialekt von Warwickshire gebraucht man die Wendung ie Flieg«. Begentschaft eine Art Sänfte auf Rädern {sedan-chair on wheels) bezeichnet wurde. Die dem Personenverkehr dienenden Seinedampfer werden gleichfalls mauches genannt. Dieselbe Bezeichnung fuhrt im Franz. ein kleines Bekognosziertmgs* schiff wozu sich in span. mosca als Benennung eines kleinen Seeschiffes ein Analogen findet. Hierher gehört schließlidi auch span. mosca in der Bedeutung „gemünztes Geld^. Ffir „Geld ausgeben^ sagt demnach der Spanier söUar la moscaj die Fliege loslassen. Daneben findet sich aficjar la mosca, worin die Metapher nicht mehr gefühlt wird, denn a/2q^ heißt „schlaff machen^ und bezieht sich auf das Öffnen des mit einer Schnur verschließbaren Geldbeutels. Vgl. die deutsche Bedensart: „das Geld fliegt nur so'', sowie den Gebrauch von „Vogel'', speziell „Schnepfe", für „Münze*'. Anspielend auf die Leichtigkeit, mit der sich die Fliege auf glatten Flächen bewegt, nennt der Italiener einen Seiltänzer uomo mosca „Fliegenmensch". Auf die schwärzliche Färbung der Fliege bezieht sich im Ital. die Bezeichnung mosca bianca „weiße Fliege" für etwas Unerhörtes, Seltenes. (Vgl im Deutschen „weißer Babe", im Engl, white crowj im Franz. merle bianc) Wie treffend und humorvoll gerade die volkstümlichenMetaphem sind, beweist die Bezeichnung mosca en leche^ Fliege in der Milch, die der Spanier aus dem Volke auf ein weiß gekleidetes, brünettes Mädchen anwendet, dessen dunkler Teint sich unvorteilhaft von dem Weiß des Kleides abhebt. (Vgl. escarabc^o en leche, pag. 243.) Dem Franz. {une mouche dam du lait) und dem ItaL (una mosca cascata nel latte) ist diese Metapher ebenfalls geläufig. Mit Bezug auf das geringe Gewicht der Fliege sagt man im Deutschen von einem zartgebauten Mädchen: Sie ist leicht wie eine Fliege, ebenso itaL: Pare una mosca. Indem von der physischen Minderwertigkeit auf die moralische geschlossen wird, wendet man „Fliege" im Deutschen gelegent-* lieh auf ein leichtfertiges Mädchen an. Überhaupt wird dieses Insekt gern als Symbol der Wert** losigkeit gebraucht. Im Pariser Argot übernimmt mouche geradezu die Funktion eines Adjektivs mit der Bedeutung „schlecht, wertlos, schwächlich". Im Ital. sagt man von einem, der das Angestrebte nicht erreicht hat: il rimasto coüe mani Die Fliege. 2&1 pkne di mosche, ihm sind nur Fliegen in d«r Hand geblieben. Hierher gehören femer die span. Sprichwörter : Mdsvale una 4befa que mil moscas, eine Biene ist mehr wert als tausend Fliegen (auch schweizerisch), und ÄremoB, dyo la mosea al iuey, pflügen wir, sagte die Fliege zum Ochsen, was auf einen angewendet wird, der sich in törichter Überschätzung sein^ Kräfte einbildet, durch seine Mitwirkung irgend ein Unter- nehmen beträchtlich zu fordern, während er in Wirklichk^t infolge seiner Unzulänglichkeit vollständig entbehrlich ist Im Franz. findet sich ein Analogon in der Redensart faire la mouche du coche, die Fliege auf dem Wagen spielen. Es ist dies eine Reminiszenz an die Lafontainesche Fabel von der Fliege, die sich einbildet, durch ihre Bemühungen ein berg^ui fahrendes Fuhrwerk ans Ziel gebracht zu haben. In ähnlicher Weise läßt der Engländer die auf dem Wagenrad sitzende Fliege (the fly on the coach-wlieeF) zum Kutscher sagen: Was für einen Staub wir machen I Hierher gehört auch aus dem älteren Franz. die Bezeichnung disner de mouche „Fliegenmahl'* für eine ärmliche Mahlzeit. (Vgl. BoUand, Faune pop., III, pag. 309.) Analog sagt der Italiener von einem mageren Verdienst: Non ci camperebbe una mosea, es könnte nicht eine Fliege davon leben. Als Bild des Unbedeutenden, Nichtigen erscheint die Fliege gleichfalls in dem deutschen Sprichwort: Adler fangen keine Fliegen, d. h. ein großer Geist gibt sich nicht mit Kleinigkeiten ab. Dasselbe Diktum findet sich auch in den anderen Kultursprachen. So im Engl., bzw. Schottischen: Eagles catch nae jßies, im Ital.: Vaquila non mangia mosche, im Franz. : Uaigle ne chasse point aux mouches, im Lat.: Äquila non captat muscas. Als Symbol physischer Ohnmacht wird die Fliege dem Elefanten gegenübergestellt in der engl. Redensart to change a fly into an eJephant, eine Fliege in einen Elefanten verwandeln, die sich übrigens auch im Ital., Franz. und schon im Lat. findet: Fare d^una mosca un elefante, faire d'une mouche un eUfani, elephantem ex musca faeere. Im Deutschen tritt an Stelle der Fliege die Mücke, im Span, der Floh {hacer de una pulga un elefante). Im ähn- lichen Sinne gebraucht der Engländer die Redensart to crush a fly on a whed, eine Fliege mit einem Rade zerquetschen, d. h. einen schwachen Gegner mit wuchtigen Waffen be« 252 I>ie Fliege. kämpfen. (Vgl. im Deutschen: mit Kanonen auf Sperlinge schießen.) Mit Anspielung auf den unhörbaren Flug der Fliege sagt mau im Ital., bzw. Franz. um eine große Stille zu charakterisieren : Si sentirebbe volare tma mosca, on entendrait voler une mouchey man könnte eine Fliege fliegen hören. So ist zweifelsohne der ital. Ausruf mosca! „still"! identisch mit mosca „Fliege*' und als Ellipse zu erklären. Der voUständige Satz würde etwa heißen: Che non si senta una mosca! nicht eine Fliege soll man hören! Auf die kurze Lebensdauer der Fliege und ihre geringe Widerstandsfähigkeit gegen die Kälte bezieht sich die Redens- art fallen wie die Fliegen, wozu sich in anderen Sprachen, z. B. im Ital., Analoga finden {morire come le mosclie\ Auch gebraucht der Italiener die Fliege geradezu als Symbol der heißen Jahreszeit, indem er für cominda la State, der Sommer beginnt — la state i finita, der Sommer ist um, häufig sagt: Comincian le mosche — le mosche sono finite. (Vgl. das deutsche Sprichwort: Fliegen und Freunde kommen im Sommer.) Mit Bezug auf die lähmende Wirkung, die die Kälte auf die Fliegen ausübt, sagt man im Deutschen, um einen hohen Grad von Mattigkeit zu bezeichnen, matt sein wie eine Fliege (zu ergänzen: im Winter). Auf das massenweise Vorkommen der Fliegen, die nament- lich in Räumen mit hoher Temperatur schwarmweise auf- treten, bezieht sich der ital., bzw. frz. Vergleich fitto come le mosche, dru comme mouches, dicht wie Fliegen, wofür man im Deutschen „hageldicht" sagt. Von der Beschafl'enheit des Fliegenschmutzes, der schwarzen Tupfen gleicht, hergenommen ist ital. moscato, span. mosqueada „gesprenkelt, gefieckt" sowie franz. moticheter „sprenkeln". Die Fliege, welcher Spezies sie auch immer angehören mag, ist dem Menschen stets lästig. Die Stubenfliege um- schwärmt ihn, setzt sich ihm bald auf die Stirn, bald auf die Nase und ist durch nichts zu vertreiben. Die Schmeißfliege belästigt ihn mit ihrem eintönigen Gesumme, die Stechfliege schließlich saugt sogar sein Blut. Es ist daher natürlich, daß die Fliege in allen Sprachen Symbol der Zudringlichkeit ist md zur Versinnbildung alles dessen dient, was den Men- Die Fliege. 253 sehen ärgert und in Zorn bringt. Schon von den lateinischen Autoren (Cicero, Plautus) wurde musca als Bezeichnung eines neugierigen und zudringlichen Menschen gebraucht (vgl. griechisch ^ivla „Fliege" = Unverschämtheit, Keckheit) und diese Metapher hat sich in ital.-span. mosca fortgeerbt. Ganz besonders wird die Schmeißfliege (ital. moscone^ span. moscarda, moscardon) in diesem Sinne verwendet. So werden z. B. im Ital. junge Leute, die ein Mädchen in zudringlicher Weise umschwärmen, mosconi genannt Ähnlich bezeichnet Lafontaine in einer seiner Fabeln die zudringliche Höflingsschar als moiiches de cour „Hoffliegen". Der Franzose gebraucht mouche sogar adjektivisch in der Bedeutung „lästig, unangenehm" und analog verwendet der Spanier moscas! als Interjektion, um sich über etwas Lästiges zu beklagen. Auf die Stechfliege bezieht sich anscheinend die in Frageform gekleidete Redensart: Welche Fliege sticht ihn? ebenso franz.: Quelle mouche le pique? die man auf jemd. anwendet, der ohne sichtlichen örund in Zorn gerät. Möglicherweise ist das Stechen nicht wörtlich zu verstehen, sondern es ist damit wohl nur das un- angenehme Gefühl des Kitzels gemeint, das die Berührung der klebrigen Fliegenfüfle mit der Haut hervorbringt. Daher sagt man im Franz. von einem, den kleine Unannehmlichkeiten l)ereits aus dem seelischen Gleichgewicht zu bringen pflegen: 11 est tendre ä la mouche, er ist gegen die Fliege empfindlich. Im Engl, wird das Stechen der Fliege ganz allgemein zur Bezeichnung einer Laune, eines Gelüstes verwendet: as the ßy stings, wie die Fliege sticht, d. h. wie es einem gerade einfällt. Wenn der Italiener von einem in Zorn geratenden Menschen sagt: Gli salta la mosca, die Fliege fällt ihn an, so laben wir neben der Metapher noch eine Metonymie, indem die Ursache (der Angriff der Fliege) für die Wirkung (das Wütendwerden) gesetzt wird. Analog sagt der Spanier von jemand., der schlecht gelaunt und infolgedessen sehr reizbar ist: Estd con mosca oder va con mosca, er hat .die Fliege, und ähnlich der Franzose : La mouche lui monte ä la tete, die Fliege steigt ihm zu Kopf, il prend la mouche, er „kriegt" die Fliege (ebenso ital. prendere la mosca). Im Span, werden zwei von mosca gebildete Verba — mosquear und amoscarse — im Sinne von „wütend werden" gebraucht. Ebenso wird d' 254 I>ie Fliege. innere Unrnhe im ItaL und Span, gern mit masca bezeichnet. So sagt der Spanier, wenn ihn ein lästiger Gedanke beständig' quält: Pica la mosca, die Fliege sticht. Hierher zu zieh^i ist femer das deutsche Sprichwort: Hnngrige Fliegen (^Mücken^) stechen scharf, wozn sich im EngL ein Ana^ logon findet: Rungry flies Ute Bore. Aach das Verscheacbea der Fliege wird im ItaL und Span, metaphorisch verwertet^ und zwar für das energische Abwehren lästiger Dinge. So- sagt der Italiener von einem, der nicht mit sich scherzai läßt: Si Teva la masca äfä nasOj er dnldet keine Fliege anf der Nase,*) und der Spanier gebraucht die Bedensart sacudirse las^ "maseas^ sich die Fliegen abschütteln, im Sinne von „Feinde gewaltsam aus dem Weg räumen^. Speziell auf die Stech- fliege, die besonders Pferden und Bindern sdbr unangenehm wird, bezieht sich das deutsche Sprichwort: Die Fliege setzt sich immer auf ein mager Pferd, d. h. Aear Arme mu£ mehr Haare lassen als der Beiche. Hierzu bietem Analoga die übrigen Kultursprachen. So heißt es im Engl: Flies go to tean horseSy im Ital. : Äi cavaUi magri vatmo addoss» le mosdiSy im Franz.: Äux chevaux maigres vani les mouches* Nur der Spanier sagt abweichend : LI perro flaco todo es pulgas^ der magere Hund ist ganz yoll Flöhe. Von der Stechfliege hergenommen ist auch die span. Bedensart mosquear las espaldas (espcUda = Schulter) „peitschen", wobei die von den Peitschen- schlägen hervorgebrachten Wunden mit den Fliegenstichen in bezug auf die analoge Wirkung verglichen werden. Ähnlich bezeichnet der Franzose die Geburtswehen, die sich in stechen- den Schmerzen äußern, mit mouches. Hierher gehört ferner das von mosca abgeleitete ital. moscaio „Flieg^oschwarm", das der metaphorischen Verwendung seines Etymons entsprechend für eine lästige, unangenehme Sache gebraucht wird. Im Gegensatz zu den bisher zitierten Metaphern und metaphorischen Bedensarten, in denen die Fliege durchweg die Bolle eines lästigen, zudringlichen Tieres spielt, erscheint sie als Bild der Harmlosigkeit in der deutschen sprichwörtr '*') Hingegen bedeutet non si lasciar posar le mosche addosso, keine Fliegen auf sich dulden, s. y. w. „keinen Augenblick rnhig, immer in Be- wegung sein*'. Die Fliegre. 255 Hohen Redensart : Die Fliege an der Wand ärgert ihn, d. h. er ereifert sich über jede unschuldige Kleinigkeit. (VgL franz.: n suffit 31 WM moudtt pour Vamuser, es genügt eine Fliege, um ihn zu unterhalten.) Im Grunde steht diese Bedens* art in keinem Widerspruche zu den oben zitierten, da die Fliege, solange sie an der Wand bleibt, niemand belästigt. Höehst drollig sagt der Pariser von einem Mädchen, das sieh dber alle Anstandsregeln hinwegsetzt : EUe envaie des c&ups de pkd aux mouchesj sie versetzt den Fliegen FuBtritte, wobei sie nolens volens ihre Beine hoch heben muß. Auf die primitivste Methode der Fliegenvertilgung spielt an die deutsche sprichwörtliche Redensart zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, d. h. einen doppelten Zweck durch ein Mittel erreichen. Der Engländer gebraucht die^ selbe Redensart: to MU iwo flies tvUh one ftap^ der Franzose eine ähnliche: aboHre deux fnouches cFun coup de savate, zwei fliegen mit einem Schuhklaps niederschlagen. (Vgl. das Kapitel „Vogel", pag. 104 f., femer Borchardt-Wustmami^ Sprichwörtl. Redensarten, pag. 152.) Auf der durch große Kälte hervorgerufenen Erstarrung der Fliege beruht im Span, der Gebrauch von mosca muerta „tote Fliege" sowie von mascön fttr „Heuchler, Gleißner**. Hiermit könnte man in Zusammenhang bringen den Gebrauch von mosearddn und mosca für „Spion", da dieser sich auch verstellen muß, wenn man es nicht etwa vorzieht, das tertium comparationis in der Zudringlichkeit zu sehen, mit der Fliege wie Spion ihre Opfer verfolgen. Hierher scheint auf den ersten Blick auch frz. mouchard gehörig, das jedoch nur in der übertragenen Bedeutung „Spitzel" gebraucht wird. Nach Faß, Rom. Forschungen, HI, pag. 485, ist mouchard nur volks- etymologisch von mouche „Fliege" beeinflußt, in Wirklichkeit aber identisch mit mouchard „Schnüffler", das von moucher „schneuzen" (aus lat. muccare) abzuleiten ist. (Vgl. jedoch im Pariser Argot mouche = Polizei.) Hierher zu ziehen ist femer aus dem Franz. die Bezeichnung fine mouche, feine Fliege, fttr ein gewandtes, listiges Mädchen, besonders aus den unteren Ständen. Eozän (Les animaux dans les proverbes, II,pag.316ff.) allerdings bezieht das fln auf die Geschicklichkeit, mit der die Fliege sich einerseits überall eindrängt, andererseits alleF 256 I>ie Mücke. Verfolgungen entgeht. (Vgl. ital. egli v'k mosca, er ist darin gewandt.) In den meisten Eultursprachen ist das Fliegenschnappen Symbol des Müßiggangs. Das Bild ist jedenfalls hergenommen von dem müßig in der Sonne liegenden Haushund, der ab und zu nach einer Fliege schnappt. (Vgl. engl, to catch flies — davon subst fly-catcher, ital. pigliar masche, span. papar moscas, frz. gober des mouches „Fliegen schnappen, Fliegen fressen", was speziell unserem „Maulaffen feil halten" ent- spricht. In etwas weiterem Sinne wird im Span, cazar moscas, Fliegen jagen, gebraucht. Auf ein unfreiwilliges Fliegen- schnappen spielt an das engl. Sprichwort : A close mouth catches no flies, ein geschlossener Mund fangt keine Fliegen, d. h. nur der Schwätzer ist der Gefahr des Fliegenschnappens aus- gesetzt. Dieses Sprichwort findet sich auch in den romanischen Sprachen. So heißt es ital.: In bocca chiusa non entrb mai mosca, span. : En boca cerrada no entra mosca, franz. : En bouche dose n'entre motiche*) Auf einem Vergleich mit der Fliege, wobei das tertium com- parationis das Fliegen ist, beruht der franz. Vogelname moineau ;, Sperling" = altfrz. moisnel aus moisonel, dem Dim. von moisson (heute noch im Normannischen gebraucht), das auf supponiertes muscio aus lat. musca „Fliege" zurückgeht. (Vgl. pag. 171.) Auch der Sperber wurde im älteren Ital. nach der Fliege benannt {moscardo, moschetto, moschetta). Über die metaphorische Verwendung dieses Wortes siehe bei „Falke", pag. 112. Franz. imoxicliet „Sperbermännchen" ist ebenfalls von mouche gebildet.**) Die Mücke. Deutsch Mücke geht zurück auf ahd. mucTca, das auch „Fliege" bedeutet, wie noch heute das Wort dialektisch in *) Eine beträchtliche Anzahl von italienischen und französischen Sprichwörtern, die Fliege betreffend, findet man zusammengestellt bei Kolland, Faune pop., III, pag. 310. — Über ital. mosca cieca „blinde Kuh" vgl. Sachs, Zusammenhang von Mensch und Tier in der Sprache, in Neu- phil. Zentralblatt 1904, pag. 357. **) Möglicherweise sind diese Vögel nach der schwarzgesprenkelten Brust 80 benannt. (Vgl. ital. moscato, frz. moucheti „gesprenkelt", pag. 252.) Die Mücke. 257 dieser Bedeutung gebraucht wird. Hiermit läßt sich span. mosquito, trz. moucheron vergleichen, welche Wörter zwar „Mücke" bedeuten, aber Diminutive von mosca „Fliege" sind. Mit „Mücke" verwandt ist engl, midge, das altengl. myc§ lautet. Neben midge gebraucht der Engländer gnat^ das auf altengl. gncet beruht. In Norddeutschland wird für „Mücke" häufig Schnake gebraucht, das mhd. snake, ahd. snako lautet. Die romanischen Bezeichnungen der Mücke gehen teils auf lat. Culex zurück, wie das seltene ital. culice und franz. <^otmn (aus cuUdnus, Dim. von cülex), teils sind sie Diminutiv- bildungen von miisca „Fliege", wie span. mosquito, frz. moucheron, teils sind sie schließlich onomatopoetische Bildungen wie ital. zanzara, span. zenzalo und cinife. Die meisten Metaphern, die von der Mücke hergenommen sind, drehen sich entweder um die Winzigkeit oder die Blut- gier dieses Insekts. Was zunächst die ersteren betrifft, so :finden wir hauptsächlich in den germanischen Sprachen die Mücke als Symbol des Winzigkleinen und Unbedeutenden gebraucht. Im Deutschen wird eine schwächliche Person gern „Mücke" genannt. Eine ähnliche, mehr auf das moralische Gebiet hinüberspielende Bedeutung hat engl, gnat und dessen Dim. gnaüing, während midge geradezu „Zwerg" bedeuten kann. Ein munteres Kind nennt der Engländer midget und in analoger Weise bezeichnet der Franzose einen kleinen Jungen als moucheron. Im Ital. nennt man eine schwache Stimme vocino di zanzara „Mückenstimmchen", wie auch zanzara selbst für eine kleine, schwächliche Person gebraucht wird. Hierher gehört ferner aus dem Deutschen der Vogelname Grasmücke, dem im Span, mosquüa „Mückchen" entspricht.*) Sehr gebräuchlich ist im Deutschen die Redensart aus einer Mücke einen Elefanten machen, d. h. Unbedeuten- des zu Bedeutendem aufbauschen wollen. In diesem Falle wird im Engl., Ital. und Franz. nicht die Mücke, sondern die Fliege als Symbol des Kleinen gebraucht. Während in diesen Eedensarten die Mücke, bzw. Fliege zum Elefanten *) Winteler, Natnrlaute und Sprache, pag. 27 ff., führt in Unkenntnis dieser Analogie Grasmücke, bzw. ahd. grasmucca auf ein snppon. gra-smacca zurück und leitet dieses von der schallnachahmenden Stammsilbe »mack (wovon auch „Schmätzer'') ab. Biegler, Das Tier im Spiegel der Sprache. 17 258 ^ie Mtlcke. in Gegensatz gebracht wird, erscheint in der aus der Bibel stammenden Bedensart Mücken seigen und Kamele verschlucken das Kamel als Symbol des Großen. (Nach Matth. 23, 24 sagt Jesus zu den Schriftgelehrten und Phari- s&ern: „Ihr verblendeten Leiter, die ihr Mücken seigt und Kamele verschluckt^.) Diese Bedensart, die auf einen ange- wendet wird, der sich in törichter Weise mit Kleinigkeiten abgibt und dabei die Hauptsache übersieht, findet sich auch im Franz.: rejeier le moucheran et avaler le chameau sowie im Engl.: to strain at a gntxt and tx> swaUow a camel^ woher der engl. Ausdruck gnat-^rainer (deutsch Mückenseiger) stammt* Daß auch der Kleine und Schwache unter Umatänden zu fürchten ist, besagt das deutsche Sprichwort: Auch die Mücke hat ihre Milz, wobei originellerweise nicht die Galle, sondern die Milz als das Organ betrachtet wird, von dem die Zomesregung ausgeht Ein Analogon findet sich im Ital. : La masca ha la stia milea. (Vgl. deutsch : Ameisen haben auch Galle.) Daß hauptsächlich in den romanischen Ländern die Mücke als Symbol der Zudringlichkeit und des Schmarotzertums ge- braucht wird, ist in den klimatischen Verhältnissen der be- treffenden Länder begründet. J^ noioso come una zanzara, er ist lästig wie eine Mücke, sagt der Italiener von einem zu- dringlichen Menschen. Übrigens findet sich schon im Lat cükx in diesem Sinne. So nennt beispielsweise Plautus einen lästigen alten Liebhaber catia culex, grauhaarige Mücke; ähn- lich spricht man im Deutschen vom Mückenschwarm der Höflinge. Das franz. cousin wird häufig in der Bedeutung „Schmarotzer^ gebraucht. So sagt der Franzose von einem^ der sich seiner schmarotzenden Freunde nicht erwehren kann: II est mange des cousins^ er wird von den Mücken aufgefressen. Anch existiert im Franz. ein Verbum coimner „schmarotzen^. Man könnte darin eine Anspielung auf das homonyme cousin „Vetter^' sehen, denn sehr häufig setzt sich die Schar der Schmarotzer aus den nächsten Verwandten zusammen. In dem- selben Sinne wird auch span. dnife gebraucht, obwohl die mir zugänglichen span. Wörterbücher davon keine Notiz nehmen. In dieser Bedeutung finde ich das Wort wenigstens bei Galdös in seinem Bomane El amigo Manso gebraucht, in dem Der Floh. 269 der Held ein ihn beständig mit Geldfordernngen quälendes Frauenzimmer wiederholt „mi dnife^y meine Mücke, nennt Auf die Vorliebe der Mücken für alkoholische Getränke spielen an der franz. Ausdruck chassen^ousin „Mückenvertreiber" für einen sauren Wein sowie span. masquäa als Bezeichnung eines eifrigen Tabemenbesuchers. Wie der Schmetterling wird auch die Mücke von der Flamme angelockt. Die das Licht umtanzende Mücke wird daher zum Bilde des Unbesonnenen, der leichtsinnig die Gefahr herausfordert: Die Mücke fliegt so lange ums Licht, bis sie sich versengt. Im Ital. tritt der Schmetterling, im Franz. die Fliege an Stelle der Mücke. Der Floh. Deutsch Floh beruht auf ahd. floh, mhd. vldch (heute noch so im bayrisch - österr. Dialekt). Hiermit ist verwandt altengl. fleah, wovon neuengl. flea. Das Wort hängt mit „fliehen^ zusammen. Seine ursprüngliche Bedeutung ist dem- nach „Flüchtiger". (Vgl. die deutsche Redensart springen wie ein Floh, sowie die Benennung sauieme, sautereUe „Springerin" in vielen franz. Dialekten.) Die romanischen Bezeichnungen des Flohes : ital. puke, span. ptdga, franz. pme gehen sämtlich auf lat. pulex zurück. Wegen seiner winzigen Gestalt erscheint der Floh häufig als Symbol der Kleinheit. So entspricht der deutschen Redens- art „aus einer Mücke einen Elefanten machen" (vgl. pag. 257) im Ital. fare d'una pulce un cavaUo, aus einem Floh ein Pferd machen (daneben auch : fare d^una mosca un elefanU\ im Span. haeer de una pülga un camelh, aus einem Floh ein Kamel machen. Zum Elefanten wird der Floh in Gegensatz gebracht im ital. Sprichwort: II morso delle pülci no da noia alV elefante*) der Biß der Flöhe läßt den Elefanten gleichgültig, d. h. ein Großer braucht die Beleidigungen der Kleinen nicht zu fürchten. Kleine Augen nennt der Italiener occhi di puke „Flohaugen", *) Daneben anch : VeUfante non teme ü morso ddla pulce, der Ele- fant fürchtet den Biß des Flohes nicht. 17* 260 Der Floh. wofür der Deutsche den Ausdruck „Schweinsäuglein'^ ge- braucht. So sagt man im Ital. auch lobend von einem Mädchen, das für feine Handarbeiten besonderes Geschick hat : Ella sa fare gli occhi alle puld, sie kann den Flöhen die Augen machen. Bezug auf die Kleinheit des Flohes nimmt ferner die deutsche Redensart die Flöhe husten hören, die man auf jemd. anwendet, der sich auf seine intellektuellen Fähig- keiten allzuviel einbildet, wobei, wie so oft, von der Schärfe der Sinne auf die Schärfe des Verstandes geschlossen wird. (Vgl. die Redensart „das Gras wachsen hören",) Nur dem Ital. eigentümlich ist cohr ptilce „flohfarben", d. i. dunkel- braun. (Vgl. la noire „der Schwarze" als Bezeichnung des Flohs in franz. Dialekten.) Auf die Springgewandtheit des Flohs bezieht sich im Deutschen die Redensart springen oder hüpfen wie ein Floh. (Vgl. portug. em passinho de pulga, im Flohschritt, d. h. „hüpfend, tanzend".) Unserem „Katzensprung" entspricht im Portug. der „Flohsprung" (n^um salio de pulga = in einem Nu). Da dieses Insekt infolge seiner Virtuosität im Springen seinen Verfolgern leicht entkommt,*) verwendet man im Deut- schen die Redensart Flöhe hüten im Sinne von „Unnützes, Vergebliches tun". Näheres über die Geschichte dieser Redens- art bringt Borchardt -Wustmann, Sprichwörtl. Redensarten, pag. 154. Von einem, der die Zeit mit Albernheiten ver- trödelt, sagt der Franzose: II tnesure les sauts d!une puce, er mißt Flohsprünge. Auf der ungemeinen Beweglichkeit des Flohs, durch die er sich wesentlich von seiner schwerfälligen Vetterin, der Wanze, unterscheidet, beruht im Span, der Ge- brauch von pulga in der Bedeutung „Kreisel". (Vgl. im Franz. den Vergleich degourdi, eveilU comme une puce, munter, lebhaft wie ein Floh.) Desgleichen bezeichnet der Spanier eine leb- hafte Person mit pulguillas, während der Deutsche den auf der Landstraße dahinschießenden Radfahrer Chaussee floh nennt. Hierher zu ziehen wären schließlich auch ital. pukella, ♦) Daher das deutsche Sprichwort: Nichts mit Hast als Flöhe fangen, wozu sich Analoga im Engl., bzw. Schottischen {Naething to he done in haste btit gripping fieas) nnd im Franz. finden: II ne faut se ^oresser en rien^ excepte pour attraper des puces, (Vgl. Holland, Faune pop., III, pag. 277 ff.) Der Floh. 261 franz. pucdle „junges Mädchen, Jungfrau", wenn man Försters Vermutung, nach welcher diese Wörter als Diminutive von puce „Floh" und nicht von lat. puella „Mädchen" aufzufassen sind, Glauben schenken darf. Caix sieht sogar in ital. spiUon- zara „junge Frau" ein Derivatum von lat. pulicellm „kleiner Floh". Zahlreich sind die Metaphern, die sich auf das Schmarotzer- tum des Flohs beziehen, der sich vom Blute der Menschen und Tiere nährt und selbst bei größter Reinlichkeit nicht ganz zu vermeiden ist, weshalb er im Palast des Reichen ebenso angetroffen wird wie in der Hütte des Armen. Der Biß des Flohes ist weder besonders schmerzhaft noch auch gefährlich, weswegen der Engländer mit flea-bite „Flohbiß" eine unbedeutende Verwundung zu bezeichnen pflegt. Auf Metonymie (Ursache für Wirkung) beruht der im Ital. übliche Ausdruck pulce secca „trockener Floh" für einen Kniff in die Haut. Ebenso setzt der Franzose für „Flohstich" einfach „Floh", indem er das heftige Hautjucken, welches die in Taucherglocken Befindlichen befällt, puces nennt. Vom Floh- stich hergenommen ist ferner die allen Kultursprachen gemein- same Redensart jemd. einen Floh ins Ohr setzen, d.h. jemd. eine beunruhigende Mitteilung machen. Engl.: to puta flea in a person's ear, ital. : mettere a qd, una pulce *) neW orec- chio, span.: echat' la pulga deträs de la or^a, franz.: mettre la puce ä Toreille de qn. und dementsprechend avoir la puce ä Toreille. So sagt der Spanier von einem übertrieben lebhaften Menschen : Tiene pulgas, er hat Flöhe, indem er hierbei an die durch die Flohbisse verursachten wetzenden und kratzenden Bewegungen denkt. Von einem, der sich eine energische Ab- fuhr geholt hat, sagt der Engländer : He was sent off with a flea in the ear, er wurde mit einem Floh im Ohre fortgeschickt, d. h. er lief mit der Schnelligkeit etwa eines Hundes, dem ein Floh ins Ohr gekrochen. Launig ist die franz. Redensart charmer les puces, den Flöhen ein Vergnügen machen, d. h. schwer betrunken sein. Die Folge der Volltrunkenheit ist gewöhnlich ein tiefer Schlaf, während dessen die Flöhe sich nach Herzenslust an dem Blute ihres Opfers vollsaugen können. ") Auch zanzara „Mücke" oder caläbrone „Honiiß". 262 Der Floh. (Vgl. donner ä manger aux puces, den Flöhen zu fressen geben^ für „schlafen".)*) Deutsch sagt man scherzhaft: Ange- nehmen Flohbiß für „angenehme Buhe". (Vgl. Heeger, Tiere im pf&lz. Volksmunde, 2. T., pag. 16.) Daß die Flöhe durch ihre hartnäckigen Angriffe den Menschen in Wut bringen können, geht hervor aus der span. Eedensart fester malas pulgas, böse Flöhe haben, d. h. leicht gereizt werden, keinen Spaß verstehen. (Vgl. weiter oben tener pulgas.) In ähnlichem Sinne sagt man auch von einem, der sich nichts gefallen läßt : No aguanta, no sufre pulgas, er ver- trägt keine Flöhe. Mit dem Blutsaugen der Flöhe vergleicht der Pariser auch die widernatürlichen Liebkosungen perverser Weiber, indem er diese als puces travaüleuses bezeichnet. Überhaupt erscheint der Floh, ähnlich der Fliege, als Symbol des Lästigen, Zudringlichen, was dem Wesen des Tieres vollkommen entspricht. So sagt der Italiener von einem aufdringlichen Menschen: il noioso qimnto le puiä, er ist lästig wie die Flöhe, und der Pariser nennt den ihn be- drängenden Gläubiger um puce ä VoreUUy einen Floh im Ohr. (Vgl. weiter oben die Redensart mettre une puce ä ToreiUe de qn.) Wenn der Engländer sagt : Lei that flea stick on the wall, laß diesen Floh an der Wand, so meint er damit eine heikle Geschichte, an der man nicht rühren soll. Aber nicht nur der Mensch, auch Tiere haben unter Flöhen zu leiden. Auf die Vorliebe dieser Insekten für Hunde bezieht sich das deutsche Sprichwort: Wer mit Hunden zu Bette geht, steht mit Flöhen wieder auf, d. h. wer sich in an- rüchiger Gesellschaft bewegt, wird selbst nicht makellos bleiben. Dies Sprichwort besitzt Analoga in den übrigen Kultursprachen. Es lautet engl.: He that lies doum unih dogs, will get up with fleas, ital. : Chi si corica cai can% si leva colle pulci, span. : Quien con perros se echa, con pülgas se levanta, franz.: Qui se couche avec des chiens, se Uve avec des puces. Daß der Mensch so unangenehme Gäste, wie es Flöhe *) Originell ist das franz. Sprichwort: 11 ne faut pas laiaaer de dormir potir les puces, der Flöhe wegen darf man das Schlafen nicht lassen, d. h. die kleinen Unannehmlichkeiten des Lehens dürfen den Menschen nicht aus seiner Buhe hringen. Der Floh. 263 sind, losznwerden sucht, ist begreiflich. Besonders das schöne Geschlecht, auf das es die Flöhe namentlich abgesehen haben, lebt auf beständigem Kriegsfuß mit diesen kampfes- Instigen Tierchen. Die elementarste, allerdings nicht erfolg- reichste Art, sich von Flöhen zu befreien, ist das Ausschüttein und Ausklopfen der von diesen Insekten bewohnten Kleidungs- stücke. Hierauf beruht die span. Redensart sacudirse las pulgas, sich die Flöhe abschütteln, d. h. unleidlich, empfindlich sein. Auch sagt der Franzose von einem, der Prügel bekommen hat, man habe ihm die Flöhe abgeschüttelt, on lux a secouS Jes puoes. Mit Bezug auf die Gewohnheit mancher Weiber, unmittelbar vor dem Schlafengehen eine Flohjagd abzuhalten, sagt der Franzose ironisch von einer viel beschäftigten Frauensperson : EUe n'a mSme pas le temps de chercher ses puces, sie hat nicht einmal zum Flohsuchen Zeit Hierher gehört femer das span. Sprichwort: Coda uno tiene su modo de matar ptdgas, jeder hat seine eigene Manier, Flöhe umzubringen, d. h. jeder nach seiner Art. Daß aus der Art und Weise, wie der Mensch kleine, unbedeutende Vemchtungen des menschlichen Lebens erledigt, Schlüsse auf seinen Charakter gezogen werden, ist keine Seltenheit. (Eine Reihe origineller auf den Floh be- züglicher Sprichwörter findet man bei Rolland, Faune pop., ni, pag. 2ö8ff.) Übrigens besitzen alle Kultursprachen ^ür den BegriflF „Flöhe fangen" ein eigenes Verbum. Deutsch : flöhen, engl.: ioflea, ital. : spuJciare*) span.: espulgar^ franz.: epucer. In den romanischen Sprachen werden die betreffenden Verba auch metaphorisch gebraucht im Sinne von „ST^^^U} nach allen Richtungen untersuchen". Da Flöhe dort besonders gedeihen, wo viel Staub und Schmutz ist, bezeichnet der Italiener eine schmutzige Be- hausung als pulciaio „Flohnest". Hiermit läßt sich vergleichen im Pariser Argot pucier für „Bett". *) Der Italiener sagt: Vatti far sptUciarCj laß dich flöhen, im Sinne des deutschen: Laß dich heimgeigen. 264 Bie GrUle. Die GriUe. Was die Benennung dieses Insekts anlangt, so ist sie in allen Knltnrsprachen mit Ausnahme des Englischen dieselbe: ital.-span. grillo, franz. mit dem Diminutivsuffix on grülon^ deutsch Grille. Das gemeinsame Etymon ist griechisch yqvXXog, das zunächst ins Lateinische (gryllus) und von da in die romanischen Sprachen eindrang. Diesen entlehnte es das Deutsche, das übrigens in Heimchen einen eigenen Namen für dieses Insekt besitzt. „Heimchen" ist Diminutiv von gleich- bedeutend Heime (pfälz. Heimel), das auf mhd.^im^; ahd. heimo beruht und von „Heim" abgeleitet ist. Der Name spielt auf das Vorkommen der Grille in menschlichen Behausungen an. Dem ahd. heimo entspricht altengl. hama, das sich jedoch nicht erhalten hat. Im Neuengl. wurde es ersetzt durch cricket aus franz. criquet, das auf Schallnachahmung beruht.*) Noch deutlicher tritt der onomatopoetische Charakter hervor in frz. cri'Cri, einer volkstümlichen Bezeichnung des Heimchens. Ein anderes Synonym von grülon ist gresillon, das Diez als Dimi- nutiv von grülon auffaßt, das aber wahrscheinlich auf lat. gracüis „schlank" beruht und das Insekt nach seiner Gestalt benennen würde. Für die Baumgrille haben die romanischen Sprachen eine eigene Bezeichnung: ital. cicala, cigala, span. cigarra, chicharra, franz. cigaU^ die sämtlich auf lat, ckada beruhen.**) Die Sprache verdankt der Grille eine beträchtliche An- zahl von Metaphern. Von den auf das Äußere des Insekts bezüglichen Sprachbildern ist in erster Linie zu nennen span. dgarro „Zigarre", welches Wort in die übrigen Kultursprachen eindrang (ital. sigaro, franz. cigarre, engl, sigar). Tatsächlich hat ein Tabakröllchen sowohl in Bezug auf Gestalt als auch auf Farbe eine gewisse Ähnlichkeit mit der Cicade. (Vgl. Körting, Lat.- romanisches Wörterbuch, 2. Aufl., pag. 238, Art. 2161.) Hierher *) Vgl. die bei Heeger, Tiere im pfälz. Volksniunde, 2. T., pag. 17, angeführten Dialektformen vorderpf. Eriksei, Ereksel, eis. Grecker^ Grickerle, niederrh. hrechel, ndl. krekeh **) Besondere Erwähnungen verdient die im Loiret übliche Bezeichnung der Grille: cheval du hon dieu „Pferd des guten Gottes". Die Grille. 265 gehört ferner ital. cicalino (Dim. v. cicala) als Bezeichnung einer Hohlhippe. Als Symbol der Kleinheit, meist mit dem Nebenbegriflf der Zartheit, erscheint die Grille namentlich im Ital. : E fine come un grillo, sie ist schmächtig wie eine Grille, sagt man von einer zart gebauten Person und mangiare quanto un grillo, essen wie eine Grille, heißt „wenig essen". (Vgl. deutsch „essen wie ein Vögelchen".) Von einem beschränkten Menschen sagt der Italiener : Ha cervello quanto un grillo^ er hat nicht mehr Hirn als eine Grille, wofür es auch heißt: Ha cervello quanto un passerotto. (Siehe bei „Sperling", pag. 174.) Ebenso sagt der Ital. von einem Kleinmütigen : Ha il cuore d^un grillo, er hat ein Grillenherz. Hiermit hängt der Gebrauch von grillino als Kosewort für Kinder und Frauen zusammen. Hierher gehört ferner franz. criquet als Bezeichnung eines ab- gerackerten Pferdes oder einer schwächlichen Person, wobei ein Bedeutungswandel in malam partem zu konstatieren ist. Einen weiteren Schritt in dieser Begriffsentwicklung tut das Wort, wenn es, wie in franz. petit vin criquet, schlechter Landwein, geradezu als Synonym von mauvais, „schlecht" gebraucht wird. Mit Bezug auf das unermüdliche Gezirpe der Grille, das ein Ausdruck der Fröhlichkeit zu sein scheint, sagt der Eng- länder von einem sangeslustigen Mädchen: She is as merry as a cricJcet, sie ist heiter wie eine Grille. Wie unter den Vögeln die Elster, so ist unter den In- sekten die Grille Sinnbild der Geschwätzigkeit, wobei zu be- achten ist, daß in den anzuführenden Metaphern das Grillen- gezirpe als etwas Lästiges erscheint, während in dem oben zitierten engl. Vergleich die stimmliche Betätigung dieses Insekts eine wohlwollende Beurteilung erfahrt. So nennt der Italiener einen lästigen Schwätzer gern cicala, welche Metapher zahlreiche Sproßen getrieben hat, wie cicalare „schwätzen", cicalata, cicalamento, ciccUeccio, cicdlio „Geschwätz", dcalatore, cicalino, dcalone „Schwätzer". Auch der Spanier sagt von einem redseligen Menschen: Es una chichara, hdbla como una chichara, er ist eine Grille, er spricht wie eine Grille. Origi- nell ist die gleichfalls hierher gehörige ital. Redensart grattare la pancia alla cicala, der Grille den Bauch kratzen, was soviel bedeutet wie Jemd. zum Reden bringen". Daß das Grillen- 266 I>ie ÜriUe. gezirpe vom Ohr durchaus nicht als angenehme Musik emp- funden wird, beweisen femer ital. ciccUino als Bezeichnung eines verstimmten Klaviers sowie franz. ciffäle, das gelegentlich auf Straflensängerinnen angewendet wird, die sich bekanntlich nicht durch wohltönende Stimmen auszeichnen. Da sich die Grille nur im Hochsommer hören läßt, er- scheint sie manchmal geradezu wie die Fliege als Sinnbild der heißen Jahreszeit, so z. B. bei dem lat. Dichter Juvenalis, der cicada ohne weiteres für „Sommer" setzt. Auch in folgender ital. Bauernregel erscheint das Grillengezirpe als Charakteristikum der Sommerhitze: Quando canta la cicala di sette^nbre, non comprar grano per vendere, wenn die Grille im September zirpt, d. h. wenn es im September sehr warm ist, dann soll man kein Getreide kaufen, um es wieder zu ver- kaufen. Canta la chicharra, es zirpt die Grille, sagt der Spanier häufig, wenn er ausdrücken will, daß es sehr heiß ist, nnd analog bedeutet chicharrero einen „sehr heißen Ort". In Frankreich gilt die Grille als Symbol des provenzalischen Südens, daher nennen sich die F61ibres gelegentlich „cigaliers^. Wie andere Insekten (siehe „Mücke", „Käfer", „Schmetter- ling", „Spinne" usw.) werden auch die Grillen als Symbole der im Kopf umherachwirrenden Gedanken gebraucht, nament- lich wenn dieselben als Ausfluß melancholischer oder phan- tastischer Naturanlage zu betrachten sind. So sagt man im Deutschen von einem, der trübsinnigen oder wunderlichen Gedanken nachhängt, er fange Grillen. (Vgl. ital. awrfare alh caccia dei grilli) Denselben Sinn haben die Redensarten seine Grillen füttern oder sich mit Grillen plagen. Die Melancholie wird daher geradezu die Grillenkrank- heit genannt. Ebenso sagt der Italiener von einem launen- haften Menschen: Ha il capo pieno di grilli (cicale), er hat den Kopf voll Grillen, und analog der Franzose : II a des grillons dam la Ute, (Vgl. Rolland, Faune pop., III, pag. 289.) Äd uno monta il grilloj einem steigt die Grille in den Kopf, be- deutet s. V. w. er hat einen wunderlichen Einfall.*) Wer einem Melancholiker die trüben Gedanken zu verscheuchen *) Dagegen heißt gli Balta ü griUo {saltare = springen) „er ger&t in Zorn". Die Heuschrecke. 267 sucht, von dem heißt es, er vertreibe die Grillen, wozu sich in der ital. Redensart levare i griUi dal capo ad unOj ein Analogen findet. Einen ähnlichen Sinn wie in den eben an- geführten Redensarten hat grüloj bzw. grüla im Span. Wenn der Spanier nämlich die Wahrhaftigkeit einer Erzählung be- zweifelt, so sagt er gern: Esa es grilla, das ist eine Grille, d. h. ein „Hirngespinst^. Daneben ist aber die Grille im Span. Symbol der Wertlosig- keit, wie erhellt aus der Redensart andar a griUos (nach Analogie von andar a cdballo) auf Grillen reiten, d. h. sich mit unnützen Dingen beschäftigen. Auch sagt der Italiener von einer wert- losen Sache: Non väle una cioalay das ist keine Zikade wert. Auf die Lebensweise der Grille, die sich unter der Erde Löcher gräbt, bezieht sich itaJ. andar a sentir cantar i grüli, dorthin gehen, wo man die Grillen singen hört, d. h. unter die Erde, sterben, sowie non saper cavar un grülo (auch ragno ^Spinne^) da un bucoj nicht imstande sein, eine Grille aus ihrem Loch herauszukriegen, d. h. zu nichts taugen. Schließlich sei noch erwähnt, daß im Ital. grülo ähnlich wie im Deutschen „Kuckuck" oder „Fuchs" als Glimpfwort für „Teufel" gebraucht wird. So bedeutet z. B. trovala griUo! find's, Grille! „das möge der Teufel erraten!" Die Heusohreoke. Da bei der Heuschrecke das Springen die hervorstechendste Eigentümlichkeit ist, begreift man, daß dies Insekt danach be- nannt wird, u. zw. zeigen hierin alle Eultursprachen eine auf- fallende Übereinstimmung. Das deutsche Heuschrecke be- deutet „Heuspringer", indem in diesem Worte die ursprüngliche Bedeutung von schrecken", d. i. „springen" (nicht „schreien", wie Brehm angibt) sich erhalten hat. ( Ahd. h^td-skrekko, mhd. äöw- schrecTce)*) Der deutschen Bezeichnung „Grashüpfer" ent- spricht 9l\AiLg\.g(erS'hoppa^ woraus neuengL^ros^Aopp^- Auch nid. sprinkhaan „Springhahn" ist hierher zu ziehen. Eine Parallele zu den germanischen bieten die romanischen Benennungen, *) Heeger, Tiere im pfälz. Volksmnnde, 2. T., pag. 17, führt au Heuhnpser, Hanspring und Hanpert « Hanper (Haohapper). 268 ^^6 Heuschrecke. die gleichfalls die Heuschrecke als „Springerin^ bezeichnen. So heiBt sie im Ital. sältabecca {sciUare = springen, heccare = beißen), im Span. saUön, saltarin, saltamontes (monte = Berg), säUamatos {mato = Gebüsch), sdltacapas {capa = Mantel), salta- pericoj wörtl.: „spring, Peterchen"! womit sich itaL-dialektisch saltorfnarfin „spring, Martin" ! vergleichen läßt. Auch im Frz. ist die gebräuchliche Bezeichnung für die Heuschrecke sautereUe {sauter = springen). Da der Kopf der Heuschrecke eine ge- wisse Ähnlichkeit mit der Form eines Pferdekopfes hat, wird das Insekt in einigen Sprachen nach dem Pferde benannt. So ist im Deutschen neben „Heuschrecke" auch „Heupferd" *) üblich und im Ital. und Span, wird das Diminutiv von cavallOy bzw. caballo „Pferd" für „Heuschrecke" gebraucht: ital. cavalletta, span. cabalkta.**) Neben diesen Neubildungen hat sich in einigen Kultursprachen lat. locusta erhalten, so in ital. locmtaj span. langosta, altfrz. langouste (neufrz. nur in der Bedeutung „Seekrebs"), engl, lomst. Da die Gestalt der Heusehrecke einigermaßen an den Seekrebs erinnert, wird in einigen Sprachen dieser nach jener benannt. (Siehe bei „Krebs", pag. 282.) Über die metaphorische Verwendung der Heuschrecke ist nicht viel zu sagen. Mit Bezug auf ihre Springgewandt- heit sagt der Italiener von einem, der über seine Mitbe- werber den Sieg davongetragen: Ha fatto la cavälletta a tutti i competitori, er ist über alle Mitbewerber weggesprungen. (Vgl. Wiese in seiner Besprechung von Heckers Ital. Um- gangssprache, Literaturbl. f. germ. u. rom. Philologie, XIX, pag. 303.) Die in manchen Gegenden massenhaft auftretenden Wanderheuschrecken, die häufig auf Äckern und Wiesen große Verheerungen anrichten, werden nicht selten als Symbol blinder Zerstörungswut verwendet. So pflegt man z. B. im Deutschen von den Hunnen zu sagen, sie seien wie einHeuschrecken- schwarm über Europa hereingefallen. (Vgl. ital. cälarono *) „Heupferd" als Schimpfwort für einen dummen Menschen hat wohl nichts mit dem Insekt zu tun, sondern ist vielmehr eine scherzhafte Bildung nach Analogie von „Heuochs" = heufressender Ochs. **) Nach dem Bock, hzw. der Ziege wird die Heuschrecke in zahl- reichen franz. Dialekten henannt. So heißt sie z. B. in der Haute-Auvergne houquet^ in den Vogesen houcha de fouau „Heuhock", in der Gegend der Haute-Loire chhre, (Vgl. Bolland, Faune pop., III, pag. 293 ff.) Die Wanze. 269 come cavaUette su quel paese.) Ähnlich vergleicht der Spanier die eine Speisekammer plündernden Kinder mit einem Heu- schreckenschwaim, indem er sagt : Los muchachos son langosta de las despensas. Auf die Gewohnheit der Kinder, sich gegen- seitig mit Heuschrecken zu necken, bezieht sich die ital. Redensart fare una cavalleita a qd., wörtL: jemd. eine Heu- schrecke machen, A. h. ihm hinterrücks eine Heuschrecke auf- setzen, welche Redensart metaphorisch gebraucht wird im Sinne von: jemd. einen bösen Streich spielen, ihn begaunern. Semasiologisch interessant ist, daß im Span. „Heuschrecke" (ton- gosta) geradezu für „Gauner" gebraucht wird. Hierher gehört auch der Gebrauch von satUerelle im Argot der Pariser Laden- diener für eine Kundin, die sich stundenlang die verschieden- sten Waren vorlegen läßt, aber nichts kauft und so gewisser- maßen den Verkäufer zum Besten hält. Auch ist sautereUe im Pariser Literatenargot die Bezeichnung einer Kokotte. Alle diese Metaphern beruhen auf dem Eindruck der Unbe- ständigkeit und Leichtfertigkeit, die die immer sprungbereite Heuschrecke hervorbringt. Die Wanze. Deutsch Wanze taucht erst im 13. Jahrhundert auf und ist Kurzform zu älterem wantlüs „Wandlaus", das sich im Hessischen und Nordpfälz. erhalten hat. Ein Analogon findet sich im Dänischen, wo die Wanze vaeggelus {vaeg = Wand) heißt. Kluge zieht zur Vergleichung czechisch sUnice heran, das von stena „Wand" gebildet ist. So wird auch in einigen Gegenden der romanischen Schweiz für „Wanze" parianna oder pariola aus lat. paries „Wand" gebraucht. Im Engl, heißt die Wanze bog, welches Wort Skeat für identisch hält mit dem landschaftlich gebrauchten btig „Kobold". Das tertium comparationis liegt wohl im Begriff des Quälens. Was die romanischen Sprachen betrifft, so gehen ital. dtnice^ span. chinche auf lat. dmex zurück, wogegen franz. punaise von puer „stinken" abzuleiten ist, wovon auch puiois „Iltis" und putain „Hure". (VgL die franz. Redensart piier comme une punaise^ stinken wie eine Wanze.) 270 Die Wanse. Von den Metaphern, die sich auf das Äußere der Wanze beziehen, ist vor allem anzuf&hren die Anwendung dieses Tiemamens auf die Zwecke in den romanischen Sprachen. Das tertinm comparationis ist hierbei die flache Gestalt Hier- auf spielt der Franzose an, wenn er von einem, der einen leeren Magen hat, sagt : B ale venire piat comme une punaisey sein Bauch ist flach wie der einer Wanze. Dabei mag auch an die Fähigkeit dieses Insekts, monatelang zu fasten, gedacht werden. Auf das ethische Gebiet fibertragen bedeutet plat comme un punaise s. v. w. „erbärmlich, kriechend^. Hingegen bezeichnet der Engländer ans dem Volke mit big hugs^ dicke Wanzen, yomehme Leute die sich satt essen und daher ihren Wänsten eine gewisse Fülle verleihen können. Von der Färbung der Wanze hergenommen ist im Ital. die Bezeichnung cimiei ffir die rotbraunen Flecke auf den Blättern der Orangen* und Zitronenbäume. Der üble Geruch der Wanze erklärt die Anwendung dieses Tiemamens auf das Stinktier im amerikanischen Spanisch (chinche) ; auch liegt im Franz. eine allerdings selten gebrauchte Weiterbildung von ptmaise, nämlich punaisie in der Bedeutung „Gestank" vor. Hierher gehört femer der semasiologisch be- merkenswerte Gebrauch von franz. punaise für „Hure", wobei neuerdings darauf hingewiesen werden möge, daß putain wie punaise etymologisch dasselbe besagen. Ganz besonders ist aus dem franz. Soldatenargot pimaise de caserne „Easemen- wanze" für „Soldatenhure" anzuführen. Eine Hurenkneipe heißt dementsprechend punaisiire. Mit Bezug auf die im Vergleich zu anderen verwandten Insekten, z. B. dem Floh, auffallende Langsamkeit der Wanze in den Bewegungen, pflegte man im Ital. des 16. Jahrhunderts von einem trägen Menschen zu sagen: iJ piü poUrone Wuna dmice, er ist fauler als eine Wanze. Was die Wanze besonders verabscheuenswert macht, ist ihre Vorliebe fär Menschenblut, von dem sie sich nächtlicher- weile nährt. Auf diese Eigentümlichkeit spielt der Irländer an, wenn er die Engländer, seine Unterdrücker, bugs „Wanzen" nennt. Aus dem gleichen Grande bezeichnet der Pariser im Argot ein böses Weib mit punaise. Da sich dieses Insekt nur sehr schwer vertreiben läßt, wird es häufig als Symbol der Die Wanze. 271 Zudringlichkeit verwendet. So sagt der Spanier von einem aufdringlichen Menschen: Tiene sangre de chinche, er hat Wanzenblut (daher chinchoso „zudringlich"), während der Deutsche eine solche Person kurzweg als „Wanze" bezeichnet (be- sonders von Zuschauem beim Kartenspiel gebraucht = Kiebitz). In ähnlichem Sinne wurde schon im Lat. dmex verwendet Um- gekehrt nennt der Portugiese die Wanze persevejo „Verfolger". Da die Wanze hauptsächlich dort üppig gedeiht, wo die Qebote der Beinlichkeit außer acht gelassen werden, so nennt man im Deutschen eine unreinliche Wohnstätte Wanzen- nest, wozu sich in ital. dmiciaio und in franz. trou de punaise „Wanzenloch" Analoga finden. Auf die ungeheure Vermehrung der Wanzen, die dort, wo sie geduldet werden, ganze Kolonien bilden, nimmt Bezug die span. Redensart caer como chinches^ wie Wanzen, d. h. haufenweise fallen. (Vgl. portug. cahir como tordos, wie Drosseln fallen, anspielend auf das plötzliche, massenweise Herabsturzen dieser Vögel.) Der Aufenthaltsort der Wanze wird schon durch die Etymologie des deutschen Wortes angedeutet. (Siehe pag. 269.) Sie hält sich tat- sächlich mit Vorliebe in Mauerritzen auf, weswegen der Eng- länder den Tapezierer scherzweise bug - destroyer „Wanzen- vernichter" nennt. Mit Bezug auf ihr Vorkommen in Schlaf- stätten bezeichnet man im Slang das Bett als httg-walk „Wanzen- promenade", im Pariser Argot analog als punaisier. (Vgl. puder von puce „Floh" in derselben Bedeutung.) Hierher ge- hört femer die span. Redensart: No hay mos chinches que la manta Uena, es sind nicht mehr Wanzen da als auf dem Lein- tuch Platz finden, d. h. es ist Überfiuß an lästigen Dingen vorhanden. Daß das Bett ein Lieblingsaufenthalt der wärme- liebenden Wanze ist, geht auch hervor aus dem aus lauter assonierenden , bzw. reimenden Wörtern bestehenden engl. Vergleich as snug as a bug in a rug^ so behaglich wie eine Wanze in einer Bettdecke, womit ein hoher Grad von Wohl- befinden bezeichnet wird. Schließlich sei noch erwähnt, daß in einigen Gegenden Englands und Nordamerikas bug infolge Bedeutungsgenerali- sierung für „Käfer" gebraucht wird. Aus dem Schriftengl. ist hier may-bug „Maiwanze" als die gebräuchlichste Bezeich- nung des Maikäfers anzuführen. 272 Die Latts. Die Laus. Die Etymologie dieses Wortes bietet keine Schwierig- keiten. Es ist gemeingermanisch. Deutsch Laus wie engl. Jofise gehen auf ahd., bzw. altengl. Ins zurück. Eine dialek- tische Bezeichnung der Laus ist Wibel, Wubel, zum Verb wibeln, wubeln, aus mhd. wibelen „wimmeln". (Vgl. Heeger, Tiere im pfälz. Volksmunde, 2. Teil, pag. 18.) Die romanischen Benennungen der Laus: ital. pidocchio, Span, picjo, franz. pou (Dim. von pes „Fuß", bedeutet also wörtlich „Füßchen"),*) sämtlich auf lat. pedicultis zurückzu- führen. Die Lebensbedingungen dieses ekelhaften Insekts, dessen Element der Schmutz ist (vgl. franz. laid comme un pou, garstig wie eine Laus), erklären den metaphorischen Gebrauch des Wortes in deutschen Zusammensetzungen wie Lausbub und Lauskerl. Im Franz. findet sich ein Analogon hierzu in morpion „Filzlaus" (aus pion = pou und mordre „beißen"), das man im Argot ungezogenen Kindern gegenüber als Schimpf- wort gebraucht. Die Läuse sind sehr häufig das Attribut der untersten Volksschichten und ganz besonders der Bettler (vgl. die deutsche Redensart etwas im Griffe haben wie der Bettler die Laus und das engl. Sprichwort: A heggar pays a henefit mih a louse, ein Bettler bezahlt eine Wohltat mit einer Laus); daher ist es begreiflich, daß das Wort „Laus" zur Bezeichnung des Schmutzigen und Gemeinen dient. (Vgl. franz. se laisser manger aux poux, sich von den Läusen fressen lassen, d. h. im Schmutze leben.) Damit hängt auch der Ge- brauch von „Laus", bzw. „lausig" für „karg, spärlich" (vgl. frz. Champagne pouüleuse) und, auf Personen angewendet, für „knickerig, geizig" zusammen, eine Metapher, die allen hier in Betracht kommenden Sprachen gemeinsam ist. Die Er- klärung ist nicht schwer: der (mit Läusen behaftete) Bettler ist gezwungen, mit dem mühsam erbettelten Almosen zu *) Auf die Farbe bezieht sich die altfranz. Bezeichnung grison (von gris „gran"), daneben kommt auch puce de meiisnier „MüUerfloh" vor. (Vgl. Rolland, Fanne pop., III, pag. 352 f.) Die Laus. 273 Mickern. Da man nun häufig ein knickeriges, geiziges Wesen bei Individuen trifft, die mit den Attributen des Schmutzes, den Läusen, behaftet sind, so wurden diese Tiere ohne weiteres zum Symbol des Geizes. In dem engl. Vergleich -OS mean as a louse, knickerig wie eine Laus, werden sie 4Sielbst zu Trägern dieser Eigenschaft gemacht. (Die Kichtig- keit dieser Erklärung wird bestätigt durch den Gebrauch des Wortes „schmutzig" für „geizig", den wir auch in den übrigen Sprachen antreffen: ital.-span. sordido, franz. sordide, engl. ^sordid.) Demnach nennt man im Deutschen einen filzigen Menschen einen Lauser und lausen bedeutet „filzig sein". Im Engl, finden sich in gleicher Bedeutung lousy und lousi^ •ness, im Ital. pidocchioso und pidocchieria. Im span. piqjeria aeigt sich deutlich der Entwicklungsgang der Metapher, da -das Wort neben „Knickerei" noch „Bettelvolk, Bettelherberge, :äußerste Armut" bedeutet. Im Franz. bezeichnet man mit pou -affame, hungrige Laus, weniger einen geizigen als einen ge- winnsüchtigen Menschen. Dafür hat das Adjektiv pofMeux •dieselbe Bedeutung wie die Analoga der Schwestersprachen nnd pouUier bedeutet wie span. piqjeria „Bettlerherberge". Die Winzigkeit der Laus erklärt das deutsch-studentische nicht die Laus für „gar nichts" sowie den Gebrauch von pidocchio in ital. carattere pidocchino, womit eine sehr kleine vSchrift bezeichnet wird. Auch sagt man im Deutschen von einem Geizigen: Er würde die Laus schinden um des Balges willen, wozu sich in den übrigen Kultursprachen Analoga ^finden. So heißt es im Engl. : I£e*d skin a louse, and send the hide to market, er würde eine Laus schinden und den Balg auf den Markt schicken, im Ital. : Scorticherebbe il pidocchio per vendere Ja pelle, er würde die Laus schinden, um den Balg zu ver- kaufen, im Franz. ebenso : II ecorchermt un pou pour en avoir Ja peau. (Vgl. die ital. Variante: Scannerehbe una cimice per heverne il sangue, er würde eine Wanze schlachten, um ihr Blut zu trinken.) Diese Redensart betrachtet Kolland, Faune pop., in, pag. 254, als Ausgangspunkt für die oben angeführten Metaphern, indem er auf deutsch Knicker = Läuse- knicker hinweist. Mir scheint jedoch die oben gegebene Erklärung natürlicher zu sein. Möglicherweise haben zur Bildung bewußter Redensart die Bedeutungsbeziehungen mit- Biegler, Das Tier im Spiegel der Sprache. 18 274 ^^ Laus. gewirkt, die zwischen den Begriffen „Geiz" und „Laus" be- stehen. Von pedantischen Leuten, die allzusehr auf Kleinigkeiten: herumreiten, sagt man im Deutschen: Sie klauben Läuse. (Vgl. hiermit im Portug. den Gebrauch von bichinho „Läuschen" für „Kleinigkeit" sowie das von bicho abgeleitete Adjektiv bicheiro = kleinlich. Dem deutschen „Läuse klauben" ent- spricht im Franz. eplucher des icrevisseSj Krebse ausklauben.) Hierher gehört femer die franz. Redensart cherdier des pcmax sur la Ute de qn^ auf jemds. Kopfe Läuse suchen, d. h. ihm Kleinigkeiten vorwerfen. Davon wurde dann das Verbum se pouiüer „sich schelten" und von diesem wieder das Substantiv les pouiUes „Scheltworte" gebildet. Auch im Deutschen kann lausen in der Bedeutung „jemd. derb vornehmen" gebraucht werden. Parvenüs, die sich aus kleinen Verhältnissen empor- geschwungen haben und sich darauf etwas zugute tun, nennt der Italiener treffend pidocchi rivestiti, neugekleidete Läuse, der Spanier picjos resucitadosj zu frischem Leben erweckte Läuse. Ohne Analogien in den übrigen Sprachen ist die Bezeichnung eines zudringlichen Menschen als piqjo pegadizo (pegadizo = klebrig) im Span, eine treffende Metapher, da die Läuse, wenn sie sich einmal festgenistet haben, sehr schwer wegzubringen sind. (Vgl. das deutsche Sprichwort: Wenn die Laus einmal im Pelz ist, so ist sie schwer wieder herauszu- bringen.) (Im ähnlichen Sinne wird „Wanze" im Deutschen und Span, gebraucht.) Auf die Kleiderläuse, die sich in den Nähten einnisten, bezieht sich die span. Redensart estar como- piojos en costura, gedrängt sein wie Läuse in der Naht (im Deutschen „wie die Heringe"), sowie das ital. Sprichwort: La roba va älla roba, e i pidocehi alle costure, das Gut geht zum Gut und die Läuse zu den Nähten. Dieselbe Art von Läusen ist gemeint in der deutschen Redensart jemd. eine Laus in den Pelz setzen, wofür man häufiger und gewählter sagt „jemd. einen Floh ins Ohr setzen", was bedeutet: in jemd. Gedanken erwecken, die ihm keine Ruhe lassen. Derb,, aber treffend ist die Redensart : wie die Laus im Schorfe^ sitzen, d. h. in seinem Elemente sein, sich sehr behaglich fühlen. Ähnlich sagt der Franzose von einem, der aus ge- Die Spinne. 275 wissen, dem körperlichen oder moralischen Beinlichkeitssinne widersprechenden Neigungen kein Hehl macht: 11 se carte comme un pou sur une gale, er brüstet sich wie die Laus im Schorfe. Ironisch hingegen ist gemeint die Bedensart sicher sein wie eine Laus zwischen zwei Nägeln, frz. itre comme le pou entre deux ongles, die auf einen angewendet wird, dem von zwei Seiten Gefahr droht. Mehr für die metaphorische Verwendung des Wortes „Leber" als für die des Wortes „Laus" ist von Belang die deutsche Bedensart j e m d. ist eine Laus über die Leber gelaufen, was von einem gesagt wird, der plötzlich in Zorn gerät. Um diese Bedensart zu verstehen, muß man wissen, daß bei den Bomanen allgemein, bei den Germanen zum Teil^ die Leber als Sitz der Leidenschaften galt. So wird im Span. Mgado, im Ital. fegato geradezu für „Mut" gebraucht, im franz. Botwelsch bezeichnet man mit foie blanc „weiße Leber" einen feigen Menschen. Übrigens gibt man der Bedensart — jeden- falls um das unappetitliche Wort „Laus" zu vermeiden — gern die Form einer Frage und fragt einen Zornmütigen: Was ist dir denn über die Leber gelaufen? Im Ital. sagt man von einem, der gleich zuschlägt, geradezu: J^ un fegato^ er ist eine Leber. Nicht ersichtlich ist, warum man (nach deutscher Auf- fassung) vom vielen Wassertrinken Läuse bekommen soll, wo- gegen das im selben Sinne gebrauchte franz. attraper des grenouiUes, Frösche kriegen, ohne weiteres verständlich ist. Die Spinne. Deutsch Spinne, mhd. ebenso spinne, ahd. spinna, ist von dem Verbum „spinnen" abgeleitet, bedeutet also die „Spinnerin", während unser Sprachgefühl eher geneigt ist, „spinnen" als ein Derivatum von „Spinne" zu betrachten. Ebenso beruht engl. Spider, mittelengl. spither, auf altengl. supponiertem spinnere aus spinnan = neuengl. spin „spinnen". Analoga hierzu finden sich im Ladinischen und in franz. Dialekten, in denen der Name der Spinne von filare „spinnen" abgeleitet wird. (Vgl. BoUand, Faune pop., in, pag. 236.) Die Benennungen des 18* 276 ^^ Spinne. Insekts in den romanischen Sprachen : ital. aragna^ ragno^ span. arafia^ altfrz. araigne^ gehen sämtlich aaf lat. aranea zurück. Im Nenfranz. ist der semasiologisch merkwürdige Fall einge- treten, daß für „Spinne" anstatt araigne araignie ans lat. araneata gebraucht wird, was ursprünglich „Spinnengewebe" bedeutet. (Metonymie: Wirkung ftr Ursache.) Übrigens be- deutet schon im Lat. aranea „Spinne" und „Spinngewebe". Für „Spinngewebe" sagt das Nenfranz. umschreibend ioüe cParaignSe analog dem ital. tela di ragno {ragnatelo, ragnaUla) und dem span. telarana. Die Sprache konnte an der so auffallenden Erscheinung der Spinne, die noch dazu sehr häufig ist, nicht achtlos yor- übergehen. Tatsächlich liefert dieses Insekt der Sprache eine stattliche Anzahl von Metaphern. Besonders charakteristisch für die Spinne sind die acht langen, dünnen Beine, die ihr ein unbeholfenes Aussehen verleihen. Hierauf beruht im Engl, die Metapher spider - shanked „spinnenschenklig", d. h. dünn- beinig. Analog vergleicht der Franzose lange, dürre Finger mit Spinnenbeinen und nennt jene somit pattes d^araignee. Lange, dünne Buchstaben werden gleichfalls so bezeichnet. Des- gleichen finden sich in einigen Sprachen Metaphern, die sich auf die Gesamterscheinung der Spinne bezieben, wobei immer- hin die langen Beine das Hauptcharakteristikum bilden. So fühlt sich der Engländer beim Anblick einer dreifüßigen Brat- pfanne an die Spinne erinnert und dieselbe Vorstellung er- weckt in ihm der hochrädrige Schlauch wagen der Feuerwehr; er bezeichnet daher beide Objekte mit spider, wie auch der Franzose für einen auf zwei hohen Rädern ruhenden Wagen araignSe gebraucht. Ebenso nennt der Spanier einen Arm- kronleuchter arana, indem er die Arme des Leuchters mit den Beinen der Spinne vergleicht. Femer wird eine Krabben- art, die maia squinado der Zoologen, die sich durch besonders lange Beine auszeichnet, Meerspinne genannt, u. zw. außer im Deutschen, noch im Engl, (sea-spider) und im Span, (arana de mar). Hierher gehört schließlich auch portug. aranhigo „Spinnchen" als Bezeichnung einer mageren Person mit dünnen Armen und Beinen. Der unvorteilhafte Eindruck, den das Äußere der Spinne auf den Menschen macht, wird zur Abscheu gesteigert durch Die Spinae. 277 ihre Giftigkeit, die sich übrigens nur an kleineren Insekten als wirksam erweist. (Vgl. das deutsche Sprichwort: Die Spinne sangt Gift, die Biene Honig aus allen Blumen.) Dies erklärt die in einigen Gegenden Deutsch- lands beliebte Interjektion Pfui, Spinne! Im Deutscheu und Franz. nennt man eine bösartige Person, namentlich weiblichen Geschlechts, „Spinne", bzw. araignee, wobei die Giftigkeit das tertium comparationis bildet. (Vgl. das Kapitel „Schlange".) Der Biß der Spinne ruft beim Men- schen nur eine leichte, kaum merkliche Verletzung hervor. Hierauf beruht im Span, das von arana abgeleitete Verbum aranar, das soviel bedeutet wie „die Haut durch einen Ritz leicht verletzen", somit unserem „kratzen" entspricht. (Vgl. portug. aranha „Gewissensbisse".) Von aranar ist wieder ab- geleitet das Substantiv arano „leichte Verletzung, Kratzer". Die Abneigung des Menschen gegen die Spinne kommt be- sonders kräftig zum Ausdruck in der deutschen Redensart jemd. wie eine Spinne hassen. Auch in ethischer Beziehung stehen die Spinnen in keinem guten Ruf. Sie sind untereinander höchst unverträglich und bekämpfen sich gegenseitig aufs heftigste, worauf im Deutschen der Superlative Ausdruck spinnefeind beruht. Auf das feindselige Verhältnis der Spinnen untereinander bezieht sich femer ein span. Sprichwort in Dialogform, in dem die Zu- sammengehörigkeit von arana und aranar recht deutlich zum Ausdruck gelangt: Arana^ gqtiien te aranö? Otra arana como yo. Spinne, wer hat dich gekratzt? — So eine Spinne wie ich. Daß hiermit die Unverträglichkeit unter Kameraden getadelt virird, ist ohne weiteres klar. Aus dem Deutschen ist ferner hierher zu ziehen das Sprichwort: Nur bei scharfem Hunger frißt eine Spinne die andere. Das Aggressive im Charakter der Spinne erklärt den Gebrauch von span. aranero (von arana) im Sinne von „wild, störrisch, nnlenksam" (Jagdterminus). Möglicherweise ist auch altfranz. hargner „zanken" sowie neufrz. hargnetix „zänkisch" von aranea, bzw. araneare, araneastis abzuleiten. (Vgl. RoUand, Faune pop., in, pag. 238. Körting, Lat.-rom. Wörterbuch, unter hargneux verzeichnet die Diezsche Etymologie hargner = altndfränk. harmjan) 278 I>i« Spinne. Da die Spinne mit der in den Spinnwarzen enthaltenen Flüssigkeit, die ihr zur Hervorbringnng der Fäden dient, sehr haushälterisch umgehen maß, so wird im Span, häufig eine knickerige Person mit arana bezeichnet (davon aranar „zu- sammenscharren^). Im Yolksaberglauben spielt die Spinne gleichfalls eine ge- wisse Bolle. Am Morgen verkfindet sie Unheil, am Abend Glück. Dies besagt im Deutschen folgender Spruch: Spinne am Morgen macht Kummer und Sorgen, Spinne am Abend erquickend und labend. Ähnlich heißt es im Franz.: Araignie de matin, chagrin; araignee de soir, espoir, Morgenspinne — Kummer, Abendspinne — Hoffnung. (Vgl. Solland, Faune pop., III, pag. 241.) Ohne Bezugnahme auf eine besondere Eigenheit, sondern ganz allgemein in ihrer Eigenschaft als Insekt wird die Spinne im Deutschen ver- wendet in der Bedensart jemd. eine Spinne, d. h. einen beunruhigenden Gedanken in deuKopf setzen, womit sich im Pariser Argot vergleichen läßt die Bedensart avoir une araignie dans Je plafondj eine Spinne an der Zimmerdecke haben, d. h. geistig nicht ganz normal sein. (Im Deutschen gebraucht man spinnen im selben Sinn.) In beiden Fällen werden die wirren Gedanken mit dem unsteten Hin- und Her- krabbeln der Spinne verglichen. Von analogen Bedensarten, in denen an Stelle der Spinne ein anderes Insekt oder auch ein Vogel tritt, war im Laufe dieser Abhandlung schon öfters die Bede, ihre Wiederholung ist daher an dieser Stelle überflüssig. Wohl aber muß die engl. Bedensart to have got cobwebs in one^s brain, Spinnweben in seinem Hirn haben, er- wähnt werden, da hier bezeichnenderweise das Spinngewebe an Stelle der Spinne tritt, wie man im Deutschen in ähnlichem Sinne von einem sagt, er stecke voller Hirngespinste. (Genau unserem „Hirngespinst" entspricht im Engl, cobwehbery.) Überhaupt spielt das Spinngewebe in der Metaphorologie der modernen Sprachen keine minder bedeutende Bolle als die Spinne selbst. Wenn im Ital. und Span, ein vereinzeltes, weißes Wölkchen mit ragnatelo, ragnatura, bzw. telarana be- zeichnet wird, so liegt das tertium comparationis einerseits in der Farbe, andererseits in der Form. Den Ausdruck ragnature wendet der Italiener auch auf fadenscheinige Stellen eines Die Spinne. 279 Kleiderstoffes an, indem er diese mit Spinnweben vergleicht. Von ragno liegt femer eine verbale Weiterbildung ragnare vor, die in Übereinstimmung mit der metaphorisclien Bedeutung von ragnatelo im Sinne von „sich umwölken" und „fadenscheinig werden" gebraucht wird. Hierher zu ziehen ist noch die span. Redensart teuer iehranas en los qjos, Spinnweben in den Augen haben, d. h. etwas nur flüchtig, gleichsam durch ein Spinn- gewebe ansehen. Das Spinngewebe ist äußerst zarter Struktur und daher ieicht zerstörbar. (Vgl. ital. leggero come un ragnatelo, leicht wie ein Spinngewebe.) Daher sagt der Italiener von einem «ich vergeblich Abmühenden: Fa opera a tela dt ragno und der Franzose: II tisse des toiles d'araignSe, er arbeitet mit Spinngeweben. (Vgl. Rolland, Faune pop., III, pag. 328.) Im Engl, wird cobweb adjektivisch geradezu für „fein, zart" ge- braucht. Von einem Geizigen sagt der Franzose : Sa poche est pleine de toiles d'araignieSj seine Tasche ist voll Spinngewebe, d. h. «r greift nicht gern in die Tasche (vgl. ital. im selben Sinne iz entlehnt, das in der neufranz. Form ecrevme lautet. Aus dem Altfranz, ist das deutsche Wort in der Form crevice in das Engl, eingedrungen^ wo es durch volksetymologische Anlehnung an fish zu crayfishy crawfish, crab-fish*) wurde. Für den kurzschwänzigen „See- krebs" gebraucht der Engländer crab, der Deutsche Krabbe, ein Wort niederdeutschen Ursprungs, das mit „Krebs" *) Gleichzeitig erinnern diese Wörter an craw „Kropf", crawl „krabbeln**, erah „Krabbe**. (Vgl. Andresen, Über deutsche Volksetymologie, 5. Aufl., pag. 521.) 282 I>er Krebs. stammverwandt ist und sich auch im Franz. (crabe) findet. „Krebs" und „Krabbe" beruhen wahrscheinlich auf der Wurzel von „krabbeln". Übrigens finden wir lat. Cancer als gelehrtes Wort auch im Engl. Daneben gibt es ein volkstümliches cankerj das „Geschwur" und „Krebsschaden" bedeutet. Eben- so ist chancre als medizinischer Terminus dem Franz. ent- lehnt. Für eine gewisse größere Art von langschwänzigen See- krebsen wird im Deutschen das Wort Hummer gebraucht, das mit griech. Ttd^fiagog „Krebs" stammverwandt zu sein scheint und das wir im franz. homard wieder erkennen. Der Engländer gebraucht hierfür lobster aus altengl. hpust, das dem romanischen locusta „Heuschrecke" nachgebildet ist und in der Bedeutung „Hummer** auch in franz. Jangouste, span. langosta fortlebt, welch letzteres Wort auch in der ur- sprünglichen Bedeutung von „Heuschrecke" gebraucht wii'd. (Vgl. venez. grülo de mare „Meergrille" für „Hummer**.) Eine gewisse Ähnlichkeit in der Gestalt beider Tiere ist nicht zu verkennen. Für die Metaphorologie ist vor allem der Flußkrebs von Interesse. Bei diesem Tiere fällt zweierlei auf: erstens das Eückwärtsschwimmen (nicht Bückwärts g e h e n), sodann die hellrote Farbe, die die Schale annimmt, wenn der Krebs gesotten wird, welche Eigentümlichkeit er allerdings mit den im Meere lebenden Krustentieren teilt. Hierauf beruhen die meisten der auf den Flußkrebs bezüglichen Metaphern. Was nun zunächst das vermeintliche Eückwärtsgehen an- langt, so wird im Deutschen die Redensart den Krebsgang gehen besonders in moralischer Hinsicht gebraucht, z. B. von einem faulen Schüler, der einst bessere Leistungen auf- zuweisen hatte. Auch bezeichnen die Buchhändler solche Bücher, die sie unverkauft an den Verleger zurückschicken müssen, treflfend als „Krebse", während der Franzose hierfür weniger leicht verständlich den Ausdruck ours „Bär" ge- braucht. (Siehe pag. 55.) Ebenso sagt der Italiener fare (andare) come il gamberOj fare il viaggio del gamberOj es machen (gehen) wie der Krebs, die Krebsreise machen, der Franzose aller comme um ecrevisse, der Spanier andar como un cangr^o oder ironisch adeJantar como un cangr^o, Fortschritte machen Der Krebs. 283 wie ein Krebs. Der Portugiese sagt für andar de caranguejo, wie ein Krebs gehen, auch mit einem eigenen Verbum caran- gueoar. Im selben Sinne gebraucht der Angloamerikaner to cratofish it, was dann weiterhin „einer Sache untreu werden, tsich aus der Klemme ziehen" bedeuten kann. Femer be- zeichnet man im amerik. Englisch mit crawfish einen politi- schen Überläufer, welcher Bedeutungswandel wohl so zu er- klären ist, daß das Rückwärtsgehen für jede Art des Verrats, somit auch für den Übertritt zu einer anderen Partei ge- braucht wird, gerade so wie der Soldat die Sache des Vater- landes verrät, indem er entweder vor dem Feinde flieht oder 1ZU ihm übergeht. Nach Analogie von „rücklings" sagt man im Deutschen auch krebslings gehen, ja geradezu krebsen, welches Verbum jedoch häufiger die Bedeutung von „Krebse fangen", dann mit Begriffserweiteruug die von „fangen" über- haupt hat.*) (Vgl. „fischen'-.) Schließlich wird „krebsen" im Sinne von „krabbeln" gebraucht. Mit Angleichung an letzteres Verbum heißt es auch krebsein. Im Pariser Argot sagt man von einem Faselhans: II a une ecrevisse dans la tourte, er hat einen Krebs im Schädel, und will damit ausdrücken, ^aß es mit seinen geistigen Fähigkeiten bergab geht. Aller- dings könnte man diese Metapher auch zu jenen stellen, die auf einem Vergleich der wirren Gedanken mit dem ümher- schwirren von Insekten im Kopfe beruhen. Hier würden also ^ie konfasen Gedanken mit dem Herunikrabbeln des Krebses verglichen werden oder es könnte das Herumkrabbeln als Ursache der Gedankenverwirrung gedacht werden. Von der roten Farbe des gesottenen Krebses hergenommen ist der Vergleich rot wie ein Krebs, den man namentlich auf einen anwendet, dem das Blut infolge irgend einer Ge- mütsbewegung zu Kopfe steigt. Genau so heißt es im Ital. rosso come un gambero, im Franz. rouge comme une ecrevisse. Von einem Errötenden sagt der Pariser: II fait cuire son homard, er siedet seinen Hummer. Ferner bezeichnet das franz. Argot verschiedene, ganz oder teilweise rot ge- *) Vgl. das deutsche Sprichwort: Ist es nicht gefischt, so ist «s doch gekrebst, d. h. istes auch wenig, was man erreicht hat, so ist es immerhin besser als nichts. 284 I>er Krel». kleidete Personen mit homardsj so z. B. einen Bedienten m roter Livree, sodann den rothosigen Infanteristen, der von deft Kavalleristen ecrevisse de rempart „Wallkrebs" genannt wird (vgl. engl, boiled lobster „gesottener Hummer*^ gleichfalls für den Infanteristen wegen des roten Eockes), schließlich anch den Spahi wegen des roten Bomns. Ebenso wird im franz. Botwelsch der Kardinal wegen seines roten Mantels icremsse genannt. Analog bezeichnet ihn der Newyorker Slang als IcSbster „Hnmmer". Umgekehrt nennt Viktor Hngo den Hummer Cardinal de la mer. (Vgl. Sachs, Zusammenhang zwischen Mensch und Tier in der Sprache, NeuphiL Zentralbl. 1904, pag. 36.) Ebenfalls gehört hierher aus dem span. Argot can- grejo als Bezeichnung eines rot angestrichenen Pferdebahn» Wagens. Die Metaphern, die der Krebs sonst der Sprache geliefert hat, sind nicht zahlreich. Im Deutsch des 15. Jahrhundert» bezeichnete man den Brustharnisch als „Krebs'', u. zw. wegen der Ähnlichkeit mit der Schale dieses Krustentieres. Die langen Scheren des Krebses,*) die sich an das vorderste Bein- paar anschließen, erklären die metaphorische Bedeutung von ital. gamherone (Augmentativ von gamhero) „langbeiniger Mensch" (wohl ein Wortspiel mit gamha „Bein"). Ein Analogon findet sich im eQgl. Slang, das für die Füße geradezu crabs^ gebraucht. Auf der Wehrhaftigkeit des Krebses, der gleichsam mit Schutz- und Trutzwaffen ausgerüstet ist, scheint der Gebrauch von Krebs für „tüchtiger Kerl" im älteren Deutsch (z. B. bei Goethe : das ist eine andere Art von Krebsen) zu beruhen. Hoferer, Zeitschr. f. d. deutschen Unterricht, VHI^ pag. 850, fuhrt diese Redensart auf folgendes holländ. Sprich- wort zurück : Dat i$ eene andere soort van kreeften, zei de hoety en hij brogt hiJcvorschen ter marit, das ist eine andere Art von Krebsen, sagte der Bauer, und er brachte Frösche zu Markt. Von den Wörtern, die die Krabben bezeichnen, bietet hauptsächlich das ital. granchio phraseologisches Interesse.. Sehr gebräuchlich ist die Eedensart pigliar un granchio (auch gambero oder pesce) eine Krabbe fangen, d. h. einen Schnitzer machen. Verständlich wird der Sinn dieser Redensart erst ") Vgl. frz.-dialektigch taÜleur „Schneider" = Hammer. Der Krebs. 285 durch den Zusatz in seceo „im Trockenen". Oranchio in seeco l)edeutet auch die Quetschung eines Fingers, wobei an den Xrebs gedacht wird, der das Glied mit den Scheren packt. Femer sagt der Italiener von einem Geizigen: Ha il granchio in searsdla, er hat die Krabbe in der Tasche, gleichsam als fürchte er, von dem Tier gezwickt zu werden, wenn er in die Tasche griffe. Ebenso kommt im Deutschen die Kedensart vor einen Krebs im Beutel haben, allerdings landschaftlich beschränkt. Der Franzose wendet das Wort cancre auf den Geizigen selbst an (Metonymie), gerade so wie der Spanier mit mona „Affe" ebensowohl die Trunkenheit als den Trunkenen selbst bezeichnet. Es wäre noch eine andere Erklärung denk- har. Darf man annehmen, daß die Eigentümlichkeit der Krabben, Nahrungsvorräte im Sande zu vergraben, dem Volke bekannt ist, so würde das Tier selbst als Symbol des Geizes gebraucht werden, wie tatsächlich span. cdncer eine tadelnde Bezeichnung für Geiz oder Selbstsucht ist (Metonymie). Auch einen faulen Schüler nennt der Franzose cancre, welche Metapher durch die Redensart aller comme une ierevisse erklärt wird. Merkwürdig ist nur, daß in diesem Falle cancre für ecrevisse eintritt. Aus dem Deutschen ist hier anzuführen der metaphorische Gebrauch von „Krabbe" für ein kleines Kind, das noch auf allen Vieren auf dem Boden „herumkrabbelt". {Vgl. engl, shrimp „Gameele" in derselben Bedeutung.) Von ital. granchio gibt es einige Weiterbildungen, so das Verbum grgkndre „anpacken" (wie der Krebs mit den Scheren), sodann sgranchirsi (veraltet sgranchiarsi) „sich recken, sich dehnen", femer aggranchiarsi, aggranchirsi von den Gliedern gebraucht, die vor Kälte steif und krumm werden wie die Krebsscheren, daher granchio „Krampf ^ Mit Bezug auf die eigentümliche Gangart der Krabben, die sich nicht geradeaus, sondern von der Seite fortbewegen, sagt man im Ital. von einem Betrunkenen: Ckxmmina per fraverso come i granchi, er geht schief wie die Krabben. Auf diese komische Eigenheit der Krabben bezieht sich offenbar die Redensart esser piü lunatico dei granchi, launenhafter, wunderlicher sein als die Krabben. Von der Lebensweise der Landkrabben, die sich vorzugsweise in Löchern aufhalten, ist hergenommen die ital. Redensart cavare il granchio daUa httca, die Krabbe aus dem 286 I>er Wurm. Loch heranskriegen, d. i. jemd. ans seinem Versteck hervor- holen. (Vgl. das ital. Sprichwort : Dov^ i la buca, i il granckiOy wo das Loch ist, ist die Krabbe.; Anch sagt der Italiener im Sinne des deutschen „für jemd. die Kastanien ans dem Feuer holen^ levare il granchio deüa huca colla mano d'aüri, die Krabbe mit der Hand eines anderen ans dem Loche holen. (Vgl. cavar Ja castagna cölla zampa del gatto) In semasiologischer Hinsicht bemerkenswert ist itaL canchero, das zunächst ,^ebsgeschwür^' bedeutet, dann seine Bedeutung zu „Krankheit, Siechtum^ erweitert und endlich eine von Krankheit befallene Person bezeichnet. Die Krank- heit kann auch moralischer Natur sein und so kommt schließ- lich canchero zur Bedeutung „böswilliger Mensch". Dasselbe Wort wendet man auf Gegenstände an, die mit irgend einem Fehler behaftet sind, z. B. auf Maschinen, die den Dienst versagen. (Vgl. deutsch Krebsschaden.) Daß in dem ital. Fluche: Ti mangi il canchero! oder ti venga il canchero! die Krebskrankheit gemeint ist, unterliegt wohl keinem Zweifel. Der Wurm, Deutsch Wurm (ebenso mhd. und ahd.) ist urverwandt mit lat. vermis. Bezüglich des ahd. Wortes ist jedoch zu be- merken, daß es überhaupt jedes kriechende Tier, also auch Schlange und Drache bezeichnet. Gotisch waürms und alt- engl, wurm (wovon neuengl. worm) bedeuten ausschließlich „Schlange". Diese Bedeutung hat sich noch erhalten in Lindwurm, welches Wort eigentlich eine Tautologie ist, da ahd. lind = Schlange ist, „Wurm" also in diesem Falle nur zur Verdeutlichung des ersten, nicht mehr ver- standenen Wortes hinzugetreten ist (Vgl. Maultier, Dam- hirsch, Windhund usw.) Im Mhd. bezeichnete man sogar ein Säugetier, nämlich den Maulwurf, mit Anspielung auf sein unterirdisches Dasein als molttcurm „Erdwurm". (Siehe bei „Maulwurf" pag. 13.) Die romanischen Bezeichnungen des Wurmes: ital. verme, span. verme, franz. ver, gehen sämtlich auf lat. ve}*mis zurück. Ebenso hat sich das Diminutiv von vermiSy Der Wurm. 287 vermkulm, in den romanischen Sprachen erhalten, u. zw. in ital. vermiglio, franz. vermeil, span. bermejo „hochrot". Der auf- fallende Bedeutungswandel von „Würmchen" zu „hochrot" findet seine Erklärung in der Bedeutungsverengung des Wortes, das speziell auf den Scharlachwurm angewendet wurde und dann metonymisch die Farbe desselben bezeichnete. Eine WeiterbilduDg dieses Wortes finden wir in der Benennung des Zinnobers in den modernen Kultursprachen (ital. vermi- glione, span. bermellön, franz. vermeiUon, engl, vermilion). — Auf ein suppon. lat. verminem geht zurück ital. vermine^ dessen Plural vermini die populäre Bezeichnung der Einge- weidewürmer ist, ferner franz. vermine, das kollektive Be- deutung hat und wörtlich unserem „Gewürm"*) entspricht. Doch bezeichnet das Wort infolge Bedeutungserweiterung jede Art von Ungeziefer. Aus dem Franz. ist vermine in derselben Bedeutung ins Englische eingedrungen {vermin). Im Span, ist das entsprechende Wort Ucho^ das man vom lat. Adj. hesüus (von bestia „Tier") ableitet. Baist bestreitet diese Ab- leitung (Grundriß der rom. Philologie, 2. Aufi., pag. 901), ohne jedoch eine andere Etymologie aufzustellen. Auch sabandija, in dem Parodi lat. serpenticula (Dim. von serpens „Schlange") erblickt, wird in dem kollektiven Sinne von „Un- geziefer, Gewürm" angewendet. Der Italiener gebraucht häufig baco (aus bombaco von lat. bombax durch Aphärese entstanden), welches Wort ursprünglich nur den Seidenwurm bezeichnet, für den Wurm überhaupt. Wie die meisten Tiernamen kollektiver Natur (vgl. Vogel, Fisch, Schlange) spielt auch der Wurm in der Metaphorologie eine wichtige Rolle. — Was beim Wurm zunächst auffällt, ist die Art der Fortbewegung, die er mit der Schlange gemein hat, daher die auf den Wurm bezüglichen Metaphern sich häufig mit den die Schlange betreffenden berühren. So ge- braucht z. B. der Engländer für „sich schlängeln, sich krümmen" neben to snake dlong (snake = Schlange) to worm oder to worm one^s way dlong. Ebenso sagt der Angloameri- kaner für snaJce-fence „Zickzackzaun" auch worm-fence. Von *) Lnther gebraucht Geschwürm, was eine Kontamination yoü „Gewürm" und „Geschwür" ist. (Vgl. Scheu, Die Tierwelt in Luthers Bildersprache, pag. 26.) 288 I>er Wurm. den sich windenden Bewegungen des Wurmes ist ferner her- genommen engl, worm-screw „Wurmschraube" als Bezeichnung des Schraubenziehers. Aus dem Ital. ist anzuführen der Ge- brauch von verme fftr die Windungen des Schneckenhauses. Auf eine Mehrheit von Würmern bezieht sich span. gtssanear ^wimmeln", ein Synonym von hormiguear (von hormiga ^Ameise"), sowie portug. Ucharia „Gewimmel". Auffallend ist im Ital. die Bezeichnung poho vermicolante für einen rasch gehenden Puls, da die Bewegungen des Wurmes langsam sind. Übrigens gebraucht der Italiener daneben passender poko formicölante {formica = Ameise). Von Metaphern, die sich auf die Gestalt des Wurmes be- ziehen, ist nur anzuführen ital. vermicelli „Wurmchen", womit die Fadennudeln, eine in Italien sehr beliebte Suppenspeise, bezeichnet werden. Der Franzose hat mit der Sache auch den Namen adoptiert {vermtcelle). Ebenso nennt der Spanier eine Art von Nudeln bermeUetas. Zu bemerken ist ferner, daß das Volk, das zwischen den einzelnen Tierklassen nicht genau unterscheidet, häufig Insekten als Wllrmer bezeichnet. (Vgl. portug. bicho „Wurm" und „Laus*^. Im Bayrischen wird die Eaupe Graswurm (ahd. grasawurm) oder Kraut- wurm genannt, im Schwäbischen kurzweg „Wurm". In der Mundart von Com wall heißt die Küchenschabe black- worm „schwarzer Wurm". Analog wird neben „Seidenraupe" Seidenwurm gebraucht, u. zw. nicht bloß im Deutschen, sondern auch im Engl, {sük-worm), im Span, (gusano de seda) und im Franz. {ver ä soie). Das Leuchtkäferchen muß sich eine ähnliche Degradierung gefallen lassen. Im Deutschen wird es häufig Glühwürmchen genannt, ebenso im Engl. (glow'WOrm), im Span, gusano de luz, im Franz. ver luisant. Auch auf Säugetiere wird das Wort „Wurm" angewendet. So bezeichnet man im Portug. einen jungen Kater mit bichano (von bicho „Wurm") und bicho selbst gebraucht man für wilde Tiere. {C(xsa dos bichos = Menagerie.) Von mhd. möltumrm war schon pag. 286 die Eede. Daß im menschlichen Körper vorhandene Würmer die Ursache von Krankheitserscheinungen sein können, ist eine von der Medizin erwiesene Tatsache. (Man denke an die Eingeweidewürmer der Kinder, den Bandwurm usw.) In Der Wunn. 289 früheren Zeiten jedoch, wo man sich ein Krankheitssymptom ohne greifbare Ursache nicht denken konnte, führte man die verschiedensten Krankheiten auf das Vorhandensein eines Warmes in irgend einem Organe des menschlichen Körpers zurück. So sprach man von einem Fingerwurm, einem Hautwurm, einem Knochenwurm, einem Ohrwurm,*) einem Haarwurm, einem Tollwurm, den man für den Erreger der Wutkrankheit hielt. Auch an einen Herzwurm glaubte man und machte ihn für das Herzklopfen und andere Arten von Herzstörungen verantwortlich. Hierzu stimmt auffallend der Gebrauch von span. gusanera (von gusano „Wurm") „empfindliche Stelle im Herzen", welches Wort man figürlich verwendet in der Redensart le dio en la gusanera, man traf seine empfindliche Stelle, den wunden Punkt. Auf einem ähnlichen Volksglauben beruht der noch heute im Deutschen und Engl, übliche Gebrauch von „Wurm" für „Marotte, fixe Idee". (Davon im älteren Deutsch wurmi- sieren, herumwurmisieren, wurmein im Sinne von „grübeln".) Man dachte sich eben wieder einen im Gehirne lebenden Wurm als Ursache von Geistesstörungen. Analog sagte man im älteren Italienisch von einem hochgradig ver- liebten Menschen : Ha il verme, er hat den Wurm. Überhaupt wird im Ital. der Wurm häufig als die causa movens ver- schiedener Betätigungen des menschlichen Geistes betrachtet. So spricht man von einem baco del poeta^ baco del critico, haco del polüico und bezeichnet hiermit — meistens ironisch — ver- schiedene Geistesrichtungen. Ganz allgemein bedeutet aver i bachi^ die Würmer haben, „unruhig, unstet, schlechter Laune sein". Die einfachste Erklärung der Redensart ist die, da£ hier mit „ftacAi" die Eingeweidewürmer gemeint sind, die den damit Be- hafteten begreiflicherweise in eine nervöse, krankhafte Stimmung versetzen. Hiermit läßt sich vergleichen das bei Lessing im Sinne von „verdrießlich" gebrauchte Adjektiv würmisch. Auch von der Existenz eines Hungerwurms war man überzeugt. Eine Spur von diesem Aberglauben findet sich *) Der Glanbe an einen Ohrwurm, der Schlafenden in die Ohren kriecht (daher: geschmeidig wie ein Ohrwurm), ist heute noch verbreitet. (Vgl. die portug. Bedensart matar o bicJio do ouvido a alg., jemd. den Ohrwurm töten = ihm die Ohren voUschreien.) Riegler, Das Tier im Spiegel der Sprache. 19 290 I>er Wurm. noch im Pariser Argot, u. zw. in der heute nur mehr scherz- haft gebrauchten Redensart tuer le ver, den Wurm töten, d. h. das durch Nüchternheit hervorgerufene Gefühl des Unbehagens im Magen mit einem Gläschen Schnaps vertreiben. (Vgl portug. matar o bicho,) Daß man von der operativen Entfernung des Wurms als Krankheitserreger Heilung erhoffte, ist klar. Solche Wurm- operationen mögen früher wohl öfters vorgenommen worden sein. Dies gibt uns den Schlüssel zur Erklärung der bizarren Redensart j e m d. die Würmer aus der Nase ziehen im Sinne von Jemd. ein Geheimnis entlocken^. Ebenso heißt es span. : sacar el gusano de la nariz ä alg., frz. : firer ä qn. les vers du neZj engl schon etwas abgeblaßt : to worm a secret otU of a person. Hingegen sagt der Italiener abweichend und minder verständlich tirar le passere (auch maccheroni) dal nctöo di qd,, jemd. die Sperlinge, bzw. Maccaroni aus der Nase ziehen. Wenn man jemand, ein Geheimnis entlocken will, so muß man dabei ebenso vorsichtig und behutsam zu Werke gehen wie bei einer schwierigen chirurgischen Operation. Goethe, der bei uns die Redensart in Schwung gebracht hat, ist sich ihres Ursprungs voll bewußt, wie sich ergibt aus einer Stelle des Faust, wo er (in der Szene in Auerbachs Keller) Frosch mit Bezug auf die anwesenden Studenten sagen läßt: Laßt mich nur gehen! Bei einem vollen Glase Zieh* ich, wie einen Kinderzahn, Den Barschen leicht die Würmer ans der Nase. (Vgl. Borchardt -Wustmann, Sprichwörtl. Redensarten, pag. 501.) In innigem Zusammenhang mit den oben besprochenen Metaphern, in denen dem Wurm eine pathologische Bedeutung zugeschrieben wird, steht die Verwendung dieses Tieres als Bild für langsam und unsichtbar zerstörende Einflässe physi- scher und psychischer Natur. Allerdings muß der arme Wurm auch hier wieder vieles auf seine Rechnung nehmen, was nicht er, sondern andere verschulden. So ist der Holzwurm (engl. wood-wortHj frz. ver du bois), der grimmige Feind des Holzes, der so recht die Zerstörungswut versinnbildet , seinem Namen zu trotz kein Wurm, sondern ein Käfer. Das Ital. und Span, bezeichnen den Holzwurm allerdings mit einem eigenen Worte {tarlo, bzw. carcomä), wovon tarlado, bzw. car- Der Wurm. 291 comido „wurmstichig" vom Holze. (Vgl. das ital. Sprichwort : Ogni legno ha il suo tarlo und das deutsche Analogon : Jedes Holz hat seinen Wurm.) Ebensowenig ist die Obstmade, diese Plage der Obstgärten, ein Wurm, sondern die Raupe eines Schmetterlings, des sog. Apfelwicklers. Gleichwohl wendet man das Wort wurmstichig (engl, worm- bitten^ uvrm-eaten, worm-holed, toormed, frz. vireux, vermoülu) auf Holz wie auf Früchte an. Desgleichen sagt der Italiener von wurmstichigen Früchten bacato (von baco\ der Spanier agmanado (von gmano), wie überhaupt im Ital. und Span, zwischen Wurm und Made nicht unterschieden wird. Für vermoülu gebaucht der Franzose auch umschreibend piqu^ de vers, und wenn er von einer Sache sagt: Cela rCest pas pique de vers (daneben: Cela n^est pas piqui de mouches, de hannetom, hanneton = Mai- käfer), das ist nicht wurmstichig, so meint er damit, daß sie ganz vorzüglich sei. Denselben Sinn hat die ital. Redensart : Qitesto non ha i bachi, das hat keine Würmer. Hierher gehört ferner der Gebrauch von baco für „Irrtum, schädliches Grund- prinzip". So heißt scoprire il baco in una dottrina, den Wurm in einer Lehre entdecken s. v. w. „das Schädliche einer Lehre aufweisen". Für den von den Motten angerichteten Schaden werden ebenfalls die Würmer verantwortlich gemacht, so wenigstens in der dem Pariser Argot angehörigen Redensart avoir des vers dans son manchon, Würmer in seinem Muffe haben, d. h. kahle Stellen auf seinem Kopfe bekommen. Ebenso nennt der Franzose die Raupe der Rebenmotte ver coquin, den „bösen Wurm", womit auch der Drehwurm der Schafe bezeichnet wird. In übertragener Bedeutung wird ver coquin im Sinne von „marotte^ gebraucht, so in dem Sprichwort: Chacun a son ver coquin, wofür man auch sagt: Chacun a sa maroite. (Vgl. deutsch: Jeder hat seinen Wurm.) Häufig wird das Bild des nagenden Wurmes auf psychische Vorgänge, namentlich solche, die auf das Gesamtseelenleben eine zerstörende Wirkung ausüben, angewendet. So spricht man z. B. in allen Kultursprachen von einem Gewissens- wurm (engl, ivorm of conscience, ital. verme della coscienjsaj tarlo del rimorso, span. gusano de la conciencia, frz. ver rongeur). Das Deutsche kennt außerdem einen Wurm des Neides 19* 292 I>er Wurm. and des Hasses. Analog spricht der Italiener von einem boux) deW invidia, deW adio. Metonymisch wird haco (oder auch tarlo) geradezu für „Haß** gebraucht in der Redensart aver un haco {tarlo) con qd., gegen jemd. einen Wurm haben, d. h. Haß gegen ihn fühlen. Ebenso wird das Gefühl des Ärgers im Deutschen mit einem nagenden Wurm verglichen. Wenn einen etwas ärgert, so sagt man: Es wurmt mich. (Vgl. frz. asticoter „ärgern, schikanieren" und asticcieur „ärger- licher Mensch" von asticot „Regenwurm" sowie span. escara- hajear „ärgern" von escarabajo „Käfer".) Interessant ist es, die syntaktische Entwicklung dieser Redensart zu verfolgen. Im 18. Jahrhundert wurde „wurmen" intransitiv gebraucht, z. B. heißt es bei Schiller: „das wurmte beim alten Karl". Derselbe Autor gebraucht das Verbum auch mit dem Dativ, z. B.: „und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin". Doch taucht bereits im 18. Jahrhundert die heute gebräuch- liche Konstruktion mit dem Akkusativ auf. Heine gebraucht, wohl mit scherzhafter Tendenz, ein diminutives wtirmeln, u. zw. ohne abhängigen Kasus. (Vgl. Paul, Deutsches Wörter- buch, pag. 558.) Im Engl, hat to twrm im übertragenen Sinne die Bedeutung „heimlich wirken, wurmen, nagen". Von einem Streitsüchtigen sagt der Engländer: He hos a worm in his tongue, er hat einen Wurm in seiner Zunge, gleichsam als würde diese von einem nagenden Wurm in Bewegung gesetzt. Auf Volksetymologie beruht der Gebrauch von wormwood (wörtl. : Wurmholz) in der Redensart : It is galt and toormwood to him. Das altengl. wermod „Wermut" wurde vom Volke zu wormwood umgedeutet. Mit Bezug darauf, daß die Wurmer im Grabe den menschlichen Leichnam als willkommene Beute betrachten, werden sie häufig als Symbol des Grabes, bzw. des Todes gebraucht, so z. B. in dem franz. Sprichwort: Ce qu'on apprend au bers dure jmqu'atix vers, was man in der Wiege lernt, dauert bis zu den Würmern, d. h. bis zum Grabe. Die vollständige Wehrlosigkeit des Wurmes, den jedes Kind zertreten kann, sowie die scheinbar mühevolle Art seiner Fortbewegung lassen ihn als Symbol ohnmächtiger Schwäche erscheinen. So nennt man im Deutschen ein hilfloses Kind gern einen armen Wurm, früher sächlich ein armes Wurm, welche Metapher man auch auf Erwachsene, nament- Der Wurm. 293 lieh weiblichen Geschlechts, anwendete. Analog nennt der Portugiese den Menschen mit Anspielung auf seine Ohnmacht den Naturgewalten gegenüber bicho - careta , d. h. Wurm mit menschlicher Maske. Im Franz. wird speziell der Regenwurm {ver de terre „Erdwurm") in diesem Sinne verwendet. So sagt man pauvre comme un ver de terre, arm wie ein Regenwurm. Dem entspricht im Ital. der Vergleich nudo e bruco come un verme, arm und nackt wie ein Wurm. Als Bild der Hilflosig- keit und Schwäche erscheint der Wurm ferner in dem deut- schen Sprichwoil: Kein Wurm so klein, er krümmet sich, d. h. der ärmste, unbedeutendste Mensch fühlt eine Kränkung ebenso schmerzlich wie jeder andere. (Vgl. im Deutschen s i c h krümmen wie ein Wurm.) Dieses Sprich- wort findet sich auch im Engl. : Tread on a worm, and it will tum, tritt auf einen Wurm und er wird sich krümmen, und im Franz. : II r/y a point de si petit ver qui ne se recoquüU pas, quand on marche dessus, es gibt keinen noch so kleinen Wurm, der sich nicht krümmte, wenn man darauf tritt. (Vgl. die deutsche Redensart j e m d. wie einen Wurm zertreten, frz. icraser qn. comme un ver.) Hierher gehört auch die franz. Redensart devenir petit comme un ver devant qn., vor jemd. klein werden wie ein Wurm, d. h. von jemd. aufs äußerste gedemütigt werden. (Vgl. ital. essere un verme dinanizi a qd.) Die Bezeichnung „Wurm" gilt jedoch nicht bloß als Aus- druck des Mitleids, sehr häufig bedient sich auch die Ver- achtung dieses Wortes. Im Deutschen und Engl, bezeichnet man mit „Wurm", bzw. worm (auch earth-twrm „Regenwurm") einen gemeinen, niedrig handelnden oder denkenden Menschen und to worm oneself into the favour of a person heißt „sich auf niedrige Weise in die Gunst jemds. einschmeicheln". Eine analoge Bedeutung hat das Adjektiv wormy. Der Londoner Policeman empfindet den Spitznamen trorm als bittere Kränkung und der französische colUgien nennt seinen Kameraden, wenn er ihn recht ärgern will, verminard oder vermineux. Was das Spanische betriflft, so wird bicho^ das kollektiv „Gewürm, Ungeziefer, Geschmeiß" bedeutet, auf einen unge- stalteten Menschen angewendet. Ein häßliches Gesicht be- zeichnet man dementsprechend als cara de bicho „Wurmgesicht" und in der Tat hat der Wurm nichts in seinem Äußeren, was